Riverside krönen ihren dritten Besuch in Slowenien mit einem erneut fantastischen Konzert (2020)
Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Datum: Dienstag, 03.03.2020
Riverside, die polnischen Progressive-Rock-Exzellenten, sind in den Jahren ihres Schaffens – es werden bald zwei Dekaden – im Kreis der Musikgourmets, die dem Progressive-Rock-Genre zugetan sind, zu einer hochgeschätzten und respektierten Band geworden. Ihr Opus ziert ein kontinuierlicher künstlerischer Fortschritt und eine eigenständige Evolution, die bis heute ein Dutzend exzellenter Studioalben hervorgebracht hat, auf denen Riverside die Messlatte des Ausdrucksstandards auf immer höhere künstlerische Niveaus gehoben und sich so auf dem Weg des Reifens ständig neue und neue musikalische Horizonte erschlossen haben, die die musikalische Botschaft der Truppe so eindrucksvoll aufgesogen hat. Klar ist, dass Riverside einen ganz eigenen, also eigenständigen musikalischen Ausweis und eine Akte haben, die aber auf einer großen Affinität zu elektronischem Experimentieren auf der einen Seite sowie der Begeisterung für die Werke von Progressive-Rock-Bands beruhen – darunter kann man ohne Weiteres ein breites Spektrum von Pink Floyd bis Opeth, Porcupine Tree, Steven Wilson und Marillion (besonders der »H«-Ära) einordnen. Da Riverside beim Aufbau einer reichen Atmosphäre gerne auf multiplen Wiederholungen eines gegebenen Motivs beharren, dem sie Runde um Runde während der Aufführung breite Schichten vieler Klangpastelle auflagern, kann eine solche Band auch manchen Post-Rock-Fan für sich gewinnen, was ausgezeichnet ist, da die Band auf diesem Weg ihre Fangemeinde noch leichter erweitern kann.
Das siebte Album der Band, »Wasteland« (RockLine-Rezension HIER) und das erste ohne Piotr Grudzinski, stellte für die Band eine große Probe der künstlerischen Belastbarkeit dar, die Riverside jedoch sehr, sehr erfolgreich bestanden haben. Es handelt sich um ein neues, ausgesprochen gutes Album, das allen hochfliegenden Anforderungen an den Qualitätsstandard gerecht wurde, der vom Namen Riverside stets nicht nur erwartet, sondern schlicht gefordert wird.
Die Band hatte schon im vergangenen Frühjahr zahlreiche Konzertbühnen des alten europäischen Kontinents bespielt, als sie das 2018 veröffentlichte Album »Wasteland« vorstellte. Angesichts des außerordentlichen Erfolgs der Tour sowie des Erfolgs, den »Wasteland« der Band gebracht hatte, entschieden sich Riverside, noch einmal auf eine dem Album gewidmete Konzerttournee zu gehen. Das Album »Wasteland« erlebte dabei eine weitere Neuauflage mit aufgefrischtem Cover und zwei CDs. Auf der ersten CD befindet sich das Album »Wasteland«, auf der zweiten CD fünf Stücke (Vale Of Tears, Out Of Myself, 02 Panic Room, River Down Below, Wasteland), arrangiert und eingespielt in akustischen Fassungen. Unglaublich, aber auch das ist möglich! Die Progressive-Rock-Band trat so innerhalb von weniger als 365 Tagen ein weiteres Mal in Ljubljana auf (und insgesamt zum dritten Mal – RockLine-Konzertrezension HIER). Ja, auch das ist möglich. Im für Progressive Rock undurchdringlich immunen Slowenien, wo man Konzerte von Bands in diesem Genre mit der Laterne suchen muss, gelang dieses Kunststück ausgerechnet Riverside. Und das gleich dreimal. Zum Glück stellte sich heraus, dass auch wir Slowenen gegenüber dem Coronavirus immun sind, und Riverside reisten zum dritten Mal nach Slowenien, indem sie aus gesundheitlichen Sicherheitsgründen das »hygienisch bedenkliche« Italien übersprangen (die Konzerte in Mailand und Treviso wurden abgesagt) und direkt aus Spanien zu uns kamen.
Riverside in der Besetzung mit Maciej Meller sind im Vergleich zu unserem Treffen mit ihnen vor einem Jahr performativ noch einmal gereift. Es ist eine Band, die in erster Linie von einem ausgefeilten klanglichen Perfektionismus geleitet wird und die in ihren künstlerischen Zügen vor allem dem Aufbau eines außerordentlich reichen und lebhaften atmosphärischen Theaters von packenden Ausmaßen verpflichtet ist, in dem enorm viel Platz für die Melancholie bleibt, die den expressiven Charakter der Band schon immer begleitet. Dazu trägt die Bühnenkulisse aus zahlreichen Lichtern, Nebelmaschinen und Lasern bei, die dieses Element verstärken und von Jahr zu Jahr reichhaltiger werden. Das neue Konzert der Superlative, das anfangs lediglich durch einen schlechteren Mix des Klangbilds etwas ins Wanken geriet, den die Techniker jedoch rasch beheben konnten, bestätigte auch diesmal, dass Riverside in konzertanter Hinsicht schlicht eine der besten Rockentitäten gerade und eine Garantie für das Beste sind. Sie verblüffen einfach. Zwei Stunden und fünf Minuten Spiel mit vollem Einsatz, als würden Riverside vor einer ausverkauften Halle von gut 800 Besuchern spielen, wie sie offiziell im CUK Kino Šiška Platz finden, und nicht vor gerade mal zweihundert Köpfen, die ihr diesmaliges Konzert genossen. Sie spielten kraftvoll, engagiert, hingegeben. Leidenschaftlich und ließen sich von den Emotionen mitreißen. Sie genossen alles, was sie anpackten, und diese Energie schwappte einfach sofort auf das Publikum über, das jeden Abschluss der Nummern mit stürmischem Applaus und Salven begeisterter Zustimmungsrufe begleitete.
Mit einigen Kommentaren animierte auch Bassist und Vokalist Mariusz Duda das Publikum zu lebhafterer Beteiligung, vor allem aber blieb dabei eine seiner Fragen ans Publikum über sein Befinden im Gedächtnis: »Are you okay? Do you need a coffee or tea, or anything like that?« Daraufhin drehte jemand aus dem Publikum das Wort »tea« geschickt um und nutzte es schelmisch aus: »Yes! I need a T-shirt!«. Der Vorwurf zielte auf die Tatsache, dass Riverside erneut ohne offizielles Merchandise im CUK Kino Šiška eingetroffen waren und die Leute nirgends ihre offiziellen Tournee-T-Shirts und Ähnliches kaufen konnten….
Riverside präsentierten »Wasteland« erneut sehr ausgiebig. Das Repertoire ähnelte stark dem vom Vorjahr, sie mischten die Nummern etwas durcheinander. Einige reizvolle Perlen fanden sich jedoch in der Auffrischung der Setlist, wie etwa Conceiving Me vom zweiten Album »Second Life Syndrome« (RockLine-Rezension HIER), und davor die brillante aufeinanderfolgende Verbindung zweier »Anno Domini High Definition«-Perlen (RockLine-Rezension HIER) – Hyperactive und Driven to Destruction. Der erste und letzte Teil des Konzertrepertoires waren der Aufführung von Stücken des Albums »Wasteland« gewidmet.
Der ausgezeichnete und über alles hinaus faszinierend schöne Gesang von Mariusz Duda war von einigen Toneffekten begleitet, und Riverside zeigten ihre Stärke besonders in den außerordentlich kontrastierenden Stimmungswechseln, wenn sie aus sanften, verträumten und intimen Passagen, in denen Mariuszs Gesang fast flüsternd spricht, plötzlich in die Züge eines explosiv-ausufernden Klangphrasierens ausbrachen und damit das Publikum in kontinuierlicher theatralischer Spannung hielten. Das Gefühl süß sehnenden Schwebens wurde durch kontrastierendes Auflodern geerdet. Vor allem aber sind Riverside Meister der Stimmungsgradation. An einem Motiv können sie sehr lange festhalten, doch wenn sie es aufführen, potenzieren sie die Atmosphäre so, dass sie ihm ständig neue und neue Klangpastelle hinzufügen und so den Moment der Dramatik, aber auch der Bombastik verstärken. Meller erwies sich als mehr als würdiger Nachfolger von Piotr Grudzinski, und Michal Lapaj, der ausgerechnet an diesem Tag, beim Konzert in Ljubljana seinen Geburtstag feierte, ist ein wahrer König an den Tasten, der neben all seiner performativen Agilität auch die Klangnatur eines Theremins geschickt und gewandt einzusetzen wusste. Mariusz trat mehrmals aufs Pedal, und sein Bass schwang dadurch in die Klangnatur eines ausgiebiger betonten, schnarrenden Sounds aus. Die Sache würde ohne den brillanten Piotr Kozieradzki keineswegs funktionieren, der mit schlagzeugerischer Verfeinerung und Vielfalt beeindruckte. Riverside sind eine unglaublich eingespielte Maschine, der alle Details der Entwicklung und des Erreichens vibranter klimaktischer Sprünge in den Stimmungen und des Aneinanderreihens weiter Weiten der reichen Klanglandschaft klar sind. The Depth Of Self-Delusion, ein außerordentliches Stück des Albums »Shrine Of New Generation Slaves« (RockLine-Rezension HIER), kündigte das finale atmosphärische Crescendo an, das der darauffolgende Übergang in 02 Panic Room (Album »Rapid Eye Movement« – RockLine-Rezension HIER) steigerte, sowie die gefühlvolle akustische Rückkehr in das außerordentliche neue River Down Below, mit dem Riverside den regulären Teil des Konzerts abschlossen. An diesem Punkt war Lapaj bei der Harmonisierung von Mariuszs Gesang im Mix des Klangbilds eine Kleinigkeit zu leise eingestellt. Das ist eine kleine Anmerkung, die kaum der Erwähnung wert ist.
Die Band kehrte für die obligatorische Zugabe zurück. Etwas überraschend war darin die Integration einer Bearbeitung des Pink Floyd-Originals Wish You Were Here, an das sich Riverside auf ihre eigene Art heranmachten, wobei Meller seinen gitarristischen Klangaufbau nicht veränderte und seine PRS-Gitarre verzerrt erklang (auch im einleitenden Solo, das im Original akustisch ist). Der Klangtechniker der Band sprang auf die Bühne und griff zum Bass, während Mariusz in dieser Nummer auf der Akustikgitarre spielte. Die Band widmete dieses Stück dem Andenken an Piotr Grudzinski, und das Konzert schloss sich daraufhin theatralisch mit dem Eröffnungsstück des Albums »Wasteland«, dem kurzen The Day After, und der Kreis war geschlossen.
In allem ein wahnsinnig gutes Konzertspektakel, das dich in der erschaffenen Atmosphäre noch eine gute Weile wiegte und fest in Verzückung hielt, bevor man wieder zu sich kam. Schlicht und einfach. Riverside bleiben die großen Meister ihres Fachs und Progressive-Rock-Diamanten ihrer Art. Im Ausland, besonders in den Benelux-Ländern, Deutschland und Skandinavien, sind sie bereits wirklich groß und füllen große Hallen. Das dritte Konzert der Band in Ljubljana gilt als ihre bisher beste slowenische Vorstellung. Vor einem Jahr haben wir unsere große Begeisterung nicht verborgen, als sie im CUK Kino Šiška auftraten, und uns gefragt, ob es noch besser werden kann. Die Antwort lautet: Ja. Es kann noch besser werden. Bei all der gezeigten Perfektion und performativen Brillanz, mit der die Band ihre Fans verwöhnt hat, lautet die Antwort also ja. Hoffen wir, dass darauf auch ein vierter Besuch Sloweniens folgen wird.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Das RockLine-Interview mit der Band Riverside und ihrem Frontmann Mariusz Duda kannst du HIER lesen!
Setlist:
1. Wasteland Soundscape
2. Acid Rain
3. Vale of Tears
4. Reality Dream I
5. Lament
6. Hyperactive
7. Driven to Destruction
8. Conceiving You
9. Second Life Syndrome
10. Left Out
11. Guardian Angel
12. Lost (Why Should I Be Frightened By a Hat?)
13. Egoist Hedonist
14. Wasteland
15. The Depth of Self-Delusion
16. 02 Panic Room
17. River Down Below
—Zugabe—
18. Wish You Were Here
19. The Day After
























