Dream Theater flogen auf den Schwingen technischer Vollendung in Pordenone (2012)

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Ort: Pordenone / Palasport Forum / Italien
Datum: Montag, 20.02.2012


Schon die Entscheidung, dieses Konzert zu besuchen, war leicht wie Schneeflocken. Auf dem Weg gab es auch solche zu sehen, aber nur bis zur Grenze nach Italien, wo der mediterrane Einfluss schnell mit ihnen aufräumte. Die Koryphäen des technizistischen Prog-Metals wiederzusehen ist immer ein Erlebnis – erst recht, wenn sie in der Nähe spielen.

Alte italienische Gewohnheit: Die Veranstalter geben schon viele Tage vor dem Konzert die Startzeit bekannt, verschieben sie dann aber um eine ganze Stunde nach hinten. So spielte auch das Vorprogramm Periphery erst um 20:30 Uhr. Die Jungs aus Maryland geben sich Mühe und sind instrumentell recht solide, interessant auch dadurch, dass sie keine Verstärker verwenden, sondern ihre Gitarren direkt ins Mischpult stöpseln. Das Sextett stützt sich auf drei (!) Gitarristen, die ihre siebensaitigen Äxte mit großem Eifer schwingen. Einer davon war definitiv einer zu viel. Wenn man bedenkt, dass Petrucci bei Dream Theater alles alleine hinbekommt…

An ihre Musik glauben sie sichtlich mit Begeisterung. Sänger Spencer Sotelo ist in den „angenehm zugänglichen“ Registern sogar interessant, aber das Metalcore-Gegrunze und -Gebrülle war für viele einfach zu viel. Viele flüchteten sich an den Merch-Stand und ertränkten ihre Langeweile an der Bar. Periphery werden auch eine musikalische Neuausrichtung brauchen, wenn sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen wollen.

Dream Theater sorgten natürlich schon mit den ersten Tönen von John Petrucci dafür, dass Periphery nur noch eine blasse Erinnerung waren. Irgendwie so wie Schneeflocken im Wind fliegen auch die Finger aller vier Instrumentalisten der Band.

In derselben Halle hatte ich sie auch vor fast vierzehn Jahren gesehen (im April 1998) und dem Vergleich kann ich mich nicht entziehen. Es geht weniger darum, die Routine zu vergleichen, als vielmehr um die Tatsache, dass sie musikalisch nicht gealtert sind, wie es manch einer in einer so langen Karriere täte. Das damalige Konzert war darstellerisch sehr überzeugend, der Sound aber war der schlechteste von allen sieben Dream Theater-Konzerten, die ich bisher gehört habe. Diesmal war der Bass von John Myung anfangs etwas matschig, aber bereits beim dritten Song lief alles so, wie es sein sollte.

Verblüffend ist jedoch die Tatsache, dass trotz des sprichwörtlich fanatisch hingebungsvollen italienischen Publikums noch Platz für mindestens 500 weitere Köpfe in der Halle war. Die Krise hat offensichtlich ihre Tentakel ausgestreckt…

Das überwiegend männliche Publikum verfiel zwar nicht in Trance, verstand es aber ganz nach Jazzer-Art, die herausgestellten Soli der Instrumentalisten zu würdigen. Mehrfach skandierte die Menge Pe – Tru – Cci und Man – Gi -Ni. Auch diesmal ist es schwer, jemanden besonders herauszuheben, denn ihr Glanz plünderte mühelos unsere Sinne und rückte uns aus der realen Welt. Die scheinbare Einfachheit der Darbietung wirkt trotz ihrer Komplexität unglaublich  leichtfüßig. Und ist dabei so viel mehr. Jahre der Arbeit, des Übens und des gesammelten Erfahrungsschatzes stellen sie nach wie vor auf den Prog-Metal-Olymp; im Einklang mit der Songauswahl zeigte ihre musikalische Darbietung nach wie vor eine große Liebe zum Auftreten – wohlgemerkt, nicht zur Schaustellerei. Mike Mangini wirkt als Neuling eigentlich vollständig integriert; das Erbe von Mike Portnoy ist natürlich tief und gewichtig, aber Mangini war mehr als überzeugend. Er hat sein Spiel vollständig dem Streben nach größtmöglicher Kompaktheit des Bandsounds untergeordnet. Also genau so viel wie nötig – und davon war eine Menge. Die musikalische Dichte von Dream Theater ist meistens unglaublich gesättigt, doch die Meister lockern sie in Momenten mit einzigartigen lyrischen Passagen auf.

Dream Theater sorgten für eine eingehende Präsentation ihres aktuellen Albums A Dramatic Turn Of Events. Es spielt gar keine so große Rolle, warum genau diese und so viele Songs – wichtiger ist, dass sie live vollständig ebenbürtig jedem älteren sind. Ältere Bewunderer der amerikanischen Meister genossen vor allem 6:00, Surrounded, A Fortune In Lies sowie die zwei Juwelen vom Album Images And Words – Wait For Sleep und Surrounded. Immer wieder verblüfft mich Petruccis unglaubliche Tonkontrolle; die Dramatik, die er mit der Gitarre heraufbeschwört, ist schlicht atemberaubend. Er weiß, dass die Gitarre die Verlängerung seiner unermesslichen musikalischen Ideen ist, und Gott bewahre, dass er irgendwann, aus welchem Grund auch immer, nicht mehr spielen könnte. Das würde ihn wohl auf der Stelle dahinraffen…

Jordan Rudess ergänzte bei den meisten Songs dankbar die Melodien und sorgte für einen üppigen Klangteppich. Bassist Myung hielt trotz der Ansprüche und Komplexität der Musik Petrucci mühelos stand; gemeinsam feuerten sie einige höllische Unisoni herunter, wobei gelegentlich auch Rudess aushalf (Outcry). A Fortune In Lies zeigte natürlich Petruccis gesamtes Arsenal: Tapping, String Skipping und blitzschnelle Glissandi sind nur drei der offensichtlichsten Techniken.

Petrucci half Sänger James La Brie einige Male stimmlich aus, wirkte dabei aber mehr  oder weniger blass. Zu wenig Kraft oder einfach zu tief im Mix. Das gleichzeitige Spielen komplexer Gitarrenlinien und Singen verdient jedoch nur Lob. Ansonsten beherrscht La Brie die Bühne nach wie vor souverän. Bei ihm bewahrheitet sich das Sprichwort, dass der Schein trügt. Der kräftige Kerl mit dem durchdringenden Blick ist alles andere als das, was man sich vielleicht vorstellt. Seine Freundlichkeit und Zugänglichkeit sind eine willkommene Komponente des Gesamtimages von Dream Theater. Die Interaktion mit dem Publikum war genau richtig, La Brie gab sich mehr Mühe, als nötig gewesen wäre. Zu Beginn erklärte er kurz, dass die Band mit dem neuen Mitglied neue Energie gewonnen habe und ein neues, wichtiges Kapitel schreibe. Die Jahre machen sich ein wenig bemerkbar – die Frisur muss langsam erneuert und der zentimeterdicke Ansatz behoben werden. Gesanglich lieferte er eine glänzende Leistung ab und gönnte uns auch drei oder vier durchdringende Schreie, würdig eines jungen Roger Daltrey.

Schlagzeuger Mangini demonstrierte mit dem obligatorischen Solo sein Können und seine Vielseitigkeit. Nun ja, wenn er am Berklee unterrichtet, wissen wir, was die Stunde geschlagen hat. Dream Theater brauchten genau so einen Schlagzeuger dringend. Er blies frischen Wind in die Segel und die Barke segelt weiter. Als komplex-kompakte, aber nicht seelenlose Maschine schreiten Dream Theater selbstbewusst in ein neues Jahrzehnt ihres musikalischen Lebens. Die vollständige Bestätigung dieser Aussage fand auf der Bühne der Halle in Pordenone statt.

Autor: Jernej Vene
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
Dream Is Collapsing (von Hans Zimmer, aufgenommenes Intro)
1.Bridges in the Sky
2.6:00
3.Build Me Up, Break Me Down
4.Surrounded
5.The Dark Eternal Night
6.Schlagzeugsolo
7.A Fortune in Lies
8.Outcry
9.Wait for Sleep
10.Far from Heaven
11.On the Backs of Angels
12.War Inside My Head
13.The Test that Stumped Them All
14.The Spirit Carries On
15.Breaking All Illusions
—Zugabe—
16. As I Am


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