Live At La Cigale

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Placebo
Label: Virgin Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 28:39
Bewertung: 2.5/5

Die Geschichte der Band Placebo, beziehungsweise des alternativen Trios Brian Molko, Stefan Olsdal und des damals noch aktuellen, mittlerweile aber ehemaligen Schlagzeugers Steven Hewitt, ist eine Geschichte unglücklicher Zufälle und ewiger Kontroversen. Im Schatten der 1994 noch verdammt relevanten Nirvana und ständiger Vergleiche mit den großen Namen der Alternativszene schrieb das Londoner Trio, das in seinen Genen Einflüsse der glamourös inspirierten Nirvana ebenso vereint wie Sonic Youth, Bowie, Sex Pistols, The Cure und die elektro-pop-avantgardistischen Depeche Mode, sich weniger mit seiner Musik als vielmehr mit Eskapaden und Drogen in die Annalen ein. Der Großteil dieser negativen Publicity entfiel auf den androgynen Frontmann Brian Molko, den Abgründen der düsteren Vergangenheit entzog man sich mehr oder weniger mit der regelmäßigen Veröffentlichung durchschnittlicher Alben, auf denen sich noch immer etwas Substanz und MTV-taugliche Hits fanden. Schon 2006 war es daher durchaus spannend, nach dem kurzen Konzertalbum Live At La Cigale zu greifen, das die Form des ziemlich zerstrittenen Trios bei einem Auftritt in der Pariser Halle La Cigale am 6. März 2006 dokumentiert – und die Platte erlebt dieses Jahr eine Neuauflage für neue Generationen von Alternativfans.

Fasst man die Fakten zusammen, bündelt das vorliegende Werk auf einem knapp halbstündigen Konzertauftritt alles andere als die stärksten Trümpfe, und schon der Start war mager: Die Platte erschien beinahe zeitgleich mit ihrem Album Battle Of The Sun, und genau in dieser Phase befanden sich die Jungs mitten in einem turbulenten Wechsel von EMI zu Virgin Records. Was noch mehr ins Auge sticht, ist die Tatsache, dass Live At La Cigale eigentlich nur eine Wiederholung des meisten Materials von der Platte Meds ist, und schon das Eröffnungsstück Meds strahlt alle Standards der Placebo-Produktion und ihres Schaffens aus. Schlichte Gitarren, ein eintöniger Bass und Schlagzeug sowie verdrehte Strophen und Refrains über die ewigen Themen des Rock – Sex, Drogen und Musik – drehen sich diesmal vor allem darum, dass Molko eben vergessen hat, seine Medikamentendosis zu nehmen, doch die pathetische Stimme und der Weltschmerz sind ohnehin Kernbestandteil des Placebo-Charmes, oder? Molko ist sowieso der Maler zwischenmenschlicher Abgründe und persönlicher Zusammenbrüche, seinen Status als waschechter passiv-aggressiver Soziopath bekundet er mit dem Song Infra-Red. „One more thing before we start the final face-off, / I will be the one to watch you fall, / So I came down to crash and burn your bagger’s banquet. / Someone call the ambulance./There’s gonna be an accident,“ ist ein Text, den Placebo in eine ziemlich Depeche-Mode-hafte Atmosphäre totaler Drogennebeligkeit einbetten. Melancholie, Selbstverachtung, Bewusstseinsverzerrungen, unheilvolle Schattierungen von Düsternis und Suizidalität münden in einer völlig logischen Fortsetzung – dem Song Drag. Die Chemie zwischen Molko, dem gefügigen Bassisten Olsdal und dem ziemlich harmlosen, aber rhythmisch präzisen Schlagzeuger Hewitt ist alles andere als optimistisch, doch die Band wirkt auf den Aufnahmen, düsteren Themen zum Trotz, gefestigt und solide. Wo ist es schiefgelaufen, und wo liegt der Ausweg aus dieser Einbahnstraße der Verdammnis?

Das sind Fragen, die sich anhäufen, und bei Follow The Cops Back Home entscheidet sich Molko, von der Kontemplation zur Tat zu schreiten – er versetzt uns in einen Film, in dem er das Haus eines Polizisten ausraubt. Placebo sind Emotionalisten, Opfer gescheiterter Beziehungen, der Trauer und des Wanderns auf mentalen Abwegen, und es wäre durchaus interessant zu prüfen, wie viel davon wirklich wahr ist, denn Molko ist ziemlich explizit darin, dass alle Songs und Texte aus seinen persönlichen Erfahrungen stammen. Wenn wir schon von psychischem Zusammenbruch reden, ist das verständlich, diesmal aber spricht er ganz klar über ein kriminelles Delikt, Hoffnungslosigkeit und all die ziemlich unproduktiven Dinge des Lebens. Wo nicht die Drogen an der ziemlich kläglichen Farce namens Leben schuld sind, werden Herz und Seele von den Messern unerwiderten und, Gott sei Dank, unglücklichen Liebe aufgeschlitzt – und doch trägt der Liebescocktail aus Chemikalien, Körperlichkeit und dem megafonverstärkten alternativen Sopran des schicksalsergebenen Molko alles sicher und konsequent weiter. Ob nun Gitarre, Bass und Schlagzeug oder Salven von Streichern. Song To Say Goodbye beschließt mit dem ziemlich schicksalsträchtigen Unterton der Streichersektion den Ausflug durch die Platte Meds, woraufhin wir uns auf eine Reise in die etwas fernere Vergangenheit begeben. Der Tragik, meine Lieben, könnt ihr so leicht nicht entkommen.

The Bitter End führt euch zur Platte Sleeping With Ghosts und in das mittlerweile schon ziemlich weit zurückliegende Jahr 2003. Molko nimmt Orwells Roman 1984 als Ausgangspunkt. Der leicht The-Cure-hafte Song The Bitter End hebt die Stimmung und die Atmosphäre, wenn wir mit der nackten Tatsache konfrontiert werden, dass das Ende verdammt nah ist. Special K, ein Song über die Droge Ketamin, kein besonders aufwühlendes Glanzstück der Platte Black Market Music, hakt alle Standardanforderungen der Mittelmäßigkeit ab. Und der eingängige Refrain „I’m on sinking sand / Gravity / No escaping gravity / Gravity / No escaping… not for free / I fall down… hit the ground / Make a heavy sound / Every time you seem to come around“ gravitiert mit seiner ziemlich popfreundlichen Textur hin zum endgültigen Systemzusammenbruch und zum Abschluss des zwar wasserdicht verpackten, aber keineswegs übermäßig revolutionären Placebo-Standardrepertoires.

Den Wolf satt, die Ziege heil? Auf Nummer sicher gehen ist nicht immer ein Erfolgsrezept. Mehr noch: Diesmal passiert es allzu oft, dass eine halbe Stunde Zuhören eine ziemlich langweilige und erdrückende Erfahrung ist. Molko und Kompanie sind Sadisten, und die allzu sehr an die Erzählung erbärmlicher Momente gebundenen Hörer eine johlende Meute tragikomischer Masochisten. Placebo servieren diesmal eine sehr durchschnittliche Pille, die nichts Erschütterndes bewirkt. Nomen Est Omen, oder? Das Scheibchen ist jedenfalls ein Produkt für wirklich fanatische Fans – alle anderen noch Unentschlossenen werden die lauen Salven des Weltschmerzes wohl kaum überzeugen …

Besetzung

Brian Molko – Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards
Stefan Olsdal – Bass, Gitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Steve Hewitt – Schlagzeug
Alex Lee – Gitarre, Keyboards

Produktion

Placebo

Trackliste

1. Meds
2. Infra-Red
3. Drag
4. Follow the Cops Back Home
5. Post Blue
6. Song to Say Goodbye
7. The Bitter End
8. Special K

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