The Water Games

0 6

Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Purposeful Porpoise
Label: Giant Electric Pea
Veröffentlichung: 2015
Laufzeit: 90:20
Wertung: 5/5

Purposeful Porpoise, die frisch gegründete Prog-Rock-Supergroup aus Los Angeles, ist das ‚Kind‘ des Gitarrenvirtuosen/Sängers/Komponisten Alex Core, der sich entschlossen hat, die Kräfte zu bündeln mit dem legendären Schlagzeug-Großmeister Vinnie Colaiuta (ex-Frank Zappa, Sting, Joe Satriani, Megadeth), dem Keyboard-Zauberer Derek Sherinian (ex-Dream Theater, Yngwie Malmsteen), Bassist Ric Fierabracci (Chick Corea, Dave Weckl) und der Violinistin/Sängerin Ginny Luke (Meat Loaf, Dave Matthews). Das Endergebnis dieser Zusammenarbeit des Quintetts an Virtuosen ist erwartungsgemäß mehr als begeisternd.

Ihr überaus ambitioniertes Debüt »The Water Games«, das zwei Discs umfasst, ist ein Meisterwerk ‚von Kopf bis Fuß‘ – eine Überraschung freilich nur für jene, die nicht wissen, mit was für Musikern sie es hier zu tun haben. Die einzelnen Mitglieder dieser engagierten Supergroup braucht man wirklich nicht ausführlich vorzustellen, denn es handelt sich durchweg um etablierte und geachtete Meister ihrer Instrumente – abgesehen vielleicht von der einzigen Vertreterin des schönen Geschlechts unter ihnen: Die sympathische junge Frau ist nicht nur eine fantastische Violinistin, sondern glänzt auch in der Sängerrolle auf ganzer Linie und bildet gemeinsam mit Leadsänger Cora ein äußerst wirkungsvolles Gesangsduo.

»The Water Games« ist ein Konzeptalbum, das auf science-fiction-hafte Weise die dramatische Geschichte einer friedvollen Zivilisation aquatischer, zweibeiniger Wesen erzählt, die auf ihrem Wasserplaneten namens Nommos in Wohlstand lebt – bis Eindringlinge aus dem All ihnen die wichtigste Energiequelle entreißen und sie damit in einen interstellaren Konflikt von epischen Ausmaßen hineinziehen (womit durchaus ein völlig neues Kapitel von ‚Star Wars‘ oder – für Videospielfans – ‚Starcraft‘ beginnen könnte). Für die außergewöhnliche Produktion hat der preisgekrönte Produzent Gustavo Farias gesorgt. Im digitalen Zeitalter ist es längst zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Bandmitglieder ihre Beiträge völlig getrennt voneinander aufnehmen und sie anschließend an den Toningenieur/Produzenten schicken, der für die ‚Magie‘ der digitalen Bearbeitung sorgt – und so erscheint ein Album, bei dem die Musiker kein einziges Mal im selben Raum waren.

Purposeful Porpoise lehnen dieses Verfahren entschieden ab und haben deshalb die gesamte Musik auf »The Water Games« ‚live‘ eingespielt, als sich alle Bandmitglieder gleichzeitig gemeinsam im Studio befanden. Obwohl alle Kompositionen ein beneidenswertes Maß an Komplexität aufweisen, dominieren melodische Arrangements und Refrains, sodass das Album auch für etwas weniger anspruchsvolle Hörer relativ zugänglich und gut konsumierbar ist – für alle, die mal ‚etwas Neues‘ ausprobieren und sich irgendwie aus den ‚vergewaltigenden‘ Klauen der modernen Musikindustrie befreien wollen, die ihnen allerlei sofort-seichte Produkte aufzwingt.

Wie ambitioniert das Projekt auf »The Water Games« angelegt ist, beweist schon das eröffnende Epos »Crossing Into The Unknown«, das knapp einundzwanzig Minuten umspannt und zugleich das aufregendste wie komplexeste Werk des gesamten Albums ist. Eigentlich ist es genau jener atemraubende Track, der dem Album sofort zu Beginn das Prädikat Meisterwerk einbringt. Auf den außerordentlich subtilen, neoklassizistischen Auftakt an akustischer Gitarre und Violine, untermalt von jazzfusionistischer rhythmischer Untermalung, folgt ein Übergang in einen melodramatischen Abschnitt. Hier setzt Alexs leicht frenetischer Gesang ein, der entfernt an Geddy Lee (Rush) erinnert.

Mit der Zeit bilden die beiden gemeinsam mit Ginny ein äußerst wirkungsvolles gemischtes Gesangsduo, das sich ideal mit den symphonischen Arrangements und der jazzigen rhythmischen Kombinatorik im Hintergrund verbindet und dabei das zuvor erwähnte Science-Fiction-Konzept wirksam einführt. Die Ambient-Flächen sind außergewöhnlich – besonders wenn längere Instrumentalpassagen einsetzen und Raum für melodisch ausgerichtete Improvisation entsteht. Die ätherischen Harmonien, in denen Violine und Keyboards ineinanderfließen, während die beiden Leadsänger die Dramatik aufbauen, sind eine wahre Wohltat für die Ohren und sorgen für einige zutiefst bewegende Momente. Cora ist ein fantastischer Gitarrist, der aus der gleichen Schule stammt wie Steve Vai und Joe Satriani. Neben seinen außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten hat er aber auch ein besonderes Gespür für Raffinesse und Melodiösität.

Colaiuta, nach Meinung mancher sogar der brillanteste Schlagzeuger, mit dem der legendäre Frank Zappa je zusammengearbeitet hat, ist natürlich ein Kapitel für sich und nach wie vor einer der besten Schlagzeug-Virtuosen überhaupt, der mühelos zwischen verschiedenen Techniken und den anspruchsvollsten Taktarten wechselt. Besonders wirkungsvoll, kreativ und vergnüglich ist er beim Einsatz der Becken. Fierabracci ist am Bass durchgehend außerordentlich melodisch und kreativ, während Sherinian einmal mehr der ‚Alleskönner‘ ist, wenn es um den virtuosen Einsatz seines Keyboard-‚Imperiums‘ geht. Das epische Abenteuer fantastischen Ausmaßes, das mit mächtigen Vokalharmonien und dichten symphonischen Klangwänden seinen Höhepunkt erlebt, vergeht unglaublich schnell – was eigentlich alles über seine Großartigkeit sagt.

Wenn man gleich zu Beginn eines Albums ein solches episches Meisterwerk wie »Crossing Into The Unknown« hinlegt, ist es gewöhnlich verdammt schwer, das Niveau zu halten – aber Purposeful Porpoise sind nicht umsonst eine Supergroup, und so bricht das über elfminütige Improvisationskarussell »The Air Pirate«, das mit einer treibenden Hard-Rock-Gitarrenphrase einsetzt, bevor intensive Improvisationen zwischen E-Gitarre und Violine übernehmen, bereits erfolgreich zu einem neuen, aufregenden und diesmal instrumental ausgerichteten Musikabenteuer auf. Mit der Zeit schafft die Band ein echtes Spielfeld zum Ausreizen ihrer virtuosen Fähigkeiten, wobei die Hauptrolle meistens Alex zufällt – dessen Spiel unbedingt alle Fans von Steve Vai, Joe Satriani und John Petrucci (Dream Theater) sowie der gitarristischen Heldentaten von Frank Zappa hören müssen. Der ziemlich überraschende Prog-Metal-Schlussteil, in dem neben dem Gitarrengewitter Colaiutas atemraubende Schlagzeug-Eskapaden die Oberhand gewinnen, ist ebenfalls ein Kapitel für sich.

Die erste Disc, die aus drei ausgezeichneten Epen besteht, schließt mit dem über zwölfminütigen Schmankerl »Cycles«, das einen leicht psychedelischen Einleitungsteil enthält, dem ein brillant ausgeführter Übergang in einen melodischen Abschnitt mit ätherischen Vokalharmonien und einem Höhepunkt in einem hypnotischen Refrain folgt. Das Gesangsduo zwischen Alex und Ginny ist einmal mehr unglaublich wirkungsvoll, während die pfiffigen und intelligenten Tempowechsel, getragen von den spielerischen Keyboard-Passagen von Herrn Sherinian, genau zum richtigen Zeitpunkt einsetzen. Dies ist eines jener hervorragenden Werke auf dem Album, bei dem die brillante Fähigkeit von Purposeful Porpoise, harmonische Brücken zwischen Komplexität und Melodiösität zu bauen, ständig aufleuchtet – wobei der instrumentale, gesangliche und kompositorische Beitrag der einzelnen Musiker nicht genug gelobt werden kann.

Auf der zweiten Disc findet sich kein episches Stück, das die Zehn-Minuten-Marke überschreitet, weshalb (nennen wir es so) etwas kompakter gebaute Songs überwiegen, auf denen die Band jedoch eine ganze Reihe verschiedener Genre-Kunststücke vollführt – von Symphoprog, Prog-Metal, Funk, Hard Rock und Jazz Fusion über Pop-Rock bis hin zu Alternative Rock. »Air Pirate Jam« ist noch lange nicht nur ein instrumentales Jam zum Unter-Beweis-Stellen individueller Solokünste, sondern gleichzeitig auch ein äußerst vergnügliches jazzfusionistisches Improvisationskarussell, bei dem man aus dem Staunen über den virtuosen Perfektionismus und die Spontaneität kaum herauskommt.

»Unexplored« ist ein symphoprog-rockiges Kunstwerk, das zwischen subtilen Gitarren- und Violinpassagen sowie ätherischem Gesang die ideale Mischung aus altschulischen und modernen Klangfacetten bietet und dabei frisch klingt und zugleich einen außergewöhnlichen Ambient-Kontrast erzeugt. Ginnys sinnliches Violinsolo würde gewiss auch der legendäre Eddie Jobson (UK, ex-Jethro Tull, Frank Zappa) mit Lob bedenken.

Auf dem leicht bissigen und gesellschaftskritischen »iPhone« setzt Cora beim Gesang einen Vocoder ein, während ihn im Hintergrund melancholische Violinpassagen und weite Synthesizerwellen unterstützen. Dies ist eine weitere interessante Komposition, in der beide Leadsänger gleichwertig zum Ausdruck kommen und gemeinsam für spannungsgeladene Dramatik sorgen. »Lost«, in dem ein mehrstimmiger Refrain im Vordergrund steht, hat einen langsamen, pastoral-melancholischen Einstieg, während Alexs Gesang diesmal ungewohnt leidend klingt. Auch sein Gitarrensolo ist wieder eine echte Wohltat für die Ohren. »Serena Song« ist ein weiteres überaus ambitioniertes Experiment, in dem gut harmonisierte Elemente aus Jazz Fusion, Funk und klassischem Rock dominieren, durch die schnell ein ätherisches Ambiente entsteht. Im weiteren Verlauf dreht die Band nach zahlreichen bunten Improvisationseinlagen wieder richtig auf und hebt die Stimmung des Songs auf ein höheres Energieniveau.

»Nowhere Bound« ist eine weitere sehr solide, überwiegend symphoprog-rockig ausgerichtete Komposition mit Schwerpunkt auf melodischen Arrangements, in der sich auch einige Einflüsse des typischen Pink Floyd-Melos ausmachen lassen. Beim abschließenden Triumph »Which Way Is Up«, der allen Fans des späten The Beatles gefallen dürfte, spielen Purposeful Porpoise auch noch mit Elementen aus Symphonik, Pop, Psychedelik (Vokalharmonien) und Blues (Gitarrensoli) und formen damit eine äußerst angenehme, auf der Violine ruhende Melodie mit einem Höhepunkt in einem psychedelischen Refrain.

Purposeful Porpoise ist eine frisch gegründete, konzeptuell ausgerichtete Supergroup, die die meisten Prog-Rock-Fans mit Sicherheit mit offenen Armen empfangen werden, denn schon mit ihrem Debüt »The Water Games« haben sie ein Meisterwerk von beeindruckendem Ausmaß und eines der interessantesten Prog-Rock-Alben des Jahres 2015 geschaffen, das auch nach ‚unzähligen‘ Durchgängen nicht aufhört zu begeistern. Eine der Hauptstärken von »The Water Games« ist zweifellos, dass die einzelnen Motive und Arrangements auf dem Album – obwohl alle beteiligten Musiker eine außergewöhnlich breite Palette musikalischer Einflüsse mitbringen und Cora nach eigenen Worten ein Album schaffen wollte, mit dem er der britischen Prog-Rock-Szene der Siebziger seinen Tribut zollt – nur selten direkt an das Erbe der Prog-Rock-Legenden erinnern, was bei modernen Prog-Bands eigentlich die Norm ist. In diesem Bereich gibt es nämlich zwei Kategorien: Bands, die sich am mächtigen Erbe der alten Prog-Schule lediglich inspirieren lassen, und jene Bands, die ihre gefeiertsten Vertreter schamlos kopieren. Einflüsse sind durchaus auszumachen, doch sie sind minimal und dem spezifischen kreativen Geist der neuen Supergroup untergeordnet.

Die Geburt von Purposeful Porpoise ist zweifellos eines der besten Dinge, die dieses Jahr im progressiven Rock passiert sind, und man darf sich berechtigte Hoffnung machen, dass Alex und seiner Crew eine lange und erfolgreiche Karriere voller konzeptueller Meisterwerke bevorsteht. »The Water Games« ist nämlich erst der erste Teil der angekündigten Science-Fiction-Trilogie-Saga aus Alben/Büchern unter dem Gesamttitel »Jeux D’Au« – was übersetzt, ihr habt es erraten, »Water Games« bedeutet.

Besetzung

Alex Cora – Gitarre, Leadgesang
Vinnie Colaiuta – Schlagzeug, Perkussion
Derek Sherinian – Keyboards
Ric Fierabracci – Bass
Ginny Luke – Violine, Gesang 

Produktion

Gustavo Farias

Tracklist

CD1
1. Crossing Into The Unknown (20:46)
2. The Air Pirate (11:23)
3. Cycles (12:209

CD2
1. Air Pirate Jam (7:17)
2. Unexplored (5:36)
3. iPhone (6:06)
4. Lost (7:19)
5. Serena Song (9:24)
6. Nowhere Bound (5:43)
7. Which Way Is Up (4:27) 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies