Nesojeni kavboji

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Martin Ramoveš Band
Label: ZARŠ Records
Veröffentlichung: 2014
Spielzeit: 46:12
Wertung: 4/5

Martin Ramoveš Band kommen mit ihrem neuen Album »Nesojeni kavboji« zur richtigen Zeit an den richtigen Ort. Der Künstler, der nicht nur ein musikalischer Visionär ist, sondern auch großes malerisches Talent in sich trägt, hat sich für das neue Album eine echte Besonderheit ausgedacht. Das Album erschien als Comic. Als gezeichnetem Comic. Autor des Bildwerks, der Musik und der Poesie ist also Martin persönlich. Als Gesamtpaket. Eine Tatsache, die schon beim ersten Aufgreifen klar signalisiert, dass man an den inhaltlichen Wert eines solchen Werkes kaum authentischer heranreichen kann.

Martin Ramoveš ist gegen Konformismus geimpft, gegen Imitation. Genau darüber lacht das Album »Nesojeni kavboji« durchgehend auf feine Art! Das Album »Nesojeni kavboji« ist eine besondere Geschichte, von ausgereifter Charisma und deshalb durchgehend greifbarem und einzigartigem künstlerischem Wert. Wenn wir über die Musik sprechen, hat das Album »Nesojeni kavboji« schon mit seinem Titel das Wesentliche gesagt. Es geht um das Beobachten des Versinkens der Identität (und des Auftrags) des kleinen Mannes, den die Masse der nach den Noten der konspirativen Gedanken der  »Seelenfürsorge« des Großen Bruders Tanzenden verschlingt.  Es handelt sich um eine traditionelle Wahrnehmung des melodischen Wertes des slowenischen Alternativ-Rock-Undergrounds, typisch für die geografische Zugehörigkeit zum slowenischen Raum, die wirkungsvoll  mit der grundlegenden Ausdrucksplattform  des Blues verbunden wird – mit geschmackvollen Rock ’n‘ Roll-Ausflügen (Zlo dirigira) und einigen Beimischungen (Einsatz von Mundharmonikas in Arrangements mehrerer Stücke), die vor euren Augen mühelos ausgedörrte Weiten einer erlöschenden Morgenröte über dem Wilden Westen entstehen lassen. Eine verräucherte Saloon-Atmosphäre wie zum Schneiden, der Schießpulvergeruch nach dem Revolverhelden-Duell beißt noch scharf in den Nasenlöchern, die Pistolenmündungen noch heiß, der Barkeeper schenkt die siebte Runde Whiskey nach…  Übertragt diese Bilder auf das slowenische Landleben, und vor euren Augen beginnt sich ein aufregender Film des »slowenischen Wilden Westens« abzuzeichnen. Der Untergang des Hauptcharakters ist auch in dieser Geschichte unvermeidlich. Das Gefühl des Zynismus, das den Ausdruckswert dieses slowenischen Werkes begleitet, ist dabei eine typische Konstante, die bei einem solchen Ansatz eigentlich natürlich ist, wenn nicht gar obligatorische Realität. Solche Empfindungen pulsieren lebendig, greifbar, und gewinnen mit ihrer ausdrucksstarken Überzeugungskraft augenblicklich die volle Aufmerksamkeit jedes beliebigen Musikkonsumenten.

Das Album »Nesojeni kavboji« hat im slowenischen Musikraum keine nahen stilistischen Verwandten, entfernte sind jedoch möglich. Vor einigen Jahren hat sich etwa auch Robert Jukič  in einer ähnlichen stilistischen Herausforderung sehr wirkungsvoll musikalisch versucht – mit dem Album »Dobrote iz skrinje zarote«, dem sein Konzertalbum »Kramp« folgte. »Nesojeni kavboji« ist aufrichtig und besitzt eine willkommene Unpoliertheit; es hält eigentlich durchgehend auf wirkungsvolle Weise die hinzugefügte »Finesse« der Desperado-Dreckigkeit aufrecht, die sich hervorragend mit der bekannten Melancholie der Blues-Ästhetik verbindet – was besonders gut zur Geltung kommt im »unterdrückten Brodeln« des Erotizismus der Blues-»Walzer« Rep, Črna kava, Radosti ni, oder dem ganz ans Ende platzierten, mystisch anmutenden und gar mit einer Spur Psychedelik gewürzten finalen Requiem des Albums namens Obala obljuba.   

Die Gesellschaftskritik zeichnet eigentlich die Welt eines Beobachters nach, der Scharen von Konformisten aufzählt, die es sich zum grundlegenden Lebensziel gesetzt haben, um einen möglichst hohen gesellschaftlichen Status zu kämpfen. Die Beraubung moralischer Werte, emotionale und geistige Verstümmelung – das sind die realen Begleiter in diesem Milieu, und auch die Geschichte der »Nesojenih kavbojih« entkommt dem nicht. Was du auf Erden in deiner grenzenlosen Gier nach materiellem Wohlbehagen angehäuft und angerichtet hast, wird verloren sein, wenn die, die in der abschließenden Gleichung deiner Lebensgleichung die linke und die rechte Seite ausgleicht – der Tod –, dich auf die Schulter tippt (Zemlja te ne rabi). Ein Album des aufrichtigen rebellischen Aufbegehrens!

Die Band hat ein Album von außerordentlicher organischer Lebendigkeit und saftiger Klangfülle erschaffen; Martin überlagert die Wucht des klanglichen Gitarrenreflexes und der soliden Rhythmusstrukturen mit einem durchdringend maskulinen Gesang. Das Album steckt jedenfalls voller Momente, in denen ein anspruchsvoller Ansatz die Initiative übernimmt – etwa in der verlangsamten Polka-Stichelei des großen Reality-Show-Spiegels der slowenischen Gesellschaft im Stück Zemlja te ne rabi. Hier tritt Martin mit desillusioniertem Gesang auf, die Vokalharmonie des Begleitgesangs tönt ihn bewusst dissonant an, und darin ist farbenfroh die fein arrangierte Rhetorik organischer Gitarren-Ornamente eingewoben. Genau das, was die Verstärkung der Botschaft darin braucht.

Der Mehrwert des Albums »Nesojeni kavboji« liegt auch in der Tatsache, dass ihn durchgehend überzeugend das Gefühl der 100%igen Fokussiertheit der Band begleitet, die wesentlichen Aussagepunkte dieses Werkes farbenfroh herauszustellen und zu magnifizieren – auch wenn dabei gelegentlich ein bizarr luzides Ergebnis herauskommt, wie etwa das Stück Zgodbica – ein Höhepunkt des Albums, der mit seiner beißenden Spitzfindigkeit sogar an das Erbe des genialen Charakters und Werks der einzigartigen Buldožer anknüpft. Tatsächlich ist das Album Nesojeni kavboji ein Werk, das in seinen Emotionen klanglich so lebendig pulsiert, als wäre es im Studio nach dem Prinzip eines Konzertauftritts eingespielt worden. Obwohl es ein Studiowerk ist, ist die außerordentliche interpretatorische Kohärenz des Materials kaum zu überhören – ebenso wenig wie die Chemie der Bandmitglieder untereinander!

Ihr alle (nüchtern wie betrunken) Weltbürger des Šentflorjanska-Tals! Willkommen im Reich einer weiteren farbenprächtigen Reflexion über   den Spiegel des Zustands unserer Gesellschaft – nicht nur im Jahr 2014, sondern der letzten 20 Jahre schlechthin. Ein Album mit ausgeprägter stilistischer und interpretativer Eigenart und reichem inhaltlichem Wert, das euch in seiner beißenden Rohheit der »desperado alter blues«-Charisma noch sehr vertraut klingen wird. 

Besetzung

Martin Ramoveš – Gesang, Gitarre
Julijan Erič – Gitarre
Žiga Lovšin – Keyboards
Miha Erič – Mundharmonika
Marko Petrič – Bassgitarre, Begleitgesang
Luka Drobnič – Schlagzeug 

Produktion

Borut Činč

Trackliste

1. Nesojeni kavboji
2. Sprememba klime
3. Rep
4. Zlo dirigira
5. Radosti ni
6. Tiha voda utopljencev
7. Zemlja te ne rabi
8. Zgodbica
9. Črna kava
10. Obala obljuba 

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