Metaldays 2019 (erster Tag) – blasse Arch Enemy und bombastische Necrophobic
Metaldays bietet seit einiger Zeit das sogenannte »Early Arrival« an, also die Möglichkeit, früher zum Festival anzureisen. War das früher nur die Option, frühzeitig sein Zelt aufzuschlagen (und sich damit die besten Plätzchen im Schatten zu sichern), haben die Veranstalter vor einigen Jahren das Angebot erweitert und gleich zwei Warm-up-Tage hinzugefügt, an denen Bands auf der New Forces Bühne das bereits gut gefüllte Gelände unterhalten. Den offiziellen Festivalauftakt haben wir allerdings, vor allem wegen EMŠA, erst am Montag erlebt.
Zuerst sind wir zur New Forces Bühne gehüpft, wo sich jedes Jahr eine ganze Menge toller Bands findet – aber der Einstieg war diesmal nicht gerade vielversprechend. Empfangen hat uns nämlich das französische Power-Metal-Quintett Bel O Kan, das bereits seit 2001 aktiv ist und zwei Alben hinter sich hat, trotzdem aber noch ziemlich amateurhaft klingt. Geboten haben sie den maximal klischeehaften Power Metal, der wegen Carolinas nervigem Gesang und generischen Keyboard-Einlagen schnell unerträglich wurde.
Auf der New Forces Bühne findet man jedes Jahr (geografisch) ziemlich exotische Acts. Haben letztes Jahr die katalanischen Folk-/Power-Metaller Forja die Trommelfelle in Verzweiflung getrieben, ist das heuer den baskischen Folk-Metallern Incursed ähnlich gelungen – die klangen wie ein »poor man’s« Ensiferum oder Wintersun.
Das diesjährige Festival haben wir auf der Boško Bursać-Bühne (im Folgenden BB) begonnen – mit den belgischen Melodic-Death-Metallern Hexa Mera. Ihr Name bedeutet auf Altgriechisch der sechste Tag, an dem Gott den Menschen erschuf. Die Band glaubt nicht an die Existenz Gottes (dazu hätte Uroš wohl einiges zu sagen), hat aber den Menschen ins Zentrum ihrer Thematik gestellt und dieses interessante Konzept mit solidem, groovigem Death Metal unterfüttert, der großzügig mit melodischen Einlagen gespickt ist. Phasenweise haben die Jungs an das schwedische The Crown erinnert, kommen an deren Qualität aber noch nicht ganz heran. Kein weltbewegendes, aber solides (musikalisches) Eröffnungserlebnis des diesjährigen Festivals.
In ähnlichem, nur stilistisch anderem Fahrwasser machte die italienische Hard-&-Heavy-Band Siska weiter, die im vergangenen Jahr ihr Debüt Romantic Dark and Violent veröffentlicht hat. Die Truppe aus Vicenza nennt als Einflüsse Bands wie Iron Maiden, Judas Priest, Skid Row, Guns n‘ Roses und Motley Crue – und die sind in ihrer Musik schmerzhaft deutlich. Dazu sieht man der Band schon von Weitem an, woher sie kommt: ein Leadgitarrist mit neongrüner Gitarre, Oberkörper frei und in engen Leggins, mit übertrieben theatralischen Posen, dazu ein machoartiger Frontmann in zerrissenen Jeans und Rayban-Brille. Musikalisch haben die Italiener zwar den einen oder anderen Moment soliden Heavy Metals gezeigt, aber tiefer im Gedächtnis bleiben werden sie nicht.
Auf der Hauptbühne war es Zeit für eine Lektion in Doom Metal und Retro-Rock. Angekündigt war die Band Lucifer, die aus den Trümmern von The Oath entstanden ist. Die Band, die zwei Alben hinter sich hat, spielte eine solide Mischung aus »Okkult-Rock« und Doom Metal – kurzum etwas, das man bei so mancher Band hören kann, die in den letzten zehn Jahren gegründet wurde. Bei Lucifer sticht der weibliche Gesang von Johanne Sadonis etwas mehr heraus; mit ihrem Outfit wirkte sie, als wäre sie direkt aus der ABBA-Besetzung entflohen. Trotz Musik, die nicht gerade das Rad neu erfindet, hat sie aber Charisma und Energie bewiesen. Von Lucifer ist noch einiges zu erwarten – je nachdem, wie beständig die Band bleibt.
Direkt nach Lucifers sanfter Hippie-Nummer betrat etwas wesentlich Wütenderes die BB-Bühne. Das britische Trio Leeched aus Manchester hat Metaldays mit brutalem, nihilistisch klingendem Hardcore verwüstet. Mit ihrer F.O.A.D.-Attitüde, Lautstärke und Rohheit erinnern Leeched an die anderen britischen Menschenfeinde Anaal Nathrakh – der Auftritt des Trios ließ einem keine Luft zum Atmen. Dafür verantwortlich war vor allem das rohe Gegrunze des Frontman-Schlagzeugers sowie die gnadenlose Salve der Rhythmussektion. Angesichts der Tatsache, dass die Jungs aus Manchester kommen, wo die britische Indie-Rock-Szene geboren wurde, sind sie deren genaues Gegenteil – ein großer Mittelfinger in Richtung der quasi-unabhängigen Szene, in der sich in Wirklichkeit viel Geld dreht. Zweifellos einer der stürmischsten und wütendsten Auftritte des diesjährigen Festivals.
Das neuseeländische Teenie-Thrash-Metal-Phänomen Alien Weaponry hat sich die große Lemmy-Bühne für den letzten Tagesauftritt des Montagsprogramms gekapert. Natürlich begann das Konzert wie gewohnt mit dem Haka, dem maorischen Kriegsgesang und -tanz, angeführt von Schlagzeuger Henry de Jong.
Die Jungs setzten auf einen exponentiellen Aufbau der Atmosphäre: Sie begannen mit ruhigeren, größtenteils englischsprachigen Songs, die gegen Ende des rund einstündigen Auftritts in härtere, schnellere und überwiegend auf Maori gesungene Stücke übergingen. Zur Erinnerung: Alien Weaponry haben ihren ersten Festivalauftritt letztes Jahr auf der zweiten Bühne in Tolmin absolviert – ihr Charisma, ihre Aufgewecktheit und die jugendliche Energie haben damals alle Anwesenden mitgerissen, einschließlich der Veranstalter, die ihnen dieses Jahr den Slot auf der großen Bühne angeboten haben. Die Band hat dieses Vertrauen gerechtfertigt: Sie zog vor die Bühne – obwohl nicht im Prime Time und trotz nur einem einzigen veröffentlichten Album – kaum weniger Publikum als die weitaus etablierteren und populäreren Arch Enemy. Die Band präsentierte auch zwei neue Songs, und bis zum nächsten Auftritt bei Metaldays erhoffen wir uns auch ein neues Album.
Eines der auffälligeren (ob nun negativ oder positiv – »in the eye of the beholder«) Namen des diesjährigen Festivals waren die britischen Rolo Tomassi, die sich in gut zehn Jahren Bandgeschichte bereits einen ziemlich klingenden Namen gemacht haben. Es handelt sich nämlich um eine Band, die scheinbar (bzw. hörbar) unvereinbare Genres mixt – der chaotische Cocktail hat natürlich den Spitznamen Mathcore bekommen, aber in ihrer Musik lassen sich auch Einflüsse von experimentellem/avantgardistischem Rock sowie unzähligen »Post«-Genres finden. Rolo Tomassi schwimmen dabei sogar innerhalb einzelner Songs zwischen Lärm und purem Chaos auf der einen sowie einer fast pophaften Sensibilität auf der anderen Seite. Letzteres vor allem dank Sängerin Eve Spence, die auf der Bühne (zumindest in meinen Augen) mit ihrem Gezappel unglaublich unsympathisch wirkte – auch die Musik der Briten war für meine Ohren an der Grenze des Erträglichen.
Nach Alien Weaponry war auf der Hauptbühne Zeit für eine weitere moderne Band, diesmal aus dem Metalcore-Lager – vertreten durch die Engländer While She Sleeps. Die Band hat sich Slowenien erstmals 2012 in Ljubljana vorgestellt, hatte damals aber erst ihr Debütalbum hinter sich. Diesmal hatte sie bereits das vierte Album »So What?« im Gepäck. Die Band trat diesmal ohne ihren Originalsänger an, der in die Rehabilitation gegangen ist. An seiner Stelle übernahm der erfahrene Scott Kennedy von Bleed From Within das Mikro. Metalcore-Fans bekamen mit While She Sleeps einen energiegeladenen Auftritt, der sich in Melodie, knalligen Breakdowns und der Kombination aus rauem und melodischem Gesang widerspiegelte. Die Metalcore-Anhänger waren begeistert von dem, was sie sahen. Es gab auch so einige Moshpits, sodass auch die Band eine gute Resonanz bekam. Offensichtlich ist Metalcore auf einem Festival wie Metaldays noch längst nicht abzuschreiben.
Nach den progressiven Rolo Tomassi war auf der BB-Bühne Zeit für eine Lektion in Doom/Death Metal mit den schwedischen October Tide, in der ehemalige und aktuelle Mitglieder von Katatonia, Demonical, Letters from the Colony u.a. mitwirken. Es handelt sich also um eine Band, in der Mitglieder mit jahrelanger Erfahrung aktiv sind. Die Band kehrte zum ersten Mal seit 2012 auf slowenische Bühnen zurück, als sie beim Festival Metal Mania aufgetreten war. In knapp einer Stunde präsentierte die Band einen Querschnitt durch ihre Diskografie, darunter auch frisches Material vom diesjährigen Album »In Splendor Below«. Zweifel an October Tide sind hier fehl am Platz. Die Band ist eingespielt, die Songs sind melancholisch, das Tempo etwas langsamer – trotzdem abwechslungsreich genug, um Doom-Metal-Fans bis zum Schluss zu halten. Dazu trägt wohl auch die Melodiosität bei. October Tide bekommt eine weitere Chance – und zwar am 8.11. im Orto bar in Ljubljana, wo sich die Band auch in einem Clubkontext beweisen wird.
Als eine der größeren Überraschungen dieses Festivals kann man mit Sicherheit Neurosis einordnen. Die Legendenband, die seit über 30 Jahren existiert, gilt heute als eine der einflussreichsten Bands für die Post-Rock/Metal-Szene. Aber Neurosis sind halt nichts für die breite Masse. Ihre Musik ist schwer, entwickelt sich langsam, ist voller Atmosphäre, der Gesang ist rau und morbide. Das Gelände war ziemlich leer, obwohl Neurosis zu den letzten Auftretenden des Tages gehörten. Aber die Musik von Neurosis kann nun mal nicht für jeden sein. Die Band bringt nämlich viele Elemente verschiedener Genres ein – Sludge Metal, Post-Hardcore, Tribal sowie Ambient-Musik. Ihr Ansatz ist in mancher Hinsicht bereits progressiv und verlangt dem Hörer viel ab. Neurosis waren definitiv das Besondere des Festivals, gehören aber irgendwie eher auf spezifischere Festivals und in Clubs.
Während Neurosis auf der Hauptbühne spielten, begannen auf der Buršać-Bühne die österreichischen Dornenreich, die als symphonischer Black Metal beschrieben werden. Der Besuch war solide, die Unterstützung des Publikums gut, aber die Musik selbst hat nicht ganz überzeugt. In der Band spielt auch ein Geiger, der dem Black Metal mit seinem Spiel eine weitere Nuance verleihen soll – kam aber leider nicht zur Geltung. Trotz eines Dutzends Alben im Rücken wirkten die Songs eintönig, und die Geige hat nicht allzu viel hinzugefügt. Dazu war der Sound nicht der klarste. Kurzum: mehr Glück beim nächsten Mal für Dornenreich.
Als Hauptband des ersten Tages waren die renommierten Arch Enemy angekündigt, die in Tolmin erstmals bereits 2008 aufgetreten sind – damals noch mit einer anderen Sängerin. Diesmal kehrten sie nach ein paar Jahren mit aktueller Vokalistin Alliso White-Gluz zurück. Arch Enemy haben auch diesmal ihren Ruf mit einem professionellen Auftritt und beeindruckender Eingespieltheit bestätigt. Mit ihrem Repertoire fokussierten sie sich auf die größten Hits, womit sie ein breiteres Publikum erreichten – was automatisch bedeutete, dass die ersten drei Alben übersprungen wurden. Neben aktuellen Hits kamen noch We Will Rise, Ravenous, No Gods No Masters, Nemesis u.a. Das größere Problem bei Arch Enemy ist, dass alles zu sehr nach Routine wirkt. Die Sängerin verhält sich, als wäre sie auf einem Laufsteg gelandet. Mehr als offensichtlich ist auch, dass die Band viel an Choreografie arbeitet – was für eine Band, die sich als Extreme Metal vermarktet, ziemlich erbärmlich ist. Aber Arch Enemy sind offensichtlich sehr lukrativ, was sich in den einfach strukturierten Songs niederschlägt sowie beim Gitarristen Jeff Loomis (Nevermore), der trotz außergewöhnlichen Gitarrenkönnens seine wichtigsten Trümpfe nicht ausspielt. Ihr Auftritt ist solide, für neuere Fans vielleicht sogar ein Highlight – aber leider ist die Band nicht mehr das, was sie war, weil auch die Innovationskraft fehlt.
Die Ehre, den ersten Festivaltag zu beschließen, fiel den schwedischen Death/Black-Metal-Veteranen Necrophobic zu, die zu Unrecht ihre gesamte Karriere im Schatten von Zeitgenossen wie Dissection und Vertretern der schwedischen Death-Metal-Szene verbracht haben. Nach zahlreichen Rückschlägen – darunter der Selbstmord von Gründungsmitglied und Gitarrist David Parland sowie die 2013 wegen häuslicher Gewalt verhängte Gefängnisstrafe gegen Langzeit-Bassist und Vokalist Tobias Sidegård (der daraufhin in Windeseile aus der Band flog) – kehren Necrophobic endlich stärker zurück als je zuvor. In die Band zurückgekehrt ist (bereits 2014) Sänger Anders Strokirk, der mit der Band das kultische Debüt The Nocturnal Silence aufgenommen hatte. Letztes Jahr veröffentlichten Necrophobic eines der stärksten Werke ihrer Karriere, Mark of the Necrogram. Mit dem Titeltrack begrüßten die Schweden auch Metaldays und machten in den ersten Sekunden des in Rot getauchten Auftritts klar, dass dem Publikum eine Dosis Death/Black Metal allerhöchster Güte bevorsteht. Genau dieses Böse beschworen Necrophobic mit einer Palette abwechslungsreicher Riffs aus den Fingern des Gitarrenduos Ramstedt/Bergeback und einem erstklassigen Diskografiequerschnitt herauf, der sowohl Klassiker wie Darkside, Celebration of the Goat, The Crossing und The Nocturnal Silence als auch meisterhafte Neuheiten wie Requiem For a Dying Sun und die brillante EP Tsar Bomba bot – über die größte Atombombe der Menschheitsgeschichte, die die Sowjetunion am 30. Oktober 1961 mit einer Sprengkraft von 50 Megatonnen zündete. Genau eine solche Detonation lieferten auch Necrophobic ab und spielten damit wohl mit Abstand das beste Konzert des ersten Festivaltages.
Fotos Hexa Mera, Lucifer, Leeched, Rolo Tomassi, October Tide, Neurosis, Arch Enemy, Necrophobic: Nina Grad
Fotos Dornenreich: Jerneja Jerak
Fotos UnHuman Insurrection, Bel O Kan, Siska, Incursed, Alien Weaponry, While She Sleeps, Arch Enemy: Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc
Text Lucifer, While She Sleeps, Neurosis, Arch Enemy, October Tide, Dornenreich: Primož Novak
Text Alien Weaponry: Sebastijan Videc
Text Hexa Mera, Bel O Kan, Incursed, Siska, Leeched, Rolo Tomassi, Necrophobic: Rok Klemše































































































































































































