The Rise Of Chaos
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Accept
Label: Nuclear Blast
Erschienen: 2017
Laufzeit: 46:31
Bewertung: 3/5
Jede Geschichte hat irgendwann ein Ende. Lass mich nach diesem sensationalistischen Einstieg die Sache etwas nüchterner angehen. Accept sind Metal-Veteranen – das weiß jeder. Nach einigen Jahren der Pause reaktivierten sie sich 2008 – und zwar ohne Udo Dirkschneider in der Besetzung, was viele Fans der Band bis heute nur schwer verwinden können. Bis 2014 legten die so neu erwachten Accept drei hervorragende Studioalben vor, wobei »Blood of the Nations« (2010) innerhalb dieser Serie ein Kapitel für sich bleibt. Das ständige Touren rund um den Globus und die Aufnahme neuen Materials führte zunächst dazu, dass sich 2015 Schlagzeuger Stefan Schwarzmann und der kultische »Restless And Wild«-Gitarrist Herman Frank wegen des proppenvollen Terminkalenders von der Band verabschiedeten. Baltes und Hoffmann, als einzige noch verbliebene Originalmitglieder der heutigen Accept, rekrutierten in ihre Reihen den bis dahin kaum bekannten Schlagzeuger Chris Williams sowie den »verlorenen (und wiedergefundenen) Sohn des deutschen Teutonic Metal« Uwe Lulis (ex-Grave Digger). Diese Band schuf so in einer kreativ ergiebigen Phase von anderthalb Jahren gemeinsamen Schaffens das neue Studiowerk mit dem Titel »The Rise of Chaos«.
Accept waren schon immer für ihre Meisterschaft im Minimieren bekannt. Das heißt, sie haben schon immer äußerst geschickt mit dem Grundsatz »weniger ist mehr« hantiert und daraus stets das Optimum herausgeholt. Auch auf »The Rise of Chaos« halten sie daran fleißig fest, und die Songs sind von der ersten bis zur letzten Note durchdrungen vom ursprünglichen Accept-Sentiment sowie der bekannten Kompositionskultur und dem kreativen »Instinkt«. Trotzdem lässt sich festhalten, dass »The Rise of Chaos« das erste Album in der Reihe der vier »Mark Tornillo«-Alben ist, das unter einem Mangel an konkreten inhaltlichen Ideen leidet – also unter konzeptueller Abnutzung und »Verblassen«. Das neue Album vermittelt durchaus leicht einen trügerischen Eindruck von Klasse, wenn man die vorherigen drei Alben nicht kennt – was aber immerhin zeigt, dass Accept genug Routine und Geradlinigkeit besitzen, um selbst dann, wenn wir von Mittelmaß sprechen, keinen schlechten Tonträger abzuliefern. Obwohl Hoffmann in einem der jüngsten Interviews bekräftigte, das neue Album sei nach exakt demselben Muster entstanden wie die vorherigen drei – sprich: geschrieben von Hoffmann und Baltes in Zusammenarbeit mit Tornillo, erneut aufgenommen in Nashville, mit dem Sound in England unter der wachsamen Hand von Andy Sneap gemastert –, vermittelt dieses Album das Gefühl, keine Songs zu enthalten, die im Gedächtnis bleiben, die dem Hörer dauerhaft unter die Haut gehen und deren Gitarrenriffs einem beim Vor-sich-hin-Pfeifen fröhlich im Kopf nachhallen.
Die meisten Kompositionen sind in den Refrains wieder raffiniert mit wuchtigen männlichen Chorgesängen ausgestattet, die stimmungsmäßig Tornillos Geschrei ergänzen; ebenso erinnern Hoffmanns Soli und Übergangspassagen nicht selten wieder an die neoklassizistische musikalische Prägung dieses Gitarristen, der auch diesmal kreative Inspiration in den Werken der Klassikgrößen sucht. Auch die Texte wirken oft flüchtig und oberflächlich, was sich bereits bei den Melodien des Eröffnungsstücks Die By The Sword heraushören lässt – oder später im Song What’s Done Is Done. Obwohl dies ein Album echter teutonischer Prägung ist, wie sie nur die Schule des Accept-Metals hervorbringt, fehlt dem Album mehr Anziehungskraft, Einprägsamkeit und Schlagkraft. Ein Song vom Kaliber von Teuthonic Terror, Shadow Soldiers, Dying Breed, Pandemic oder Stalingrad. Auch produktionstechnisch, obwohl sich die Doktrin darin keinen Fingerbreit verändert hat, hauen die neuen Songs nicht mit so viel Wucht rein wie der Großteil der prägnanten Riffs der vorherigen drei Alben. Sneaps Produktion »täuscht« dabei gar das Ohr und klingt weicher, als man es sich wünschen würde und als Accept uns in der Vergangenheit gewöhnt haben. Schlicht wegen der Art der Kompositionen.
Vielleicht würde eine kreative Pause der Band nicht schaden. Accept sind in ihren reifen Jahren nämlich unglaublich aktiv – vielleicht sogar aktiver als je zuvor, wenn nicht gar übermäßig aktiv. Nun präsentieren sie bereits ihr viertes Studioalbum in Folge, das sie seit 2010 aufgefädelt haben. Dazu kommen noch die Veröffentlichung einer Live-CD und DVD sowie eine ganze Reihe von Tourneen und Konzerten der Band – was bedeutet, dass Accept in ihren reifen Jahren wirklich einen knallvollen Terminkalender haben. So eine Energie der alten Metal-Recken ist wirklich beneidenswert und macht alles wett. So werden auch die Songs des Albums »The Rise of Chaos« im Konzertrepertoire der neuen Auftritte den Klassikern der Band durchaus würdig Gesellschaft leisten – auch wenn das neue Album, wie gesagt, diesmal nicht die gleiche Bissigkeit und Ausdruckskraft wie die vorherigen drei mitbringt und sich bei aller routinierten Qualität letztlich etwas im Mittelfeld bewegt.
Accept – The Rise Of Chaos (offizielles Video):
Besetzung
Mark Tornillo – Gesang
Wolf Hoffmann – Gitarre
Uwe Lulis – Gitarre
Peter Baltes – Bass
Christopher Williams – Schlagzeug
Produktion
Andy Sneap
Trackliste
01. Die By the Sword
02. Hole in the Head
03. The Rise of Chaos
04. Koolaid
05. No Regrets
06. Analog Man
07. What’s Done Is Done
08. Worlds Colliding
09. Carry the Weight
10. Race to Extinction