Na domači brjači

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Ana Pupedan
Label: ZARŠ Records
Erscheinungsjahr: 2010
Laufzeit: 38:14
Wertung: 4.5/5

»Eins am Nachmittag, zum vierten Mal!« Manchmal muss man eben direkt zur Band gehen, um an ein Album zu kommen! Und da sammelst du ordentlich Verspätung bei den täglichen Medien-Updates an. Ach, wieder diese Ausreden! Ana Pupedan also. Nicht mehr, nicht weniger. Rocker aus Pivka, die ihre Zunge in einer über zwei Dekaden langen Karriere mit unverminderter Wendigkeit gewiefter Zungenärzte schleifen. Und trotzen weiter!

»Na domači brjači«, das vierte Studiowerk der Band, ist ein härteres und kompakteres Album als die bisherigen Kunststücke dieses hochkarätigen Quartetts von ultimativer Eigenständigkeit, angetrieben von einem genial schöpferischen Rad aus vier großen musikalischen Talenten, zwischen denen eine perfekte gegenseitige Chemie herrscht!

Die langen Abstände, in denen neue Alben entstehen, sind offenbar notwendig. Anders geht’s nun mal nicht, wenn man von den wohltuenden Auswirkungen des Lebens unter der sengenden Pivka-Sonne spricht. Die Ideen reifen optimal wie Weinbeeren, und ihre Umsetzungen sind entsprechend klar und abwechslungsreich arrangiert. Auf dem Album gedeiht bei aller organischen Authentizität der lebhaften Produktion – mit der Detonation von Kettenreaktionen der adrenalinen Eile der Interpreten – wieder unverhohlen die struppige Verwachsenheit mit jener einzigartigen Note charakterlicher Klarheit und des bildreichen Sarkasmus der Band. Das ist genau das, wofür wir immer wieder zu Ana Pupedan zurückkehren. Diese Verschmitztheit und das einzigartige Gespür für schwarzen Humor, der seit jeher durch die Adern dieser Band fließt.

Auch wenn man Ana Pupedan in einer basalen Etikettierung als eigenständiges Derivat des Alternativrocks einordnen könnte, ist diese Bezeichnung viel zu weit gefasst – wenn nicht gar abwertend für die Band. Und das haben Ana Pupedan seit jeher ausgestrahlt. Angesichts der stärker dosierten Hard-Rock-Dröhnung ist die Punk-Konnotation des Albums diesmal ausgiebiger in den Vordergrund gerückt. Dabei haben die Jungs nicht vergessen, das Ganze saftig in den salzigen Mantel gelungener Genre-Ausreißer nach »links« und »rechts« zu wickeln. In der alternativen Seele des »brennenden Punkens« der Band, das nur unter der Pivka-Sonne und nirgendwo sonst auf dem Planeten gebraut wird (Cigodrom, Taka si, Prvomajska sveča,… ähm, pardon, sreča), finden sich übermütige Hebel zur Flucht in viele Genre-Abweichungen wie »psychedelischer Punk«-SKA (Zločin in kazen), ja sogar Country (der zentrale Improvisions-Jam in Svoboda, Maligani), Sphären des Jazz (Intro von Čista misel, der zentrale Instrumentalteil in Taka si), Blues, Funk. Man kommt nicht umhin, das echte Frickeln mit den »Balkan-Nummern« in einem der besten Songs des Albums zu erwähnen: Smrt blagega diktatorja (Avsec erfindet eine neue revolutionäre Gegenseitigkeit der Südslawen durch die Vereinigung von Serbismen und Slowenismen). Im düsteren, schon geradezu verheerend schwarzen Nafte ni charakterisieren die Jungs erneut den ganzen Wahnsinn der neoliberalen Kapitalismusphilosophie, die uns in den Abgrund gestürzt hat. Leise und gründlich!

In dieser Fusion außergewöhnlicher Verbindungen fügt sich alles zu einem vollblütig wirkenden Gesamtgefüge zusammen. Man darf es ruhig ein echtes musikalisches Schmankerl nennen, aus dem der Song Svoboda den Hauptlorbeer des Albums stiehlt! Gerade dieser belegt die erstklassige Versiertheit der Musiker, vor allem die außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten des Gitarristen Boštjana Požara, der unter slowenischen Gitarristen mit Sicherheit ungerechterweise zu wenig Beachtung findet. Požar gehört zur Top-Liga der slowenischen Gitarristen! Gerade Svoboda ist der Song, der prägnant und bildhaft auf einen Schlag das vielschichtige Genre-Leuchten des musikalischen Erbes von Ana Pupedan herausstellt. Das schönste Beispiel in dieser Hinsicht auf dem neuen Album.

»Das jagdlich steinerne Herz« in Zločin in kazen (nein, kein Roman von Dostojewski!) ist eine Predigt über die Erkenntnis der Sünde, ein Tier zu erschießen, das durch die Verordnung zum Schutz gefährdeter Tierarten (Ur.l. RS, št. 46/2004, 109/2004, 84/2005, 115/2007, 96/2008, 36/2009, 102/2011) geschützt ist. Das Opfer ist diesmal der Braunbär (Ursus arctos). Der Zottelpelz streunt nun mal gerne in die Pivkaer Gegend, wo er nichts Böses ahnend hin und wieder eine pralle Kirsche zerknabbert oder einen Container umwirft, um dem städtischen Reinigungsdienst die Arbeit zu erleichtern! Leider verträgt der Mensch seine, dem Menschen gegenüber so liebevolle Charakternatur nur schlecht. Am besten wäre es, die »pensionierten« Kanonen und Panzer des Militärmuseums in Pivka zu aktivieren! Na gut, und so kommt es: Ein Mitglied der »grünen Bruderschaft« erschießt das Vieh »schwarz« und die Ordnungshüter schnappen ihn. Den armen Kerl verfolgt fortan das ewige Elend des schlechten Gewissens, und der Herzschmerz lässt einfach nicht nach. Natürlich wird auch diese Geschichte im Feuer des luziden Sarkasmus präsentiert. Es ist einer der »zündendsten« Songs auf dem Album. Allerdings würde ich wirklich gern von einem Fall erfahren, wo die Behörden irgendeinen Schlächter, der in Slowenien durch Wilderei einen Bären erschossen hat, tatsächlich dingfest gemacht haben.

Man kann sagen, dass die Songs Zločin in kazen, gefolgt von Na domači brjači und Smrt blagega diktatorja den zentralen bekenntnishaften Höhepunkt des neuen Albums der Band bilden. Der Titelsong schält wie auf der flachen Hand die Kleingeistigkeit der slowenischen Nation heraus, während Ana Pupedan im weiter oben in diesem Text gefeierten Smrt blagega diktatorja – gehüllt in den »Balkanismus« der Leitmotive – in »brillanter Sanftheit der Metapher« über vergangene Zeiten spotten, als wir gemeinsam den ehemaligen Staat der »anders gearteten Gleichheit« begruben, ohne zu ahnen, dass wir es eines Tages verdammt bereuen würden.

Ana Pupedan bleiben unsere Realität, unsere böse Stunde, die um eins am Nachmittag an unser schlechtes Gewissen klopft. An unsere Welt bitterer Erkenntnisse, vor denen wir als blutleere Beobachter immer wieder stumm die Augen verschließen. Lieber drücken wir die Wahrheit schweigend in uns hinein, um den allgemeinen Gefälligkeitskriterien des Konformismus gerecht zu werden! Das ist die wahre Nervenkrankheit der heutigen »Zivilisation« dieses Planeten!  Darin liegt die größte Stärke von Ana Pupedan: durch das Genie der Metapher ein künstlerisches Werk borstiger Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit in die Welt zu setzen. Man kann sagen, dass Ana Pupedan so tiefgründig in dem sind, was sie tun, dass sie sogar energetisch ausdrucksstarke Parallelen zu Profil und Werk der bis heute wohl intelligentesten Schmiede des schwarzen Humors aller Zeiten in Slowenien heraufbeschwören. Den einzigartigen Buldožer. »Na domači brjači« beweist, dass Ana Pupedan sich weiterentwickeln. Musikalisch und poetisch. Ihr bekenntnishafter Ausweis kennt keine Grenzen. Sie gehen Dinge authentisch an. Damit sichern sie sich selbst einen schöpferischen Korridor musikalischer Einzigartigkeit, den sie auf künftigen Werken noch so elastisch in eine neue faszinierende musikalische Erzählung drehen werden. Bleibt nur zu hoffen, dass sie uns damit früher verlocken als im Abstand von satten acht Jahren.

Besetzung

Simon Avsec – Gesang, Hintergrundgesang
Boštjan Požar – Gitarre, Hintergrundgesang, Klarinette, diatonische Harmonika, Kalimba, Tamburin
Peter Žnidaršič – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Marko Doles – Schlagzeug, Hintergrundgesang

GASTMUSIKER:
Robert Vatovec – Keyboards

Produktion

Ana Puepdan & Bojan Babič – Babo

Trackliste

1. Cigodrom
2. Ti moraš
3. Čista misel
4. Nase in vase
5. Zločin in kazen
6. Na domači brjači
7. Smrt blagega diktatorja
8. Taka si
9. Nafte ni
10. Maligani
11. Svoboda
12. Prvomajska sreča

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