Človek ni zver
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Katalena
Label: Založba Pivec
Erschienen: 2018
Laufzeit: 48:32
Wertung: 5/5
Katalena ist unsere Folk-Rock-Konstante. Es ist nämlich längst keine Überraschung mehr, dass die Gruppe allein durch ihre Erscheinung, mit ihrem musikalischen Opus und ihrer Aktivität, einen wuchtigen Gebirgsstock in der slowenischen Sichtweise auf die Verflechtung traditioneller Volksmusik mit verschiedenen Genres einnimmt. Da sie von Anfang an eine ausdrucksstarke Einzigartigkeit geboten haben, gelten sie als echte Besonderheiten. Das Vorgängeralbum »Enci Benci Katalenci« war vollgepackt mit jeder Menge amüsantem Exzess, Verschmitztheit, Ausgelassenheit und sogar einer gewissen Frechheit. Voller Heiterkeit. Es war natürlich zu 100% aus dem »katalenologischen« Rezept destilliert. Eine musikalische Herausforderung also, die Katalena mit Auszeichnung bestanden haben. Sein Nachfolger, das frisch erschienene »Človek ni zver«, hält das Qualitätsniveau aufrecht. Dafür haben Katalena eine neue künstlerische Herausforderung gewählt und für seine Entstehung neue kreative Ausgangspunkte gesetzt, die eine völlig andere, aber immer noch 100%ige Ausbeute der »Katalenologie« liefern. Diesmal haben sich Katalena der slowenischen Volksmusik zugewandt, die von Kriegsthematik durchdrungen ist. Dem haben sie Arrangements und Kompositionsstil untergeordnet.
Die Kriegsthematik ist also nicht diejenige, die das heldenhafte Köpfen von Drachen beschreiben würde (oder das heuchlerische Testen von Neutronenfusion, unter dem Vorwand, das sei notwendig, weil jemand auf der anderen Seite der Welt einfach nicht kapitulieren will). Ganz im Gegenteil. Sie berührt die »herzzerreißenden« Bekenntnisse derer, die gegen ihren Willen in den Kriegsstrudel gerissen wurden und dabei natürlich den »Kürzeren« zogen. Eine höchst aktuelle Thematik für unsere Zeit, in der die Wahnsinnigen des angehäuften Kapitals mit unseren Leben spielen, das unbedingt und auf jede Weise vernichtet werden muss. Das Album »Človek ni zver« bietet unglaubliche Intimität, ja sogar eine mystische Versunkenheit. Es packt am intensivsten genau in jenen Momenten seiner Aussage, wenn es mit größtmöglicher Zartheit und Zerbrechlichkeit gespielt und gesungen wird. Katalena haben darauf die »Arrangements befreit«. Das neue Album spricht daher wesentlich direkter an als sein Vorgänger und setzt sich so beim Hören fast im Nu im zerebralen Kortex fest. Es ist ein melodisch deutlich eingängigeres Album.
An die Oberfläche treten die ausdrucksstarken Gesichter des Bandartismus, die das reichhaltigere Kolorieren der Kompositionen mit Keyboards in den Vordergrund stellen, an die sich kontrastreich die Gitarre hängt (Travnički, Mrzle so njive), die beim Phrasieren sogar mehrmals den Vorrang vor anderen Klangbausteinen übernimmt. Narat weiß es diesmal sogar mehrmals rockig zu donnern, wie es im Krieg donnert. Schön, dass der Mann nicht ganz vergessen hat, dass es auch den Klang der Verzerrung gibt (Titelstück, Oj ta soldaški boben). Gombač hingegen ist diesmal nicht so allgegenwärtig mit seinen Blasinstrumenten, wie man erwarten würde. Natürlich koloriert er mit verschiedenen Blasinstrumenten die Kompositionen in ihren Leitmotiven, doch geht es mehr oder weniger in erster Linie um die Stärkung der Atmosphäre auf Basis ausgearbeiteter Motive, die so das kompakte Format der Kompositionen selbst stärken. Solistische Eskapaden seitens Gombač gibt es nicht viele, doch erleben wir diesmal seine Überarbeitung des betonten Einsatzes all der zusätzlichen skurrilen Instrumentalrequisiten, mit denen Katalena beim Arrangieren die Klanglandschaft äußerst geschickt füllen.
Gleichzeitig ist diesmal der Beitrag des Bassisten Syed spürbarer, der seinen Sinn für experimentellen Abenteurergeist in die Arrangements einbringt, wie er sich etwa in seinem Nebenprojekt The Puzzled findet (der düstere Track Čutim krvi utrip, mit leichtem Alternativerock-Kribbeln). Was die Keyboards betrifft, stehen sie diesmal häufiger im Brennpunkt der Kompositionen und bilden eigentlich mehrmals das Gerüst der Kompositionen selbst. Eine ganze Komposition kann diesmal auf den Keyboards beruhen, oder die Keyboards sind ein wichtiger Baustein beim Erzeugen eines spannungsgeladenen dramatischen Theaters (Čutim krvi utrip). Eine solche Keyboard-Dominanz findet sich im außerordentlich bezaubernden (neu arrangierten Volksmusik-)Stück Oblaki so rdeči und im abschließenden Kje so tiste stezice, wo die Vokalmelodie auf dem »Fahrgestell« eines völlig anderen motivischen Melos sowie eines rhythmischen Schlüssels auf dem Klavier eingebettet ist, was ein bewusstes Gefühl der Dissonanz erzeugt und den Hörer genial in ausgewählten Momenten reizt, in denen Polona mit einem einzigen dosierten Ton die Vokalmelodie einfängt, aber dann bewusst in die allgemeine atonale Abweichung zwischen der Vokallinie und dem Motiv zurückkehrt. Spejvaj, nama Katica knüpft im Arrangement unter allen Stücken des neuen Albums am direktesten an den früheren Opus des zurückgelegten Weges von Katalena an (Alben vor »Enci Benci Katalenci«)
Vesna drückt sich mit dem Gesang auf verschiedene Arten aus. Im eröffnenden Fantje se zbirajo (neben Mrzle so njive der zweite 100% eigene Stück des Albums) »durchbricht« sie Narats einleitendes Banjo mit ihrem altstimmig scharfen, chansonhaft verliebten Ansatz, der für sie eigentlich ein Markenzeichen ist. Doch bleibt sie dabei nicht zwingend. Im Grunde setzt sie ihn vollblütig erst gegen Ende des Albums wieder ein, wenn wir auf Oj ta soldaški boben treffen. Beide Stücke hält der Marschrhythmus des Schlagzeugs aufrecht, was im Einklang mit der Botschaft der Strophen steht. In den übrigen Stücken bedient sich Vesna einer zerbrechlichen Sanftheit, eines geschmeidig empfindsamen Vokalansatzes, der mit seiner Subtilität und Weichheit die Botschaften der Strophen wieder brillant zum Leben erweckt, sodass diese Gefühle in den verborgensten Winkeln der Seele des Hörers wecken. Vesnas Gesang ist besonders einladend in den mystisch versunkenen Momenten des Albums, wie etwa Ko bo fantič na vojsko šel, wo er mit seiner empfindsamen Sanftheit tief bewegt. Dort steht er in außerordentlichem Kontrast zum Vokalduett, das Syeds tiefer und männlicher Gesang ergänzt (nun, ganz so tief wie bei Lee Marvin kommt er freilich nicht). Die leicht angepassten Verse der originalen Volksmusikversion sind im Arrangement brillant ausgestattet. Es ist einer der reifsten Momente des Albums, der im Sinne der feinsinnigen Vereinigung aller Bausteine des einzigartigen musikalischen Dossiers der Gruppe das künstlerisch-ausdrucksmäßige Optimum erreicht. Von der subtilen Vokalperformance bis zur Entwicklung eines atmosphärischen Crescendos sich überlagernder Klangpastelle und der Einbeziehung zusätzlicher harmonischer Melodielinien. In diesem Stück ist sogar die Integration einiger raffiniert platzierten Effektklänge wahrnehmbar, die Assoziationen an die jüngere Vergangenheit der Elektronikpionierzeit wecken können (die Zeit der »NDW« – Neue Deutsche Welle). Es ist sicher einer der kompositorischen Höhepunkte auf dem Album »Človek ni zver«. Der zweite ist nämlich das Titelstück des Albums. Es nimmt einen besonderen Platz im Album ein. Es überrascht nicht, dass es integral ist, denn es verkörpert auf die direkteste Weise (im Sinne der Art-Evolution) die akustisch-künstlerische Haltung der Gruppe im Jahr 2018. Wenn du eine sofortige Antwort darauf willst, was der Inhalt des neuen Katalena-Albums, auf einem Fleck vereint, mit sich bringt, dann leg dir zunächst das Titelstück des Albums auf. Der Arrangementansatz ist ähnlich wie in Ko bo fantič na vojsko šel, aber mit einem verlängerten einleitenden Motiv auf den Keyboards, was kaum überrascht. Einige Stücke tragen nämlich Texte, die Ivo Brnčič geschrieben hat, der Bruder von Polona Janežičs Großmutter. Katalena haben auf diesem Album also auch einige Texte aus Brnčičs Poesie der »Kriegsgräuel« vertont. Wenn du irgendwo bis auf die Knochen frieren wirst wegen des raffiniert eingesetzten Elements des stufenweisen Vertiefens des dramatischen Theaters, das eine erschütternde Wirklichkeit beschwört, dann sicher an der Stelle des Albums, die das Titelstück einnimmt.
»Človek ni zver« ist ein Album, das dich erschüttern, wachrütteln und zutiefst aufwühlen wird. Katalena brauchten eine künstlerische Kehrtwende gegenüber dem Vorgängeralbum und haben mit diesem Schachzug wieder ein einzigartiges Werk von sich gegeben, das in allen Zügen, mit „Kopf und Bart“, 100% Katalena ist. Ein neues Studiowerk von großen Ausdrucksqualitäten, das gleichzeitig auch die künstlerische Reifung der einzelnen Bandmitglieder verkörpert. »Človek ni zver« packt den Hörer in seinem prägnanten Theater tiefgründiger Bekenntnisse sofort und hält ihn bis zum Schluss in Spannung. So real wirkt sein Inhalt. Düster, intensiv, leidenschaftlich, sehnsuchtsvoll. Ein Album, bei dem dem Hörer das Blut tatsächlich in den Adern gefriert.
„Človek ni zver“ auf Soundcloud: Katalena
Besetzung
Vesna Zornik – Leadgesang, Backgroundgesang
Polona Janežič – Klavier, Keyboards, Psalter, Backgroundgesang
Boštjan Gombač – Klarinette, Saxophone, Flügelhorn, Theremin, Ukulele, Zinnflöten, Fujara, Posaune, Backgroundgesang
Tibor Mihelič Syed – Bassgitarre, Gimbri, Ukulele, Roland HPD 20, Gitarre, Backgroundgesang
Boštjan Narat – Gitarre, Banjo, Backgroundgesang
Robert Rebolj – Schlagzeug, Percussion
Produktion
Chris Eckman
Trackliste
1. Fantje se zbirajo
2. Travnički
3. Ko bo fantič na vojsko šel
4. Oblaki so rdeči
5. Mrzle so njive
6. Čutim krvi utrip
7. Spejvaj nama, Katica
8. Človek ni zver
9. Ne vem, kako ti je ime
10. Oj ta soldaški boben
11. Kje so tiste stezice