Das Leid der Maschinen
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Werefox
Label: Moonlee Records
Erscheinungsjahr: 2016
Laufzeit: 39:33
Wertung: 4/5
Werefox, ein noch junges, aber nach Erfahrung ungemein reifes Kollektiv aus vier prekmurischen Musikern, setzt den Weg fort, den das vor drei Jahren veröffentlichte Debütstudio-Album der Band mit dem Titel »I Am Memory« vorgezeichnet hat. Das neue Album mit dem Titel »Das Leid der Maschinen« vertieft, erweitert und pflegt dabei evolutionär die eingeschlagene musikalische Ausrichtung des Erstlingswerks, das ein eigenartiges musikalisches Bilderbuch alternativrockiger Blickwinkel ist – oder vielmehr in vielerlei Hinsicht ein klanglich-stilistischer Kumulus der vergangenen musikalischen Aktivitäten der Bandmitglieder, allen voran mit Psycho-Path, Sphericube und Manul.
“Das Lied der Maschinen” ist ein musikalisch ausgereiftes Werk von intelligentem artistischen Format, bei dem reiche inhaltliche Botschaft und musikalisches Arrangement durchgehend in einem ausgezeichneten, wahrnehmbaren Dialog erstaunlich sinnvoller gegenseitiger Ergänzung stehen. Das Album sät düstere postapokalyptische Zukunftsblicke aus, in denen im Grunde die gesamte emotionale und spirituelle Intelligenz des moralisch ausgeplünderten Menschen auf Maschinen übergegangen ist, die in seiner vollständigen Entfremdung von der Natur gewissermaßen an seiner Stelle zum Leben erwachen, während das menschliche Individuum in eine programmgesteuerte Hülle ohne Farbe, Geruch und Geschmack versinkt. Die gesamte Geschichte, die die Texte enthüllen, wirkt in ihrer ganzen Bizarrerie geradezu gruselig. Mit ein bisschen Fantasie findest du bei solchen Visionen in der heutigen Zeit so manche sinnvolle Parallele zu unserer Realität, die wir leben (und irrtümlicherweise feiern). Eine dystopische, auch Orwell’sche, geschickt verpackte gesellschaftskritische Haltung des Werks. Stell dir vor, dass irgendwann in einer gar nicht so fernen Zukunft des globalen Einheitsdenkens der Große Bruder verkündet, dass Emotionalität und Spiritualität Krankheitszustände des Einzelnen seien, die dringend behandelt werden müssten (mit Feuer und Schwert verfolgt werden müssten)?
Die Atmosphäre des Albums ist kalt, wirkt entfremdet, entmenscht. Der weibliche Gesang ist streng autoritativ, durch die mehrfach bewusst repetitiv betonten Verse in den Songs streng diszipliniert, wenn nicht gar übermäßig konzis, doch an jedem Punkt des Albums tief in der Sache, wenn es darum geht, die Verse zum Leben zu erwecken. Ansatz und Klangfarbe der Stimme tragen aber einige inhaltliche Ähnlichkeiten mit dem Gesang von The Cranberries in sich. Die zeitweise geradezu gespenstische, wenn nicht gar »extraterrestrisch entrückte« Gesangsdarbietung von Meleé, ist damit einer der zentralen Anziehungspunkte des Erscheinungsbilds dieses Albums. Die hohe Musikalität des Werks, die durch die Gesangsdarbietung erzeugt wird, ist mehrfach in einem ruppigen alternativrockigen Primat lawinenartiger Gitarrenfiguren gefangen (expressiv mögliche »Einwürfe«, die nach Stoner Rock duften), in den ausgefeilten Abschnitten jedoch verschmelzen die Gitarren meisterhaft und minimalistisch im Hintergrund, durch die Schaffung neuer Klanglandschaften, die die Gesangsdarbietung so »liebkosen«. Auch die rhythmische Kinetik ist kontrastreich im Klangbild, und die Darbietung schlichter, aber fest sitzender Rhythmen, die durch das Album kurze und prägnante, doch federnde Bewegungen bzw. arrangierte Schritte liefern, trägt sogar etwas Tänzerisches bzw. Pop-Sentiment in sich.
Dieses Album öffnet Werefox die Türen weit auf für wirksames Konkurrieren auf der internationalen Bühne. Warum? Ihre verborgenen Asse im Ärmel trägt die Band in ihrer starken artistischen Definiertheit und exzellenten Produktion. Die artistische Vision des Quartetts ist also klar und unverwechselbar. Neben der exzellenten, hungrig lebendigen Produktion, die modisch gefällig ist, evoziert die Klangästhetik dieses Werks bei aller düsteren Atmosphäre auch seine mystische Gerichtetheit, was auch der typische geographische Abdruck der Melancholie der »eingesogenen« Nebel aus den prekmurischen Ebenen in den Inhalt des Werks verstärkt. Daher ist es nicht schwer, die klar definierte musikalische Vision der artistischen Eigenständigkeit und der einzigartigen Autoren-Unverwechselbarkeit der Band zu erkennen, die das neue Album wirkungsvoll erweitert und vertieft.
“Das Lied der Maschinen” packt sofort und weckt im Hörer eine bildhafte Landschaft vielfältiger Stimmungslagen, Leidenschaften und Emotionen. Es ist ein Werk filigranartig dosierter Gesten des Klangminimalismus, der eine reiche Struktur arrangierter Songs erschafft. Das bloße Gerüst der Songs eröffnet für die Zukunft mehrere Richtungen artistischer Reifung und Evolution. Eine solche mögliche Vision weiterer artistischer Evolution ist z. B. das potenzielle Kokettieren mit den Klängen von Elektronik und Industrial. Lassen wir uns also auch weiterhin angenehm überraschen. Werefox sind also eine Geschichte, die nach dem exzellenten Debüt mit dem neuen Album artistisch noch reifer und aussagekräftig noch mutiger sowie definierter geworden ist. Und wie gesagt. Die Band ist bereit, die internationale Musikszene zu erobern. Lass diesmal die Maschinen für euch spielen und singen.
Besetzung
Melanija Fabčič – Meleé – Gesang
Sašo Benko – Bekko – Gitarre, Begleitgesang
Manuel Hahn – Bassgitarre, Baritongitarre, Begleitgesang
David Halb – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Hannes Jaeckl – Gitarre, Keyboards
Mojca Krevel – zusätzliche Vocals
Dominik Bagola – Keyboards, Xylophon, Perkussion
Produktion
Hannes Jaeckl
Tracklist
1. Orange Red
2. Triads
3. Storm Stay Out
4. Magic Man
5. I Wanna Swim
6. Holy Rage
7. Omnisentient
8. Divination
9. Radical C