Steel Panther und die Grazer Stündchen bildhafter Perversionen (2014)

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Ort: Graz / Orpheum Teater / Österreich
Datum: Sonntag, 02.03.2014


Wahrscheinlich die heißeste Rock-’n‘-Roll-Parodie der Stunde! Und das mit einem Auftritt im österreichischen Graz! Steel Panther. Ein Ding, das man nicht verpassen darf.  Wer ein Fan des echten Zirkus zur Wiederbelebung der goldenen Tage des Sunset Strip ist und gleichzeitig weiß, dass eine solche Parodie nur dann ihre Berechtigung hat, wenn sie von Musikern auf der Bühne geboten wird, die nicht nur das Talent haben, sich vor Kameras zu produzieren, sondern das Material auch wirklich rüberbringen können – der wird sich in dieser Geschichte definitiv wiederfinden! Wie vielleicht 2003 in der über The Darkness.

Steel Panther explodierten 2009, als sie ihren Erstling »Feel the Steel« mit seiner ungemein cleveren Rezeptur typisch amerikanischer Verpackung hinwarfen. Mit einer von vornherein durchdachten Geschichte für den kommerziellen Erfolg brachen sie so auf, die Welt zu erobern. Von da an wächst der Ruf der Band nur. Der Ruf als allseits begehrte musikalische Gauner! Anlässlich des bevorstehenden neuen Studioalbums »All That You Eat« kündigte die Besetzung bereits in der ersten Jahreshälfte – also noch vor der Albumveröffentlichung – den ersten Teil einer neuen Europatournee an.

Der Besuch des Grazer Orpheum Theaters bot diesmal ein besonderes Erlebnis.  Die Location war nämlich restlos ausverkauft! Und das in der Mehrheit von Leuten mit abgeschlossener Grundschulbildung. »Süße Siebzehn« eben! Es brodelte. Als erste betraten kurz nach acht Uhr abends die lokalen Größen Easy die Bühne. Diese präsentierten in einem dreiviertelstündigen Set ihr eigenes Material und lieferten – trotz des Einsatzes bereits gehörter und abgedroschener Tricks des schicken Hard-Rock-Arsenals – eine solide Bühnenperformance, die besonders aufgrund einiger vom Sänger geborgten Tricks oft an Bon Jovi erinnerte. Eben wegen des Gesangs, der in seinem vokalen Ansatz mehr als nur eine Sympathie zum Gesang von Jon Bon Jovi durchscheinen ließ.  Leider war der Gesang aber genau das schwächste Glied des Spaßes mit Easy. Zum Abschluss rissen die Jungs das Publikum auch mit einem Kiss-Cover von Lick It Up von den Sitzen, das sie sehr sauber abfeuerten und damit insgesamt ein sehr schmackhaftes Vorprogramm hinlegten.

Kurz nach neun schoss die Temperatur in der Location auf den Siedepunkt. Die Bühne war maximal offen. In Breite wie Tiefe. Im Hintergrund ein riesiges Podest, darauf thronten weitere Bühnenebenen. Links und rechts Treppen, die sich in Richtung Bühne fortsetzten. Dort startete das Quartett dicht zusammengedrängt und heizte dem Publikum im Eröffnungsteil von Eyes Of A Panther ein – entnommen dem ersten (echten) ersten  Steel-Panther-Erstling »Feel the Steel«. Echt? Vielleicht erinnert sich jemand an das Jahr 2003 und das Album der Band Metal Shop mit dem Titel »Hole Patrol«. Herausgegeben von exakt demselben Quartett – nur eben unter einem anderen Namen.

Eine Perversion nach der anderen! Eine schlimmer als die andere. Falsch. Eine süßer als die andere. Jede Bewegung bis ins Detail einstudiert. Posen, Mimik, Ansagen – davon gab’s einen ganzen Haufen. Insgesamt eine halbe Stunde, aber bei Steel-Panther-Auftritten sind das der essentielle Teil ihrer Show.

Das Orpheum abgehoben. Von der ersten bis zur letzten Reihe. Sowas hatte ich seit den Konzerten 2002, als hier Judas Priest und Motörhead auftraten, nicht mehr erlebt! Die Mädels flippen aus. Die Songtexte tragen sie spielend im kleinen Finger. Die Energie ist unbeschreiblich. Schweiß läuft von überall. In Strömen! Klatschnass! Ein echter, handfester intravenöser »Partyyyy-Schuss« des süßesten Rock-’n‘-Roll-Schmerzes! Ralph Saenz a.k.a. »Michael Starr« am Gesang , Russ Parrish a.k.a. »Satchel« an der Gitarre, a.k.a. »Lexxi Foxx« am Bass und Darren Leader a.k.a. »Stix Zadinia« legten ihre erste richtige Unterbrechung bereits nach dem zweiten Song ein – und so begann die Vorstellung ihren wahren Charakter zu entfalten: die Wiederbelebung des Sunset Strip. Die Jungs haben sich den authentischen Slang der Bands aus dem späten Achtzigern draufgeschafft (Poison, Ratt)! Natürlich im Einklang mit der stilistischen Herausforderung des Verkleidens, das die berühmte Schminke-und-Posen-Folklore der Sunset-Strip-Szene geerbt hat. Steel Panther entlockten dem Publikum mit federleichter Leichtigkeit Gedanken der Sünde, brachten es dazu, jeden noch so bescheuerten Blödsinn mitzumachen, den man ihnen befahl.

Den Perversionen war kein Ende in Sicht. Kein Blatt vor dem Mund. Immer geradeaus! Penetrant! Das »Parental Advisory«-Label taugt hier nicht mal für den Kindergarten, so gut und zu ihren Gunsten haben Steel Panther es genutzt. Natürlich waren einige Spuren eingespielt. Gesangslinien, ein paar Gitarren- und Keyboard-Spuren. Aber das ist egal! Ihre großen Qualitäten zeigten innerhalb des Quartetts vor allem der ungezügelte Michael Starr (eine außergewöhnliche Bühnenfigur) und der famose Gitarrist Satchel, der ein paar atemberaubende Solonummern »abzog«, auf geistreichste Weise die Pausen zwischen den Songs füllte und an einem Punkt der Show die berühmte Neuinterpretation des Van-Halen-Instrumentals Eruption einstreute. Damit erwies er Eddie seinen großen Tribut. Die musikalischen Anfänge von Steel Panther reichen nämlich in die Zeit zurück, als die Jungs noch als Tribute-to-Van-Halen-Band unterwegs waren. Wenn ich noch kurz auf Satchel zurückkomme: Der Mann hatte einen der schönsten Tricks für die Mitte des Auftritts aufgespart, als er mitten in Michaels langer Ansage ans Publikum den Sänger mit folgender Warnung unterbrach: »Michael! Wenn du nicht sofort mit deinem Schwachsinn aufhörst, schmeiß ich dich aus Steel Pantjer raus und mache aus Steel Panther eine Tribute-to-Rush-Band!« Noch im selben Moment, in dem er diese Worte aussprach, spielte er den Eröffnungsteil des Rush-Songs The Spitrit Of Radio! Nein! Und das war nicht eingespielt! Das gebe ich gern zu. Von all der guten Laune durch die grandiosen Komik-Einlagen hatten die Scharniere meines Unterkiefers ordentlich zu leiden – unausweichlich: eine Schüssel voll zum Bersten.

Die Band aufgeblasen in jeder einzelnen Bewegung, jedem Trick, jedem Schabernack!  Und was macht ein Bassist, wenn er in einer Band nicht viel zu tun hat – was natürlich aus dem Musikstil herrührt, den die Band pflegt? Er muss dafür sorgen, dass er vor allem und in erster Linie bei den Mädels ankommt. Atemberaubend gut ankommt. Und Lexxi ist genau das. Gutaussehend, androgynes Erscheinungsbild, und das alles potenziert noch durch zusätzliche eitel-lausbubische Einfälle! Zum Beispiel das theatralische Blicken in den Spiegel, das ständige Nachfrisieren –  auch mitten in der Darbietung des Materials.  Der Abend verging wie im Flug. Großartige Teamarbeit und eine entfesselte Session außergewöhnlichen Theaters, das einen hypnotisch in eine Welt jenseits der Realität saugt. Das amerikanische Prinzip. Anders geht’s nicht. Das Zirkusmachertum tragen sie im Blut. Aber sie machen das glaubwürdig. Denn sie sind ausgezeichnete Musiker. Satchel zum Präsidenten!

An einem Punkt brachte die Band eine Schar junger Mädels auf die Bühne, die de facto nach ihren Kommandos funktionierten. Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Das ist schlicht eine Tatsache! In der schwülen, betäubenden Feuchte dieser Nacht hätten sie für jedes Bandmitglied alles getan. Und jetzt stell dir vor, wozu Steel Panther sie im Laufe des Auftritts gebracht haben! Vier Typen auf der Bühne. Wenn Aufgeilen und Verarschen zur todernsten Angelegenheit wird! Steel Panther verschaffen sich ziemlich schnell den Einlass zu dem, was normalen Sterblichen männlichen Geschlechts normalerweise nicht vergönnt ist. Naja, zumindest nicht jeden Tag. Gratis hätten sie an diesem Abend jede im Saal gekriegt. Auf Michaels Kommando: »Die zwei da! Fangt an euch abzulecken, und du greif ihr an die Muschi!« Nichts einfacher als das! Echte Meisterinnen der Lesbenshow! Und weiter: »Zeig deine Titten!« Kein Problem. Willst du noch mehr, Michael?

Kurzum. Das ist nur eine der vielen Perlen der Steel-Panther-Show, die sich jeder Sterbliche einmal im Leben angesehen haben muss. Egal ob Fan von Glam Metal, Sunset Strip oder nicht. Ist egal.  Man wird Zeuge einer außergewöhnlichen Party. Voller positiver Vibes, Ausgelassenheit, Freude und grenzenlosem Spaß. Ein authentisches Abbild dessen, was damals wirklich in Los Angeles passierte. Etwas, wonach wir täglich still lechzen – aber die neuzeitliche Versklavung zugunsten einer Handvoll verdorbener Verschwörer, die den Planeten beherrschen, entfernt uns leider immer mehr und mehr davon, das Leben zu genießen und mehr Momente des Alltags für die »Abkopplung« von Seele und Körper zu wählen! Nach dem Konzert fand sich kein Held, der sich über irgendetwas beklagt hätte. Das Publikum rollte selig in seiner Trunkenheit langsam aus der Halle, und die Feier war zweifellos vom Orpheum aus in so manchen verborgenen Nachtwinkel der Grazer Straßen übergezogen.

Steel Panther haben das Image der höhnischen, potenten Mutterficker einmal mehr meisterhaft neu verpackt und vollblütig zu Geld gemacht – und das natürlich mit großer Kraft und Verve beim Auftritt in Graz bestätigt. Auf eine Art, der man in nichts widersprechen kann. Außergewöhnliches Show-Theater und eine exzellente Darbietung des Materials. Hand in Hand. Und Steel Panther reiten ihrem Karrierehöhepunkt entgegen. Den Zenit ihrer Karriere haben sie noch nicht erreicht. Aber sie nähern sich ihm rasant. Inzwischen ist der zweite Teil der Europatournee für dieses Jahr bestätigt. Wer die Band in Graz verpasst hat, hat jetzt eine schöne Gelegenheit, seinen Fehler zu korrigieren. Und zwar so schnell wie möglich!

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setlist:

  1. Eyes of a Panther
  2. Tomorrow Night
  3. Asian Hooker
  4. Just Like Tiger Woods
  5. Party Like Tomorrow Is the End of the World
  6. Let Me Cum In
  7. Guitar Solo
  8. Turn Out the Lights
  9. Hair Solo
  10. Gloryhole
  11. The Burden of Being Wonderful
  12. Gold Digging Whore
  13. It Won’t Suck Itself
  14. Death to All but Metal
    –Zugabe—
  15. Community Property
  16. 17 Girls in a Row
  17. Party All Day (Fuck All Night)

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