The Darkness – die durchgeknallten Hard-Rock-Narren von MTV (2006)

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Ort: Wien / Gasometer / Österreich
Datum: Montag, 20.03.2006


Na endlich, dieses Datum. Ich bin dieses Jahr schon fast gestorben vor Konzertentzug! Das ehemalige Gaswerk namens Gasometer, heute kunstvoll zu einem „Shopping and Entertainment“-Center umgebaut (mit einem Haufen Cafés, Restaurants, Läden mit allerlei Krimskrams und Kinosälen), hat eine hübsche Halle (Ba-Ca Hale), die rund 5.000 Leute fasst. Am Tag des The-Darkness-Konzerts kamen so etwa 3000 zusammen. Zur Abwechslung nach all den Tagen dieses Jahres war ausgerechnet dieser endlich mal sonnig!

Gegen 20:00 Uhr schob sich die Vorband Doomfoxx auf die Bühne. Die Jungs sind so etwas wie die Rolling Stones, nur richtig laut aufgedreht, auf 11! Vor allem beim Gesang und den Linien. Als hätte man Jagger mit Cocker gekreuzt. Gebrüllt hat er wie ein Berserker, was heißt, dass der Gesang wirklich kraftvoll war. Das Wort „doom“ im Bandnamen ist nicht aus der Luft gegriffen, denn bei aller Neigung zu „rockerhafter“ Ausschweifung steckt in ihnen auch ein echtes „Feeling“ von nahendem kataklysmischem Untergang. Natürlich spürte man gleich am „Beat“, dass es Briten sind, denn sie legten mit einem festen Rhythmus los, über den ein absichtlich dreckiges Gitarren-„Riffing“ gelegt war, genau das richtig rockige! Dabei wäre sogar Keith Richards baff gewesen, dass jemand auf der Bühne eine noch so „verstimmte“ Gitarre haben kann wie er. Die Jungs sind natürlich nicht The Darkness, aber auch sie hat offenbar das „Glam Rock“-Fieber erwischt, und auf der Bühne waren sie entsprechend aufgebrezelt. Der Sänger erinnerte an Metallica-Bassist Trujillo (also er hatte den Indianer-„Look“), war aber angezogen wie ein Jazz-Trompeter, der gerade aus dem schwarzen Harlem abgehauen ist. Kurz: Ohne Erwartungen, ohne jegliche Erwartungen ging man in den Doomfoxx-Auftritt. Und es ist unglaublich, wie die Menge in Fahrt kam, heftig reagierte und dabei eine ordentliche Portion Begeisterung für ihren Gig zeigte. Eine tolle kleine Party und genau die richtige Wahl zum Aufwärmen. Aus den wilden Reihen flog ein roter BH, den der Sänger ans Mikro hängte. Ob das ein eingespielter Trick war oder ob wirklich irgendeiner Teenagerin einer „abhandengekommen“ ist, weiß ich nicht, aber die Einlage peppte ihren Auftritt schön auf. Nach 40 Minuten ließen sie uns wieder allein in der Halle zurück.

Die Euphorie wuchs von Minute zu Minute, und kurz nach neun erklang eine bekannte Melodie. Die Hochländer aus dem Norden kommen. Arrival, das Mike Oldfield höchstpersönlich vor langer Zeit für ABBA bearbeitet hat, ging in den vereinzelten Zurufen der Menge unter. Aber das Volk erwachte bei diesem tollen Intro buchstäblich komplett zum Leben und… das erste Mitglied von The Darkness stand schon auf der Bühne. Drummer Ed Graham gab den Rhythmus von Knockers vor. Kurz nach ihm sprang Bassist Richie Edwards auf die Bühne, und die Leute begrüßten die beiden mit einem Riesengebrüll. Das Publikum bestand, wie nicht anders zu erwarten, aus Jugendlichen zwischen 16 und 25. Na, dann hüpft noch Gitarrist Dan Hawkins rauf, und hinter ihm endlich auch die Hauptfigur und Lokomotive der Band, Dans Bruder Justin. Gleich mit dem ersten Schlag war der Sound phänomenal. Dieser leicht verzerrte „Glam Hard Rock“, ihr wisst schon. Längst vergessene Tricks, irgendwie neu zum Leben erweckt. Ein bisschen „dilettantischerer“ und noch frecher (absichtlich) schiefer klingender Def Leppard, so heiß waren sie heute Abend auf der Bühne. Um eine ordentliche Nuance höher sprang das Volk natürlich, als das Intro-„Riff“ von One Way Ticket To Hell… And Back losging. Offensichtlich spürten The Darkness schnell die Hingabe des Publikums und wirkten auf der Bühne wirklich völlig ohne Bremsen.

So habe ich auf einem Konzert schon lange nicht mehr gelacht. Natürlich hat Justin alles abgefackelt! Ständig spielte er mit den Plektren herum, kaute sie im Mund, spuckte sie in die Luft, fing sie mit dem Mund wieder auf und „drosch“ sie dann im Stil eines Fußballtorwarts per Volleyschuss zurück ins Publikum. Bald hatten The Darkness die Leute mit Plektren überschwemmt und inszenierten fast einen echten Plektren-Platzregen im Stil eines Malmsteen.

The Darkness sind so eine widersprüchliche Band, die viele nicht so richtig verstehen. Viele erklären sie schnell zu gewöhnlichen großkotzigen Schminkbübchen, die in ihren eigenen Songs nichts anderes bieten als ein bisschen Queen, ein bisschen Def Leppard, ein bisschen Status Quo und sich obendrein auch noch über deren Musik lustig machen. Dazu kommt, dass schon ihr Name widersprüchlich ist. Auf der Bühne würde man irgendwelche morbiden Gothics oder Doom-Metaller erwarten. Von wegen! The Darkness sind ein paar fröhliche Burschen, totale Partytiere und, neben dem Umstand, dass sie geborene Bühnenschauspieler sind, hervorragende Musiker. Diese Tatsache macht ihre absichtlich verrückte Haltung mit einem Hauch von Hedonismus und Machismo völlig legitim. Sie sind gekommen, um rock’n’roll-mäßig Gas zu geben, und das ging ihnen spielend leicht von der Hand. Die Leute wogten zu kompakten Rhythmen, amüsierten sich über Justins Faxen auf der Bühne und gaben sich aufgekratzt und entspannt dem totalen Spaß hin. Das „Feeling“ in der Halle war fantastisch, positiv. Alle Anwesenden tobten, und die Hände waren von der ersten Reihe bis zur letzten (bei den Ausgangstüren) die ganze Zeit in der Luft. Überhaupt bestätigte die Coverversion von Highway To Hell die Tatsache, dass es völlig egal ist, wo du in der Halle stehst, wenn live so ein Song dieser Sorte erklingt. Eine Portion verschüttetes Bier entgeht dir dabei definitiv nicht. Und so klebten mir wieder die Haare, obwohl ich weit, weit weg von der ersten Reihe war. Laut den Erzählungen von Leuten, die das Geschehen aus der vierten Reihe verfolgten, wurden die fast zu Pfannkuchen, als The Darkness mit dem AC/DC-Klassiker loslegten.

Justin sang überzeugend und zog die Melodie durch unglaublich hohe Linien, wo man sich denkt, dass das wohl nur geht, wenn dich jemand ordentlich an den Eiern packt. Klar, Freddie Mercury hat sich dabei im Grab wahrscheinlich wild herumgedreht, aber Justin zeigte auf der Bühne überzeugend, dass er wirklich vollkommen professionell bei der Sache ist. Dec hat Charisma und ist randvoll mit Energie. Die Bühne war ihm überall zu klein. Er „riffte“, spielte den Großteil der Soli, spielte Keyboard und sang mit vollem Anlauf. Zu all dem gab er eine geschmackvolle Prise „Blödelei“ dazu, bei der sich die Anwesenden wirklich nicht zurückhalten konnten, ohne dass sie nicht ab und zu von Lachsalven überrollt wurden. The Darkness, deren erste zwei Alben dafür berühmt sind, dass beide zusammen kaum eine gute Stunde lang sind, haben die Songs raffiniert durch eingebaute Sketche in die Länge gezogen. So packten sie in die instrumentalen Mittelteile richtige zusätzliche Bühnennummern. Z. B. baute Justin mitten in einen Song, der von einem richtigen Rock-Gewitter geprägt war, das Hauptthema von „2001: Odyssee im Weltraum“ ein, mit einem ausgewählten Keyboard-Sound, der geradewegs in einen „Looney Tunes“-Cartoon gepasst hätte, und denselben Kniff erlaubte er sich mit dem Einschub des Hauptmotivs von Toccata & Fugue von J.S. Bach. Aber auch die anderen blieben in Sachen solcher Albernheiten nicht weit hinter ihm zurück, und Dan fing z. B. mitten in Highway to Hell an, Wine And Flowers zu spielen. Das Konzert verging fast zu schnell. Dan und Justin tauschten auf der Bühne einen ganzen Haufen Gibson- und Fender-Gitarren aus, und unter all den Gitarren in Justins Händen fand sich auch eine Ibanez im Steve-Vai-Modell, in einer abscheulich widerlichen Farbkombination, die eben zum „Schminkbübchen-Image“ passte. Bäh, ihre ekelhaften Töne in grellem, fluoreszierendem Orange gehen mir immer noch nicht aus dem Kopf.

Gegen 22:40 kam die Band zur Zugabe zurück und zündete vor allem mit dem Schlusssong Bald. Extra für diesen Song zeigte sich Justin auf der Bühne und führte den Anwesenden vor, dass er sich durch den harten Winter fleißig ein paar schöne Schichten überschüssigen Specks angefuttert hatte. Oben ohne also! Und mitten im Song verschwand er plötzlich von der Bühne. Ein paar Augenblicke später richtete sich ein Lichtkegel der Scheinwerfer genau auf die Mitte der Menge, und unter dem Volk tauchte Justin auf den Schultern zweier Security-Leute auf, die ihn von der rechten zur linken Seite der Halle trugen (von der Bühne aus gesehen). Währenddessen spielte der Typ das Solo im Song. Natürlich unter vollem Gelächter der Anwesenden in der Halle. Man hörte besonders gut, wann sie ihn wieder auf die Füße stellten. Da hörte man zum Beispiel nur noch das Riffing von Dans Gitarre auf der Bühne. Beim Zurückkehren auf die Bühne soloierte Justin natürlich weiter und ließ beim Stolpern über die Stufen jede Menge Töne fallen. Ich „krepierte“ vor Lachen. Das Konzert erfüllte die üblichen Kriterien, was die Länge angeht. Ich habe so gute 100 Minuten gestoppt. Inklusive Zugabe natürlich.

The Darkness sind eine unglaublich „heißgelaufene“ und energiegeladene junge Band, der es einfach gelungen ist. Sie zeichnen sich durch eine unglaubliche Nähe zum Publikum aus, ganz ohne jeden Hauch von Abgehobenheit, den man vielleicht von einer Gruppe erwarten würde, deren Videos auf MTV rauf und runter laufen. Locker und mit Vollgas, mit prallen Eiern, haben sie dem Publikum bei aller sonstigen Professionalität eine wirklich waschechte, unvergessliche rock’n’roll-Party geboten.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1.Knockers
2.One Way Ticket
3.Is It Just Me?
4.Growing On Me
5.Dinner Lady Arms
6.Givin‘ Up
7.Black Shuck
8.Love On The Rocks
9.Love Is Only A Feeling
10.Seemed Like A Good Idea At The Time
11.Blind Man
12.Hazel Eyes
13.Get Your Hands
14.Friday Night
15.Girlfriend
16.Highway To Hell
—Zugabe—
17.I Believe In A Thing Called Love
18.English Country Garden
19.Bald


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