Waiting It Out

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Gone Bald
Label: Narrominded
Veröffentlichung: 2010
Laufzeit: 56:49
Bewertung: 4.3/5

Es war das Jahr 1994, und auf den Trümmern eines einst blühenden Landes, im vom Krieg gezeichneten Zagreb, wurde der Raum für freigeistige, der Kunst und den Träumen verschriebene Musikvisionäre immer knapper. Im Grau des von Granaten zernarbten Betons Zagrebs formierte sich die Band Gone Bald, die ihre Opposition gegen das ideologische Einheitsdenken mit Lärm und Aufsässigkeit artikulierte und die vom Nationalismus durchdrungene Heimat bald gegen die Niederlande eintauschte. Von der damaligen Besetzung ist im Konglomerat aus Lärm und ursprünglichem Streben nach musikalischem Purismus nur noch Sänger und Gitarrist Razorblade Jr. übrig geblieben; nach häufigen Wechseln, Abschiede und Auseinandersetzungen über Ideen sowie über die Bestimmung des Definitionsfeldes ihres Universums bestimmt nun Schlagzeuger Sultan Battery die zweite Determinante. Bislang haben sie ihre Kreativität in ein Dutzend Werke eingewoben; neben den üblichen Kassetten, CDs und Vinyl haben sie das Internet als akzeptable Form angenommen und dem freien Fluss von Ideen, Klängen sowie dem immer häufigeren Auffüllen von Informationslücken im scheinbar freien virtuellen Zwischenraum haben sie bis heute nicht abgeschworen.

Ein Schritt in Richtung vollendeten musikalischen Artismus ist auch das wahrhaft erstaunliche neunte Studioalbum Waiting It Out, das nach der letzten audiovisuellen Provokation vor drei Jahren – dem Set aus Buch, CD und DVD 100 Ways To Become Cool – den Weg auf den Paradigmen des persönlichen, unmittelbaren und intim dramatischen Rocks fortsetzt. Gone Bald, nach jahrzehntelangem freiwilligem Exil in Amsterdam, präsentieren sich diesmal in der Form eines scheinbar abgenutzten und auf das Wesentlichste reduzierten Spektrums von nur zwei treibenden Motoren – und dieser Zweimotorenantrieb serviert trotz numerischer Unterbesetzung eine vollkommene musikalische Zeitbombe. Das etwas verlangsamte Tempo und die reiche Klangkulisse sind das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Mihael Bele im Zagreber Kozmo Studio; mit seinen reichen Nuancen übersteigt es den Primat der amerikanischen Lo-Fi-Noiser No Age ebenso wie den der inzwischen ehemaligen Träger des Rock-Bühnen-Dualismus White Stripes. Wenn euch im Spektrum der auditiven Wahrnehmung die kreischenden Melvins- oder Pixies-Gitarren und der Geschmack des frühen Ausgangs des letzten Jahrhunderts fehlen, dann sind Gone Bald der passende Ersatz. Trotz der Abwesenheit des bis vor kurzem noch aktiven Bassisten und des ehemaligen Schlagzeugers (oder gerade deswegen) ist der Sound voll, konzentriert und verheerend; die volle Entfaltung des Noiser-DIY-Widerstands gegen die hohen Standards überproduzierten musikalischen Schaffens der heutigen Zeit verleiht das Gefühl eines Mehrwerts. Obwohl sie selbst darauf hinweisen, dass es sich möglicherweise um einen verlorenen Kampf gegen Windmühlen handelt, ist das Leben im Spektrum des Subversiven und das Pissen gegen die künstlichen Winde des Erwarteten weitaus überzeugender und hörenswerter, als sich den Imperativen eines ziemlich hohlen Itinerars des bereits Gehörten und Erwarteten zu unterwerfen.

 

Schon das Titelfoto lässt erkennen, dass es diesmal um einen potenziell selbstmörderischen Sprung ins Unbekannte geht; ob der Fall zur Erlösung oder Vernichtung führt, hängt ganz von der Aufnahmefähigkeit eines ziemlich verwöhnten Publikums und einer Reihe von Umständen ab, die dazu führen können, dass die Platte auf fruchtbaren Boden fällt. Ich war schon nach dem ersten Hören überzeugt, dass nach dem Moment scheinbarer popesker Verzauberung und dem darauffolgenden Moment des Versinkens in leichte Depression und melancholisches Sehnen nach der Zeit verblühter Blüten die Zeit für die Wahrnehmung des Werks in seiner Gesamtheit gekommen ist. Sieben vollblütige Kompositionen, die sich zwischen einem vom Film Sideways inspirierten Intro und einem vom Humor von The Revenge Of Pink Panther durchdrungenen Outro entfalten, bilden das organische Gefüge eines qualitätsvollen Rock-Meisterwerks. Die ziemlich trockenen, aber roh angelegten Gitarrenriffs schneiden sich mit der Schärfe einer verfeinerten Rasierklinge in das saftige Gewebe massiver und alternativ schlichter, aber schlagkräftiger Drums. Die Vocals sind minimalistisch und erinnern an den Stimmumfang der Jon Spencer Blues Explosion; bereits der Track The Art Of Sideburns enthüllt so gut wie alle Hauptargumente, die einem roh zwischen die Ohren geknallt werden. Der Groll ist unsterblich, die Wut unverwelklich, und die Kritik an den gehirnlosen Zombies von heute übertönt die monotonen Echos popesker Rezepturen. Davon gibt es auf dieser Platte (Gott sei Dank) chronisch zu wenig, dafür mangelt es nicht an intelligenter Schärfe und den Stacheln verborgener Überraschungen. „It Took A Long Time To Find My Way To Oysters / It Took Even Longer To Cry Away From Them / Sometimes The Good Things Bring Out The Bad Things On Surface / And This Is How I Learned To Dive“ singt Razorblade Jr. auf dem Track Diving For Oysters – und das fasst würdig 15 Jahre auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck zusammen. Es gibt sowohl viel Minimalismus als auch episches Entleeren in dein Schädelgewölbe, weshalb die Platte alles andere als leichtes und entspanntes Hören ist. Rhythmuswechsel und klangliche Trockenheit sind die Hauptkonstanten der ziemlich schlichten Struktur der Platte. Veränderungen im Ansatz seit den Anfangstagen sind kaum vorhanden, und der Tanz auf dem dünnen Eis des lärmenden Widerstands gegen bequemere Linien hat ihnen bislang gut gedient. Die Band bleibt unbeugsam und künstlerisch frei, das Album setzt nur die granitene Reihe ideeller Weiterentwicklungen seit dem Debüt fort. Das Ganze ist zu reichhaltig, um es auf einmal zu verschlingen, daher empfehle ich euch neben dem einstündigen Überfressen auch das Konsumieren in Raten und kontrollierten kleineren Dosen.

 

 

Wenn das Debüt die baldige Ankunft Jesu ankündigte und sie danach durch die Demystifizierung von Narrativen (politischen und ideologisch beschwichtigenden) Trost im Meer der scheinbaren Liebe suchten, kehren Gone Bald nach der Kahlheit der Form aus der Rehabilitationsklinik der Vergangenheit mit einem neuen Direkten, zwei wuchtigen Schwingern und einer erneuerten Form zurück. Weniger kann mehr sein, und was einen nicht umbringt, macht einen stärker; schon 2002 haben sie selbst die unübersehbare Tatsache betont – It Takes Guts To Tango –, und Gone Bald können trotz ausgedünnter Frisuren auch nach 16 Jahren der erfrischende Faktor des erneuerten Sinns eures alternativen Daseins sein, aller Evolution und vorgetäuschter mentaler Revolution zum Trotz. Der Lärm ist diesmal erlösend, denn unter dem klanglichen Ballast verbergen sich neben der Musik auch Ideen, die es wert sind, erneut verkostet und vollständig durchdacht zu werden. Gone Bald haben bewiesen, dass sie trotz der Jahre selbst die engsten Winkel alternativ gesinnter Seelen öffnen können, und bewiesen, dass manche Tonfolgen und Akkordverbindungen schlicht zeitlos und ewig sind!

 

Besetzung

Razorblade Jr. – Gitarre, Bass & Gesang
Sultan Battery – Schlagzeug, Programmierung

Gastmusiker:
Andreja Kosavić – Backgroundgesang und Trompete auf dem Track Eddie’s Son

Produktion

Mihael (Mexo) Bele & Gone Bald

Trackliste

1. Intro
2. The Art Of Sideburns
3. Fracture Of Radius
4. The End Of Symphonies
5. Christmas Song
6. Vengeance Is A Lazy Form Of Grief
7. Importance Of Symmetry
8. Diving For Oysters
9. Eddie’s Son
10. Outro

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