The Story Of Light
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Vai, Steve
Label: Favored Nations
Erschienen: 2012
Spielzeit: 58:47
Wertung: 4/5
Steve Vai, der schnellste Gitarrenheld der Galaxis, der „abgedrehteste“ Held des Instrumentalrocks, des Gitarrenrocks. Er bleibt einer der wenigen extravagantesten Weltkünstler seines Fachs, ein echter Sonderling! Einfach. Er ist ein unberechenbarer musikalischer Ausdruckscharakter, bei dem man nie genau weiß, »was er sich als Nächstes einfallen lässt« auf dem Weg seiner künstlerischen Expression.
Dem Kerl gehen neue Studioalben nicht gerade leicht von der Hand, wenn man sich die Anzahl seiner »jüngeren« Veröffentlichungen im 21. Jahrhundert ansieht. Seit dem letzten Album sind satte sieben Jahre vergangen. Andererseits vermisst Steve Vai das offenbar nicht, offensichtlich hat er es damit nicht eilig. Die Zwischenzeit hat er mit einigen Kompilations- und Konzertveröffentlichungen für seine Fans und Musikfeinschmecker überbrückt, und das Geschäft läuft auch weiterhin mehr als gut mit dem G3-Projekt, das er gemeinsam mit seinem ehemaligen Gitarrenlehrer Joe Satriani führt.
»Die Gitarrenspinne«,die im November insgesamt bereits zum vierten Mal in ihrer Karriere auch in Ljubljana auftreten wird – im Rahmen der Promotion des neuen Albums -, hat mit »The Story Of Light«, erneut ein Werk auf den Markt gebracht, das in der Vermittlung von kreativer Energie, Inspiration und inhaltlicher Tiefe überzeugt, besonders wenn man es dem etwas lauen und allzu vorhersehbaren »The Real Illusions: Reflections« (2005) gegenüberstellt. Nach diesem Album sah es so aus, als hätte Vai alles gesagt, was er zu sagen hatte; etwas Spritzigkeit und allgemeine Ausdrucksvielfalt hat ihm auch der übertriebene Rückgriff auf Gesang seitens Steve Vai selbst weggenommen, der zwar kein so wenig überzeugender Vokalinterpret ist wie sein Kollege Satriani, aber trotzdem. Wenn es nur wenig Gesang gibt, sagen wir eine Prise, läuft die Sache noch; wenn auf einem Album aber die Hälfte Instrumentalstücke und die andere Hälfte Vokalstücke sind, entsteht langsam ein Problem. Feinschmecker hören Steve Vai in erster Linie wegen seiner Gitarrenspäße und des eigenartigen musikalischen Stils, den er in seinen Instrumentalkompositionen im Laufe seiner Karriere entwickelt hat.
»The Story Of Light« ist der zweite Teil eines Konzepts über die Ankunft des göttlichen Boten Pamposhs und die Erschaffung einer Kirche. Dieses Konzept kennt nur Steve Vai, daher ist es nicht angebracht, weiter darauf einzugehen. Interessant ist, dass Vai diesmal auf Keyboards verzichtet und alles mit der Gitarre löst. All diese zauberhaften Klänge werden wieder von seinem »schwebenden Vibrato« potenziert, das sein Markenzeichen bleibt, das Markenzeichen seines Ausdrucksvokabulars. Es ist erfreulich festzustellen, dass Steve Vai sich weiterentwickelt und als Arrangeur flexibel reift.
Das Album ist richtig gewichtet mit anspruchsvolleren Kompositionen ebenso wie mit solchen, die leichter ins Ohr gehen. Eines der anspruchsvoller strukturierten Stücke ist Weeping China Doll, eine schwere Komposition, die sich für den Langzeitkonsum eignet und die von der Kombination des sinusförmig pfeifenden Gitarrenzupfens der solistischen Eskapaden von Meister Vai übersprudelt, unterlegt mit dem massiven Riff-Sound ungewöhnlich gestimmter, aber dennoch symphonischer Melodien, was klar zeigt, dass Steve Vai in der Kreuzung von Motivstrukturen ein absoluter Zögling Frank Zappes ist. In den Arrangements ist sofort auch Vais Übereinstimmung der musikalischen Philosophie mit einem weiteren durchgeknallten Künstler erkennbar – dem Kanadier Devin Townsend, einem Künstler, den Steve Vai 1993 mit dem Album »Sex And Religion« erst ins Rampenlicht der Massen gebracht hat.
Aber wie gesagt! Dieses Album ist hervorragend ausgewogen. Auf das experimentelle Weeping China Doll folgt das leichtfüßige Racing the World , das die aufgeladene Atmosphäre vollständig entlädt und sich in den Figurationen der leichter lösbaren Kombinatorik von Leitmotiven und der Rhetorik der Gitarrenimprovisation annähert, das Gefühl dabei ist also näher an den Expressionen von Kollege Satriani (in dieser Hinsicht stehen ihm auf dem Album noch Gravity Storm und das symphonisch üppig unterstützte, grandios verklärte Abschlussstück Sunshine Electric Raindrops nahe).
Ähnlich verhält es sich auch mit dem Albumanfang. Der eröffnende Titeltrack, in den Steve Vai den einladenden Vortrag eines Mädchens (auf Russisch) eingebaut hat – Vais typischer, bewährter Trick aus früheren Werken, und das darauf folgende Velorum sprühen nämlich beide vor Frische kreativer Inspiration und zugleich vor der Lebendigkeit des eingefangenen Sounds. Zugleich enthüllen beide sofort, dass der typische Vai’sche Melos der Überraschungen der Sechssaiten-Theorie des Meisters, der Melodie zwischen Melodien wählt und originell und zugleich »sonderbar« wirkt, also voller Anziehungskraft für jeden Feinschmecker, keineswegs eingerostet ist..
Das dritte und vierte Stück hingegen sind die Momente des größten Experiments auf dem Album diesmal. Auch der Moment des Albums, durch den man sich am schwersten hindurchkämpft und der vom Hörer die größte Geduld verlangt, eigentlich beim Verarbeiten die maximale Ausdauer der grauen Gehirnrinde. Vai hat sich nämlich entschlossen, seine eigene Version des amerikanischen Folk-Stücks John The Revelator zu spielen. Um genau zu sein: Diesen Song hat als Erster Blind Willie Johnson aufgenommen, ein Mann, der in einer anderen Ära entscheidend zur Blüte und Popularisierung des Gospels auf amerikanischem Boden beigetragen hat. Stell dir die Kombination einer Gospel-Predigt unter der Regie von Steve Vais Arrangements vor! Eine tödliche Kombination, oder? Vai hat in seine Version sogar einige originale Vokallinien von Blind Willie Johnson eingeflochten.
Vai erschafft hier ein wahres Chaos, das sich mit der Entwicklung beider Stücke steigert. Beide, John The Revelator und das darauf folgende Book Of The Seven Seals, gehen unmerklich ineinander über. In beiden sind Gospelmelodien kreuzweise verwoben, dazu der expressiv starke Gesang der Sängerin Beverly McClellan, die mit ihrem entschiedenen »schwarzen« Soul-Gesang ein Gegengewicht zur Schärfe der massiv aufgespannten Gitarrenphrasen bildet. Hier ist nun diese Blues-Plattform, die sich unter der Last von Vais spezifischen Gitarrenabwandlungen krümmt und verzerrt.
Für Vai ist klar, dass er beim Blues besser die Finger lässt, und trotzdem ist das hier mehr als ein interessantes Experiment, allerdings verdammt schwer zu konsumieren. Es bietet nämlich puren Klangterrorismus, Chaostheater. Eine Eigenart von Steve Vai ist die Extrapolation von Vokallinien auf die Gitarre. Ob es das Stück The Audience Is Listening ist, dann Bad Horsie oder Ya-Yo Gakk, die allesamt wesentlich gelungenere Experimente als das neue, diesmal gospelhafte Abenteuer sind, spielt keine Rolle. Einfach. Auch hier »imitiert« Steve Vai mit der Gitarre das Gospelhafte einer vokalen Predigt, die eine Mischung aus dem Nachahmen von Chorgesang und der führenden vokalen Darbietung der Sängerin Beverly McClellan ist. Erwähnenswert ist noch, dass diesen Song im Laufe der Jahre viele Künstler gecovert haben; manche sind dabei fast in die Parodie abgedriftet (zum Beispiel Depeche Mode).
Wie die biblische Überlieferung andeutet, hat »Johannes der Seher« – John The Revelator im Exil auf der griechischen Insel Patmos auch das Buch »Book Of The Seven Seals« geschrieben. So heißt auch das vierte Stück des Albums, das im Grunde eine improvisatorische Verlängerung und Weiterentwicklung des Moments ist, der aus der Form des Stücks John The Revelator stammt. Gerade in Book Of The Seven Seals zeigt sich Vais Verbundenheit mit der Persönlichkeit und dem Werk Frank Zappes, der noch heute als edelster Fusionist aller Zeiten gilt. Nach dieser schwereren Séance auf der neuen Vai-Platte folgt ein echter Balsam für die Ohren. Creamsicle Sunset, ein ruhiges Instrumental, verträumt, gestützt vom »schwebenden Gitarren-Vibrato«, Vais klassischer Trick, an Position Nummer fünf eigentlich sehr willkommen! entlastet hervorragend das fast überproduzierte Chaostheater der beiden vorangegangenen Albumstücke. In der eingefangenen energetischen Vibration, im Funktionieren und besonders im Ausdrucksvokabular des Arrangierens reicht dieses Stück Mullach At Si die Hand.
Ein besonderer Moment des Albums trifft beim persönlich bekennenden The Moon And I ein, das als eines der interessantesten Stücke des neuen Werks gilt. Das experimentell Herausforderndste also. Gut sieben Minuten des Besten, was das bildhafte und einzigartige Genie Steve Vais zu bieten hat, so serviert es ein weiteres Mal kräftig eine saftige Portion progressiver Rock-Kultur auf dem Album. Vai berührt es auch vokal, aber nur im Anfangsteil, sodass das Stück in der Gesamtbilanz das Gefühl vermittelt, ein Instrumental zu sein. Darin hält neben den (erwartungsgemäß beabsichtigten) »sonderbaren« melodischen Abweichungen auch eine reizvolle Basslinie das psychedelische Klanggewand aufrecht, das an das gedämpfte Surren eines Zweitaktmotors im Leerlauf erinnert. Brillant. Das ist ein Stück, dem du dich einfach hingeben musst. Die volle, reinrassige und edelste Dosis Steve Vai. Zweifellos einer der Höhepunkte des Albums. Dieses Stück wurde bereits 2010 als Single veröffentlicht, ist aber im Laufe der Zeit in Arrangements und Ideen gewachsen, weshalb Vai es sinnvollerweise auf das neue Album aufgenommen hat. Und hand aufs Herz: Dieses Stück setzt dem Album jenes gesuchte Surplus obendrauf, das Tüpfelchen auf dem »i«, wegen dem Musikfeinschmecker zu Steve Vai kommen. Der Albummoment, der dich in vielerlei Hinsicht zu dem musikalischen Moment katapultiert, der 1996 entstanden ist und »The Fire Garden Suite« heißt. No More Amsterdam ist ein Vokalstück und ein weniger interessanter Moment des Albums, also entbehrlich, energetisch von den Vokalpunkten des vorangegangenen Albums geerbt.
»The Story Of Light« ist ein hervorragendes neues Studioalbum von Steve Vai. Endlich. Es hat sich gelohnt, sieben Jahre darauf zu warten. Darauf ist Vai wieder überzeugend herausfordernd in seiner Extravaganz des musikalischen Experiments, die jenen einladenden Moment der Kühnheit des Musikers vollends aufrechterhält, der stets mit der Esoterik unerwarteter Wendungen und der einzigartigen Schocktherapie des unvergleichlichen Theaters bezaubert, das seine unfassbare Gitarrenkunst erschafft. Das Album ist hervorragend bestückt. Es bietet Balance. Da sind die schwerer zu erobernden Teile, wo Vai sich mehr Kühnheit und Experiment gegönnt hat, und an anderen Punkten wiederum Albummomente mit mehr Kontrolle, wo kompakte Zurückhaltung und melodische Anziehungskraft herrschen, sowie Punkte, wo sich beide Elemente innerhalb desselben Stücks, also das Element des Experiments und das Element der motivischen Greifbarkeit, meisterhaft ausgewogen die Hände reichen.
Steve Vai ist wieder erfolgreich darin, sich selbst herauszufordern. Das Witzige dabei ist, dass er niemanden anderen herausfordern kann als sich selbst. Und er kann nur sich selbst übertreffen, sofern man überhaupt einen Rivalen für ihn sucht. So ein einzigartiger Künstler ist das. Was er auch anfasst und was er auch erschafft. »The Story Of Light« ist ein neues, hervorragendes Werk, das Vai in die Epoche der größten Durchdringungskraft der in den Neunzigern erschienenen Alben zurückführt. Ein Album, das dich, ich spreche alle anspruchsvollen Musikhörer an, garantiert in seinen Bann zieht. In jeder Hinsicht!
Besetzung
Steve Vai – Gitarre, Gesang auf den Stücken Nr. 8 und 11.
Dave Weiner – Gitarre
Philip Bynoe – Bassgitarre
Jeremy Colson – Schlagzeug
Deborah Henson-Conant – Harfe
Beverly McClellan – Gesang auf den Stücken Nr. 3 und 4.
Aimee Mann – Gesang auf Stück Nr. 11.
Produktion
Steve Vai
Trackliste
1. The Story Of Light
2. Velorum
3. John The Revelator
4. Book Of The Seven Seals
5. Creamsicle Sunset
6. Gravity Storm
7. Mullach At Si
8. The Moon And I
9. Weeping China Doll
10. Racing The World
11. No More Amsterdam
12. Sunshine Electric Raindrops