Toto – alles Gute zum 35. Geburtstag! (2013)

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Ort: Padua / Gran Teatro Geox / Italien
Datum: 22.06.2013


Es war der zweite Juni 2013, kurz nach vier Uhr nachmittags, als eine Gruppe slowenischer Fans von klassischem und melodischem Rock beim Hi Rock Festival im deutschen Inzell die schockierende Neuigkeit erfuhr, dass der zweite Festivaltag komplett abgesagt worden war. Statt die Auftritte von Toto, Survivor, Rick Springfield und FM zu sehen, packten wir unsere Koffer und machten uns noch vor dem späten Nachmittag auf den Heimweg. Der Grund für die Absage des gesamten zweiten Festivaltags lag in den katastrophalen Überschwemmungen, die Bayern heimgesucht hatten und die verhinderten, dass die Künstler in den äußersten Süden Deutschlands kommen konnten, wo Inzell liegt. Enttäuscht vom bitteren Schicksal entschieden wir uns kurzerhand, zumindest den Auftritt der Supergroup Toto live zu sehen, wenn die anderen Künstler (zumindest auf den Festlandbühnen Europas) praktisch unmöglich zu erwischen waren. Ein Blick auf den Zeitplan der neuen europäischen Toto-Tournee, und die Entscheidung war gefallen: Am Samstag, dem 22. Juni, geht’s ins italienische Padua. Dieselbe Fünfergruppe, die schon in Inzell die beste Gesellschaft füreinander war!

Toto ist eine Band, die live ein unvergessliches Konzerterlebnis zaubert. Ihr Werk reicht weit über ein paar große Radiohits hinaus, die ihren Namen Anfang der Achtziger in alle Welt trugen. Toto gleichen das musikalische Universum aus: In ihrem Stil verschmelzen sie Rock, Pop und Jazz auf ganz eigenwillige Weise – kein Wunder, dass sie in der Musikwelt zu Recht zu den meistgeschätzten Namen ihrer Ära und ihres Umfelds zählen. Auch wenn ihr kreativer und kommerzieller Zenit schon lange überschritten ist, sind ihre Konzerte immer noch gut besucht – so gelang es Toto auch im neu errichteten Gran Teatro Geox in Padua, an einem heißen Samstagabend eine mehrere Tausend Köpfe zählende Menge gestandener Musikfeinschmecker anzulocken. Die aktuelle Tournee – bereits die dritte europäische in ebenso vielen Jahren – lud die Besucher zur Feier des 35-jährigen Bandjubiläums ein.

Toto eröffneten das Konzert einige Minuten nach halb zehn Uhr abends mit einem Medley aus On the Run und Goodbye Elenore, in das sie überraschenderweise sogar das Motiv von Child’s Anthem aus dem Debütalbum von 1978 einbauten. Die Band besteht im Jahr 2013 aus den Originalmitgliedern Steve Lukather (Gitarre), David Paich (Keyboards, Gesang), Steve Porcaro (Keyboards, Gesang), dem später hinzugestoßenen Schlagzeuger Simon Phillips und Sänger Joseph Williams, der bei der Wiedergründung von Toto im Jahr 2010 den klassischen Frontmann Bobby Kimball ersetzte. Als Tourneemitglieder ergänzten die Besetzung in Padua außerdem Bassist Nathan East, der nach wie vor den schwer kranken Mike Porcaro vertritt, sowie die Backgroundsänger Jenny Douglas-McRae und Mabvuto Carpenter. Toto präsentierten sich also in derselben Besetzung wie schon auf der letztjährigen Tournee, als RockLine sie in Majan am 31.07.2012 und in Wien am 22.08.2012 erwischte.

Alle Musiker auf der Bühne sind erfahrene Studioprofis und als solche an den Klangperfektionismus gewöhnt, den Toto einfordern. Leider waren die akustischen Verhältnisse gleich zu Konzertbeginn auf der linken Bühnenseite, wo ich stand, nicht die besten. Lukathers Gitarre war (vor allem auf Kosten der Rhythmuslinie) zu wenig zu hören – zum Glück gelang es den Leuten am Mischpult aber bald, ein ausgewogeneres Klangbild hinzubekommen. Eine angereicherte Instrumentalversion von Hydra mit komplexem rhythmischen Gerüst erinnerte daran, warum Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines Ruhms ausgerechnet diese Band für Aufnahmen engagierte – die, wie sich später herausstellen sollte, zum erfolgreichsten Musikalbum aller Zeiten führten (»Thriller«, 1982).

Frontman Joseph Williams hatte schon bei den Alben »Fahrenheit« (1986) und »The Seventh One« (1988) mit Toto zusammengearbeitet, daher ist es kein Wunder, dass Stücke aus dieser melodischsten Phase der Band auch im Repertoire der aktuellen Tournee auftauchen. Bei I’ll Be Over You und Pamela fiel es ihm nicht schwer, seine gute stimmliche Verfassung unter Beweis zu stellen, die ihm noch immer wie in den goldenen Zeiten dient. Seine Bühnenpräsenz besitzt nicht alle Qualitäten der besten Rock-Frontmänner – dafür hat sich Williams beim Publikum mit einer mitreißenden, voll erlebten Gesangsdarbietung Kredit verschafft.

Mit einer cleveren Mischung aus gespielten Stücken bewiesen Toto auch ihre Meisterschaft im Stimmungsmanagement. Nach dem Begeisterungsausbruch bei Rosanna servierten sie zwei Stücke von tieferem emotionalem Gehalt – Wings of Time sowie Falling in Between –, auch wenn das die Interaktion zwischen Band und Publikum etwas weniger intensiv machte. Dafür blieben den Musikfanatikern buchstäblich die Münder offen, denn sie durften das außergewöhnliche Zusammenspiel von Steve Lukather und den beiden Keyboardern in vollen Zügen genießen. Toto passen ihre Arrangements auch gekonnt an, weichen gerne vom Original der gespielten Stücke ab – und verbrennen sich dabei dank ihrer technischen Versiertheit und ihrem Gespür für musikalische Fusion nie die Finger.

Keyboarder David Paich auf der linken Bühnenseite war an diesem Abend ausgesprochen gut aufgelegt. Der Mann, der in kreativer Hinsicht am meisten zum Erfolg der Band beigetragen hat, ist heute wegen seines altmodischen Kleidungsstils und seiner rundlichen Figur eine leicht komische Erscheinung. Im zweiten Teil des Konzerts stand Paich mehrmals von seinem Stuhl auf, näherte sich dem Bühnenrand, feuerte das Publikum zur Mitarbeit an und wackelte sogar mit den Hüften. Bei den ersten Takten von Africa brachten die lauten Ovationen die Grundmauern der Halle zum Beben; die Darbietung mit Paich als Hauptsänger erlebte nach einem kurzen Basssolo von Nathan East auch ein verspieltes – aber, Hand aufs Herz, bereits abgedroschenes – Wechselspiel zwischen Bassist und Publikum. Die beiden Backgroundsänger, die die hintere linke Bühnenseite besetzt hielten, waren die ganze Zeit über ein wichtiges Bauelement des reich gefüllten Klangbildes – und wie schon im Vorjahr trat beim abschließenden regulären Stück Hold the Line die aufreizende Afroamerikanerin Jenny Douglas-McRae ins Scheinwerferlicht. Mit abwechselnden Gesangseinlagen steigerte sie gemeinsam mit Williams die Dynamik und Intensität dieses uralten Toto-Hits noch weiter. Den gut zwei Stunden dauernden Auftritt schlossen Toto mit Home of the Brave ab, einem weiteren Publikumsliebling aus Williams‘ ursprünglicher Ära.

Es ist schwer, all die Gefühle in Worte zu fassen, die einen beim Hören dieser Perfektion durchströmen, wie sie Toto immer wieder neu auflegen. Ich bin überzeugt, dass meine Superlative dem einen oder anderen auf die Nerven gehen werden – andererseits wissen diejenigen, die Toto-Magie schon einmal live erlebt haben, genau, wovon ich schreibe. Toto haben ihre Karriere auf dem Fundament der Perfektion und kreativer Stärken aufgebaut, die auch beim Samstagsauftritt in Padua die Leitprinzipien waren.

Autor: Urban Bolta
Fotos: Mitja Groznik

Setlist:
1. On the Run / Goodbye Elenore
2. Goin‘ Home
3. Hydra
4. St. George and the Dragon
5. I’ll Be Over You
6. It’s a Feeling
7. Rosanna
8. Wings of Time
9. Falling in Between
10. I Won’t Hold You Back
11. Pamela
12. 99
13. White Sister
14. Better World
15. Africa
16. How Many Times
17. Stop Loving You
18. Hold the Line
— Zugabe —
19. Home of the Brave


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