Enuff Z`Nuff und ein Erdstoß in Kärnten (2017)

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Ort: Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Datum: Donnerstag, 13.04.2017


Es kommt nicht allzu oft vor, dass eine Band aus der Zeit, als Glam Metal auf seinem kommerziellen Höhepunkt ritt, in unserer Gegend Station macht. Meine Damen und Herren, diesmal sind es die amerikanischen Urheber dieser ursprünglichen Sünde: Enuff Z’Nuff!! Die Band wird noch heute von einem ihrer Gründungsmitglieder angeführt, dem Bassisten und seit einigen Jahren auch Hauptvokalist Chip Z’Nuff. Damit das Konzert noch verlockender wurde, haben Enuff Z’Nuff auch dafür gesorgt, Venrez auf die gemeinsame Tournee einzuladen – ebenfalls amerikanische Hard Rocker, zusammengesetzt aus nicht weniger erfahrenen Männern, aber mit deutlich kürzerer Bandgeschichte.

Das Einzige, was mir an jenem Abend fehlte, war eine größere Besucherzahl. Da Österreich bereits tief in die Osterfeiertags-Zeremonien eingetaucht war, hat dieser Umstand die niedrige Beteiligung wohl mit beeinflusst. Besonders überraschend war, dass kein nennenswerter Zustrom italienischer Glam-Rock- und Metal-Fans zu verzeichnen war. Ehrlich gesagt: Nach dem Konzert in Velden am Wörthersee reisen Enuff Z’Nuff zu ihren letzten drei Konzerten in Europa, die genau in Norditalien gebucht sind.  

Als Erste betraten Venrez die Bühne. Angeführt wird die Band vom sechsundfünfzigjährigen Venrez (für Freunde kurz „Ven“), bürgerlicher Name Steven Berez. In der Band steht ihm das Gründungsmitglied und ehemalige Bassist von Julliette Lewis and the Licks, Jason Womack, zur Seite, der bei Venrez allerdings Gitarre spielt; zusammen mit Steven bilden sie die treibende Kraft hinter Venrez. Den Rhythmuspart übernehmen (das i-Tüpfelchen aus Italien) Bassist Nico D’Arnese und Schlagzeuger Charles Ruggiero. Die Band präsentierte in ihrem dreivierttelstündigen Set Material von ihren drei Studioalben, nämlich »Sell The Lie«, »American Illusion« und dem aktuellen »Children Of The Drones«, und stellte die Handvoll Hard-Rock-Enthusiasten, die an jenem Abend den Club besuchten, mehr als zufrieden. „Ven“ ist ein fantastischer Frontmann – gerade das richtige Maß an Lausbub und gerade das richtige Maß an Eitelkeit; seine Kommunikation mit dem Publikum ist ansteckend, wobei er (für einen Mann ganz normal) den Großteil seiner Aufmerksamkeit auf den weiblichen Teil des Publikums richtete, der zum Glück in der ersten Reihe des Clubs stand. Die Band servierte eine ausgezeichnete und ansteckende Mischung aus klassischer Hard-Rock-Ästhetik, durchdrungen von der elementaren Verbindung aus Rock’n’Roll und dreckiger Punk-Rock-Arroganz zu einer eigenständigen Kumuluswolke, die energetisch sofort zündete. Das entscheidende Zünglein an der Waage ist Stevens Gesang, der eine Besonderheit aufweist: Er besetzt mittlere und tiefere Register und trägt daher nicht viel zur melodischen Wirkung bei, erinnert aber eher an Alternative Rock – was nicht weiter verwundert, da die Band in ihrer Karriere mehrfach gemeinsam mit Gruppen auf der Bühne stand, die in ihrer Ausdrucksweise gerne auf das Erbe des Punk Rock zurückgreifen. Das sind: Alice Cooper, Slash, Buckcherry, Fuel, Hardcore Superstar, Richie Ramone und andere. Ein ausgezeichneter, aufgeweckter und äußerst engagierter Auftakt zum Set von Enuff Z’Nuff.

Chip Z’Nuff begrüßte das Publikum zunächst mit einer herzlichen Ansprache, in der er so ziemlich alles Wesentliche in Österreich lobte, allen voran die Frauen, die Landschaft, das Bier und das Essen – und fügte hinzu, dass das Einzige, was sie wurmt, die Erkenntnis ist, dass man hier nirgends an die „echte Ware“ herankommt, was als beabsichtigte Provokation unglaublich gut ankam. Chip Z’Nuff ist Rock’n’Roll von Kopf bis Fuß. In einem Outfit, das als einziges noch das Glamrocker-Erbe der Achtziger bewahrt, aus dem die Band auch stammt, betrat er die Bühne so gekleidet, dass ich zunächst irrtümlich dachte, Robin Zander (Cheap Trick) wäre mit dabei. Nun, die Musik von Enuff Z’Nuff kokettiert durchaus mit der berühmten Cheap-Trick-Essenz, was Chip Z’Nuff in einer der Pausen lautstark betonte. Der Mann ist ein unglaublicher Bassist. Alles macht er mit den Fingern, ohne Plektrum, und greift in Übergängen und Einleitungspassagen gerne zu komplexen Melodielinien. Gleichzeitig singt er ungemein ansprechend und verleiht der bissigen Energie der Bandmusik jenes so dringend benötigte „freche“ und „verrückte“ Element, das das Gefühl erweckt, die Band sei völlig ungezähmt. Die Band legte irgendwo in der Mitte des Auftritts eine großartige Version von Bowies Klassiker The Jean Genie hin; in dem viel zu kurzen Set, das kaum eine Stunde dauerte (Zugabe inbegriffen), spielten sie die bekanntesten Hits ihrer Karriere, mit Schwerpunkt auf vier Songs ihres gleichnamigen Studioerstlings von 1989. Das waren die erwarteten: Fly High Michele, New Thing, Kiss the Clown und In the Groove. Dazu gesellten sich noch zwei Songs vom Album »Strength« (1991), nämlich The World is a Gutter und Heaven Or Hell, sodass im Nu schon mehr als die Hälfte des Konzerts vergangen war. Enuff Z’Nuff schlossen das Konzert mit dem brandneuen Dog On A Bone – ein Song, den Enuff Z’Nuff in der aktuellen Besetzung geschrieben haben.

Chip Z’Nuff hat in seiner Besetzung unglaubliche Namen. Schlagzeuger Danel B. Hill ist zum Beispiel der Sohn von ZZ Top-Bassist Dusty Hill. Gitarrist Tory Stoffregen (der übrigens auch seine eigene Band New Black Sabbath hat) lieferte auf seiner schwarzen Fender Telecaster eine unglaubliche, wenn nicht gar umwerfende Vorstellung ab. Besonders interessant ist der Rhythmusgitarrist Tony Fenell, gebürtig aus dem englischen Birmingham, der Mitte der Neunziger zwei Jahre lang bei Ultravox spielte und sang – und zwar während der Abwesenheit von Midge Ure. Kurzum: Die neue Enuff-Z’Nuff-Crew an der Spitze mit dem unglaublich charismatischen und mit allen Wassern gewaschenen Chip kann sich einer außerordentlichen musikalischen Vita, jeder Menge zurückgelegter Meilen und damit einem großen musikalischen Charakter rühmen.

Kurz aber süß, in der Ausführung schlichtweg phänomenal und bravourös. Mit voller Kraft und ohne Bremsen! Die Darbietung war erstklassig und stellt damit einen der überzeugendsten Hard-Rock-Auftritte in der Bluesiana überhaupt dar. Die Spielgier war in jedem einzelnen Augenblick des dynamischen Bühnentreibens außergewöhnlich. Enuff Z’Nuff waren an diesem Abend extrem laut, und ihre Riffs sowie die berühmten Refrains ihrer größten Hits sprengten den Putz von den Wänden der Bluesiana und versuchten, die Fenster aus den Angeln zu reißen. Die Band kam für eine Zugabe zurück und spielte das brandneue Dog On A Bone. Der ausgezeichnete Song erschien auf dem Album »Clowns Lounge« (2016), einer Art Kompilations-CD, auf der sich überwiegend Archivmaterial und noch unveröffentlichtes Material der Band befindet. Nun, die erwähnte Single Dog On A Bone mit dem unglaublich eingängigen Refrain bestätigt jedoch, dass Enuff Z’Nuff in ihrer neuen Besetzung ein Quartett sind, das das echte Know-how besitzt, wie man ein Riff und eine Komposition so anlegt, dass es im Rock’n’Roll unwiderruflich zündet.

Ein außergewöhnlicher und unvergesslicher Abend, ein explosives Bühnentheater ohne jeden Dämpfer! Auch nach dem Konzert entschied sich das RockLine-Team, diesmal ausnahmsweise länger in der Bluesiana zu bleiben und mit jedem einzelnen Mitglied beider Bands zu plaudern. Wir hörten so manche Geschichte aus den goldenen Zeiten des Hollywood Sunset Strip und den exzessiven Nächten dort. Hoffen wir, dass Enuff Z’Nuff bald wieder nach Velden am Wörthersee zurückkehren. Von solchen Auftritten wie dem ihren kann man nur träumen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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