Cene Resnik Free Stellar Trio + Rob Mazurek: Age Of Chaos

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Label: Clean Feed Records
Erscheinungsdatum: 19.05.2019
Produktion: Jazz Cerkno & Cene Resnik
Albumlänge: 55.43 min
Genre: Free Jazz
Bewertung: 9.5 /10


Cene Resnik, der slowenische Tenorsaxophonist, trat 2018 beim 23. Jazz Cerkno Festival auf. Mit Unterstützung des slowenischen Kulturministeriums und der hervorragenden Hilfe des Organisationsteams des Zavoda Jazz Cerkno entschied sich das portugiesische Label Clean Feed Records im vergangenen Jahr dazu, den Konzertauftritt des geschätzten slowenischen Jazzers zu veröffentlichen. Für diesen Anlass bzw. Auftritt holte Cene noch den Pianisten Giorgio Pacorig und den Schlagzeuger Marko Lasič dazu. So stand das Free Stellar Trio auf der Bühne, dem sich für diese Gelegenheit kein Geringerer als Rob Mazurek anschloss – der legendäre Chicagoer Kornettkönig, der bei dieser Gelegenheit das gesamte Konzert auf der Pikkolotrompete spielte. Mit dem legendären Vertreter der Chicagoer Jazzszene hatte Resnik vor diesem Konzert mehrfach gesprochen und sich gewünscht, irgendwann gemeinsam auf der Bühne zu spielen. Die Gelegenheit bot sich also genau in Cerkno.

Free Steelar Trio und Rob Mazurek kamen völlig ohne Vorabplan auf die Bühne. Sie spielten gut 55 Minuten Musik und ein einziges Stück (Age Of Chaos). Resnik sagt, der Titel decke sich mit dem heutigen (kläglichen) Zustand der Welt – wobei, Hand aufs Herz, kein noch so sehr im Free-Jazz- und Avantgarde-Idiom gefärbter Stil jemals die grenzenlose und sinnlose Chaotik erreichen oder übertreffen kann, der wir alle hörig sind.

Lassen wir das Meckern kurz beiseite und widmen uns der Musik. Resnik, der auf den organisch-klassischen Klang der Instrumente schwört, hatte zunächst an den Einsatz eines E-Pianos anstelle des Klaviers gedacht – in Cerkno setzte sich Pacorig jedoch ans Klavier. Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage nach dem E-Piano in der Tatsache, dass Resnik einst von Joe Zawinul persönlich unterrichtet wurde. Tenorsaxophon und Pikkolotrompete erzeugen gemeinsam einen phänomenalen Klanggegensatz, und damit hatte Resnik von Anfang an gleich einen Poker voller Asse in der Hand. Der Schlüssel zu diesem außerordentlich spannenden Ausflug in ein musikalisches Abenteuer – das neben einem angenehmen Maß an Musikalität vor allem durch das Räderwerk des Free Jazz angetrieben wird – liegt schlicht in der Tatsache, dass die Band ohne Plan auf die Bühne ging. Das ist keine Neuigkeit mehr, und doch schafft jede Musikerformation mit diesem Ansatz ein ganz eigenes musikalisches Erlebnis, und jeder Konzertauftritt ist ein Unikat und ein unwiederholbares Ereignis.  

Rob Mazurek war an diesem Abend mehrfach das entscheidende Zünglein an der Waage, denn das Free Stellar Trio musste sich ziemlich schnell auf die Sprache der Pikkolotrompete einlassen – was für Resnik, Pacorig und Lasič eine ganz eigene Herausforderung und ein völlig neues Erlebnis darstellte. Das Ausstoßen von (indianischen) Schreien irgendwo nach gut einer halben Stunde Konzert, kombiniert mit den Einwürfen der Pikkolotrompete innerhalb von Resniks Soli (auf dem Tenorsaxophon), ist nur eine der Besonderheiten, die von der außerordentlichen Durchdringungskraft und dem sprühenden Geist Rob Mazureks zeugen. Auch Resnik ist mit den Finessen vielfältiger Klangartikulation gesegnet, womit er jedem einzelnen Ton ein Gefühl, einen Eindruck, eine Emotion einhaucht, die mit jedem gespielten Ton entstehen und mit ihm in die Ewigkeit widerhallen. Das erfordert ein hohes Maß an Raffinesse, Weichheit und vollständiger Entspanntheit, die besonders in den Passagen an die Oberfläche tritt, in denen das Tenorsaxophon völlig allein bleibt. oder sich nur mit einem einzigen Instrument verflicht.

In einem so freien musikalischen Umfeld spüren die Musiker eine vollständige Schrankenlosigkeit. In den Vordergrund tritt ihr Genie, die natürlichen Talente der Einzelnen, die sich durch vielfache Spontanität im Moment und in vollem Glanz einzigartig widerspiegeln. Dabei muss man allerdings äußerst geschickt mit Intuition, Instinkten und gelegentlich auch mit außerordentlicher Bedachtheit und Präzision jonglieren. Lockerheit und Aufgelockertsein bedeuten noch nicht, dass man echtes Chaos und den »Zerfall« des Systems herbeiführen kann – auch wenn das Album das manchmal genau so ansprechen möchte. Das gegenseitige »Ertasten« und Wahrnehmen der Klangbausteine ist bravourös. Der Musiker mit der Improvisationsinitiative entwickelt das spontane Motiv, der Rest der Truppe schließt sich an, dann übergibt das führende Instrument das Zepter der Improvisation an einen anderen – und diese Geschichte entfaltet sich im Glanz vollständiger jazziger Freiheit ungezügelt von der ersten bis zur letzten Sekunde des Werks.

Beeindruckend ist auch die musikalische Ausbeute, mit der die Truppe die schwierigeren Parts – jene mit konkreten solistischen Free-Jazz-Ausbrüchen oder völlig aufgelockerten Improvisationsformen – ständig geschickt kalibriert. Außerdem ist das Stück so aufgebaut, dass sich die Bandmitglieder die solistische Initiative gegenseitig zuspielen. Einer nach dem anderen tritt in die Improvisationseinschübe ein, wobei zwischen ihnen eine außerordentliche Flexibilität und Einigkeit herrscht. Unglaubliche chemische Wahrnehmung und intuitive Wirkungsweise. Die Einwürfe von Marko Lasič sind essenziell für die Erweiterung und Vertiefung der Klanglandschaft und ihrer Kontraste. Die Interaktion der Klangbausteine erreicht eine vollständige Ausschöpfung des verfügbaren Klangraums und ein Ineinanderübergehen klanglicher Pastellfarben auf wirklich phänomenale Weise.

»Age Of Chaos« bringt eine außerordentliche Eintracht, eine einzigartige Symbiose im einmaligen Zusammenspiel der vier Bausteine einer unverwechselbaren Free-Jazz-Geschichte, die ein Jahr nach dem Auftritt in Cerkno noch einmal das Licht der Welt erblickte – und zwar im Ljubljanaer Kino Šiška. Aber auf ganz andere Weise. Es ist ein absolutes Unikat in der wunderschönen Galaxie des Free Jazz. Jedes Entstehen dieser Formation spiegelt sich bei einer solchen Interpretation bzw. einem solchen Ansatz als neue Geschichte wider. Einzigartig eben.

Autor: Aleš Podbrežnik


Tracklist:
1. Age Of Chaos

Besetzung:
Cene Resnik – Tenorsaxophon
Rob Mazurek – Pikkolotrompete
Giorgio Pacorig – Klavier
Marko Lasič – Schlagzeug

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