Transcendent Iridescence

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Künstler: Pry
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 1:40:49
Bewertung: 3.2/5

Die serbische Metal- und Alternative-Szene war hierzulande lange Zeit ziemlich unbekannt. Abgesehen von der New-Wave-Atmosphäre der unverwechselbaren Belgrader Garagenszene war auf der sonnigen Seite der Alpen kaum anderes vertreten. Trotzdem wäre es schwer zu behaupten, dass jenseits unserer südlichen Grenze wenig passiert – das wäre ungerecht und schlicht falsch. Ein empirischer Beweis dafür ist auch die neue Welle junger Schmieden härterer Klänge, die neben stahlhartem Metal in ihrem DNA-Material noch so manches anderes Genießbares verbirgt. Ein Teil dieser Unreinheits-Verehrer meldete sich kürzlich – glaubt es oder nicht – auch jenseits der Ränder der serbischen Metropole Belgrad, und auf der Landkarte des musikalischen Geschehens in Serbien schrieb sich vor drei Jahren auch Novi Sad ein. Für diesen außergewöhnlichen Eintrag auf der Landkarte der neuen serbischen Musikszene sorgten Pry, die dieses Jahr mit einem wirklich üppigen Brocken aufwarteten – dem Doppelalbum Transcendent Iridescence, das auf unserem Musikportal zumindest eine Erwähnung verdient.

Drei Jahre nach der Gründung beschloss das Musikkollektiv der Alternativ-Rocker mit hartem Einschlag, etwas anzubieten – nennen wir es so – Frisches und Beweglicheres als die Konkurrenzprodukte auf dem von Metal ziemlich gesättigten Markt. PRY haben nur wenige Monate nach ihrer Entstehung ihre erste EP From Morph aufgenommen und auf den Markt gebracht; das Rezept vereint von Anfang an eine Synthese aus dem Seattle Sound und etwas wie Alice In Chains, allerdings mit einem progressiv beweglicheren Tool’schen Rhythmus-Additiv. Da es heutzutage in der Musik neben dem Ausbalancieren der Instrumente auch fortschrittliches Design, Promotion, Marketing und mehr braucht, gelingt es nur wenigen, einen qualitativen Sprung über zu ambitioniert gesteckte Ziele hinaus zu schaffen. Auf den ersten Blick und Gehör hat dem Quintett, bestehend aus Sänger Filip Maletić, den Gitarristen Arpad More und Bane Božanič, Bassist Goran Zečevič und Schlagzeuger Zoltan Simon, der DIY-Ansatz, die ambitionierte Vision und der Drang nach perfekter Qualität die gewünschten Ergebnisse gebracht, denn im April erblickte ihr Debüt das Licht der Welt, das über die Band beinahe alles und zugleich nichts aussagt. Und das Debüt ist nicht nur erschienen, sondern das Gespann aus Ideen ist in ein wirklich konkretes Luxus-Set gegossen, dem man aus gestalterischer Sicht, ästhetischer Vollendung und visueller Eleganz nichts vorwerfen kann. Eigentlich würde man so etwas erst von Bands erwarten, die bereits etwas finanziellen Input in ihre Musikkoffer gesteckt haben – zuletzt war ich in den Genuss eines so reichen Sandwiches aus Texten, Visuals und schönen grafischen Ausführungen bei Trent Reznor auf der Nine Inch Nails-Platte The Fragile gekommen, von der aber schon mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist…

Das gigantische Konglomerat Tra(i)nscendent Iridescence ist ein schizophrenes Produkt, in dem der Klang der Neunziger mit Assoziationen an STP und ein in Ketten geschmiedetes Alice versuchen, sich die Hand zu reichen – und insgesamt schmuggeln sich Klänge von Tools Alben Opiate und Undertow in die Ohren, dazu ein Trippen auf Katatonia, die erste Platte der damals noch formlosen Incubus sowie Staind und noch so einiges mehr. Die solide Produktion führt dich auf dem Schotterweg der Ideen und des Unterbewusstseins auf ziemlich kohärente Weise, allerdings nicht ohne Stolperstellen. Der erste Teil des Albums ist härter und roher, und bereits nach dem Einsteigen auf den Bahnsteig des Geschehens mit Silhouette wird klar, dass der Diamant recht ungeschliffen und schematisch ist. Filip zieht den musikalischen Ansatz von Layne Staley übermäßig stark heran, gekreuzt mit Brandon Boyd und Aaron Lewis, während das Gitarrenduo der melodischen, aber keineswegs prätentiösen Sechssaiter Arpad More und Bane Božanič sich vom ursprünglichen Substrat der Ideen Adam Jones‘ nährt (eher in seiner embryonalen Phase ungeläuterter Ideen ganz am Anfang des Tool-Weges). Das Rhythmusduo aus Bassist Goran Zečevič und Schlagzeuger Zoltan Šimon ist zwar ein komplementärer Baustein des Klangs der Band PRY, doch ist beim ersten Anspielen bereits klar, dass das etwas undefinierte Klangbild so angelegt ist, dass das Gesamte nicht so wirkungsvoll und effektiv klingt, wie es könnte. Die Tracks sind lang und vielleicht etwas zu sehr in die Länge gezogen, dennoch entfalten die fünf ihren Faden entschlossen und souverän – und vor allem im Einklang mit ihrer eigenen Arbeitsformel. An schönen Momenten, die die abgehackte, aber lebhafte Rhythmusstruktur von melancholischen, etwas blassen, nebligen Konturen hin zu unvollkommenen Höhepunkten treiben, mangelt es nicht, und der Beweis dafür sind eigentlich alle Tracks der ersten Albumhälfte. Zu den dichteren und effektiveren Momenten gehört das Finale von Dance Of The Wicked, das die Jungs aber mit ziemlich weltschmerzlichen Refrains ersticken, die tatsächlich so klingen, als würden sie unter heulenden, amerikanisierten Phrasen (davon hab ich mich schon bei unserem subalpinen Wunder Siddharta sattgehört) ihr balkanisches Wesen um jeden Preis verstecken und verleugnen wollen. Schade, denn etwas Eigenständigeres wäre weitaus willkommener. Den Jungs mangelt es keineswegs an Talent und musikalischer Leidenschaft, aber der härtere Teil des Albums gleicht eher Skizzen als vollendeten Fresken, die das gesamte Potenzial des jungen Kollektivs so abbilden könnten, wie PRY es verdient hätten.

Echte Hits gibt es keine; bedingt könnte man 8 Circles in diese Klassifizierungsschublade stecken. Da ich selbst aber ein Fan kranker Übergänge und Spannung bin, würde ich auf meine persönliche Liste der Tracks, die mir trotz allem ans Herz gewachsen sind, Indigo Eyes und das bereits erwähnte Dance Of The Wicked setzen. Die Atmosphäre, für die die Band in Serbien als eine der qualitativ hochwertigsten gilt, strahlt nun mal nicht aus jeder Pore des Albums, die qualitätsvolle Darbietung ist jedoch in jedem Takt des Werkes zu hören, das vom Zuhörer mehr verlangt als nur oberflächliches Hingeben an Rhythmus und Melodie. PRY sind Meister des Komplizierens, aber keineswegs halbherzige Köche von Instant-Orgasmen (der Eargazm-Effekt tritt nämlich erst nach dem zehnten Anhören ein…). Und dabei sind wir erst auf der Hälfte des Materials! Der zweite Teil ist eine völlig andere Geschichte. Iridescence ist die Hälfte des Opus, bei der sich zumindest meine Ohren deutlich mehr erwärmt und verliebt haben. Lake Of Fortitude Pt. 1 ist nicht nur ein sinnlich gespielter Diamant der Sinnesfreude, schöner Gitarren und Opeth’scher Anmut, sondern führt den Zuhörer in ein weitaus verträumteres und süchtig machendes Klang-Universum. PRY gelingt es in ihrer weniger aggressiven Phase, etwas zu weben, bei dem sowohl die Grunge-Seele als auch das progressivere Element des fortschrittlich denkenden Metallers in dir herrlich resoniert. Die epische Anlage des Eröffnungstracks der zweiten Albumhälfte zielt darauf ab, über die Ränder der zuvor ziemlich abstoßenden Imitation bereits durchgekauter Geschmäcker und musikalischer Konturen hinauszusteigen. Die Arrangements spielen diesmal die richtigen Saiten an, und nach dieser Levitation und dem abgeworfenen Ballast bekommt man das Gefühl, als würde aus demselben Körper eine völlig andere Stimme sprechen. Ich gebe zu, dass ich ein Fan des Ansatzes von Tool, A Perfect Circle und des einheimischeren Sentiments der heimischen Father bin – diesmal könnte ich der Liste aber ohne Zögern auch PRY hinzufügen. Das tantrische Mantra entfaltet sich dann schön weiter mit Tidal, das mit dem einleitenden Suspense von River in das außergewöhnliche Spiel von Waves übergeht. PRY beweisen, dass im Schoß der Band ein großes Potenzial zur Erzeugung herrlicher Emotionen steckt, die wie die Strahlung post-grungiger Supernovae das gesamte musikalische Wesen der Band durchdringen. Das jazzig-verträumte Island setzt sich im gedämpften Echo von Flow fort, das wie eine unveröffentlichte Single von Maynards Allianz vom Album 13th Step klingt, und The Leech beweist, dass das Gitarrenduo derzeit eher in den astralen Sphären meditativerer Fraktale mikrofonischer Färbung zu Hause ist als in direkten Attacken auf all deine Sinne. Die zweite Hälfte des Gehörten stiehlt meine gesamte Aufmerksamkeit und führt mich zur vollständigen Auflösung in den Bläschen des einfallsreichen Trippens auf den Wellen von Dopamin und Endorphinen, und PRY dominieren wunderbar zwischen dem linken und rechten Lautsprecher mit ihren unfassbaren Rauchvorhängen herrlicher neuer Musik. Wasteland mündet in den sinnlichen Erguss des Intermezzos Feel, nach der schönen Ouvertüre von Drifting Madeline ist dann Zeit für das i-Tüpfelchen mit dem zweiten Teil des Versinkens im Klang-See von Lake Of Fortitude Pt. 2, das mit massiven Verzerrungen die letzten Atome des Zweifels an der grandiosen Kraft des vojvodinischen Exportprodukts vernichtet – auf das in Zukunft ohne Zögern setzen kann, wer einen Hauch von Geschmack, Sinn für gute Musik und ein Gramm Verstand besitzt!

https://www.youtube.com/watch?v=h0dFN733yvU

Ehrlich gesagt ist das Album Transcendent Iridescence ein anstrengendes Werk, das dich zweifellos ordentlich durchmangeln wird, doch auf dem Weg von Punkt A zum Ziel im astralen Punkt B wirst du allerlei transzendentale Wendungen erleben, für einen Moment die wunderschönen erogenen Zonen herrlicher Inspiration berühren, tausende Stürme seelischer Höhen und Tiefen durchsegeln und auf diesem wilden und ungleichmäßigen Weg zumindest den Kern der Seele und des Fühlens der Band PRY aus Novi Sad kennenlernen – vor der, so hoffe ich, noch viele ähnliche musikalische Epen liegen. Die hochgesteckten Standards dürfen sie nicht beschneiden und in ihrem Streben nach Vollendung nicht nachlassen. Das Debüt ist da und für mehrmaliges Anhören gedacht, dennoch gibt es mehr als genug Raum für Verfeinerungen, Evolution und Verbesserungen. Ich selbst würde beim nächsten Mal gerne etwas hören, das dem Gedankenfaden des zweiten Albumteils folgt – auf jeden Fall aber etwas, das etwas mehr eigenständige musikalische Seele, Einfallsreichtum und Herzlichkeit mitbringt. Interpretationen und Neuinterpretationen bereits Gehörten hat es in den vergangenen Jahren mehr als genug gegeben, und die Trennlinie zwischen den Inspirierten und Eigenständigen und jenen, die nur zur mimetischen Verschmelzung im Meer der undefinierten Lauheit fähig sind, verläuft einzig auf dem Steg des kühnen Abenteurismus. Die Erfolgreichen bahnen sich ihren Weg zu den Sternen selbst, die Geschichte der Band PRY hat aber gerade erst begonnen, geschrieben zu werden – alles ist noch offen, nichts vorherbestimmt oder endgültig, doch durch die Einleitung haben wir uns diesmal erfolgreich durchgekämpft! Es ist Zeit für eine neue Seite mit etwas mehr eigenständiger Dynamik, also…

Besetzung

Filip Maletić – Gesang

Arpad More – Gitarre

Bane Božanić – Gitarre

Goran Zečević – Bass

Zoltan Šimon – Schlagzeug 

Produktion

Dragan Alimpijević – Pik & PRY

Trackliste

CD1 – Transcendent:

  1. Silhouette
  2. Dance Of The Wicked
  3. Sweet
  4. Gaze
  5. Gyro’s Last Spin
  6. 8 Circles
  7. Wind
  8. The Lifter
  9. Trepanned
  10. Indigo Eyes

CD2 – Iridescence:

  1. Lake Of Fortitude Pt. 1
  2. Tidal
  3. River
  4. Waves
  5. Island
  6. Flow
  7. The Leech
  8. Wasteland
  9. Feel
  10. Drifting Madeline
  11. Lake Of Fortitude Pt. 2
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