Over My Dead Body
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Mills, Tony
Label: Battlegod Productions
Veröffentlichung: 2015
Laufzeit: 52:30
Wertung: 4/5
Tony Mills ist ein Musiker mit einer langen Karriere, die bis ins Jahr 1977 zurückreicht. Besonders prägend war dabei seine Zeit bei den legendären britischen AOR-Rockern Shy; später hat er auch den eigenwilligen norwegischen Hard-Rockern TNT einige Jahre als Sänger ausgeholfen. Mills ist zudem bekannt für seine Zusammenarbeit mit einem weiteren norwegischen Projekt namens Siam, außerdem schmückt seine Stimme eine ganze Reihe von Alben verschiedenster Künstler – mal als Hauptsänger, mal im Background. Mills gilt darüber hinaus als äußerst talentierter Komponist und Arrangeur sowie als sehr guter Produzent.
»Over My Dead Body« ist insgesamt das vierte Solo-Studioalbum von Tony Mills. Es hat länger gebraucht als erwartet und als der Sänger ursprünglich geplant hatte. Nachdem Mills TNT vor drei Jahren verlassen hatte, versuchte er gemeinsam mit Kollege Henning Ramseth das Projekt Siam wieder zum Leben zu erwecken. Leider verlief sich das Ganze im Sand, und die für das Projekt Siam erarbeiteten Ideen landeten schließlich auf Tonys Soloalbum. »Over My Dead Body« ist ein zutiefst persönliches Bekenntnis-Album, das uns in Tonys Lebensgeschichte des spirituellen Todes und der Wiedergeburt entführt. Daher auch der Tarot-Gehängte auf dem Albumcover, der symbolisch die Bereitschaft des Einzelnen zu Tod und Wiedergeburt versinnbildlicht.
Verglichen mit Mills‘ letzten musikalischen Aktivitäten ist »Over My Dead Body« eine ganz andere Geschichte. Was zuerst überrascht: sein ausgesprochen düsterer Charakter. Das Zweite ist der Gesangsansatz, der sich erheblich von dem unterscheidet, was wir von Tony bei Shy oder etwa den AOR-Revivalisten Serpentine gewohnt sind. Das liegt zweifellos auch an der Art der Komposition. Die Songs entstanden in Zusammenarbeit von Mills mit einer ganzen Reihe von Musikern wie Ralph Cardall, Steve Higgs, Douglas Docker, Simen Johanhessen, Oyvind Waernes, Tony Marshall und Vince O’Regan, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Bob Catley. Eine Schlüsselrolle im Entstehungsprozess spielten auch Musiker und Arrangeure wie Neil Kernon (Produzent des Albums und Tonys Produktionskollege schon aus Shy-Zeiten), Robert Saal (Work of Art), Douglas R. Docker, Paul Sabu und der bereits erwähnte Hennig Ramseth. Jeder hat seinen Teil zum Mosaik beigetragen, und das vorliegende Werk ist, was Arrangements und Atmosphäre angeht, ungemein abwechslungsreich. Farbenfroh. Voller »Temperatur«-Variationen.
Auf diesem Album gibt’s also eine wirklich gelungene Genrevermischung. Von der A-cappella-Nummer Bitter Suite, die beim Kombinieren von Vokalharmonien ihre Inspiration deutlich Queen verdankt, bis hin zu treibenden metallischen Sturmtracks wie dem ausgesprochen düsteren 28. Flight oder dem später auftauchenden erweckenden Hymnen-Kracher Northern Star. Die Songs besitzen eine interessante Mischung aus Metal und AOR, die schon der Opener Time Won’t Wait präsentiert – und zugleich lehnt sich das Album an den anspruchsvolleren Stellen (besonders die Mid-Eight-Passagen) auch an Art-Rock- und sogar Progressive-Rock-Prinzipien an. Stellenweise zieht’s einen – vor allem dank Tonys Gesangseinsatz – richtig in Queensryche-Territorium, was auch am Einfluss der Zusammenarbeit mit Neil Kernon liegt. Dann gibt es Momente, die für die unverkennbare Kontinuität und Zugehörigkeit von Tony Mills zum AOR-Genre sorgen, wie der Song 4 in the Morning und besonders danach Somewhere in London, wo Robert Saal, Mitglied von Work of Art und W.E.T., seinen kompositorischen Stempel aufgedrückt hat. Dieser Song hätte problemlos auf einem der Work of Art-Alben oder auf späteren Shy-Alben landen können, wie etwa »Sunset And Wine« (2005) oder »Unfinished Bussiness« (2003). Der Song My Death ist eigentlich eine Bearbeitung des Stücks Le Mort des belgischen Komponisten Jacques Brel.
Mills regiert mit seiner Stimme. Das Album ist seiner vokalen Dominanz vollständig untergeordnet. Der Sänger ist durchgehend und mit voller Konzentration darauf ausgerichtet, echte Leidenschaft und Emotionen zu vermitteln – und dieser markante Stempel des Sängers ist der entscheidende Trumpf der enormen Anziehungskraft und Faszination dieses Albums. Bezogen auf die Geschichte, an die das Album geknüpft ist, vollzieht es auch kompositorisch eine Art Übergang vom Dunklen ins Helle. Es beginnt ausgesprochen düster und bewegt sich durch diese Düsternis schrittweise hin zu erweckenden, hymnischen Melodien, die eine Wiedergeburt ankündigen. Das Album »Over My Dead Body« ist ein Manifest, auf dem Mills seine Seele und sein Herz vollständig gereinigt hat und die Zeit der Niedergeschlagenheit, der Frustrationen und Enttäuschungen hinter sich gelassen hat, die ihn so sehr niederdrückten, dass er nicht mehr sicher war, ob er überhaupt noch in der Lage sei, Inspiration und Antrieb für das musikalische Schaffen zu finden. »Over My Dead Body« ist also der Akt eines vollständigen persönlichen und künstlerischen Triumphs, mit dem Tony Mills alle Stürme überzeugend überstanden hat. Wer das Werk dieses Sängers kennt, wird von »Over My Dead Body« schlichtweg begeistert sein – das Album zeigt uns Tony Mills in einem etwas anderen, aber wieder ungemein faszinierenden Licht, voller kreativer Perfektion und unverkennbarer stimmlicher Klasse.
Besetzung
Tony Mills – Gesang, Background-Gesang
Paul Sabu – Gitarre
Robert Saal – Gitarre, Keyboards
Henning Ramseth – Gitarre, Bass, Keyboards
Douglas Docker – Keyboards, Background-Gesang
Eric Ragno – Keyboards
Andreas Passmark – Bass
Victor Borge – Bass
Neil Kernon – „fretless“ Bass
Andreas Nergard – Schlagzeug
Produktion
Tony Mills
Trackliste
1. Time Won’t Wait
2. 28 Flights
3. We Should Be On By Now
4. No Love Lost
5. Gate 21
6. My Death
7. Bitter Suite
8. Northern Star
9. 4 In The Morning
10. Somewhere in London
11. Free Spirits