Roine Stolt’s The Flower King: Manifesto of an Alchemist
Erscheinungsdatum: 23.11.2018
Label: Inside Out Music
Produktion: Roine Stolt
Länge: 69:25
Genre: Symphonic Progressive Metal
Wertung: 9/10
Viele Fans der schwedischen Progrocker-Revivalisten The Flower Kings fragten sich, was mit der Band los ist, die in den Neunzigern – neben Spock’s Beard und Porcupine Tree – eine Schlüsselrolle in der „dritten Welle des Progressive Rock“ gespielt hatte. Ihr Chef, Gitarrenmeister und Sänger Roine Stolt wartete lange darauf, dass Keyboard-Virtuose und Gründungsmitglied Tomas Bodin entscheidet, wie es weitergehen soll. Nachdem Bodin seinen Ausstieg bei den „Blumenkönigen“ bekannt gegeben hatte, entschloss sich Stolt aus Respekt vor seinem langjährigen Weggefährten, ein Album unter dem Namen „Roine Stolt’s The Flower King“ herauszubringen – stilistisch irgendwo zwischen Soloprojekt und dem unverwechselbaren Kompositions- und Arrangieransatz der The Flower Kings.
Bei der Entstehung des Albums »Manifesto of an Alchemist« halfen ihm zahlreiche alte Bekannte: unter anderem The Flower Kings-Weggefährte, Gitarrist/Sänger Hans „Hasse“ Fröberg und Bassist Jonas Reingold sowie Roiners Bruder Michael Stolt am Bass. Aus Steve Hacketts Begleitband steuerten Sänger Nad Sylvan und Saxofonist/Flötist Rob Townsend Beiträge bei. Für drummerische Brillanz und eine „beängstigende“ Rhythmuslinie sorgte Marco Minnemann, der mit Roine in der internationalen Supergroup The Sea Within zusammenspielt. An den Keyboards war Zach Kamins zu hören, der kurz nach Erscheinen von »Manifesto of an Alchemist« der neue Keyboarder der The Flower Kings wurde.
Der große Friedliebende Stolt nimmt – trotz zahlreicher amerikanischer Freunde – die Politik und die gesellschaftliche Ordnung der USA häufig aufs Korn. »Lost America«, das inmitten eines Meeres aus Symphoprog alter Schule auch einige Hardrockige Elemente enthält, ist nicht die erste Komposition in seinem Schaffen, in der er sich eine taktisch ausgefeilte Kritik an der amerikanischen Gesellschaft erlaubt, die längst ihren moralischen Kompass verloren hat. »Ze Pawns«, für Stolts Verhältnisse eine recht melancholische und düstere Schöpfung, in der vor allem subtile Gitarrenpassagen und symphonische Mellotron-Wellen im Vordergrund stehen, liebäugelt ebenfalls mit einer Kritik an der modernen Gesellschaft. Als zentrales Stück des Albums darf das über zwölfminütige Epos »High Road« gelten, das viel mit den The Flower Kings gemein hat und ein wenig auch mit Yes – besonders was bestimmte Gitarrenharmonien und den mitreißend-erweckungsartigen Refrain betrifft.
Das Instrumental »Rio Grande«, auf dem Roiners subtile Gitarrensoli die Herrschaft übernehmen, ist keineswegs eine weniger ambitionierte Schöpfung: Es beginnt mit einer kurzen, jazzorientierten Einleitung, die rasch komplexen Rhythmussektionen mit zahlreichen unerwarteten Taktwechseln Platz macht. »Next to a Hurricane« ist ein weiteres Stück mit dem unverwechselbaren The Flower Kings-Stempel – was New-Age-Texte, eine positivistische Atmosphäre, mitreißende Mehrstimmigkeit, bezaubernde Harmonien und ausgefeilte instrumentale Passagen angeht. »The Alchemist« ist ein intelligent konzipiertes Jazzrock-Fusion-Instrumental mit orientalisch-ambientem Charakter, das vor allem durch energische Saxofon- und Gitarrenimprovisationen sowie voluminöse, komplexe Basslinien überrascht.
Der schwächste Moment des Albums ist das akustisch ausgerichtete Stück »Baby Angels«, das stellenweise allzu zuckersüß klingt. Deutlich besser gelingt das verträumte Instrumental »Sixty Thirty Wake-Up«, das wunderschöne Flötenpassagen, ein ätherisches Gitarrensolo und warme Hammond-Orgel-Klänge enthält. »The Spell of Money«, noch eine von Roiners subtilen Kapitalismuskritiken, eröffnet mit einem pompösen Gitarrensolo, das im Zusammenspiel mit massiven Schlagzeugübergängen und energischen Keyboardpassagen eine dramatische Atmosphäre schafft, während farbenprächtige Vokalharmonien diese abenteuerliche Symphoprog-Komposition mit minimalen Jazzelementen wirkungsvoll bis zu einem ambientalen Höhepunkt steigern.
»Manifesto of an Alchemist« ist in vielerlei Hinsicht Stolts Solo-Leistung auf Steroiden, die stellenweise stark an seine The Flower Kings-Werke erinnert. Wahrscheinlich hätte niemand ernsthaft gemeckert, wenn »Manifesto of an Alchemist« als neues The Flower Kings-Album erschienen wäre – schon allein deshalb, weil alle drei Hauptmitglieder der kultigen schwedischen Prog-Revivalisten darauf vertreten sind. In diesem Fall wäre es sogar eines ihrer interessantesten Werke. Nichtsdestotrotz hat Herr Stolt mit »Manifesto of an Alchemist« eines der besten Progrockalbeen des Jahres 2018 geschaffen. Erwartungsgemäß dauerte es nicht lange, bis Roine die richtige Entscheidung traf und sich bereits wenige Monate nach Erscheinen dieses Albums für die Rückkehr der „Blumenkönige“ entschied – mit Kamins anstelle von Bodin.
Rezension: Peter Podbrežnik
Tracklist:
1. Rainsong (1:28)
2. Lost America (9:50)
3. Ze Pawns (8:27)
4. High Road (12:32)
5. Rio Grande (7:50)
6. Next To A Hurricane (4:25)
7. The Alchemist (6:58)
8. Baby Angels (3:49)
9. Six Thirty Wake-Up (4:17)
10. The Spell Of Money (9:49)
Roine Stolt’s The Flower King:
Roine Stolt – Leadgesang, E- und Akustikgitarre, Keyboards, Bassgitarre, Ukulele, Schlagzeug
Gastmusiker:
Hans „Hasse“ Fröberg – Hintergrundgesang
Nad Sylvan – Hintergrundgesang
Max Lorentz – Hintergrundgesang, Hammond B3
Zach Kamins – Orgel, Moog, Mellotron
Rob Townsend – Sopransaxofon, Flöte
Michael Stolt – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Jonas Reingold – Bassgitarre
Marco Minnemann – Schlagzeug