California Guitar Trio und die magischen Akustik-Echos mitten in Mailand (2008)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2008
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Location: Mailand / Teatro Leonardo Da Vinci
Datum: Donnerstag, 15.05.2008


California Guitar Trio, ein Trio akustischer Gitarren und noch viel mehr… der Japaner Hideyo Moriya, der Amerikaner Paul Richards und der Belgier Bert Lams haben sich mit ihren spannenden, extravaganten Interpretationen der Größten der klassischen Musik wie auch legendärer Rock-Klassiker – und nicht zu vergessen ihrem geistreich inspirierten eigenen Werk – ganz ohne große Erwartungen enormes Ansehen und Respekt in den Kreisen der Liebhaber von Gourmet-Musik erspielt: Musik, die keine Schablonen kennt, die ständig forscht, sich auf die Felder neuer Dimensionen begibt und mit ihrer einzigartigen Schönheit nie aufhört, zu begeistern und zu überraschen.

California Guitar Trio haben den Großteil ihrer spätfrühlingshaften Konzerte zwar auf amerikanischen Boden gelegt, für drei Konzerte in Europa war trotzdem noch Zeit. California Guitar Trio sind aber nicht nur wegen des oben Gesagten eine Attraktion. Ihre Konzerte bekommen eine besondere Dimension und einen zusätzlichen Stempel der Einzigartigkeit, wenn sich ihnen auf der Bühne einer der ganz Großen des Bassgitarrenspiels anschließt, der fantastische Tony Levin, eine Legende ohnegleichen, fester Bestandteil der Studio- und Konzertcrew von Peter Gabriel und Teil der Besetzung von King Crimson.

California Guitar Trio spielten praktisch im Zentrum von Mailand, genauer gesagt im Teatro Leonardo Da Vinci. Das Konzert begann ein paar Minuten nach 21.00 Uhr. Zum Glück ohne Vorband. Das Trio und Tony Levin wurden im bre­stlos vollen Saal mit großer Begeisterung empfangen. Um die Temperatur auf das richtige Niveau zu heben, eröffneten sie das Konzert mit dem beschleunigten Melrose Avenue („CGT + 2“, 2000). In dem schelmisch bewegten Stück mit echtem orientalischem Touch brachte das Trio mit Tony Levin das Publikum im Handumdrehen zu intensivem Wippen. Öl ins Feuer goss Blockhead mit den exponierten Figuren des Grundmotivs, bei dem die Jungs gleich eines ihrer prächtigen Markenzeichen zeigten, als sie im Nu ein harmonisches Geflecht aus drei Gitarren schufen. Den perfekten Kontrast zur Eröffnung bildete das surfig gefärbte Unmei, bei dem Meister Hideyo in den Vordergrund trat, während Beethovens Erbe auf den Flügeln schwindelerregender Geschwindigkeit der jagenden Saitenharmonien Fahrt aufnahm, bis man am Ende nicht mehr wusste, ob die Jungs noch bei Beethoven waren oder daraus schon den Hummelflug entwickelt hatten. Bleiben wir noch ein bisschen in klassischen Gewässern, und zwar bei Bach mit Prelude Circulation, wenn Tony Levin sich seinen berühmten Stick schnappt und Richards das nächste Stück ansagt: „Iguana rossa!“ Red Iguana füllte den Saal erneut mit einer ausgezeichneten Dosis freigeistigem Experimentierens. Die Wurzeln der Lehrjahre unter dem wachsamen Auge von Onkel Fripp und dem Taktstock von Tonys Stick stellten das Erlebnis im Saal komplett auf den Kopf. Leicht nervös unterfütterte Linien im ersten Teil wichen im weiteren Verlauf zerebralen „Soundscape“-Collagen. Einmalige Dynamik unzähliger Stimmungslagen! Den Block eigenen Materials setzen die Jungs mit der ganz neuen Nummer Turn Of The Tide fort, und dann spannen sie im Saal mit den Stücken Eve und Andromeda einen weichen, verträumten, subtilen Klangvorhang aus Mustern auf, bei dem die Zeit stehen bleibt und dich das Erlebnis in einen völlig neuen, noch unentdeckten Raum trägt.

Levin verlässt die Bühne, die Jungs spielen weiter mit einer ihrer zartesten und zugleich schönsten Kreationen, dem Opener des Albums „White Water“ (2005), den Richards als Stück ankündigt, das nach einem kleinen Städtchen in Großbritannien benannt ist, wo sie bei Robert Fripp Gitarrespielen lernten. Das Stück The Marsh ist wahrhaftig eine Widmung von California Guitar Trio an diesen Gitarrenguru, und Lams lockte daraus mit seiner Weichheit echte Gefühle kindlicher Unschuld und Reinheit hervor. Dieser ganz besondere, ergreifende Moment wurde bald von der Bearbeitung eines außergewöhnlichen Arrangements des revolverheldigen The Good, The Bad & The Ugly (orig. Ennio Morricone) abgelöst, das im Saal Lachsalven auslöste, gleich nachdem Richards zum ersten Mal auf seinen quakenden Wah-Wah-Effekt getreten war.

Das Konzert steuerte auf seinen Höhepunkt zu, als das Hauptmotiv von Mike Oldfields Tubular Bells erklang. Das Publikum begrüßt das Trio lautstark, dem sich bei der Live-Umsetzung auf der Bühne zunächst Tyler Trotter an der Mundharmonika anschließt, kurz darauf im dramatischen Schlussteil natürlich wieder Tony Levin. Eine großartige Ouvertüre zum Höhepunkt des Konzerts, und in den Händen von California Guitar Trio ist dem vor Witz triefenden Arrangement kein Ende abzusehen. Was kann diesen einmaligen Oldfield-Klassiker überhaupt noch toppen? Vielleicht Echoes von Pink Floyd? Genau so. Seine ganze Genialität und Einzigartigkeit in Sachen Neubearbeitung von Originalarrangements krönte das Trio damit, dass es sich einen Pink-Floyd-Klassiker von deren Album „The Meddle“ (1971) vornahm. Lams führte die doppelten Harmonien, die im Original zu den Vocals gehören, während Richards an diesem Punkt die absolute Vorherrschaft übernahm, als er mit Fingerhut und speziellen Effekten die Gitarre von David Gilmour zum Leben erweckte. Solange du es nicht siehst, kannst du kaum glauben, was sich mit nur drei Gitarren alles erschaffen lässt. Eine außergewöhnliche psychedelische Mischung mit echtem, waschechtem Rock-Akzent war leider der Schlusspunkt des Konzerts. Das Publikum war so begeistert, dass es das Trio mit Levin stehend mit lauten Ovationen begrüßte.

Die Zugabe lief wie erwartet. Zuerst ein Surf-Vorstoß mit dem Soundtrack zum Film „Pulp Fiction“, Misirlou, und dann die episch-atmosphärische Schönheit Punta Patri, die noch einmal die Außergewöhnlichkeit des musikalischen Ausdrucks dieses Trios unterstreicht, seine Vollendung, das hohe Zusammenspiel und die große Kraft und den Magnetismus des ständigen Bühnengespürs. Das Trio webt langsam und gerissen über Harmonien der Transzendenz die ganze Feierlichkeit des eingefangenen Moments und erzeugt eine Art hypnotische Stimmung zerebraler Entrücktheit, um nicht zu sagen geistiger Abwesenheit, aus der der Saal für ein paar Augenblicke gar nicht erwachen wollte.

Anderthalb Stunden unvergessliches musikalisches Abenteuer, auf das dich die geistreiche Herangehensweise dieses Trios an das Musikerlebnis mitnimmt und dem Bassist Tony Levin seinen unvergesslichen Stempel aufdrückt, waren im Nu vorbei. Tony Levin baute den Sound aus und ergänzte ihn. Der Typ ist so erfahren und mit allen Wassern gewaschen, dass er praktisch schon routiniert einen Moment von Witz und eigenwilligem Jazz-Experiment in den Auftritt und den Sound des Trios einbrachte. Levin spielte mit dem Trio auch seine Solo-Nummer, das krachende Relentless, das sicher allen Fans der heutigen King Crimson gefallen würde.

Vielleicht hältst du es für verrückt, was ich überhaupt in Mailand getrieben habe, schließlich sind weder Nirvana, The Doors, The Beatles noch Frank Zappa, Miles Davis, Jimi Hendrix oder Janis Joplin aus dem Grab auferstanden, doch ich kann versichern, dass einem bei so einem Akku-Aufladen keine Minute und kein gefahrener Kilometer auf dem eigenen Lebensweg des ständigen Lernens leidtut. Lernen durch das Schöpfen aus der grenzenlosen Schönheit dessen, was wir schlicht Freiheit nennen. Und diese Freiheit ist die Musik, ihr Generator, ihre Sonne. So oder so.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist California Guitar Trio & Tony Levin:
1. Melrose Avenue
2. Blockhead
3. Unmei
4. Prelude Circulation
5. Red Iguana
6. Turn Of The Tide
7. Cathedral Peak
8. Eve
9. Andromeda
10. The Marsh
11. The Good, The Bad & The Ugly
12. Tubular Bells
13. Echoes
—Zugabe—
14. Misirlou
15. Punta Patri


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