Auf dem linken Pfad des schwedischen Death Metal und die große Rückkehr von Dismember – Teil eins

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»Etwas ist faul im Staate Dänemark« ist ein bekanntes Zitat aus Hamlet, das zum Synonym für eine korrupte, verdorbene Gesellschaft geworden ist. Um es zu paraphrasieren: Vor gut dreißig Jahren wurde auch beim nördlichen Nachbarn Dänemarks, in Schweden, etwas Faules geboren. Im März 1988 erschien nämlich das kultische Nihilist-Demo Premature Autopsy, das allgemein als erstes Produkt des schwedischen Death Metal gilt, vollständig befreit von Thrash-Metal-Elementen. War Premature Autopsy das erste echte schwedische Death-Metal-Demo, das sich von den Fesseln der Primitivität Bathory und dem allzu großen Einfluss von Sodom oder Destruction befreite, so warf das nächste Demo, das Nihilist im Dezember desselben Jahres aufnahmen, auch noch den Bastard-Sound des schwedischen Death Metal über Bord.

Nihilist: Premature Autopsy – erstes Demo des schwedischen Death Metal

Nihilist waren nämlich mit dem Sound ihres ersten Demos unzufrieden und reisten knapp hundert Kilometer nördlich von Stockholm in das Städtchen Grädöö, wo sie mit dem legendären Produzenten Tomas Skogsberg im Studio Sunlight Geschichte schrieben. Auf dem Demo Only Shreds Remain griff Leif »Leffe« Cuzner (R.I.P. 2006) zur Gitarre und erfand den kultischen Gitarrensound, der durch das voll aufgedrehte Boss HM-2-Pedal gejagt wurde und den brutalen Riffs einen Kettensägen-Klang verlieh – seitdem das unverkennbare Markenzeichen des schwedischen Death Metal. Doch Nihilist waren nur die ersten einer ganzen Reihe von Bands, die das schwedische Underground hervorbrachte: Ihnen folgten sehr bald Grave, die auf den Trümmern von Nihilist gegründeten Entombed, die mit ihrem Kulterstling Left Hand Path wohl als die größte schwedische Death-Metal-Band gelten, Unleashed, Treblinka/Tiamat und Dismember (sowie viele andere).

BOSS HM-2 – schuld am Sound des schwedischen Death Metal
Daniel Ekeroth, Autor der Enzyklopädie des schwedischen Death Metal, erklärt, wie man den Sound des schwedischen Death Metal hinbekommt

Gerade Letztere sind der Anlass für diesen Beitrag, den ihr (hoffentlich) gerade lest und der den schwedischen Death Metal kurz umreißen soll – noch mehr aber soll er mein persönlicher Tribut an mein Lieblingsgenre sein, und in erster Linie an die Rückkehr der großen Dismember. Erlaubt mir daher stellenweise auch einen etwas subjektiveren Blick. Schon zum Einstieg: Das Album Death Metal war eines der ersten Death-Metal-Werke, das meine Trommelfelle liebkoste und einen unauslöschlichen Abdruck auf ihnen hinterließ. Dismember, eine der großen Vier des schwedischen Death Metal, gaben im Oktober 2011 zum großen Bedauern vieler ihr ziemlich unerwartetes Ende bekannt. Das Drängen der Fans trug Früchte, und die legendäre Band, die Nicke Andersson (Gründer von Nihilist und Entombed und wohl die zentrale Figur der schwedischen Death-Metal-Szene) ursprünglich Dismemberizer nannte – was für ein Demo-Cover jedoch zu lang war und daher abgekürzt wurde – gab im Januar dieses Jahres ihr Comeback bekannt. Und zwar in der Originalbesetzung Matti Kärki, David Blomqvist, Robert Sennebäck, Richard Cabeza und Fred Estby, die einen der besten Death-Metal-Alben aller Zeiten aufnahm: den Erstling Like An Everflowing Stream!

Dismember: Like An Everflowing Stream – einer der strahlendsten Momente des schwedischen Death Metal

Dismember wählten für ihr Comeback ihre Heimatstadt Stockholm, genauer beim Scandinavian Death Fest (dem Ableger des legendären amerikanischen Maryland Death Fest), der vom 11. bis 13.10.2019 stattfand. Die Tickets für das ursprünglich zweitägige Festival waren binnen eines Tages ausverkauft, weshalb die Veranstalter einen dritten Tag hinzufügten, dessen Headliner – wie beim zweiten Tag – Dismember waren. Schwedischen Death Metal auf heimischem Boden zu erleben, erst recht Dismember, ist Bucket-List-Material – und das war auch der Hauptgrund für den Besuch der schwedischen Hauptstadt vor einem Monat.

Bei der Ankunft in Stockholm ist kein besonderer Geist der Musikgeschichte zu spüren (vielleicht lagen meine Erwartungen in dieser Hinsicht auch daneben) – es ist eben eine moderne, am Baltikum gelegene Zwei-Millionen-Hauptstadt mit einem besonders bezaubernden Altstadtviertel, dem sogenannten Gamla Stan. Aber wenn man weiß, wo man hinschauen muss, verbergen sich überall Splitter einer brutalen Geschichte, die vor dreißig Jahren in Stockholm geschrieben wurde und dem Durchschnittstouristen nichts bedeuten – einem Death-Metal-Fan hingegen lassen diese stillen Boten einer lauten Geschichte das Herz höherschlagen. So stößt man schon bei der Ankunft am Hauptbahnhof auf ein Fenster im Boden des obersten Stockwerks. Ok, ein Loch im Boden bedeutet erst mal nicht viel, aber in der Nähe des sogenannten Bögringen versammelte sich Ende der Achtziger an Freitagen und Samstagen die sogenannte Bajsligan, grob übersetzt die Scheißbrigade. Zu ihr gehörten damals noch rotznasige Typen wie Nicke Andersson, Fred Estby, Uffe Cederlund, Johnny Hedlund, Anders Shultz, Johan Edlund, Dan Swanö und viele andere Vertreter des schwedischen Death Metal. Hier begannen sie beim Bögringen ihre Biersauftouren, für die besonders Tomas »Tompa« Lindberg bekannt war, der sich mehrmals bis zur Bewusstlosigkeit betrank und den Abend mit einer Magenentleerung im Krankenhaus beendete.

Ein weiterer wichtiger Treffpunkt war der kultische Heavy Sound Rock Shop (der leider heute nicht mehr existiert – in der Altstadt hat er aber einen hervorragenden Nachfolger in Sound Pollution, mit einem Sortiment, bei dem man das Portemonnaie besser zu Hause lässt), der mehr als nur ein Laden war: Bands hinterließen dort ihre Demo-Aufnahmen, und um den Shop herum lebte die gesamte frühe schwedische Death-Metal-Szene. Im Heavy Sound fand im Mai 1987 sogar eine »Signing Session« von Quorthon (Bathory) anlässlich der Veröffentlichung des kultischen Under the Sign of the Black Mark statt. Tomas Börje »Quorthon« Forsberg und Bathory werden ausnahmslos von jedem einzelnen Vertreter des schwedischen Death Metal besonders verehrt, denn viele geben offen zu, dass ohne den Einfluss von Bathory so manche andere Band nicht existieren würde. Quorthon war mit seinen frühen Alben nicht nur der größte Einfluss auf den norwegischen Black Metal, sondern bewies der Jugend, die später den schwedischen Death Metal erschuf, was sich mit Hingabe und harter Arbeit erreichen lässt. Wegen des bleibenden Einflusses und der unsterblichen Musik, die Quorthon nach seinem viel zu frühen Tod hinterließ (er starb am 3. Juni 2004 im Alter von nur 28 Jahren), war es nur angemessen, dem Großen einen Besuch an seinem Grab auf dem Friedhof Sandsborgs zu erweisen.

Die letzte Ruhestätte des legendären Tomas »Quorthon« Forsberg

Schon der erste Abend in Stockholm stand ganz im Zeichen des Death Metal: Dismember tauften noch vor ihrem offiziellen Konzert-Comeback am 10.10.2019 ihr »Death Lager« Like An Everflowing Stream ein, das von der Brauerei Macken Bryggeri gebraut wurde. Diese hatte in der Vergangenheit bereits Bier für Entombed gebraut, und die kunstvoll gestalteten Flaschenetiketten stammen vom multitalentierten Jonathan Hulten, seines Zeichens Gitarrist von Tribulation. Als Gäste für die Release-Party ihres Biers hatten Dismember die Kollegen Lik ausgewählt, Gesellschaft leistete das amerikanische Black/Death-Metal-Duo (live ein Trio) Impure. Letztere spielten im Club Debaser, der sich in gut einer halben Stunde recht ordentlich füllte, den Großteil des blasphemischen, dieses Jahr erschienenen Erstlings Satan’s Eclipse und machten dabei eine gute Figur. Impure spielen eine primitive Mischung aus ursprünglichem Death/Black Metal, die musikalisch vor allem den finnischen Archgoat nahesteht – einfache Riffs mit spärlichen (aber positiv herausstechenden) Soli, die Satyrannical Lord of Assault aus den Tiefen der Hölle ruft, dazu chaotisches Schlagzeug, hinter dem Horned Father of Desecration sitzt. Dieser sorgt beim wilden Geballer auch noch für einen ultratiefen Growl – und das ohne jegliches Luftschnappen, was live wirklich beeindruckend und bewundernswert rüberkommt. Gegen Ende verebbten Impure aufgrund der relativen Einfachheit ihrer Musik zwar etwas, aber die Aufgabe, das Publikum einzuheizen, erledigten sie mehr als hervorragend. Noch besser erledigten ihre Aufgabe die Bannerträger der jüngeren Generation des schwedischen Death Metal, Lik, die live alles andere als eine Leiche sind – was ihr Name auf Schwedisch bedeutet. Lik haben zwei erstklassige Alben im Rücken, die klanglich hauptsächlich dem späten Dismember verpflichtet sind (Autopsy-Death-Metal trifft auf Iron-Maiden-Melodie, sozusagen), doch das Quartett klingt trotzdem unglaublich frisch und schlicht mörderisch. Sie spielten einen Großteil des Erstlings Mass Funeral Evocation und des Nachfolgers Carnage sowie die neue Single, das mörderisch gute Revel In Gore, für die auf der EP Sthlm Death Metal Matti Kärki den Gesang beisteuerte – und bewiesen trotz etwas schlechterem Sound und Ansagen ausschließlich auf Schwedisch (buh!) warum Dismember sie so schnell unter ihre Fittiche genommen haben. Lik traten drei Tage später zwar auch beim dritten Tag des Scandinavian Death Fest auf, aber man konnte es trotzdem kaum erwarten, Lik wieder zwischen Kriegsgräben und kannibalischen Leichen willkommen zu heißen – und jemandem bei lebendigem Leib die Haut abzuziehen.

Nächstes Mal: noch mehr Death Metal!

Fotos: Nina Grad
Literatur: EKEROTH, Daniel, Swedish Death Metal. New York, Bazillion Points Books, 2015.

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