Gorilla Mask und Sketchbook Quartet – lebhafter Dialog zwischen Jazz und Rock (2020)

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Ort: Cerkno / Gabrijel / Slowenien
Datum: Samstag, 29.02.2020


Noch ein Konzert im Rahmen der diesjährigen, bereits 25. Jubiläumsausgabe des Festivals Keltika, und wo sonst als in der Bar Gabrijel in Cerkno. Noch ein Halt zweier Jazzbands, nämlich der Wiener modernen Jazz-Minimalisten, die dem Post-Jazz-Fahrwasser zugerechnet werden, namens Sketchbook Quartet, und der Berliner Jazzrock-Fusionisten Gorilla Mask. Es versprach ein Knaller zu werden. Auf der Bühne des Gabrijel standen wir so wieder von Angesicht zu Angesicht mit E-Gitarre und E-Bass.

Angesichts der großen Popularität, die das Coronavirus in diesen Tagen erlangte, mussten die Besucher am Eingang zur Bar zwingend einen Test absolvieren, bevor sie das Innere des Lokals betreten durften. Der österreichische Birnenschnaps, in dem österreichische Ordnung herrschte, war zwar obligatorisch gesüßt, doch gelang es den Besuchern, mit dem Alkohol von zweifelhafter Qualität ihr Immunsystem an diesem Abend zu stärken. Nach Gabrijel war unter anderem auch das „slowenische Blüten-Cluster“ der ersten fünf Coronavirus-Opfer in Europa angereist, die sich am 26.02.20120 im venezianischen Ort Montebelluno kein Konzert von The Aristocrasts ansehen konnten. Dieses war wegen der Ausbreitung des Virus eben abgesagt worden.

Andi Tausch (Gitarre), Leonhard Skorupa (Saxofon, Klarinette, Sampling), Daniel Moser (Bassklarinette) und Konstantin Kräutler (Schlagzeug), vereint in Sketchbook Quartet, sind eine außerordentlich freundliche und charmante musikalische Mischung, der das Format eines hellen, kabarettistischen Jazzschabernacks voransteht. Die motivische Prägnanz ist greifbar und klar, und in der österreichischen Band herrscht Ordnung, was das betrifft. Ordnung muss sein, wenn wir von unseren nördlichen Nachbarn sprechen. Freejazz-Exzesse und avantgardistisch-schräge Ausreißer gibt es keine. Alles ist an seinem Platz, am meisten aber die außerordentliche Eintracht und Aufeinander-Abgestimmtheit dieses äußerst witzigen Quartetts.   Die Band hat bisher zwei Alben draußen, »Ottos Mops« und »When Was the Last Time Vol I.« (ein drittes ist in Arbeit, neues Material haben sie  bereits vorgestellt). Sie entwickeln eine prägende Vibration, die fesselt und beständig konkrete Motive aneinanderreiht. Diese spielen die Jungs auf der Achse Bläser–E-Gitarre hin und her, oder wechseln einfach zur allgemeinen Unterhaltung, indem sie sich zunächst Raum im Schutz eines sich wiederholenden Motivs schaffen und darin kürzere solistische Ausflüge tauschen, besonders auf der Achse zwischen Saxofon und Gitarre – was jedoch niemals das Element kompakter Formgebung überlagert, das das Quartett in seinen Kompositionen fleißig aufrechthält. Die Bassklarinette erwies sich einmal mehr als äußerst interessantes Instrument: Auf der einen Seite schuf sie einen herrlich unterhaltsamen und interessanten harmonischen Kontrast zum Saxofon, auf der anderen Seite füllte sie das Klangbild prägnant aus. Die Einsätze der E-Gitarre verleihen der Band eine Reichweite, die nicht nur in die Sphären der Jazzrock-Fusion zieht, sondern sogar in die Tiefen des Prog-Rock. Ein mitreißender Auftritt. In jeder Hinsicht. Eine Band, die alle Aufmerksamkeit verdient. Eine Band, die sowohl für weniger anspruchsvolle Hörer interessant sein kann als auch für die, die ihr nach musikalischer Ungewöhnlichkeit sucht.

Da meldete sich auch die Gorilla zu Wort…. Auf der Bühne standen als Nächstes also drei Musiker namens Gorilla Mask. Wirklich. Folgender Vergleich liegt nicht fern: Du drehst den Sound auf, elektrifizierst ihn auch, konkretisierst vor allem die Quinten auf dem E-Bass, oder drehst den Bass einfach bis zu  erschütternd dröhnenden Frequenzen hoch, spannst das Jazzkarussell der Improvisationen auf Baritonsaxofon und Altsaxofon ein und landest an einem Schnittpunkt von John Coltrane mit Cream, Rock’n’Roll-Raserei oder Punk-Energie – in deren sicherem Schoß sich sogar Motörhead-Fans wohlfühlen würden.  Angeführt wird die Band vom Saxofonisten Peter Van Huffel, eigentlich Kanadier, der aber in  Berlin lebt. Ihm zur Seite stehen E-Bassist Roland Fidezius sowie Schlagzeuger Rudi Fischerlehner. Die Band präsentierte ihr letztes, viertes und im vergangenen November veröffentlichtes Album »Brain Drain«. Genaugenommen spielte sie beim Konzert live fast das gesamte Album. Zugabe inklusive. Zu hören gab es Caught in a Helicopter Blade, Forgive me, Mother, AVALANCHE!!!, Brain Drain, Drum Song, Barracuda, Rampage und als Zugabe Hoster. Die Band entwickelte ein brillantes Klanggefüge und setzte dabei mehrfach zusätzliche Effekte ein – vor allem aber gründete das Set auf einem mächtigen rhythmischen Drive, der ständig Öl ins Feuer goss und das Publikum die ganze Zeit in gespannter Erwartung hielt. Das Gespür der charismatischen Dreierformation ist brillant. Es gibt enormen Raum für improvisatorische Einschübe, bei denen Bass und Saxofon dem Schlagzeug Platz machen, um sich schon im nächsten Moment wieder frei zu entfalten. Obwohl das Trio jederzeit kompakt zusammenhalten muss, reizt Gorilla Mask den Hörer ständig mit dem Schockelement »Rechne mit dem Unerwarteten«.  Die Band laviert geschickt zwischen ruhigen, fast subtilen Passagen und bricht dann plötzlich in einen klanglich entfesselten Galopp aus, von breiten, ganz eigenen Dimensionen in der Aneinanderreihung voluminöser Klangräume der Jazzrock-Fusion. Die führende Rolle tragen natürlich die Bläser – besonders das durchdringende Aneinanderreihen von Motiven, dem das Baritonsaxofon voransteht. Daneben trägt die Band auch eine klar ausgeprägte Note freiheitsliebender Herausforderungen einer frei rotierenden experimentellen Kinetik, die auf die Felder der Freejazz-Exzesse zielt. Also Fragmentierung. Doch schwingen sie sich schon im nächsten Augenblick wieder auf das Niveau greifbar formatierter Strukturen. Moderne Fusion von Jazz und Rock, ausgeführt mit außerordentlich hingebungsvoller Sinnlichkeit und in der Glut einer phänomenalen Chemie des gegenseitigen Miteinander-Wahrnehmens im Trio. Ein Set voller brodelnder Leidenschaften, genialer atmosphärischer Wendungen und einer genüsslich spontanen Aneinanderreihung. Eine Band mit urwüchsigem Charakter – eine Band, die auf der Bühne eine hervorragende Energieerfahrung liefert. Überhaupt: Wenn dir rohe Rockenergie gefällt, geschickt gewürzt mit jazziger Schrulligkeit, die nicht einmal leichtes Kokettieren mit der Avantgarde scheut. Gorilla Mask haben mit ihrer urwüchsigen Eigenständigkeit ein ausgezeichnetes Konzert in der Bar Gabrijel geliefert. Hervorragende »Aufwärmung« für das bevorstehende Jazz Cerkno Festival.

Der Abend war noch nicht zu Ende. Das Trio strahlte eine außerordentlich heitere Stimmung aus. Nach dem Konzert versammelten sich alle drei Musiker an der Theke, gesellten sich zu den Besuchern und lernten die mitreißenden Rhythmen und Melodien kennen, für die der  unverwüstliche »DJ Skin« sorgte – der nach dem Konzert in Gabrijel eine wahrhaftige kleine Schule der Musik von The Aristocrats veranstaltete, und der Abend kippte so rasend schnell in eine turbulente »After Show Party«, die bis in die frühen Morgenstunden kein Ende finden wollte!    

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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