UFO mit Voivod und GWAR landet im Kinu Šiška
Für alle, die den Dauerbeschuss mit Weihnachtshits gerade nicht so genießen, war das Konzert der kanadischen Veteranen Voivod und der amerikanischen Monster GWAR genau das Richtige zur Vorweihnachtszeit. Vor allem Letztere, die auf der Bühne einen Haufen geschmackloser Witze und derben Humor bieten, eine Show in riesigen Kostümen von Weltraum-Monstern sowie echtes Theater aus Blut und Eingeweiden.
Vor den Hauptacts war auch diesmal leider das notwendige Übel in Form der spanischen Vorband Childrain nicht zu vermeiden, die sowohl musikalisch als auch thematisch komplett aus dem Rahmen beider Hauptacts fielen. Das baskische Quintett mit dem merkwürdigen Bandnamen betrat die Bühne vor einer fast leeren Halle, die sich im Laufe ihres Auftritts immerhin mit ein paar Köpfen mehr füllte. Childrain spielen eine Mischung aus melodischem Death Metal und Metalcore, und im Sinne von »lass uns überrascht werden« hatte ich ihre Aufnahmen vor dem Auftritt nicht gecheckt. Selbst wenn – das Urteil wäre dasselbe geblieben: Childrain präsentierten einen bestenfalls durchschnittlichen Ansatz zum Genre, der in rein gar nichts von den offensichtlichen Einflüssen abwich, und obendrein klangen die Songs wie ein Ei dem anderen. Dem Auftritt selbst ist nichts vorzuwerfen, denn die Basken waren auf der Bühne ausgesprochen energisch und souverän, und vor allem Sänger Iñi Childrain gab sich alle Mühe, das Publikum ständig anzusprechen – aber mehr kam dabei nicht raus. Nach dem Gesehenen würde man meinen, das sei eine neue Band, die noch Erfahrung sammeln muss, aber Childrain existieren seit 2007 und haben bereits vier Studioalben veröffentlicht – was einiges sagt.
Den Geschmack retteten zum Glück sofort und auf der Stelle die kanadischen Eigenbrötler Voivod, die diesmal zum zweiten Mal die slowenische Bühne mit ihrer Omnipräsenz beehrten. Die Veteranen des progressiven/Sci-Fi/abgedrehten Thrash Metal veröffentlichten letztes Jahr bereits ihr vierzehntes Studioalbum The Wake, für das sie mit dem Juno Award, dem kanadischen Grammy-Pendant, ausgezeichnet wurden – völlig zu Recht, denn es ist eines der besten Werke ihrer langen Karriere. Schön zu sehen, dass eine der obskureren, aber umso qualitätsvolleren Bands wie Voivod endlich ein bisschen mehr Wertschätzung bekommt – eine Band, die nach dem viel zu frühen Tod ihrer treibenden Kraft, Gitarrist Dennis »Piggy« D’Amour, eine verdiente Wiedergeburt erlebt. Voivod begrüßten Ljubljana mit dem Titeltrack der vor drei Jahren erschienenen EP Post Society und schossen die zu meiner Überraschung gut gefüllte Halle (wir reden hier von einer Band, deren Musik für ein breiteres Publikum wohl ein zu schwerer Brocken ist) in eine galaktische Wolke aus Punk-Schlichtheit, Motörhead-Rhythmik, Thrash-Rohheit, Progressive-Rock-Verschrobenheit und einem gehäuften Löffel Psychedelik. Trotz der scheinbar schizophrenen Mischung funktionieren Voivod als vollständiges kosmisches Wesen, das mit einer exzellenten Auswahl an Klassikern wie Psychic Vacuum und Overreaction überraschte und begeisterte – und sogar mit dem The Outer Limits-Leckerbissen Fix My Heart.
Voivod agierten auf der Bühne durchgehend wie eine gut geölte Silbermaschine – besonders Gitarrist Chewy und Bassist Rocky waren schon von weitem gut gelaunt und energiegeladen zu sehen, und die Bühne war die ganze Zeit voll von den beiden (und ihren Mähnen). Schlagzeuger Away trommelte an seinem minimalistischen Drumset wie in seiner eigenen Welt, begeisterte aber erneut damit, wie er aus so einem kleinen Setup so viel herausholt. Die ganze Aufmerksamkeit zog aber der charismatische Sänger Away auf sich, der auf der Bühne wieder wie ein aufgedrehtes, freches Kind wirkte und mit seinen zahlreichen Grimassen und Tanzschritten zum Lachen brachte – letztere sehen eher aus wie die Bewegungen eines betrunkenen T-Rex. Aber Snake überzeugte auch mit seiner erhaltenen Stimme, die auf den ersten Eindruck zwar wie atonales Heulen eines Betrunkenen in den Mond klingt, aber alles andere als das ist. Snake reizte leicht fies mit der Ansage, dass das Kultalbum Nothingface dieses Jahr seinen 30. Jahrestag feiert, ließ den Gedanken aufkommen, sie würden mehr als nur einen Song davon spielen – aber das überragende The Unknown Knows war mehr als genug Pflaster auf die Wunde. Voivod könnten angesichts ihrer reichen Diskographie stundenlang spielen und kämen trotzdem kaum allen Wünschen der Fans nach – umso zu früh war deshalb der Abschluss mit dem hymnischen Voivod.
Voivod Setlist: Post Society, Psychic Vacuum, Obsolete Beings, Overreaction, Orb Confusion, Fix My Heart, The End of Dormancy, The Unknown Knows, Fall, Voivod
Bevor die Headliner des Abends, die amerikanischen galaktischen Piraten GWAR, die Bühne betraten, waren langwierige Bühnenvorbereitungen nötig. Die Amerikaner treten nämlich nicht nur in riesigen, aufwändig gestalteten Kostümen von Weltraummonstern auf, sondern schleppen während ihres Auftritts auch jede Menge Requisiten und andere Charaktere aus ihrem Universum auf die Bühne. Und sie spritzen. Viel. Aus Körperöffnungen. Vielen Körperöffnungen. Wie wir schon geschrieben haben: Der kultische amerikanische HC/Punk/Metal-Act Gwar trug Monster-Kostüme lange bevor die finnischen Lordi das beim Eurovision Song Contest gezeigt haben. Die grotesken Kostüme, in denen die Bandmitglieder verborgen sind, stellen barbarische interstellare Krieger dar – eine Art Weltraumseeräuber –, und ihre Mythologie spinnt und entfaltet sich vom Studiodebüt Hell-o! (1988) bis zum aktuellen Album The Blood of Gods (2017). Die Kostüme waren ursprünglich nur als Witz gedacht, da Dave Brockie jemanden kannte, der sie für Filme herstellte – aber die Idee kam so gut an, dass Gwar die Weltraumpiraten bis heute geblieben sind. Im Jahr 2014 starb leider Gründungsmitglied Dave Brockie (bei Gwar als Oderus Urungus bekannt) an einer Heroin-Überdosis, und seitdem agieren Gwar ohne ihre Originalmitglieder.
In ihren riesigen Kostümen marschierten also Berserker Blothar, BalSac, the Jaws of Death, Jizmak Da Gusha, Beefcake the Mighty und Pustulus Maximus auf die Bühne, begrüßten die Šiška mit The Salaminizer und starteten die entfesselte Show richtig mit Krak Down. Davor flog nämlich ein Weltraumpolizist auf die Bühne, dessen Aufgabe es war, GWAR wegen intergalaktischer Verbrechen zu verhaften. Das gelang ihm natürlich nicht – zum ersten (und bei weitem nicht letzten) Mal des Abends spritzte Blut, und der Polizist wurde wie ein Kebab auf einen Spieß gespießt – durch eine nicht gerade bequeme Körperstelle dafür. Obwohl hauptsächlich Blothar am Mikrofon stand (und aus seinen Phallen spritzte), überließ er seinen Kollegen gelegentlich das Mikrofon. So sang seine Crossover-Hymne I, Bonesnapper – ihr werdet es nicht glauben – Bonesnapper, und auf die Bühne trat auch GWARs Erzfeind Sawborg Destructo. Der drohte auch dem Publikum, dass es ihm eine Steuererklärung abgeben muss, und bewies gegen Ende seines Songs auf geschmacklose Weise, dass er und Blothar sich noch viel zu gern haben.
Der Bereich vor der Bühne war wegen des ständigen Besprühens mit Kunstblut und anderen Flüssigkeiten meistens ziemlich leer, weshalb das ohnehin schon leider schwach besuchte Konzert (beim GWAR-Set war sogar weniger Publikum als bei Voivod) noch leerer wirkte. Aber GWAR ließen sich nicht beirren und reihten einen Streich an den nächsten. Zwischen eingängigen Songs, die schnell im Ohr bleiben, die aber ehrlich gesagt nicht gerade den Gipfel der Musikkunst darstellen (wobei es sich um durchaus anständigen Heavy/Thrash Metal handelt), packten sie jede Menge geschmackloser Ekelhaftigkeiten rein. Angefangen mit der Geburt von Blothars unehelichem Kind, begleitet von Hektolitern Kunstblut, über den Missbrauch eines Weltraum-Kreatur-Hundes bis hin zu Pädophilie. Aber alles gut, denn die Kinderpuppen waren tot – es handelte sich also in Wirklichkeit nur um Nekrophilie. Über die gut aufgenommenen Songs Bring Back the Bomb, das bereits erwähnte I, Bonesnapper, Metal Metal Land, Fuck This Place kamen GWAR nach einer guten Stunde schlüpfriger Unterhaltung ans Ende mit dem Abschiedssong Sick of You. Aber vorher bekam noch eine lebensgroße Donald-Trump-Puppe ordentlich ihr Fett weg. Was natürlich immer die Zustimmung des Publikums findet. Der einzige Minuspunkt des Konzerts (ok, abgesehen von Childrain)? Der wegen des nahenden Tourneendes ausgeraubte (zuvor reich bestückte) Merchandise-Stand.
GWAR Setlist: The Salaminizer, Krak Down, I’ll Be Your Monster, Bring Back the Bomb, Black and Huge, I, Bonesnapper, Maggots, Have You Seen Me?, Metal Metal Land, Ham on the Bone, The Sordid Soliloquy of Sawborg Destructo, Beat You to Death, Fuck This Place, GWAR Theme, Sick of You
Fotos: Nina Grad


















































