Peter Gabriel eroberte Graz mit einigen der besten Kapitel seiner Karriere (2014)

0 162

Location: Graz / Stadthalle / Österreich
Datum: Sonntag, 23.11.2014


Die Grazer Stadthalle beherbergte diesmal Peter Gabriel in ihren Mauern – einen der farbenprächtigsten Musikkünstler und Gesangsikonen aller Zeiten. Der außerordentlich charismatische Gabriel erlangte Kultstatus bereits als Mitglied der legendären Progressive-Rock- (und später Pop-Rock-)Gruppe Genesis, wo er schon als erstklassiger Bühnenunterhalter begeisterte. Mit seiner Solokarriere schuf und verschob er später zahlreiche Meilensteine in der Geschichte der Popmusik und erntete mit Hits wie »Solsbury Hill«, »Biko«, »Sledgehammer«, »Big Time«, »Don’t Give Up«, »Digging In The Dirt« und »Steam« – um nur einige zu nennen – zahlreiche Auszeichnungen und weltweiten Ruhm.

Herr Gabriel befindet sich bereits seit 2012 auf einer langen Tournee namens ‚Back To Front‘, mit der er das fünfundzwanzigste Jubiläum seines fünften Studioalbums »So« (1986) feiert – und das mit einer Band, der drei Musiker angehören, die an der erfolgreichsten Platte von Peters reicher Solokarriere mitgewirkt haben. Peters Band auf dieser ‚verlängerten‘ Tournee bestand aus Musikmeistern vom Kaliber des legendären Bassisten Tony Levin (King Crimson) – dem einzigen Bandmitglied, das von Anfang an mit ihm zusammenarbeitet –, dem Gitarrenvirtuosen David Rhodes und dem Schlagzeuggroßmeister Manu Katché. Der erfahrene Keyboarder David Sancious war Mitglied des Tournee-Teams, das das Album „So“ bereits kurz nach dessen Erscheinen präsentierte.

Das Quintett erfahrener ‚alter Hasen‘ wurde von zwei jungen Musikerinnen und exzellenten Backgroundsängerinnen begleitet: Jennie Abrahamson und der Cellistin Linnea Olsson, die kurz vor Beginn der Tournee die krankheitsbedingt ausgefallene Ane Brun ersetzten. Peter überließ den beiden großzügig die Rolle einer Art Vorgruppe, was Jennie und Linnea weidlich nutzten und mit beeindruckender Energie drei Stücke spielten, von denen das abschließende mit dem Titel »Phoenix« am überzeugendsten war. Die beiden überzeugten in ihrem kurzen Soloauftritt, der auf echtem keltischen Melos basierte (womit sie stellenweise ein wenig an Enya erinnerten), in vielerlei Hinsicht – besonders dann, wenn sie sich harmonisch beim Leadgesang ablösten und damit bestätigten, dass Herr Gabriel mit den Jahren keinen Sinn für die Wahl exzellenter Gesangs-‚Assistentinnen‘ verloren hat.

Nach dem überaus angenehmen musikalischen Vorspiel, als eine Wolke keltischer Melancholie die gesamte Halle einhüllte, war es Zeit für den großen Auftritt des Hauptstars des Konzertabends, der allerdings bereits vor dem Auftritt der beiden Sängerinnen auf der Bühne erschienen war. Onkel Gabriel teilte seinen Auftritt – den er auf humorvolle Weise und in sehr gutem Deutsch mit einer Restaurantspeisekarte verglich – in drei Teile: einen akustischen Eröffnungsteil als Vorspeise, einen elektrisch gefärbten Teil als Hauptgang und die vollständige, ununterbrochene Darbietung des Albums »So« als Dessert. Peter setzte sich daraufhin ans Klavier und eröffnete seinen Auftritt in Begleitung von Jennie und Linnea, die ihm als Backgroundsängerinnen zur Seite standen, mit dem brandneuen Stück »What Lies Ahead«. Obwohl sich Peter seit seinem Solostart 1976 äußerlich erheblich verändert hat, haben die vergangenen Jahrzehnte seinen stimmlichen Fähigkeiten in keiner Weise geschadet – seine Stimme ist hervorragend erhalten. Im fortgeschrittenen Alter meidet er verständlicherweise häufig den übermäßigen Einsatz einiger hoher Lagen und überlässt diese lieber den Backgroundsängerinnen bzw. -sängern.

Auch seine charismatische Bühnenpräsenz ist bis heute ungebrochen. Sie hat mit den Jahren sogar noch an ‚Noblesse‘ gewonnen, was er beim Auftritt in Graz mit ausgesprochen energetischen, zeitweise sogar tänzerischen Bewegungen, ständigen Spaziergängen über die Bühne und enthusiastischem Anfeuern des allzu zurückhaltenden, überwiegend österreichischen Publikums unter Beweis stellte. Peters Auftritte galten bereits zu Genesis-Zeiten als etwas Besonderes und Unberechenbares, sodass es auch durch die gesamte Solokarriere eine Art Tradition geworden ist, bei jeder neuen Tournee die eine oder andere faszinierende Bühnenbildüberraschung oder mehrere kleinere parat zu haben. Diesmal enthielt Peters Bühne eine riesige, bewegliche Beleuchtungsanlage in Form langer Pylone, die in ihrer Form an Kreuzungen zwischen Fitnessgeräten und Kontrolltürmen eines Konzentrationslagers erinnerten. Diese seltsamen Konstruktionen wurden während der Konzerte von einer Gruppe mysteriöser, maskierter Männer bedient und ausgerichtet, die den Eindruck machten, als kämen sie geradewegs aus einem Film über eine dystopische Gesellschaft oder aus Orwells Roman ‚1984‘ – in Wirklichkeit handelte es sich aber nur um Bühnentechniker. Ihre düstere und zeitweise bedrohliche Präsenz passte zusammen mit der beweglichen Beleuchtung perfekt zu den gesellschaftskritischen Texten und der humanistischen Note einiger von Gabriels Evergreens, die an diesem Abend mit ihrer ursprünglichen Magie wieder zum Leben erwachten.

Nach dem sanften und melancholischen Eröffnungsteil, den der Klassiker »Come Talk To Me« schön abrundete, begann die Stimmung sich langsam aufzuwärmen, als Peters alte Musikgefährten nach und nach die Bühne betraten. Tony Levin erschien mit seinem charakteristischen Chapman Stick als Erster auf der Bühne, und allmählich begannen die Evergreens »Shock The Monkey« und »Family Snapshot« die Verwandlung vom akustischen ins elektrische Gewand zu vollziehen. Bei »Digging In The Dirt« war schließlich die komplette Crew versammelt – also auch Gitarrist Rhodes, Schlagzeuger Katché und Keyboarder Sancious. Beim »The Family And The Fishing Net« herrschten auch etwas elektronischere Klänge, wie sie für einige von Peters neueren Werken typisch sind. Sehr gut kam auch das düstere »No Self Control« an, bei dem Peter den bedrohlich auf- und absteigenden Beleuchtungstürmen bewusst auswich. »Solsbury Hill« – das Lied über seinen Abgang bei Genesis – war zweifellos der Höhepunkt des ersten Teils dieses Konzerts, was sich auch am längsten Applaus des Abends ablesen ließ.

Nach der neueren Ballade »Why Don’t You Show Yourself« war es Zeit für das heiß ersehnte ‚Dessert‘ des Abends: die vollständige Darbietung des Albums »So«. Dabei war kaum zu übersehen, wie sehr alle Musiker auf der Bühne die einzelnen Stücke genossen und sich vollständig der magischen Atmosphäre hingaben. Peters Ensemble instrumentaler Großmeister eröffnete die Konzertversion von »So« mit dem unvergesslichen Opener »Red Rain«, der die gesamte Halle in Rottöne tauchte, während auf der riesigen Bühnenprojektion im Hintergrund Tropfen roten Regens niederprasselten. Interessant: Gabriels Band spielte die Reihenfolge der »So«-Stücke gemäß der Neuauflage des Albums von 2002, in der der Evergreen »In Your Eyes« ganz am Schluss steht und nicht in der ursprünglichen Reihenfolge.

Einer der Höhepunkte des Abends war zweifellos der große Hit »Sledgehammer«, für den Peter zahlreiche Auszeichnungen erhielt und der das meistgespielte Musikvideo in der Geschichte von MTV ist. Die Stimmung in der Halle erreichte ihren absoluten Siedepunkt, als die unvergessliche Ballade »Don’t Give Up« an der Reihe war, die Peter auf der Originalversion als Duett mit der legendären Sängerin Kate Bush eingespielt hatte. Letztere war an diesem Abend natürlich nicht zugegen, wurde aber auf faszinierende Weise von Jennie Abrahamson vertreten, die Peters bewegende stimmliche Darbietung auf perfekte Weise ergänzte.

Nach »That Voice Again« folgte eine exzellente, äußerst eindringliche Version des ’stillebenartigen‘ Evergreens »Mercy Street«, bei der Peter während des Singens auf der Bühne lag, während ihn Kameras von oben filmten. Die kurze ‚Ruhephase‘ war bald vorbei, denn die Atmosphäre in der Halle explodierte erneut während des bombastischen Hits »Big Time«, bei dem Herr Gabriel sich wieder eindrucksvoll in die Rolle des Kleinbürger-Yuppies hineinversetzte, der gerade in die große Stadt gekommen ist. Bei »We Do What We’re Told (Milgram’s 37)«, einer scharfen Kritik an einem unethischen amerikanischen Psychologieexperiment, herrschte wieder düstere Atmosphäre, die durch die bedrohliche und stoische Erscheinung der maskierten Bühnentechniker vervollständigt wurde. Diese positionierten die riesigen Scheinwerfer so, dass sie an Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnerten. Bei dem aufmunternden »This Is The Picture (Excellent Birds)« ersetzte Jennie Abrahamson hervorragend den originalen Beitrag von Laurie Anderson und sorgte gemeinsam mit Peter erneut für ein gelungenes Gesangsduett. Peters Band beschloss die Darbietung des gesamten »So« mit dem stets emotionalen »In Your Eyes«, das ursprünglich Peters einstiger Gefährtin Rosanna Arquette gewidmet war, später aber eine ganz andere, wesentlich tiefere Bedeutung gewonnen hatte – was er auch vor der Darbietung selbst betonte.

Nach einer kurzen Pause kehrte Peters Truppe auf die Bühne zurück und beschenkte uns mit einer brillanten Version des düsteren und elektronisch gewürzten Klassikers »The Tower That Ate People«, bei der das Bühnenschauspiel seinen Höhepunkt erreichte: Von der Decke senkte sich plötzlich ein riesiger Ring herab, aus dem sich dann ein turmförmiges Tuch aufblähte – sodass es schien, als würde der Turm Herrn Gabriel, der unter der länglichen Konstruktion stand, schlicht ‚auffressen‘. Zum Abschluss folgte eine außerordentlich eindringliche Darbietung des Friedenshits »Biko«, dem Peter – der nicht aus seiner Haut als großer Humanist konnte – in einer kurzen Ansprache die 43 mexikanischen Studenten widmete, die kurz zuvor auf Befehl eines korrupten Bürgermeisters von der Polizei entführt und der Mafia übergeben worden waren. Diese hatten auf äußerst brutale Weise mit ihnen abgerechnet, mit Todesopfern. Mit dieser pazifistischen Trauerfeier endete ein Abend voller Konzertgipfel – besonders was die musikalische Darbietung und die Bühnenchoreografie betrifft.

Peter Gabriels Auftritt in Graz war in jeder Hinsicht einer der Konzerthöhepunkte dieses Jahres – besonders für all jene, die ihn an diesem Abend zum ersten Mal live erlebten und sich auch aus der Nähe von seiner unglaublichen Bühnenpräsenz und musikalischen Zeitlosigkeit überzeugten. Es ist sehr schwer, den Beitrag einzelner Musiker hervorzuheben, da ausnahmslos alle – Peter am Klavier und an den Keyboards eingeschlossen – als Instrumentalisten glänzten und sich als perfekt aufeinander abgestimmtes Team erwiesen. Der große Bühnenmotivatoren schaffte es bei hervorragendem Sound, das Maximum aus ihnen herauszuholen. Leider gelang ihm dieser Erfolg beim allzu steifen Publikum nicht in gleichem Maße: Dieses beteiligte sich bei den lebhafteren Momenten zu wenig beim Mitsingen der Refrains und beim Anfeuern der Band – auch wenn es bei den einzelnen Darbietungen nicht mit langem Applaus sparte. Das spielte natürlich keine allzu große Rolle, und so war das Erleben eines der Väter des Progressive Rock ein krönender Abschluss der diesjährigen Konzertbesuche.

Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. What Lies Ahead
2. Come Talk to Me
3. Shock the Monkey
4. Family Snapshot
5. Digging in the Dirt
6. Secret World
7. The Family and the Fishing Net
8. No Self Control
9. Solsbury Hill
10. Why Don’t You Show Yourself
11. Red Rain
12. Sledgehammer
13. Don’t Give Up
14. That Voice Again
15. Mercy Street
16. Big Time
17. We Do What We’re Told (Milgram’s 37)
18. This Is the Picture (Excellent Birds)
19. In Your Eyes
—Zugabe—
20. The Tower That Ate People
21. Biko


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies