The Paradigm Shift
Autor: Primož Novak
Künstler: Korn
Label: Universal Music Group
Veröffentlichung: year_month
Laufzeit: 42:54
Wertung: 3/5
Korn ist eine jener Bands, die seit ihrem selbstbetitelten Debüt (1994) auf der kommerziellen Szene für Aufsehen sorgt. Das haben sie vor allem mit ihrem Musikstil bewiesen, der sich vom Metal entfernte – sowie mit Musikvideos oder experimentellen Alben. Letzteres ließ sich am deutlichsten auf dem letzten Album The Path of Totality erkennen, mit dem sie die Qualitäten des Dubstep einführten – zusammen mit vielen angesehenen Dubstep-Künstlern wie Skrillex, Noisia u. a. Das hat ihnen zwar noch mehr Hass eingebracht, andererseits aber auch einige neue Fans gewonnen.
Im letzten Jahr hat sich im Lager von Korn einiges verändert. Nach 2005 kehrte Gitarrist Brian »Head« Welch zurück, der die Band wegen Drogen und einer religiösen Bekehrung verlassen hatte. In der Zeit, als Welch Jesus pries, haben sich Korn ziemlich verändert. Mit dem Album See You On The Other Side war das noch nicht zu spüren, doch mit dem Album Untitled verfiel die Band dem Experimentieren (auf diesem Album war auch Originalschlagzeuger David Silveria nicht mehr dabei). Untitled selbst klang atmosphärisch, zeitweise auch psychedelisch. Danach entschied sich die Band für eine Rückkehr zu den Wurzeln mit dem Album Korn III: Remember Who You Are. Den Schlagzeughocker übernahm der talentierte Ray Luzier, und die Band wollte mit dem genannten Album an den Sound ihrer ersten beiden Alben, Korn und Life is Peachy, anknüpfen. Trotzdem war die Resonanz nicht gut. Warum ist das wichtig? Mit Welchs Rückkehr sind Korn nicht zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, sondern wollten die goldenen Zeiten wiederbeleben, als die Alben Follow the Leader, Issues und Untouchables für Furore sorgten.
2011 erschien das auf seine Weise ziemlich provokante Album The Path of Totality, das sie unter anderem auch auf dem Metalcamp 2012 beworben haben, was unter den Besuchern selbst für einige Diskussionen sorgte. Dennoch muss man betonen, dass Korn einen gewissen Stempel hinterlassen haben. Schließlich verbinden sich moderne Industrial-Bands gerne mit dem ein oder anderen elektronischen Subgenre – Korn haben sich eben den Dubstep ausgesucht.
Für The Paradigm Shift versprach die Band, die Dubstep-Elemente zurückzufahren und sich die Alben ihrer goldenen Ära zum Vorbild zu nehmen. Als Korn die erste Single Never Never veröffentlichten, häuften sich fast ausschließlich negative Meinungen. Der Song war nämlich langweilig und selbst für Korn zu kommerziell. Zum Glück ist Never Never aber kein Abbild des gesamten Werks. Mit dem Opener Prey For Me rehabilitieren sich Korn allemal. Der Track hat die typischen wuchtigen Gitarren, eine druckvolle Rhythmussektion und Jonathan Davis‘ unverwechselbaren Gesang. Ähnlich klingt Love & Meth, das durch seinen eingängigen Refrain heraussticht. Übers Album verteilt tauchen einige knackige Tracks auf, darunter What We Do, Mass Hysteria, Paranoid & Aroused und Victimized. Bei What We Do und Spike In My Veins zeigt sich dann so langsam, wo der Hase im Pfeffer liegt. Korn haben die Elektronik wieder eingebunden, treiben es damit aber nicht so weit wie auf dem Vorgänger. Das ist natürlich auch eine Folge der Zusammenarbeit mit dem Produzenten namens Nightwatch, der anderweitig als Dubstep-Act Noisia bekannt ist. Hier zeigt sich das eigentliche Gesicht des Albums: Die Band will den Hörern eine Kombination aus Wucht und Elektronik bieten. Kurz gesagt: modernes Korn.
Bis Never Never ist das Album solide; mit Never Never, das schon zu kommerziell ausgerichtet ist, verliert das Album den roten Faden. Mit der Zeit versuchen sie sich mit dem ein oder anderen härteren Track wieder auf Kurs zu bringen, aber das gelingt kaum. Es tauchen Songs auf, die nicht genug herausstechen. Hier könnte man eigentlich von »Füllern« sprechen, besonders wenn es zu Lullaby for Sadist kommt, das zwar dunkel und emotional ist, aber ziemlich zäh. Das Album endet immerhin noch halbwegs vielversprechend mit It’s All Wrong, das Wucht und Elektronik gut verbindet – doch das hinterlässt beim Gesamtwerk keinen allzu guten Eindruck.
Man muss Korn zugestehen, dass sie trotz einiger Schwächen eine gut produzierte Band bleiben. Am Klangbild selbst gibt es nicht viel zu meckern. Jedes Instrument kommt zur Geltung, auch wenn Fieldys Bassgitarre diesmal etwas in den Hintergrund gedrängt wird, sodass sein trademark-Sound nicht so heraussticht, wie er es könnte. Auf jeden Fall muss man das Schlagzeugspiel von Ray Luzier loben, bei dem man immer noch das Gefühl hat, dass ihn die anderen Bandmitglieder nicht zeigen lassen, was er alles drauf hat. Luzier könnte mit seinem Können Korn rhythmisch anspruchsvoller machen, was für die anderen Mitglieder aber problematisch wäre. Auf jeden Fall hat Luzier einen unglaublichen Sinn für groove, während die anderen Mitglieder nicht übermäßig herausstechen. Hand aufs Herz, die Gitarristen Head und Munky haben nie sonderlich Anspruchsvolles gezeigt. Aber mit all den Effekten, Samples und anderen Kniffen können die Gitarren durchaus interessant klingen. Das war bei Korn aber schon immer der Reiz. Auch Sänger Jonathan Davis beweist sich mehrfach mit seiner einzigartigen Stimme und bestimmten Melodielinien.
Mit The Paradigm Shift sind Korn nicht auf alte Pfade zurückgekehrt. Eigentlich mussten sie das auch nicht, denn an Popularität haben sie nicht viel eingebüßt. Trotz Heads Rückkehr ist es Korn nicht gelungen, ein Album zu schaffen, das mit den ersten fünf Werken mithalten könnte – es bleibt nur eine Annäherung. Vielleicht wäre es höchste Zeit, dass sich die Band mehr Zeit lässt, denn sie produziert Alben schlicht zu schnell; die Folge sind mittelmäßige Werke, die nur ein Schatten der guten alten Korn sind.
Besetzung
Jonathan Davis – Gesang, Keyboards, Samples
Brian „Head“ Welch – Gitarren
James „Munky“ Shaffer – Gitarren
Reginald „Fieldy“ Arvizu – Bass
Ray Luzier – Schlagzeug
Produktion
Don Gilmore
Trackliste
1. ‘Prey for Me’
2. ‘Love & Meth’
3. ‘What We Do’
4. ‘Spike in My Veins’
5. ‘Mass Hysteria’
6. ‘Paranoid and Aroused’
7. ‘Never Never’
8. ‘Punishment Time’
9. ‘Lullaby for a Sadist’
10. ‘Victimized’
11. ‘It’s All Wrong’
12. ‘Wish I Wasn’t Born Today’ (Bonus bei Sonderedition)
13. ‘Tell Me What You Want’ (Bonus bei Sonderedition)