Twisted Wires And Acoustic Sessions

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Künstler: Tesla
Label: Scarlet Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 65:21
Wertung: 5/5

„Twisted Wires And The Acoustic Sessions“ ist ein fantastisches Ding, das alle Tesla-Fans sofort und unbedingt in ihre Tesla-Sammlung aufnehmen müssen. Es handelt sich um eine Art Hommage an das vor zwei Jahrzehnten erschienene Konzert-„Unplugged“-Album „Five Man Acoustical Jam“, das weltweit eine Flut fieberhafter Nachahmung ausgelöst hat. Falls sich noch jemand erinnert: In der ersten Hälfte der Neunziger prasselten die „Unplugged“-Konzertübertragungen auf MTV nur so herab.

Tesla waren schon immer bekannt für die meisterhafte Kombination natürlicher Klangcollagen mit der teuflischen Rockkraft, die elektrischer Strom erzeugt. Die Band befand sich in der neuen Ära in einer etwas unangenehmen Lage, da ihr Studio in San Francisco vor einem Jahr niedergebrannt ist und die Arbeitsabläufe der Gruppe ein wenig gelähmt hat. Trotzdem sind Tesla zu standfeste und erfahrene Männer, als dass sie so etwas vollständig lähmen und ihnen die Schaffenslust nehmen könnte – und die Lust an dem, was sie am liebsten tun. Spielen und Aufführen ihrer eigenen Musik! So bekamen wir im vergangenen Jahr ein neues Konzertalbum, und in diesem Jahr hat die Band die scheinbare Ruhepause mit einer neuen akustischen Veröffentlichung unterbrochen. Diese ist auch deshalb willkommen, weil sie mehr als erfolgreich eine längere Zeitspanne überbrückt, die offensichtlich noch bis zum neuen Studioalbum der Band vergehen wird. Das letzte „Forever More“ erschien nämlich im Jahr 2008.

Tesla haben auf dieser Veröffentlichung auch zwei völlig neue Songs draufgepackt: 2nd Street und Better Off Without You. Sie fügen sich hervorragend in das restliche Material ein und beweisen beide, dass der Band die Inspiration auch in der reiferen Phase ihrer fruchtbaren Karriere keineswegs ausgeht.  In ihrer akustischen Grundform erreichen sie ohne Scham in den Arrangements ein Maß an Flexibilität, das jede Menge Raum für ihre elektrische Weiterentwicklung und eine optionale Aufnahme auf das zukünftige Studioalbum der Band bietet.

Tesla setzen diesmal nicht auf Hits. Sie scheren sich nicht darum, wie sich „Twisted Wires“ verkaufen wird. Und das ist ein zusätzliches Plus dieser ohnehin ausgezeichneten Veröffentlichung. Darauf sind weniger bekannte Klassiker der Band aufgereiht, die dabei sogar etwas mehr Aufmerksamkeit dem zu Unrecht übersehenen „Bust A Nut“-Album schenken (Shine Away, A Lot To Lose), zur Titelnummer des Albums „Into The Now“ wurde Caught In A Dream hinzugefügt,  neben den ohnehin herausragenden Tesla-Perlen Song And Emotion, Changes, Edison’s Medicine.

Eine interessante Beobachtung ist auch, dass Tesla in der Lage sind, elektrische Arrangements punktgenau in akustische umzugießen. Dazu führt einen schon sofort die Eröffnungsnummer Into The Now ein, die mit ihrer Ähnlichkeit zum elektrischen Original buchstäblich verblüfft – ebenso wie ihr Gegenstück Caught In A Dream, das auf demselben Album beheimatet ist, obwohl es sich strikt um Akustik handelt.

What You Give enthält einen Gitarren-Slide, der in der verzerrten Klangrhetorik das echte Gefühl weckt, als wäre zu einer der Begleitgitarren ein Banjo hinzugefügt worden. Echtes Saitenverdrehen. Auf etwas Ähnliches stößt man auch bei der Darbietung von Edison’s Medicine. Interessanterweise hat die Band hier nicht vergessen, das Theremin einzubeziehen, um der Atmosphäre des elektrischen Originals näherzukommen.  Wieder bietet das Grundgerüst einiger Songs in ihren Originalen enormen Raum für Improvisation und das Hinzufügen von Verzierungen, die das Bild der nun in Akustik gegossenen Versionen aufwerten. Eine solche Faszination ist zum Beispiel Hang Tough, das die goldene Mitte zwischen korrekter Ähnlichkeit zum Original steuert, während die Gitarristen (Dave Rude / Frank Hannon) geschickt überall dort einflechten, wo sie Platz dafür finden (vor allem im mittleren Instrumentalteil), einige ausgezeichnete akustische Lösungen, die die Lebhaftigkeit aufwirbeln, den dramatischen Moment vertiefen und meisterhaft für das dynamische Wogen der Atmosphäre zwischen den Albumnummern sorgen.

Auf dem Album kommt Keiths vokales Gespür für sophistizierte Interpretation einzigartig zur Geltung. Keith ist ausgezeichnet und findet sich in jeder Situation einzigartig zurecht. Er kann giftig heiser sein wie der frechste Lausbub, den die Sonne bescheint (Into The Now), unerschütterlich zerbrechlich und verletzlich, wie im neuen Better Off Without You, What You Give, oder Song And Emotion.  Noch intensiver hervorgehoben ist Jeffs Fähigkeit, geschickt zwischen der rein melodischen Diktion des Gesangseinsatzes zu navigieren, zu der er eine größere oder kleinere Dosis Rauheit beimischt (A Lot To Lose, Song And Emotion). In Changes trägt Keith die Verse schon fast im Falsett vor. Gerade Jeff Keith ist auf diesen Versionen der akustischen Blöße umso wichtiger als Baustein der Abfolge vieler Stimmungszustände. Damit ich aber nicht in die eigene Suppe spucke: Das Album ist nicht vollständig akustisch. Der mittlere Instrumentalteil des ausgezeichneten neuen Better Off Without You, das im Stil klassischer Tesla-Songs aus der goldenen Ära klingt, flüchtet sich in elektrisches Gewand.

Auf dem Album ist überraschenderweise auch I Love You hinzugefügt, das im Original dem Climax Blues Band gehört. Es ist der erste Song, den die Band nach ihrer Wiedervereinigung im Jahr 2000 überhaupt aufgenommen hat, nachdem sie sich nach sechs Jahren Ruhepause wieder im Studio zusammengefunden hatte. Offensichtlich verbinden sie damit besondere Erinnerungen.

Es gilt noch eine Sache hervorzuheben. Die ersten sechs Songs wurden kürzlich mit der aktuellen Besetzung aufgenommen. Die anderen sechs Songs wurden 2005 mit dem Original-Gitarristen Tommy Skeoch in der Besetzung aufgenommen.  Der Unterschied. Am deutlichsten ist er in der Klangproduktion zu spüren. Die neuen Songs wirken deutlich direkter, nackter, noch lebendiger, „weniger präzise“ gespielt als die Versionen, die mit Skeoch in der Besetzung eingespielt wurden; ansonsten sind die Gitarren in der Ausführung innerhalb der Versionen beider Besetzungen gleichwertig, und kein Hauch von Qualitätsschwankung ist zu verzeichnen. Es liegt an dir, selbst zu beurteilen, welchen Sound in der Produktion du auf diesem Album bevorzugst. Mit neuer oder alter Besetzung. Bei den älteren Versionen hat die Band für eine größere Klangkontrolle gesorgt, die Vokalharmonien in der Begleitung wirken stimmiger zu Jeff Keiths grundlegender Vokalposition. Ebenso wurden Streicherarrangements und ein beinahe gershwineskes einleitendes Klavierarrangement in Changes hinzugefügt (mit Skeoch in der Besetzung), weshalb dieser Song neben den überragenden Perlen wie Shine Away und Song And Emotion besonders heraussticht – als sein dramatischer Höhepunkt.

„Twisted Wires And The Acoustic Sessions“ ist wirklich Manna für jeden Tesla-Fan. Es ist das Manifest außerordentlicher Studio-Entspanntheit und außerordentlicher Ausdruckskraft dieser Band, verkörpert durch den ursprünglichen Sinn für die faszinierende Verwandlung eigener elektrischer Klangportraits in eine sinnlich vertiefende akustische Landschaft. Tesla treffen emotional im akustischen Modus noch deutlich stärker und intensiver. Das ist ein Werk, das große Weisheit, Können und Wissen verkörpert. Tesla haben sich damit erneut ihren Wurzeln zugewandt, aus denen ihre Musik stammt. So spielten sie voller Begeisterung und Beweishunger wie Teenager, als sie Stapelchen von Dollar für die ersten elektrischen Instrumente zusammengekratzt haben – und genau dahin sind sie mit „Twisted Wires“ auch zurückgekehrt. Nur dass sie heute unvergleichlich bessere Interpreten sind.  

Besetzung

Jeff Keith – Gesang
Frank Hannon – Gitarre, Klavier, Theremin
Dave Rude (Songs Nr. 1 bis Nr. 6) – Gitarre, Begleitgesang
Tommy Skeoch (Songs Nr. 7 bis Nr. 12) – Gitarre, Begleitgesang
Brian Wheat – Bassgitarre, Begleitgesang
Troy Luccketta – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Tesla

Trackliste

01. Into The Now (4:26)
02. Hang Tough (4:42)
03. 2nd Street (4:40)
04. Edisons Medicine (5:50)
05. What You Give (7:28)
06. Better Off Without You (4:24)
07. Shine Away (7:06)
08. I Love You (4:04)
09. Changes (6:05)
10. A Lot To Lose (5:21)
11. Caught In A Dream (4:55)
12. Song And Emotion (6:20)

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