Brest feat. Vesna Zornik: V polsnu
Label: Samo Records
Erscheinungsdatum: 15.01.2020
Produktion: Samo Šalamon
Albumlänge: 64.14 min
Genre: Art Rock
Bewertung: 9.5 / 10
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Brest wächst immer mehr zu einer musikalischen Institution heran, die in der slowenischen Musiklandschaft sehr ernst genommen werden muss. Wer den Eindruck hatte, dass das Album »Nemi film« (RockLine Rezension) nur eine Zwischenstufe auf dem Weg der künstlerischen Reife der Hauptakteure und der bekanntesten Brest-Figuren war – nämlich der stets unverwechselbaren Sängerin Vesna Zornik (Katalena) und Samo Šalamon, einem der seltsamsten und eigenwilligsten Gitarristen, die das Universum auch im internationalen Maßstab hervorgebracht hat –, den hat eben dieser Eindruck getäuscht. Mit der Ankunft von Bojan Krhlanko als festem Schlagzeuger und der Aufnahme von Samo Pečar als festem Bassisten gingen Brest auf die Bühnen und festigten sich in der Formation Quartett »plus eine«. Dieses »eine« gehört der Dichterin Kristina Kočan, die tatsächlich das fünfte Mitglied der Gruppe ist und für alle Texte verantwortlich zeichnet, die dann Samo Šalamon vertont. So erblickte nach knapp drei Jahren das neue Album »V polsnu« das Licht der Welt.
Schon der Vorgänger bot ganze eine Stunde Musik, und sein Nachfolger ist in dieser Hinsicht nicht weniger ambitioniert – er liefert ein kleines bisschen mehr Spielzeit sowie erneut gleich 14 neue Eigenkompositionen. Šalamon ist, zusammen mit Krhlanko (Bojan Krhlanko ist in den letzten Jahren außerordentlich geschätzt und gefragt geworden: Er spielt mit Šalamon in Roten GirlZ, spielt bei Kukushai, für Litošt, und nicht zuletzt haben ihn sogar die großen Laibach schnell in ihre Reihen aufgenommen), ein Mann mit ausgeprägtem Jazz-Hintergrund und erprobt sich daher in der Formation Brest in einem Umfeld, das ein hohes Maß an Anpassung verlangt. Die Jazz-Kultur bleibt allgegenwärtig, ist in diesem Umfeld aber deutlich feinfühliger eingebettet, mit mehr konziser Artikulation im Arrangement. Die Einbindung in einen musikalischen Körper, der in seiner Vision Stücke mit ausgeprägtem Arrangement-Charakter in den Vordergrund stellt – also auch ein unverkennbares Maß an Sanglichkeit und Musikalität sowie ausgefeilte Verbindungen zwischen Strophen, Refrains (Vor-Refrains) –, stellt daher eine ganz eigentümliche Herausforderung dar. Schon der Charakter der Stücke auf dem Album »Nemi film« bestätigte Šalamons außerordentliche Vielschichtigkeit, und gerade weil die Songs künstlerisch auf der Gitarre von Samo Šalamon auf- und absteigen, ist es schier unglaublich, wie viele interessante Facetten des Gitarrenspiels dieser Musiker auch auf »V polsnu« präsentiert. Die Reichweite seiner ausdrucksstarken Vielschichtigkeit vertieft und erweitert er auf dem neuen Album, und Samo, der sich auf dem internationalen Parkett vor allem als »(Free-)Jazz-Genie« einen Namen gemacht hat, ist in der Geschichte von Brest mit einer völlig anderen Herausforderung konfrontiert. In den Songs spielte er mehrere Gitarrenlinien, kombinierte Linien auch mit Akustik (auch Mandoline), Elektrisch und Halbakustisch und schmückt sie gelegentlich mit starkem Sustain, der eine »Soundscapes«-Esoterik erzeugt (im Titelstück des Albums oder in Japonski gozd lehnt er sogar an Tricks nahe an Steven Wilson und Porcupine Tree an – klangliche und effektive Verwandtschaft werden auch Fans von Pink Floyd oder gar – um es unbescheiden zu sagen – King Crimson erkennen). Doch all das ist sorgfältig den kompakten Formen der Stücke »untergeordnet«. Etwas ganz Besonderes zaubert das Stück Lov. Es befindet sich in der Mitte des Albums und »bricht« es auf überraschend atmosphärische Weise. Es ist (im Gegensatz zu den anderen Songs) düster, besonders forschend (es greift auch das Mystische auf), bleibt in allem aber noch kompakt. Vor allem im zweiten Teil übernimmt Samos Gitarrensolo, das sich einer verzerrten Klangnatur bedient, und in seine Linien fließen sogar einige Töne arabischer Natur ein. Ein durch und durch progressives Solo, das die Art-Visitenkarte des musikalischen Charakters der Gruppe vertieft.
»V polsnu« ist in jeder Hinsicht – unverblümt gesagt – ein hervorragendes Album. Samo spielte auch Bass-Gitarre (mit Ausnahme des neunten Stücks, auf dem Samo Pečar den Bass übernimmt), fügte Keyboards hinzu, setzte bei »Verzierungen« und der Bereicherung des Klangbilds auch Mandoline ein und verband (wie gewohnt) die Linien akustischer und elektrischer Saiten. Grundlegend ist die Rolle der einzigartigen Stimmfarbe von Vesna Zornik, die erneut mühelos überwältigt und verführt. Vesnas Interpretation verschmilzt herzlich und kompatibel mit der Poesie von Kristina Kočan und haucht ihr mit ihrer bildreichen Sinnlichkeit Leben ein. Vesna geht dieses Mal kaum mit dem für sie spezifischen Trick vor, der der Vokalfarbe mehr Rauheit einimpft – das ist ihr Merkmal, wenn sie bei Katalena singt. Bei Brest ist der Raum für Luzidität geringer, soweit er überhaupt vorhanden ist. Meist nähert sich Vesna mit einer besonders zarten, sanften und geschmeidig weichen Haltung, was bei der neuen Musik noch stärker greift als beim Debüt. Warum? Die Songs wirken größtenteils so, wie es der Titel »V polsnu« andeutet. Tatsächlich verträumt, oft sanft esoterisch, oft mystisch versunken, sehnsuchtsvoll – und in diesen weichen Klangcollagen von hoher organischer Qualität behalten sie diese Wirkung auch im Rahmen ruhiger rhythmischer Schlüssel bei, wobei Krhlanko die Becken oft nur sanft »streichelt«. Mit einem derart ausgesprochen raffinierten Ansatz erreichen Brest eine besondere Magnifikation der Gefühle, die umso intensiver packt, je sanfter die Interpretation ist (gespielt und gesungen). Besonders in diesen zart ansprechenden, ruhigen Teilen des Albums entsteht enormer Raum für die Entfaltung der musikalischen Natur der Bass-Gitarre als Instrument, was Samo Šalamon kontrastreich nutzt. Im musikalischen Ertrag optimieren auch die Bass-Linien das Klangbild hervorragend, und das kommt besonders zur Geltung z. B. in dem, wie ein »sanfter streichelnder Windhauch«, Peščeni poljubi, dem auf dem Album dann der ausgeprägte atmosphärische Stimmungsumschwung in das folk- und fröhlich gefärbte Izlet folgt.
Vesna verleiht den Stücken den unverwechselbaren Charakter der Kabarettchansons, aber interessanterweise bringt Šalamon in den Ideen, mit denen er die Grundmotive schmückt, durchgehend musikalische Elemente (»Lösungen«) ein, die die Songs so weit umformen, dass sie das Format künstlerischer Eigenständigkeit, Eklektizismus und übergenremäßiger Herausforderung annehmen. Vesna öffnet sich in den Melodien stets außerordentlich geschickt Raum für die Magnifikation ihrer Stimmqualität, die im Gegensatz zur Horde slowenischer Mädels aus den Schulbrutkasten uniformer Vokaleinrahmung auf Anhieb erkennbar ist und durchgehend einen ihr eigenen Charakter trägt. Die Musik trägt auf dem neuen Album auch klare Pop-Konturen und eine mittelwellenartige Eingängigkeit, weshalb es unter den 14 Stücken viele Kandidaten gibt, die leicht den Weg in die Radiosender finden. Ein Song wie Midva sva vse kann sofort ein Mini-Radio-Hit sein; nicht geringeres Potenzial birgt die ebenso brillante Nočna scena.
Ein Album mit enormer musikalischer Substanz – ein Album, bei dem man überraschend freudig feststellt, dass die 14 darauf enthaltenen Stücke keineswegs zu viele sind, denn die über 64 Minuten musikalische Substanz vergehen wie im Flug. Zwischen den Songs gibt es keinerlei Qualitätsschwankungen. Sie alle erreichen ein hohes Maß an ideeller und arrangementbezogener Abwechslung sowie Dynamik der Stimmungswechsel, und das Album erreicht auf diese Weise eine außerordentliche künstlerische Konsistenz. Die Chemie stimmt! Es wirkt hervorragend – so greift dieses vollblütige Album »V polsnu«. Hoffen wir, dass Brest angesichts der außerordentlichen Vernetzung der Musiker in verschiedene Projekte und Herausforderungen bestehen bleiben und zu einer festen Größe werden, die mit ihrer eigenwilligen und herausfordernden Kreativität – hinter der ein Team bildreicher Musikerkünstler steht – in ihrer glänzenden künstlerischen Ursprünglichkeit und ihrem Eklektizismus auch künftig die slowenische Musiklandschaft bereichern wird, die ideell allzu oft unterversorgt ist.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Balada (04:48)
2. Tisti čas (04:24)
3. V polsnu 05:50
4. Zlato (04:22)
5. Japonski gozd (05:10)
6. Midva sva vse (04:50)
7. Lov (05:36)
8. Pelji me tja (04:46)
9. Nočna scena (04:04)
10. Pod dlanmi (04:12)
11. Peščeni poljubi (04:30)
12. Izlet (03:46)
13. Lutke (05:02)
14. Prazne ure (02:52)
Besetzung:
Kristina Kočan – Texte
Vesna Zornik – Gesang
Samo Šalamon – akustische und elektrische Gitarren, Mandoline, Bassgitarre (alle außer 9), Keyboards, Backing-Vocals
Samo Pečar – Bassgitarre (9)
Bojan Krhlanko – Schlagzeug
