Furious George

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Künstler: Lynch, George
Label: Mascot Records
Erscheinungsjahr: 2004
Laufzeit: 61:18
Bewertung: 4/5

George Lynch hat schon lange erkannt, dass er nicht mehr zu den schnellsten Shreddern unter der Sonne gehört und es ihm immer schwerer fällt, mit den Jeff Loomises und Rusty Cooleys dieser Welt mitzuhalten. Dennoch hat diese Tatsache seinem Ruf nicht im Geringsten geschadet. Man könnte sogar sagen, dass sein Ruhm nach dem Zerfall der legendären Dokken durch aufsehenerregende Endorsements (ESP, Seymour Duncan, Dean Markley sowie zuletzt auch Zoom), Kliniken, didaktische audiovisuelle Gitarren-Lernmittel und eine Online-Musikschule sogar noch gewachsen ist. Trotz sporadischer Produktion von Solo-Werken und Lynch Mob-Alben misst George sich vor allem dank der Nutzung aller erdenklichen Gitarren-Marktnischen seit fast drei Jahrzehnten erfolgreich mit den bekanntesten und angesehensten Virtuosen der Welt. In dieser Zeit ist es ihm sogar gelungen, ein paar Platten aufzunehmen.    

Im Jahr 2004 machte er sich mit seinem fünften Solo-Album Furious George auf eine Reise in die Vergangenheit und erwies einigen seiner Vorbilder seine Reverenz. Lynch ist nämlich ein Gitarrist der alten Schule von Beck und Hendrix, der sich trotz technischer Meisterschaft und Raserei zwischen den Bünden in vielerlei Hinsicht vom Stil heutiger Akrobaten unterscheidet. In seinem Opus dominieren statt klassisch inspirierter Sweeps und robotergenauer supersonischer Läufe klassische Pentatonik, ein beneidenswertes Gespür für Legato und Vibrato sowie bluesige Double Stops, die typisch für Vaughan in seinen besten Jahren sind. Zu diesem Stil passt auch die Auswahl der Coverversionen auf dem Album. Am interessantesten sind sicher die ersten beiden. Das Stück Space station # 5 wurde 1973 von Hagars Montrose aufgenommen und verblüffte den jungen Eddie Van Halen, der ein Jahr zuvor in Kalifornien seine erste Band gegründet hatte; darauf folgt Sin’s a good man’s brother, das auf dem dritten Album der amerikanischen Antwort auf die Zeppelins, Grand Funk Railroad, zu finden ist. Lynch begibt sich dann in sicherere und vorhersehbarere Gewässer und bietet uns einen zeitlosen Strauß aus den Stücken All along the watchtower, Stormbringer  und I wantyou/She‘ s so heavy, mit einer rein bluesigen Paraphrase auf Harrisons Solo. Mit Blood of the sun erweist George Leslie West und seinem warmen Röhren-Sound seine Reverenz, und das träge Bridge of sighs dreht sich um den Univibe-Effekt, ein Gerät, mit dem Hendrix in den Sechzigern seine Machine gun veredelt hatte. Statt des Originalpedals, das heutzutage eine ziemlich seltene Sache zu astronomischen Preisen ist, verwendete Lynch bei der Aufnahme Fulltones Deja Vibe, das als beste Annäherung an dieses legendäre Bodenpedal gilt.

Dixons I ain’t superstitious, die die Nummer neun trägt, wurde von vielen bekannten Musikern gecovert, darunter Yardbirds, Tesla, Megadeth und Grateful Dead, doch die bekannteste Coverversion stammt zweifellos von Jeff Beck. Lynch gibt selbst zu, dass er sich in diesem Fall eher an Beck als an Dixon und Howlin‘ Wolf orientiert hat. Das gilt auch für das andere Dixon-Stück, das Beck auf seinem Album Truth aufgenommen hat und You shook me heißt. Wie Lynch im Begleittext der Platte erläutert, beschäftigte er sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal mit der Slide-Technik, wobei zugegeben werden muss, dass er die Sache auf eine etwas ungewöhnliche Art anging. Da er für diesen Zweck kein geeignetes Werkzeug hatte, verwendete er auf Vorschlag von Produzent Mike Varney bei der Aufnahme seinen alten Tiger und eine gewöhnliche Batterie, die er so liebgewann, dass er sie später statt eines klassischen Fingerpicks sogar bei Konzerten zu verwenden begann. Auch die letzte Coverversion mit dem Titel Dancing madly backwards ist eine überaus interessante Wahl. Im Jahr 1972 wurde sie von den Space-Rockern Captain Beyond aufgenommen, die vor allem dafür bekannt sind, dass ihr Sänger Rod Evans der erste Vokalist von Deep Purple war (siehe die ersten drei Alben). Mit psychedelisch-progressiven Rhythmen, in denen Lynchs Dank an Beyond-Gitarrist Larry „Rhino“ Reinhardt und ein Tribut an seinen breiten „Strat“-Sound stecken, schließt sich auch der vorliegende Reigen an Coverversionen.

Furious George ist aus technischer Sicht kein Album der Superlative und steht klanglich eher Becks frühen Alben (wie Truth und Beck – ola) nahe als den Werken heutiger Virtuosen. Dank des soliden Gesangs von Kelly Keeling wäre es auch schwer, ihn als typisches Gitarren-Album zu bezeichnen. Georges Gitarre steht zwar durchgehend im Vordergrund, ist aber nie aufdringlich oder im Widerspruch zum Geist und zur Absicht der ursprünglichen Musik. Mehr noch: Man könnte sogar zu dem Schluss kommen, dass die hellsten Momente der Platte gerade die einfallsreiche Auswahl der Coverversionen und die Wiederbelebung einiger gewichtiger musikalischer Institutionen aus der fernen Vergangenheit sind, die zweifellos keine Vergessenheit verdienen. Und das ist letztlich auch die Kernbotschaft von Lynchs Album.    

 

Besetzung

George Lynch – Gitarre
Kelly Keeling – Gesang
Jaff Martin – Schlagzeug
Gunther Nezhoda – Bass
Mark Robertson – Keyboards

Produktion

Mike Varney & George Lynch

Trackliste

1. Space station # 5
2. Sins a good man’s brother
3. All along the watchtower
4. Stormbringer
5. I want you/She’s so heavy
6. Blood of the sun
7. Bridge of sighs
8. Precious and grace
9. I ain’t superstitious
10. One way or another
11. You shook me
12. Dancing madly backwards

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