Freak Kitchen und Gitarren-‚Alien‘ Mattias IA Eklundh feuerten Lachsalven im Revolver Club (2019)

0 1.211

Ort: San Dona Di Piave (Treviso) / Revolver / Italien
Datum: Samstag, 16.11.2019


Das schwedische experimentelle Rock-Trio unter der Führung des Gitarren-‚Freaks‘ Mattias ‚IA‘ Eklundh, eines der renommiertesten und unberechenbarsten Gitarrenvirtuosen unserer Zeit, machte am Samstag, den 16. November, Halt im italienischen Städtchen San Dona di Piave, in der Nähe von Treviso. Im lokalen Club Revolver wartete ein erstklassiges Konzerterlebnis auf alle Progrock-Gourmets — und an allerlei Gitarren-‚Doktoren‘ mangelte es ebenfalls nicht, denn ‚Freak Guitar‘ Eklundh ist seit dem ersten Auftauchen von Freak Kitchen im Jahr 1992 und zahlreichen Kollaborationen mit verschiedenen Bands und Projekten, mit seiner einzigartigen Spieltechnik, ein echter Magnet für alle Liebhaber des (normalerweise) sechssaitigen Instruments.

Der späte Konzertbeginn war der schwachen lokalen Vorgruppe Ragin‘ Madness geschuldet, die ihren langweiligen Auftritt weit über die erwartete Dauer hinauszerrte. Die Band, die für einen Auftritt vor Freak Kitchen schlechterdings nicht geeignet war, spielte eine ziemlich abgestandene Form von aufgeblasenем Heavy Rock, dem der schrille Frauengesang keinen Gefallen tat. Die meisten Mitglieder wirkten gelangweilt — mit Ausnahme der zähen Sängerin Giulia Rubino und des riesenhaften Bassisten Alex Mante, der im Manowar-Stil zu einem bestimmten Zeitpunkt während des Bassspielens mit einer Hand den neben ihm stehenden ‚Thor’schen‘ Plastikhammer hochhob, um das alte Sprichwort ‚Heldenbrust, Narrenverstand‘ zu beweisen — allen voran Schlagzeuger Francesco Forin, der hinter seinem Drumkit wegen der Untätigkeit und rhythmischen Repetitivität fast einschlief. Ragin‘ Madness, die bislang ein Album in Eigenveröffentlichung herausgebracht haben, schafften es unter der Bühne trotzdem, genug Familienmitglieder und Freunde zu versammeln, um nach dem Auftritt einige T-Shirts und signierte Platten zu verkaufen.

‚Gut Ding will Weile haben‘, sagten wir uns, als die stets geistreiche und wohlbekannte bärtige und haarige Erscheinung mit dem breiten Gesicht, Gitarre in der Hand, auf der Bühne auftauchte — gesellte sich doch bald der mit einem Motorradhelm gekrönte Christer Örtefors am Bass und der hochgewachsene Schlagzeug-Bändiger Björn Fryklund dazu. Der experimentelle Perfektionist Eklundh, der seit 2015 ein achtsaitiges Gitarrenmodell verwendet, hatte vorsichtshalber noch vor dem Start des Freak Kitchen-Auftritts die Bühne betreten, um seinen Sound zu checken und unschönen Überraschungen während des Konzerts vorzubeugen. Auf der Bühnenleinwand erblickten wir kurz darauf eine Schnecke mit einem Haus aus einem menschlichen Schädel — das großartige Cover des aktuellen Freak Kitchen-Albums »Confusion to the Enemy«, das 2018 erschienen ist.

Die Musik von Freak Kitchen ist von einem Mix zahlreicher Genres inspiriert, der von traditionellem Heavy Metal und Prog Metal bis zu Jazz, Avantgarde und Pop reicht, während Mattias von Zeit zu Zeit für eine Gitarrenimprovisation in seinem spezifischen Stil sorgt. Die Texte sind häufig mit beißendem Humor gewürzt, der scharfe Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft enthält — und Mattias hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass eines seiner größten Vorbilder der unvergessliche Frank Zappa war. Freak Kitchen eröffneten ihren Auftritt mit »Morons«, dem ersten Track des aktuellen Albums, das im Vergleich zu den meisten Vorgängern etwas stärker in Pop-Rock-Gewässer abdriftet. Dass sie immer noch ordentlich auf die Metal-Pauke hauen können, bewiesen sie mit dem »Cooking With Pagans«-Favoriten (2014) »Professional Help«.

Von den altbewährten Favoriten begeisterte ganz besonders die Darbietung des stets unterhaltsamen »Speak When Spoken To« vom Album »Organic« (2005). Vom aktuellen Album gab es auch »Troll« zu hören, das laut Mattias von den grotesken Wesen der skandinavischen Mythologie inspiriert wurde — obwohl wir vorher überzeugt waren, dass es sich auf die heutigen Internet-Trolle bezieht. Mattias war während des gesamten Auftritts nicht nur in erwartungsgemäß überragender Gitarrenform, sondern überzeugte auch als Sänger, wobei ihm dabei gelegentlich Bassist Örtefors half, der sich mehrfach auch in der Hauptgesangsrolle wiederfand. Wegen Eklundhs außergewöhnlicher Gitarrenvirtuosität, die stets der Hauptanziehungspunkt bei Freak Kitchen-Konzerten ist, übersieht man leicht Örteforsʼ Geschick beim Legen der Basslinien und Fryklunds eklektische Schlagzeugtechnik — dabei handelt es sich ebenfalls um Spitzenmusiker, die Mattias in der Band schon neunzehn Jahre lang begleiten.

Mattias, der von Zeit zu Zeit in eine Darbietung eine spontane Gitarrenimprovisation einschmuggelte, ist nicht nur einer der versiertesten und einzigartigsten Gitarrenvirtuosen unserer Zeit, sondern auch ein wahrer Meister des spitzen Humors. An diesem Abend nahm er sich mehrfach ordentlich unsere westlichen Nachbarn vor, die dabei gar nicht merkten, dass er sie auf humorvolle und sympathische Art auf den Arm nahm. Vor der Darbietung von »Så Kan Det Gå När Inte Haspen Är På«, das einen schwedischen Titel und schwedischen Text hat, traf er sie genau an der empfindlichsten Stelle der italienischen Seele — dem allgemeinen Antitalent für Fremdsprachen. Auf Mattiasʼ genaue Anweisung hin mussten sie den gesamten Songtitel Wort für Wort aussprechen, was für die Einheimischen wirklich kein leichtes Unterfangen war.

Bei einer anderen Gelegenheit bat Mattias die Einheimischen, ihm beim Singen der Verse von »Freak of the Week« zu helfen. Dabei schlug er ihnen vor, es sich leichter zu machen und statt der schwierigen englischen Wörter im Refrain einfach die Namen einiger italienischer Pizzen zu verwenden. Gut, dass sie an diesem Abend vor dem überwiegend italienischen Publikum nicht »Mussolini Mind« vom Album »Organic« spielten.

Auch die handvoll etwas zu begeisterter brasilianischer und japanischer Fans in der ersten Reihe bekam ihre gehörige Dosis ‚Zuckerbrot und Peitsche‘. An Galgenhumor mangelte es wirklich nicht — und Mattias machte sich mehrfach auch über sich selbst lustig, zum Beispiel über (nach seinen eigenen Worten) ’sein dummes, breites schwedisches Gesicht‘. Das krönte er mit einer grotesken Grimasse, indem er sich mit beiden Händen an die Wangen fasste und diese mehrfach schüttelte wie ein Hamster, der seine prall gefüllten Backentaschen ausleert.

Das schwedische Trio außergewöhnlicher Instrumental-‚Freaks‘, das durchgehend bester Laune war, beendete das Konzert mit der Darbietung von »Propaganda Pie« vom Album »Move« (2002) — was man wegen der Länge des Auftritts und der fast sofortigen Rückkehr der Band in ‚Aktion‘ kaum als Zugabe bezeichnen konnte.

Freak Kitchen lieferten ihren Auftritt auf dem erwarteten, hochprofessionellen Niveau ab — heraus stachen dabei Eklundhs spezifische Gitarren-Kapriolen, die er in den Pausen gekonnt mit seinem außergewöhnlichen Humor würzte, sodass wir uns bei einem Konzert schon lange nicht mehr so amüsiert hatten wie an diesem Abend. Alle Liebhaber von Gitarrenvirtuosen ‚aus einer anderen Galaxie‘ kamen voll auf ihre Kosten, während der Sound für Clubverhältnisse auf einem ordentlichen Niveau war.

Die einzige Kritik am Freak Kitchen-Konzert im Revolver Club — abgesehen von der katastrophalen Vorgruppe, die wertvolle Zeit ’stahl‘ — betrifft seine zu kurze Dauer: Es endete bereits nach einer Stunde und zehn Minuten, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Uhr beim Konzertende bereits Mitternacht überschritten hatte. Einige vermissten auch einen extravaganten Mattias-Solopart mit dem Einsatz ungewöhnlicher Gegenstände beim Anschlagen der Gitarrensaiten, wie man es in manchen Konzertvideos sehen kann — die hat er aber wohl seiner Gitarrenklinik vorbehalten.

Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Primož Novak & Peter Podbrežnik


Setliste:
1. Morons
2. Professional Help
3. Porno Daddy
4. Speak When Spoken To
5. Freak of the Week
6. Troll
7. Så Kan Det Gå När Inte Haspen Är På
8. Razor Flowers
9. Propaganda Pie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies