Demolition Group beschließen die Konzert-Klubsaison in Tolmin (2017)
Ort: Tolmin / MINK / Slowenien
Datum: Samstag, 27.05.2017
So. Der Abschluss der Klubsaison in der Hauptstadt der nördlichen Primorska, Tolmin natürlich, und im dortigen legendären MINK, brachte ein konzertmäßig vollgepacktes Wochenende. Schon am Freitag, dem 26.5.2017, traten dort Mojo Hišni Band aus Ročinj auf, die sich auf dieser Bühne – ganz im Einklang mit Tradition und Brauch – mindestens einmal im Jahr einfinden. Wer für den Freitagsbesuch keinen Atem mehr hatte, dem durfte sich das Rockline-Team diesen Fauxpas am nächsten Tag auf keinen Fall leisten – auch wenn der Preis dafür eine verpasste Feuerwehrparty war, die am selben Tag,ebenfalls nicht weit entfernt in Tolmin stattfand (ich hoffe, ihr habt den Sarkasmus mitgekriegt). Am Samstag spielten nämlich im MINK die namhaften Alternativrocker und Metaller Demolition Group. Die waschechten Brežicer, die vor zwei Jahren das Album »Zlagano sonce« veröffentlicht haben, stellen sich im neuen Jahr mit einer aufgefrischten Besatzung auf den Bühnen Sloweniens auf. Neben dem eigentlich unersetzlichen und mittlerweile schon fast ikonischen Goran Šalamon besteht das Team aus einer Garde lauter begeisterter Jungs – was aber nicht heißt, dass es Šalamon trotz seines Alters an Antrieb mangeln würde. Nach den Wechseln des legendären Joco am Saxofon bzw. den Bläsern (und „Pfeifern“) zu Aleš Suša und von Matija Lapuh zum neuen Gitarristen Peter Stojanovič düsen so die frisch erneuerten Demolition Group einem neuen Studioalbum entgegen.
Wie schon üblich (das ist mittlerweile ein fester Bestandteil der dortigen Klubfolklore), beginnen Konzerte im MINK ungewöhnlich spät. Ungewöhnlich zumindest aus der Sicht eines Laien, der seine Wochentage sonst im Raum Ljubljana verbringt, wo die »Sperrstunde« schon um elf Uhr abends gilt. Die vorherigen Sätze also bitte „mit Vorsicht“ genießen. Na ja, im MINK begann das Konzert um sage und schreibe 23.00 Uhr und 25 Minuten. Einen Einstein braucht’s dafür nicht. Demolition Group haben wir übrigens beim diesjährigen Ortofest in Ljubljana erwischt. Und im Vergleich zu dieser rund eineinhalb Monate alten Erfahrung kann ich behaupten, dass der diesmalige Auftritt im MINK einen Tick noch »geschmeidiger« war, besonders entspannt und »abgekoppelt«. Auch das Gefühl war so, dass Stojanovič und Suša stärker mit dem Team zusammengewachsen sind, verglichen mit dem Erlebnis beim kürzlichen Auftritt der Band im Ljubljanaer Orto bar. Zwischenzeitlich hat es für Demolition Group einige weitere Konzerte gegeben, und das hat dem Wachstum der chemischen Bindungen des neuen Teams enorm, enorm gut getan.
Na ja, dieses Konzert in Tolmin hatte der Veranstalter ursprünglich schon für Freitag, den 12.05.2017, geplant, als man (an der berühmten Tolminer Ecke, reichlich bestückt mit Fast-Food-Angeboten, zwischen der Gregorčičeva und der Prešernova) eine Gedenktafel zum Film »Kruh in mleko« des Tolminers Jan Cvitkovič enthüllte – doch daraus wurde leider nichts (das wäre nämlich ein ganz besonderes Spektakel gewesen). Eine Woche später entschieden die Organisatoren, mit dem Konzert noch zu warten, da der Termin mit dem dritten Tag des Festivals Jazz Cerkno kollidiert wäre – ein Musterbeispiel für einen überaus respektvollen Umgang und die Zusammenarbeit auf Ebene der lokalen Konzertpromotion zwischen Cerkno und Tolmin. Am 27.05.2017 hätten Demolition Group ursprünglich in Gornja Radgona auftreten sollen, doch am Ende wendete sich alles und die Band landete in einer völlig anderen geographischen Region Sloweniens – und zwar einer deutlich erdbebengefährdeteren. Angesichts des schon sprichwörtlichen Erdbebenrufs der Gruppe allemal die passendere Region.
Philosophieren ist hier nicht angesagt. Die Band hat in einem erschöpfenden, also knapp zweistündigen Set wieder genau das geliefert, was man von ihr erwartet, was man von ihr gewohnt ist – und das ist diese erstklassige Dosis ihrer ganz eigenen Rock’n’Roll-Verbindung. Das ist das musikalische Rezept, mit dem sich Demolition Group den Ruf als Rock-Unikat und Könige des slowenischen Alternativrock-Untergrunds mit tiefgründiger gesellschaftskritischer Botschaft erarbeitet haben. Auch im MINK haben Demolition Group mehr als nur ein erstklassiges Spiel geliefert. Das Proletariat der fünf unbeugsamen Musiker bleibt unglaublich eingespielt, Suša und Stojanovič sind auch technisch deutlich versierter als ihre beiden Vorgänger – besonders souverän agierte die Gitarre im Vergleich zum Auftritt der Band im Orto bar –, während Suša mit seinen Saxofon-Improvisations-Einfällen beeindruckte, die er (nach dem Vorbild seines berühmten Vorgängers) in den Kern der Songs einwebte. Die Rhythmussektion der Brüder Gregl bleibt die unüberwindbare Festung der Band. Den Rhythmus haben Demolition Group im Blut, vollständig verinnerlicht, weshalb ihr düsterer, erotogener Groove unglaublich eindringlich ist – und ich hoffe, er wird zum Vorbild für andere slowenische Rock’n’Roll-Bands. Und dann noch die massive Klangwand des vernichtenden Phrasierens, die Suša (der zwischen Bariton-, Tenor- und Sopransaxofon wechselte) und Stojanovič im Tandem an der ausgesprochen aufgedrehten, metallisierten, vampirisierten und entfetteten Verzerrung hinlegen. Auch die Band hat einen deutlich größeren Sack voller Bühnenkinetik aus sich herausgeschüttelt, also schlicht mehr Bewegung. Die Kommunikation zwischen den Musikern auf der Bühne war deutlich intensiver als beim Erlebnis im Orto bar. Und in all das fügt sich der einzigartige und durch und durch charismatische Hüne, Sänger und Wortdoktor der Gruppe, Goran Šalamon. Schon allein durch seine Bühnenpräsenz, seine Bühnenstatur ist er etwas Besonderes – und seine Interpretation geht noch weiter und setzt wie immer das Tüpfelchen auf das »i« der unglaublichen Intensität der Emotionen und der Leidenschaft, die das musikalische Bild der Gruppe bzw. ihren einzigartigen Artismus begleiten. Diesmal verknüpfte der stimmgewaltige Goran die Songs noch ausgiebiger miteinander, im Stil eines Geschichtenerzählers. Auf diese Weise zog er das Publikum noch intensiver zu sich und zur Band. In seinen Ansagen hielt er durchgehend, auf herrlich spritzige und einfallsreiche Art, den roten Faden zwischen den Songs. Dabei kündigte er laut und deutlich an, dass die Band einem neuen Album entgegenrast. In diesem Sinne begann der Auftritt der Band auch (Preveč vsega), und so beschloss er auch seinen regulären Teil (Pojdiva tja), dazwischen stellte die Band noch zwei weitere neue Songs vor (Zvezde, Napačna midva). Neben natürlich allen üblichen Standards, mit dem Schwerpunkt auf dem neueren Material, und dem nach wie vor aktuellen, hervorragenden »Zlagano sonce« sowie »Planet starcev«.
Das Publikum war diesmal im MINK zahlreich genug, sodass die echte Energie eines solchen Klubauftritts voll zur Wirkung kam – was das Erleben der Darbietung selbst betrifft. Die Band hat wirklich eine erstklassige Show abgeliefert. Danach sagst du dir einfach: »Ja. Das ist es. Beim nächsten Mal gehe ich sie unbedingt wieder sehen – und zwar bei der erstbesten Gelegenheit.« Demolition Group bleiben also eine große, gewachsene Konstante des hochintelligenten und unglaublich eindringlichen Artismus der Alternativrock-Kultur in Slowenien.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. Preveč vsega
2. Kapital
3. Lažje je imeti psa
4. Včasih tko
5. Dan dolgih sanj
6. Dan brez
7. Planet starcev
8. 99
9. Kaplja
10. Gospodar
11. Zvezde
12. Crackhead
13. Mesečina
14. Amerika
15. Napačna midva
16. Nimam rad boga
17. Bič, luč in upanje
18. Zucco Is Not Dead
19. Zlagano sonce
20. Pojdiva tja
—Zugabe I.—
21. Neovangelij
22. T.A.U. (Temni angeli usode)
23. Japanci rade za nas
—ZugabeII.—
24. Like Night Before
25. Ljubiva za svet














