Night Passage

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Weather Report
Label: Columbia Records
Erscheinungsjahr: 1980
Spielzeit: 48:05
Wertung: 5/5

„Night Passage“ ist einer der letzten Klassiker aus dem Schatzfundus der Jazz-Fusion-Legenden Weather Report, dem es gelingt, ihre romantischen Zeiten heraufzubeschwören, als innerhalb des hochkarätigen Kollektivs eine unglaubliche instrumentale Harmonie und Spontaneität der musikalischen Ideen herrschte. Das Besondere an diesem Studio Album ist, dass es von Anfang bis Ende live aufgenommen wurde, vor einem Publikum von 250 Glücklichen, die sich an jenem Abend im Complex (Los Angeles) einfanden. Die Gruppe veranstaltete auf dem Höhepunkt ihrer Konzertpower ein unvergessliches zweitägiges Konzertspektakel, das zwei Auftritte pro Abend enthielt. Neben den Konzertversionen der Weather Report-Klassiker gab es auch völlig neue Kompositionen, die sich nach kleineren Studiobearbeitungen als tragende Bausteine von „Night Passage“ erwiesen. Der Klang des Albums könnte nicht unterschiedlicher sein als der des Vorgängers „Mr. Gone“ (1978), der viel Kritik wegen Überproduktion einstecken musste, vor allem was die Texturen der modifizierten Synthesizer betrifft. Die Herren Zawinul und Pastorius haben den Produktionsfehler also nicht wiederholt und für einen außerordentlich lebendigen, vollen und natürlichen Klang gesorgt.

Das Wesentliche, worin „Night Passage“ die Qualität seines Vorgängers übertrifft, liegt in der Natur der einzelnen Kompositionen, denn damit kündigten sie die Rückkehr zur Tradition der entspannten Improvisationen aus den frühen Jahren ihrer Karriere an. Weather Report waren zu dieser Zeit bereits ziemlich des Ruhms müde und des Spielens vor tobendem Publikum, das jeden Abend das Spielen von Hits in der Manier von Rockbands verlangte. Der Widerstand gegen das Etikett „jazz rock“ wuchs immer stärker. Es folgte die logische Reaktion, durch die sie zu ihren traditionelleren jazzigen Klangwurzeln zurückkehrten, die auf völlig entspannten Improvisationen und einer weniger strukturierten Kompositionsweise basierten. So erneuerten sie teilweise den Geist ihrer frühen Tage, indem sie die hohe Komplexität, die Aufgeladenheit und die außergewöhnliche instrumentale Arroganz beibehielten – Eigenschaften, die sie an der Wende der 70er erworben hatten. Das Verdienst für den Schritt in die richtige Richtung liegt sicher auch im Kommen des neuen Percussionisten Robert Thomas Junior. Letzterer brachte mit seiner Liebe zum traditionellen Jazz die nötige rhythmische Dynamik mit, die Zawinul und Shorter schon seit einigen Jahren vermisst hatten. Roberts Technik war dem Bebop näher als den Latino-Rhythmen der meisten seiner Vorgänger.

Die Improvisationen innerhalb der einzelnen Kompositionen gehören auf „Night Passage“ zu den begeisterndsten in ihrer Geschichte. Weather Report waren schon immer bekannt für ihr außergewöhnliches Zusammenspiel und ihre einzigartigen Konzertüberraschungen. Die Spontaneität und Schnelligkeit, die sie an diesen zwei Abenden bewiesen, war schlicht unglaublich. Für die verblüffende instrumentale Kohäsion und das Abenteuer beim Erschaffen der einzelnen Arrangements und Harmonien waren alle Mitglieder der Gruppe verantwortlich. Dabei ließen sie genug Raum für einzelne Soloparts, die dazu dienen, legendäre Talente vorzustellen, die keiner weiteren Vorstellung bedürfen. Alle Fans des legendären Jaco Pastorius haben auf „Night Passage“ jede Menge Grund zur reinen Freude, denn der witzigste – um nicht zu sagen beste – Bassist aller Zeiten sorgt für eine Reihe unvergesslicher, regenbogenfarbener Basslinien, origineller Solos und saftiger Riffs, bei denen man manchmal glatt vergisst, dass es sich nicht um die Klangpartien einer E-Gitarre handelt.

Beim Durchhören von Komposition zu Komposition lässt sich leicht feststellen, dass der stilistische Kurswechsel zu den Wurzeln bereits das hervorragende Titelstück verkörpert. Die Entspanntheit und Spontaneität innerhalb der einzelnen Improvisationseinlagen ist auf beneidenswertem Niveau. Shorters Saxofonpassagen sind bei der reichen rhythmischen Begleitung dem traditionellen Jazz näher als dem Fusion, während für die experimentelle Verspieltheit vor allem Pastorius‘ funkige Basslinien sorgen. Was an dieser Komposition am meisten fasziniert, ist die Spielgeschwindigkeit, die geradlinig mit der Dauer zunimmt. Der große Weltreisende Zawinul fand seine Inspiration dafür während einer nächtlichen Zugreise von Venedig nach Wien, wo er den Rhythmen des Ratterns der Eisenbahnschienen und den Lautsprecherdurchsagen der Bahnhöfe lauschte. Mit zunehmender rhythmischer Geschwindigkeit wird die Atmosphäre eines beschleunigenden Zuges bis ins Detail eingefangen. „Dream Clock“ beruhigt mit seiner zarten Melodie, aufgebaut auf mächtigen Wellen von Zawinuls Synthesizern und träumerischen Saxofonpassagen von Shorter, auf angenehme Weise die Aufgewühltheit des vorherigen Stücks. Hier lässt sich jener verträumte Puls spüren, der auf ihren frühen Werken vorherrschte. Peter Erskine, der sich durch einen vielfältigen Einsatz der Becken auszeichnet, nahm für sein Soloalbum „Motion Poet“ (1988) eine leicht veränderte Version dieses Klassikers auf.

„Port of Entry“ ist ihr genaues Gegenteil, denn es handelt sich um einen kompromisslosen Improvisationssturm, bei dem man den außergewöhnlichen Sinn der Gruppe für klangliche Kombinatorik bewundern kann. Der beste Moment der Komposition kommt mit Pastorius‘ mörderischem Solo, das durch die temperamentvolle Begleitung von Percussion und Schlagzeug dem nicht weniger erlesenen Zawinul-Solo auf dem Synthesizer die Hand reicht. Am Ende sind tosende Ovationen des Publikums zu hören, was die aufgeheizte Atmosphäre noch zusätzlich würzt. „Forlorn“ ist beinahe ein typisches Zawinulsches Kompositionskind, in dem seine wachen, leicht melancholischen Verzierungen auf dem E-Piano und die denkbar subtile Begleitung von Shorters Saxofon zu finden sind. Forlorn ist ein englischer Ausdruck für Verlorenheit bzw. Verlassenheit, der gut zur düsteren Atmosphäre dieser Komposition passt. Weather Report waren stets auf ihre eigene Weise Meister der Konzertüberraschungen. Für die größte Überraschung des Albums sorgt die hervorragende Bearbeitung von Ellingtons Klassiker „Rockin‘ in Rhytm“, die sie mit zahlreichen Witzeleien auf Saxofon und Keyboards sowie neckischen rhythmischen Verzierungen auf dem Bass aufwerteten, denn Bearbeitungen waren in ihrer Geschichte wirklich eine echte Seltenheit.

„Fast City“ ist, seinem Titel entsprechend, die Verkörperung kompromissloser rhythmischer Schnelligkeit, vor allem im Dreieck Pastorius-Erskine-Thomas Junior, obwohl auch „die zwei Alten“ auf beachtliche Weise mit ihren jüngeren Kollegen Schritt halten. „Three Views of a Secret“ ist eine der besten kompositorisch-instrumentalen Perlen von Pastorius überhaupt. Der geniale Bassist beweist sich damit nicht nur als atemberaubender Instrumentalist, sondern auch als außergewöhnlicher Komponist. Die Komposition biegt sich unter der Last der reichen Saxofon-Arrangements, während die Improvisationen und schaurigen Passagen in ihrem Mittelteil einfach zum Fingerablecken sind. Im Finale formt sich völlig spontan und unerwartet eine großartige Melodie. Die ursprüngliche, orchestrale Version dieses Klassikers befindet sich auf Jacos zweitem Soloalbum „World of Mouth“ (1982). Für einen monumentalen Abschluss sorgt das epische, über 10-minütige „Madagascar“, das Zawinuls Verliebtheit in afrikanische Landschaften und Weltmusik widerspiegelt. In jeder Hinsicht handelt es sich um eine der großartigsten Improvisationen in der Geschichte der Gruppe, wo sich ungeahnte klangliche Weiten öffnen, vor allem durch die wilden Abenteuer auf dem Oberheim-Synthesizer und die grenzenlos witzigen rhythmischen Ethno-Einlagen.

„Night Passage“ stellt eine überaus gelungene Rückkehr zu bestimmten klanglichen Maßstäben dar, mit denen die Legenden des Jazz Fusion ihre Treue zur absoluten klanglichen Spontaneität erneuert haben. Nach dem Flirt mit Jazz Rock auf den Meisterwerken „Black Market“ (1976) und „Heavy Weather“ (1977) sowie in geringerem Maß mit Smooth Jazz auf „Mr. Gone“, kam dieser stilistische Kurswechsel als überaus willkommene Erfrischung. Das Album wird durchgehend von außergewöhnlicher Entspanntheit, Spontaneität und lebendigem Klang geprägt. Gleichzeitig hatten sie sich seit ihren frühen Jahren nicht mehr mit einem solchen Grad an Ätherischem und einer so bunten Anzahl an hervorragenden Improvisationen gebrüstet. In dieser Hinsicht stellt es einen der besten Momente ihrer Diskografie dar. „Night Passage“ ist eine Meisterleistung, die heutzutage am meisten all jene zu schätzen wissen werden, die bei Weather Report stets vor allem ihre spontane jazzige Natur bewundert haben, die aus völlig freien, unstrukturierten Klangformen schöpfte, und die Jazz Rock Fusion nur als eine von vielen Stufen ihrer Entwicklung betrachteten.

Besetzung

Joe Zawinul – Keyboards
Wayne Shorter – Saxofon
Jaco Pastorius – Bassgitarre
Peter Erskine – Schlagzeug
Robert Thomas Jr. – Percussion

Produktion

Joe Zawinul und Jaco Pastorius

Trackliste

1. Night Passage
2. Dream Clock
3. Port Of Entry
4. Forlorn
5. Rockin‘ In Rhythm
6. Fast City
7. Three Views Of A Secret
8. Madagascar

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