A Degree Below Your Means
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Spock Studios
Label: ZARŠ Records
Erschienen: 2012
Laufzeit: 35:28
Wertung: 3/5
Einer der vielfältigen Ausdruckszweige des Alternative Rock – oder »Underground«-Rock, jener Spielart, die sich stets eigenständig entwickeln soll, völlig unabhängig, im Verborgenen, still und im Geist vollkommener Freiheit – ist auch jener, der sein künstlerisches Autorenprofil auf der Plattform der Manipulation elektronischer Klänge begründet. Spock Studios sind wieder mal heimische Eigenbrötler, die ihre musikalische Kultur auf genau diese Weise entwickeln.
»A Degree Below Your Means« ist das dritte Studiowerk der Band, die 2008 mit ihrem Debüt »The Universe And Beyond« an den Start ging, auf das 2010 das Album »120mm« folgte. Gleichzeitig hat sich die Gruppe, anfangs als Ein-Mann-Projekt angelegt, vom Duo zum Trio gemausert.
Auch auf dem neuen Album vertieft und erweitert die Band ihre musikalische Vision, die – wie bereits erwähnt – auf elektronischer Klangmanipulation basiert: auf dem Spielen mit Programm-Loops elektronischen Rauschens, dem durch das Einweben roher, ungeschliffener Gitarren-Distortion in größeren oder kleineren Dosen eine Rockkonnotation verliehen wird. Die Matrix der simplen, ja geradezu tanzbaren Schlagzeugbasis liefert die Drummachine, die die Jungs »Renata« nennen, während der Einsatz der Bassgitarre für ihren analogen Ausgleich und die zusätzliche Bereicherung des organischen Teils des Klangbildes sorgt.
In der Gesamtschau ergibt sich ein musikalisches Material, das in seiner Grundambition den Zuhörer in eine Parallelwelt zieht – eine, die eine sofortige Abkoppelung von der Realität verlangt (jener, von der man uns ab dem Tag, an dem wir laufen lernen, beibringt, sie sei die einzig wahre und vertrauenswürdige). Das bedeutet die Schaffung von Ambient-Kulissen, die hypnotisch wirken und im Zuhörer einen Zustand der Entrückung, der Transzendenz heraufbeschwören. Während das eröffnende Colors mehr oder weniger darauf ausgerichtet ist, mit seinem Techno-Beat und der schrillen Würze verlorener Stimmen die volle Aufmerksamkeit zu bündeln (in Reflections und Undertaker klingen die Stimmen, als wären sie einst aus dem NYHC-Underground entwichen, vor langer Zeit), ist das folgende A Septic Contribution Of Mind Itself der Punkt, an dem das Album ambient aufsteigt. Der längste Track liefert in gut sieben Minuten die Quintessenz von Spock Studios. Programm-Loops bilden einen dichten Vorhang, auf dem der gesamte Song gleitet – zusammengesetzt aus mehreren Leitmotiven mit dem Attribut unerwarteter Wendungen und der Wiederholung dieser Leitmotive, untermauert durch die rohe Kontur gehackter Gitarren-Phrasen. Das ist auch für Post-Rock-Fans wie maßgeschneidert
Das Album wogt im Wechsel seiner Tracks zwischen jenen, die auf der Prominenz einer starken rhythmischen Techno-Beat-Kontur beruhen, und jenen, die ein ambientes Dahintreiben im hervorgehobenen Vorhang der Harmonien aufrechterhalten – Harmonien, die vor allem auf die Erfassung der Mitten abzielen. Die Ausdrucksweite, in der sich die Band bewegt, ist groß, breit, mit eigentlich undefinierten Grenzen – sie ermöglicht, oder sagen wir lieber: sie erträgt, viel Experiment und Erprobung. Genau darin liegt der schwache Punkt des Albums, denn die Gruppe nutzt den verfügbaren Spielraum nicht ausreichend und bietet in kaum mehr als 35 Minuten nicht genug inhaltliche Greifbarkeit, um im Zuhörer die Lust nach tieferem Erkunden der Botschaft des Albums zu wecken. Das kann die Band künftig ausbauen – durch mehr Variabilität bei der Klangmanipulation und die stärkere Einbindung anderer Instrumente, während der Einsatz des Gesangs als zusätzliches Instrument ohnehin nicht zwingend nötig ist, da er die Form der Songs eher störend aufbricht als stärkt.
Die Band ist sich dessen bewusst und hat ihre Musik deshalb mit dem Element der Visualisierung angereichert – ein ausgezeichneter Ansatz. Denn die Musik von Spock Studios zündet bei der Live-Interpretation erst so richtig, wenn zur musikalischen Darbietung auch das Attribut der Visualisierung durch Video-Projektionen hinzukommt. Das ist eine altbewährte Methode auch anderer, vor allem Post-Rock-Bands, die damit irgendwie das unglückliche Faktum kompensieren, dass das Interesse am Erkunden ihrer Studioalben mit jeder weiteren Runde im CD-Player verblasst. Die Visualisierung hingegen bereichert solche Musik auf Konzerten auf höchst sinnvolle Weise – mit einem in voller Wirkung entfalteten, stark hypnotischen Aufwallen! Also: Allein mit dieser CD kommt ihr nicht ganz auf eure Kosten. Um zum Kern von Spock Studios vorzudringen, müsst ihr auf deren Konzert. Nur dann kann euch ihre künstlerische Essenz in all ihrer Echtheit berühren. Deshalb ist eine der wichtigsten Aufgaben, auf die die Band künftig ihr Augenmerk richten muss, die Kräfte auf die Schaffung einer Bühnen- und Szenkulisse für Live-Auftritte zu lenken, die auch den anspruchsvollsten Zuhörer überzeugend in den Bann zieht,
Die Band legt großen Wert auf ästhetische Feinheiten – was sich logisch aus den im vorherigen Absatz beschriebenen Sachverhalten ergibt. Das Design des Booklets und der gesamten »tray card« ist erstklassig und erreicht das Niveau zeitgemäßer Gestaltung solcher Alben in der entwickelten Welt. Das gewählte Motiv stellt einen hochstämmigen Obstgarten alter Apfelbäume und Wildbirnen in den Mittelpunkt; unter dem Blätterdach eines der Bäume badet in der stillen Liebkosung spätmittäglicher Sonnenstrahlen ein betäubter Körper, der in einer verrosteten Badewanne liegt, die an eine Stromquelle angeschlossen ist (Baumstamm). Das Motiv legt sofort den Kern der Band frei: die Schaffung eines Kontakts zur Parallele des Jenseits. Im Schoß des Traumgottes Morpheus fällt es nicht schwer, zum Sternenreisenden zu werden.
»A Degree Below Your Means« ist ein mutiges künstlerisch-ausdrucksstarkes Upgrade der beiden Vorgängeralben der Band und deutet gleichzeitig darauf hin, dass Spock Studios noch viel Spielraum für musikalische Expression in diesem zwar sehr interessanten, eigenständigen und herausfordernden expressiv-musikalischen Material des Albums verbleibt. Es wird spannend sein zu beobachten, wohin sich die Band künftig entwickelt.
Besetzung
Matic Šuštar – Gitarre, Programmierung
Blaž Flerin – Bassgitarre, Gesang
SV. Pixel – Video
Produktion
Spock Studios
Tracklist
1. Colors
2. A Septic Contribution of Mind Itself
3. Don’t Touch The Stars
4. Undertaker
5. Maybe We Should Try Something Else
6. TV
7. We Left Our Souls In Other Dimensions
8. Reflection