Transzendentaler Devin Townsend in der Tvornica kulture! (2017)

foto: NINA GRAD 2017
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Ort: Zagreb / Tvornica kulture / Kroatien
Datum: 12.02.2017


Genie? Wahnsinniger? Wie ein altes Sprichwort sagt, liegt zwischen beidem nur ein kleiner Schritt. Vom kanadischen Musikwunderkind Devin Townsend heißt es, er sei beides – doch er selbst sagt, dass ihn die Medien so oft zu Unrecht in diese Schublade stecken. Schaut man sich heute die Aufnahmen des Chaos an, das Strapping Young Lad war, scheint es wirklich, als wäre Devin damals einen großen Schritt Richtung Wahnsinn gegangen. Mit der Vergangenheit hat Townsend abgeschlossen, die wilden SYL-Chaos-Tage liegen hinter ihm, und die letzten Jahre beweisen, dass in ihm von Anfang an (ja, auch schon bei SYL) nichts anderes steckte als pure Genialität. Devin Townsend Project hat gegen Ende letzten Jahres bereits sein achtes Studioalbum veröffentlicht, das er nach langem Warten endlich auch auf europäischem Boden präsentiert.

Devin wurden diesmal zwei bei Fans von Progressive Metal bzw. -Rock äußerst geschätzte Bands an die Seite gestellt: die norwegischen Leprous sowie die amerikanischen Between the Buried and Me – und als erste betraten die Norweger um halb neun die Bühne der Tvornica. Die immer gut »rausgeputzte« Band widmete den Löwenanteil ihrer Zeit dem aktuellen, vor zwei Jahren erschienenen Album The Congregation; der einzige ältere Song war das eröffnende Foe vom Vorgänger Coal. Was lässt sich über den Auftritt von Leprous sagen? Groß vorwerfen kann man ihnen nicht viel, denn klar ist, dass die Jungs instrumentale Perfektionisten sind, die nichts dem Zufall überlassen. Das Zusammenspiel der Band war entsprechend auf extrem hohem Niveau; überzeugend waren vor allem die schnelleren, »fetzigen« Teile – die Verträumtheit, Repetitivität und Einars übertrieben dramatischer Gesang gingen einem allerdings nicht gerade geschmeidig runter. Augen und Ohren blieben so am häufigsten beim hervorragenden Schlagzeuger Baard Kolstad (Borknagar, ICS Vortex, ex-God Seed, ex-In Vain) hängen, der mit gnadenlosem Trommeln bewies, dass er aus etwas extremeren Genres kommt. Wenn Leprous nach eigener Aussage bis 2014 als Ihsahns Begleitband gespielt haben, ist klar, dass es sich um Spitzenmusiker handelt – aber diesmal sorgte ihr Auftritt lediglich dafür, dass man auf die Uhr schaute und auf das Ende wartete.

Mit Between the Buried and Me wendete sich das Blatt schon etwas zum Besseren, denn die Amerikaner traten aufs Gaspedal und rissen das Publikum aus seinem Dämmerzustand. Bekanntermaßen sind die Songs der Band in der Regel von epischer Länge – auch das kroatische Publikum begrüßten sie mit dem sage und schreibe zwölfminütigen Fossil Genera – A Feed from Cloud Mountain. Trotz eines etwas schwachen Anfangssounds demonstrierten BtBaM in knapp einer Stunde ihre unglaubliche Vielseitigkeit, die meistens völlig unerwartet daherkommt. Bei der Band kann man nämlich wirklich alles hören, von Blast Beats und Growl-Vocals bis hin zu abgedrehten avantgardistischen Keyboard- und Zirkuseinlagen, wie man sie von Bands wie Devil Doll und Vulture Industries kennt. Ähnlich wie Leprous kennen BtBaM mehrere Extreme, wobei die dominierenden diametral entgegengesetzt sind: technischer Death Metal auf der einen und Rogersʼ klarer Gesang mit Keyboard-Begleitung auf der anderen Seite. Zwar hatten die Growl-Parts Tommy diesmal ein bisschen mitgenommen, dafür schlug er sich mit dem Reingesang besser – mit dem es aber wieder wie bei Leprous ist: Entweder du liebst ihn, oder du hasst ihn. Songs mit überwiegendem Reingesang gab es so auch bei BtBaM eine Spur zu viele, und ihr Auftritt begann sich trotz der Vermischung verschiedener Stile – von Death Metal über Jazz, Progressive Rock und Avantgarde sowie den atemberaubenden technischen Fähigkeiten der Bandmitglieder – endlos in die Länge zu ziehen. Oder war die Vorfreude auf Devin Townsend einfach zu überwältigend.

Das wurde kristallklar, als das Publikum um halb elf mit lautem »Devin, Devin!«-Rufen loslegte und in Begeisterungstaumel ausbrach, als die Lichter ausgingen und der »one-of-a-kind« Devin Townsend mit seiner Band kanadischer Holzfäller die Bühne betrat. Devin präsentiert auf dieser Tour Transcendence, bereits das achte Studioalbum unter dem Namen Devin Townsend Project in nur sieben Jahren, an dessen Entstehung erstmals die gesamte Band mitgewirkt hat und das Devins außergewöhnliche Vielseitigkeit sehr gut einfängt, die von sensibler Subtilität bis hin zu Progressive-Metal-Wahnsinn reicht. Trotz des neuen Albums wurde das Publikum der Tvornica zum Auftakt mit Rejoice vom Vorgänger Sky Blue beschenkt, das live viel besser wirkt als auf dem Album – und tatsächlich war die mehr als anderthalbstündige Show eine einzige große Freude. Der Sound besserte sich nach einem etwas schwachen Start schnell und erstrahlte in der vollen Brillanz einer massiven Klangwand; die einzelnen Songs aufzuzählen macht da kaum Sinn, denn jeder für sich ist eine starke Geschichte, die in der Hörschnecke eine selige Ejakulation auslöst. Doch gab es ein paar Momente, die besonders herausstachen: Die erste Single von Transcendence, Failure, ließ mit ihrer Epik schon auf dem Album erahnen, dass sie live etwas Besonderes sein würde – und das war sie. Als Devin sich nach langer Zeit wieder die schwarze Peavey-Sieben-Saiter-Schönheit umhängte, war klar, dass uns ein bisschen guter alter Hevy Devy erwartet, und die Band brüllte und donnerte los mit dem elfminütigen Prog-Chaos Planet of the Apes. Auf der Albumversion ist bekanntlich Tommy Rogers von Between the Buried and Me dabei – schade, dass sie die Gelegenheit nicht nutzten, das auch live zu wiederholen. Eine noch schönere Überraschung war das selten gespielte Schmankerl von Accelerated Evolution: Suicide – bis zum Ende des regulären Sets erlebte das Publikum ekstatische Momente beim unvergesslichen Supercrush!, der Hymne der kleinen, furzenden, außerirdischen Wesen March of the Poozers sowie dem königlich-epischen Kingdom. Die bestgelaunte Band verließ dann die Bühne, und das noch besser gelaunte Publikum rief Devin lautstark zurück – bewaffnet nur mit einer Akustikgitarre. Wie üblich hätte eine Solo-Version des wunderbaren Ih-Ah! folgen sollen, aber Devin bewies mal wieder, dass seine improvisierten Überraschungen immer unvorhersehbar sind. Denn in der Menge erblickte er ein Schild mit der Bitte, Deadhead zu spielen, und Devin ließ sich nicht zweimal bitten und lieferte eine gänsehauterregende Impromptu-Version des legendären Songs. Vergesst Perpetuum Jazzile – Devin ist pure Vokalekstase. Die Liebesode für den Moment der Umarmungen und Feuerzeuge lieferte Ih-Ah!, und nach mehr als anderthalb Stunden verabschiedeten sich die Jungs mit dem zehnminütigen Higher. Devin bewies einmal mehr, dass er ohne Zweifel der charismatischste Frontman des Metals ist und einer der wenigen Musiker, aus dem echte, aufrichtige Liebe zu dem, was er tut, herausstrahlt. Obwohl dies mein bereits achter Besuch eines Townsend-Konzerts war und ich vor dem Zagreber Konzert schon eine gewisse passive Routine-Stimmung hatte, hat Devin wieder einmal gezaubert und bewiesen, dass Routine kein Wort ist, das in seinem Wörterbuch einen Platz hätte.

Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad

LEPROUS:
1. Foe
2. Third Law
3. The Price
4. The Flood
5. Rewind
6. Slave

BETWEEN THE BURIED AND ME:
1. Fossil Genera – A Feed From Cloud Mountain
2. The Coma Machine
3. Lay Your Ghosts to Rest
4. Bloom
5. Option Oblivion
6. Life in Velvet

DEVIN TOWNSEND PROJECT:
1. Rejoice
2. Night
3. Stormbending
4. Failure
5. Hyperdrive
6. Where We Belong
7. Planet of the Apes
8. Ziltoid Goes Home
9. Suicide
10. Supercrush!
11. March of the Poozers
12. Kingdom
— Zugabe —
13. Deadhead
14. Ih-Ah!
15. Higher


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