Molecular Heinosity
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Sherinian, Derek
Label: Inside Out Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 39:50
Wertung: 3/5
Derek Sherinian ist ein musikalischer Name, der keiner großen Vorstellung bedarf, denn heutzutage gibt es auf der internationalen Musikszene nur wenige Keyboarder, die sich so viel Anerkennung und Ansehen erfreuen wie das ehemalige Mitglied der amerikanischen Prog-Metal-Elite Dream Theater und Mitarbeiter von Namen wie Alice Cooper, Billy Idol und Kiss. Seitdem Herr Sherinian 1999 sein eigenes Projekt Planet X ins Leben rief, hat er zwischendurch auch Zeit für Werke gefunden, die unter seinem eigenen Namen erschienen sind.
„Molecular Heinosity“ ist sein sechstes Soloalbum in Folge. Irgendwie erwartungsgemäß bringt es nichts erschütternd Neues, noch weniger Innovatives, denn Sherinian hält auch diesmal am selben bewährten Rezept seiner früheren Werke fest, in dem sich durch intensives Gitarren-Shredding, eigene egotripische Keyboard-Exhibitionen und kataklysmische Schlagzeug-Salven sein Prog-Metal-Erbe, die hartrockigen Einflüsse seiner musikalischen Mitarbeiter sowie eine jazzartig ausgerichtete musikalische Disziplin kreuzen.
Zweifellos sind die Gründe, warum der amerikanische Virtuose mit den geölten Fingern und dem hochpotenten Ego auf der bewährten Prog-Metal-Formel besteht, auch in der Mannschaft der musikalischen Mitarbeiter zu suchen, die aus bewährten Kräften besteht wie dem Gitarristen/Sänger Zakk Wylde (Black Label Society, Ozzy Osbourne), dem britischen Bassisten und Keyboarder Tony Franklin (Blue Murder, Jimmy Page) sowie den Schlagzeugern Virgil Donati (Steve Vai, Steve Walsh, usw.) und Brian Tichy (Billy Idol, Foreigner, Glenn Hughes, usw.). Sherinian wählt seine musikalischen Mitarbeiter auf ähnliche Weise wie ein Casting-Agent Schauspieler für einen Film auswählt – er heuert bewährte, unkomplizierte Kräfte an, die Saisonarbeit gewohnt sind. Man merkt dem Mann an, dass er im Herzen ein Rocker ist, weshalb er seinen Kumpels innerhalb der einzelnen Kompositionen viel Raum lässt, ihre eigenen virtuosen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen, dabei aber wachsam darauf achtet, dass sie sein Keyboard-Königreich nicht eine Sekunde lang in den Schatten stellen. Dabei lässt er insbesondere seinem Liebling Wylde produktionstechnisch völlige klangliche Gleichberechtigung mit den Keyboards – manchmal sogar den Vorzug.
„Molecular Heinosity“ ist mit Ausnahme der abschließenden Burleske „So Far Gone“, in der der alte Wylde mit seinem krächzenden „Ozzy-wanna-be“-Gesang aufwartet, ein Instrumental-Album. „Antarctica“ verkörpert die charakteristische Mischung aus Sherinians Keyboard-Neoklassizismus in Verbindung mit Wyldes brutalem Gitarren-Shredding und wilden Schlagzeug-Eskapaden. Sherinian hält mit seinen rasenden Tastenattacken, die er sich offensichtlich von Größen wie Keith Emerson und Jan Hammer abgeschaut hat, irgendwie die zentrale Melodie aufrecht, die aber nicht im Entferntesten Assoziationen an eine eisige Landschaft weckt. „Ascension“ dient in erster Linie dazu, Wyldes solistisches Ego vor einem Hintergrund aus Ambient-Schleiern zu potenzieren. „Primal Eleven“ verkörpert Sherinians Erbe aus der Zeit mit Dream Theater, denn es fehlt nicht an bestialischen Improvisationen, nervösem Gitarren-Shredding und unerwarteten rhythmischen Intervallen beim Beweis individueller virtuoser Fähigkeiten. Die meisten Keyboard-Passagen schöpfen auch hier in großem Maße und unverblümt aus den Klassikern des Prog-Rock. Für Liebhaber musikalischer Technikalien ist diese Komposition ein wahres Fest, während aufrichtige Pfleger der Prog-Rock-Relikte nicht annähernd so begeistert sein werden.
„Wings of Insanity“ ist eine Komposition mit harten, geradezu brutalen Griffen – brutalem Gitarren-Riffing, Double-Bass-Pedal-Salven und einer Menge solistischer Orgien. Damit werden vor allem alle Liebhaber härterer Formen des Prog-Metal auf ihre Kosten kommen. „Frozen Fire“ ist ein fast klischeeartiger Hybrid zwischen hartrockigem Neoklassizismus und Metal, bei dem Wylde nach besten Kräften Sherinians ehemaligen Kollegen Yngwie Malmsteen simuliert. Besonders in den Solos hat der Hörer häufig das Gefühl der Anwesenheit des schwedischen Gitarren-Egomanen, was einmal mehr Wyldes Größe als vollkommener Gitarren-Emulator beweist, gleichzeitig aber auf seine eigene stilistische Ausdruckslosigkeit hinweist. Vollkommene virtuose Fete, aber pure kompositorische Pathetik. „The Lone Spaniard“ ist im verwandten Geist, mit dem Unterschied, dass Sherinian hier zumindest versucht, über ruhigere Klavierpassagen einen Hauch von Subtilität einzubringen, was ihm dank Wyldes überheblichem Solieren vollständig misslingt. Zumindest vom Titelstück würde man etwas mehr Gewicht auf Strukturierung und die Gestaltung einprägsamer Melodien erwarten, aber das ist die Rechnung ohne den Wirt, denn es verwandelt sich schnell in ein verrücktes Wettrennen im Solieren und Skalenjagen. Das bereits erwähnte abschließende Stück „So Far Gone“ ist die einzige Komposition, die Hand und Fuß hat, wird aber leider nur die eingefleischtesten Fans von Wyldes Lieblingsarbeitgeber überzeugen können, dem er auch stimmlich treu folgt. Im Vergleich zu dem, was Ozzy heutzutage üblicherweise produziert, wäre das sogar eines seiner besseren Werke, da es treu aus den Elementen des Doom Metal und der Sinfonik schöpft.
„Molecular Heinosity“ ist ein weiteres Werk, das alle Liebhaber hochvirtuosen Instrumentaleinsatzes – vor allem schamlos schnelles Gitarren-Shredding – mühelos sättigen wird, doch hat der Tastenmeister mit den geschliffenen Fingern damit absolut nichts Neues gesagt. Auch von einer künstlerischen Stagnation kann man nicht sprechen, denn Sherinian beharrt beständig auf den charakteristischen kompositorischen und aufführungstechnischen Griffen, mit denen er zu den Besten gehörte und sich allgemeine Anerkennung erworben hat. Aus streng technisch-musikalischer Sicht der Demonstration instrumentaler Möglichkeiten glänzt das Album in jeder Hinsicht, ihm fehlt jedoch leider chronisch die Ausdruckstiefe und Subtilität, mit der es jene musikalischen Feinschmecker wirkungsvoll ansprechen würde, die auch Wert auf Ambient-Expression und musikalische Herzlichkeit einzelner Kompositionen legen. Sherinian und seine Mannschaft übertreiben zwar nicht mit akademischen Skalenmärschen und solistischen Ejakulationen à la Dream Theater jenseits der Grenzen des guten Geschmacks, aber ihre generische Fusion aus Prog-Metal, neoklassizistischem Hard Rock und in geringerem Maße Jazz-Fusion ist weit entfernt von jenen Zeiten, als jede Form des Progressive Rock noch mit Herz und Seele gespielt wurde.
Besetzung
Derek Sherinian – Keyboards
Zakk Wylde – Gitarre, Gesang (9)
Tony Franklin – Bassgitarre
Virgil Donati – Schlagzeug
Brian Tichy – Schlagzeug, Gitarre
Produktion
Deek Sherinian
Tracklist
1. Antarctica
2. Ascension
3. Primal Eleven
4. Wings Of Insanity
5. Frozen By Fire
6. The Lone Spaniard
7. Molecular Intro
8. Molecular Heinosity
9. So Far Gone