The Frictions und Martin Ramoveš heizten den Gabrijel ein (2019)
Ort: Cerkno / Gabrijel / Slowenien
Datum: Samstag, 23.11.2019
Den Abschluss der diesjährigen, bereits 24. Ausgabe des Festivals Keltika bildete ein Konzertabend in der Cerklaner Bar Gabijel, wo zwei höchst interessante und attraktive Acts auftraten. The Frictions, angeführt vom ikonischen Chris Eckman, und der junge slowenische Singer-Songwriter-Brillant Martin Ramoveš mit seiner Begleitband. Ein Abend also, den man mit Leib und Seele in Cerkno verbringen musste – einem Ort, zu dem wir sonst immer wieder und wieder so gerne zurückkehren.
Die Bar Gabrijel erfreute sich eines sehr schönen Zulaufs. Offiziell sollen bis zu 100 Personen in die Location passen, diesmal lag die Zahl der Anwesenden zwar nicht ganz so hoch – aber gute siebzig Neugierige sind trotzdem eine feine Ansage!
Als Erster betrat Martin Ramoveš die Bühne. Der slowenische Singer-Songwriter mit seiner Gruppe, zu der noch Bassist Marko Petrič und Schlagzeuger Rok Skoliber gehören – Letzterer ansonsten Mitglied der sensationellen slowenischen Blues-Revivalisten Bad Notion. Martin Ramoveš ist eine außergewöhnlich kreative und sensible Künstlerseele, die seine musikalische Poesie geschickt mit einem angeborenen Sinn fürs Malerische verbindet – so erschienen seine letzten drei Studioalben »Nesojeni Kavboji« (2014), »Astronomi« (2017) und das aktuelle »Rob« (2019) allesamt in Kombination mit einem animierten Comic. Doch anders als seine zurückhaltende, bescheidene Pose abseits der Bühne: Auf der Bühne dreht Martin völlig durch und explodiert vor Energie! Für diesen Anlass stieß auch Tina Petrovčič als Backgroundsängerin zur Truppe. In gut einer Stunde lieferte der zwar kompakte, aber ungemein agile und sprühende Martin ein absolut gelungenes, eigenständiges musikalisches Bilderbuch ab – und bewies dabei, dass er nicht nur ein außerordentlich gewandter Vokalinterpret ist, der seine Botschaften mit Herzblut und innerer Überzeugung vermittelt, sondern auch ein hervorragender Gitarrist, was die Öffentlichkeit irgendwie ein bisschen ungerechterweise vergisst. Martin setzt auf der Bühne nämlich eine Menge Pedaleffekte ein und bleibt dabei der organischen Wärme des originalen Telecaster-Sounds treu – Hand aufs Herz: Eine Telecaster kann eine bemerkenswerte Bandbreite an Klangeffekten aus sich herausholen (wenn man die »Physik« des Instruments zu nutzen weiß), und Martin versteht sich mit beeindruckender Fertigkeit auf das gleichzeitige energetische Singen und wirklich, wirklich gutes Gitarrespielen. Immer wieder schlägt er auch gekonnte Gitarrensoli ein, und in seinen Darbietungen bewegt er sich durch den durchdachten Einsatz vieler Klangfarben, mit denen er die Aussagekraft der einzelnen Songs kontrastiert und betont. Das aktuelle Album »Rob« stützt sich auf vertonte Gedichte von Ivan Rob und erntete mehr Aufmerksamkeit – doch Martin schöpfte natürlich auch reichlich aus der älteren Phase seines künstlerischen Schaffens. Martin Ramoveš besitzt eine starke und prägende Singer-Songwriter-Präsenz – und zugleich ist es unglaublich schön, dass er beim Phrasieren ungebremst und ungezähmt Dezibel freisetzt, oder um es direkt zu sagen: dass er auf volle Pulle »brennt«. Dadurch bekommt sein eigenwüchsiger musikalischer Charakter eine klare Konnotation von Rock ’n‘ Roll, alternativem Rock-Geklirre und einer ausgeprägten Note Blues. Ein prägender Auftritt eines prägenden Typen und seiner Kumpanen also.
The Frictions, angeführt vom legendären Chris Eckman, sind ein Team aus vier abgebrühten Vollprofis. Der Musiker aus Seattle Chris Eckman lebt seit zwei Jahrzehnten in Ljubljana, und die jedem bekannte Galionsfigur der kultigen The Walkabouts – feinsinniger Klangtüftler, außergewöhnlicher Interpret, Arrangeur und Komponist – war an diesem Abend sicher die Hauptattraktion des Konzerts. The Frictions haben in diesem Jahr ihr zweites Studioalbum mit dem Titel »Torch« veröffentlicht. Endlich, könnte man sagen. Neben Chris gehören zur Besetzung nach wie vor Bassist Tomi Popit und Gitarrist Bernard Kogovšek – beiden bekannte Musiker aus der kultigen slowenischen Punkrock-Sensation Hic Et Nunc –, während hinter der Schlagzeugfestung Luka Šalehar (Kamerad Krivatoff) sitzt. The Frictions stehen für unglaubliche Laufleistung und Erfahrung. Ich rede von Einzelpersonen, an deren Spitze natürlich die einzigartige, monolithisch charismatische Gestalt Chris Eckman steht. Sie agieren wie eine unglaublich kompakte und kohärente Einheit, die sich auf der Bühne hervorragend verständigt und aufeinander einspielt – als hätten sie ständig und intensiv zusammen auf Bühnen gestanden, obwohl das gar nicht so ist.
Ihre Musik verkörpert die musikalischen Wurzeln der Mitglieder bzw. ihrer Stammbands. Der nackte, abgezogene, unpolierte, aber angenehme, vollkommen organische und natürliche »Jangle«-Klang der Gitarren, die kraftvoll und durchdringend spielen – oft auch durch dissonante Kurven hindurch –, wobei die Faszination des Axioms »weniger ist mehr« beim Erreichen eines makellos wirkenden Minimalismus seine Rock-’n‘-Roll-Mission mit großer Auszeichnung erfüllt. Der gelegentlich zutiefst sensible Eckman verbirgt seine persönliche Faszination für die Figur des großen Neil Young nicht; die Ästhetik des absoluten Minimalismus lässt sich mit Bands wie Television oder auch The Velvet Underground vergleichen, wobei einem auch Richard Hell & The Voidoids in den Sinn kommen. Aber The Frictions sind natürlich über allem eine völlig eigenständige musikalische Entität, die mit Herz und Seele der Rechtgläubigkeit des alternativen Rock-Untergrunds angehört. Chris überraschte nicht wenig, als er sich noch in der ersten Konzerthälfte an zwei seiner Eigenkompositionen machte – nämlich aus dem Album »The Last Side Of The Mountain«, auf dem er Gedichte von Dane Zajc vertont hat. Zunächst wagte er sich an das intimere Ransom, dem dann das leicht rhythmisch countryesk »gezackte« Stranger folgte. Gegen Ende gesellte sich zu beiden noch eine weitere Eigenkomposition Eckmans hinzu – die 2013 auf seinem Soloalbum »Harney County« erschienene, famose Many Moons. Die Band spielte überwiegend Eigenmaterial der beiden veröffentlichten Alben, wobei sich das Konzert dynamisch entfaltete – The Frictions rollten Song für Song heran. Durchdringende rhythmische Kinetik, der prägende Kontrast zwischen dem spitzen Bass und dem Geklirre beider Gitarren – dabei tauschten Chris und Bernard in den Passagen schlichte Gitarreneinlagen aus. Bernard übernahm vor allem in den Momenten die Initiative, wenn sich Chris aufs Singen konzentrieren musste.
Chris Eckman und die Truppe spielten den ersten The Walkabouts-Song im letzten Teil des Konzerts. Es war das zündende Stopping Off Place, dem am Ende der Setlist auch das abschließende Crime Story Gesellschaft leistete. Zuvor hatte die Band noch Townes Van Zandts Snake Mountain Blues gespielt. Ein exzellenter Konzertabend, der leider viel zu schnell vorbei war. Die riesige Ausstrahlung Eckmans, starke Kompositionen, die im nackten »Drive« sofort unter die Haut gehen und dich in der gierigen Elementarheit der bloßen Rock-’n‘-Roll-Predigt augenblicklich in sich hineinsaugen – das ist eine heilige Kommunion für alle Alternativrock-Enthusiasten, die einen artpunkigen Eklektizismus suchen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist MARTIN RAMOVEŠ:
1. Razpelo v gostilni
2. Sanjajo mi rože
3. Kristal čaroben
4. Konjiči
5. Emblem
6. Beton
7. Dan za podganje življenje
8. Prepozno za domotožje
9. Zemlja te ne rabi
10. Črv
11. Zgodbica
12. Sprememba klime
13. Zima na Metelkovoj
Setlist THE FRICTIONS:
1. 1976
2. Last Resort
3. Cut & Run
4. Give It Away
5. Ransom
6. Stranger
7. April First
8. Fever Gone
9. Torch
10. While The Getting Is Good
11. Many Moons
12. Stopping Off Place
13. Ghost Rider
14. Snake Mountain Blues
15. Gut Check
16. Crime Story



















