Saints Of Los Angeles

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Mötley Crüe
Label: Motley Records
Erschienen: 2008
Bewertung: 3.5/5

Motley Crue mit einem neuen Album nach acht Jahren Pause! Hat das Wiederkäuen halluzinogener Substanzen in dieser Zeit etwa den letzten Gehirnlappen aufgefressen? Keineswegs. Ihr kennt ja das Sprichwort: Was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Und im Fall von Motley Crue wirkt ihre eitle Gier nach ewigem Vergnügen allenfalls beflügelnd auf die musikalische Inspiration. Musikalische Inspiration bei Motley Crue? Ihr lacht euch schon krumm, oder?

„Saints Of Los Angeles“ ist ein Album, von dem man gleich zu Beginn sagen kann, dass es Crue von Kopf bis Fuß ist. Echter Crue geht nicht. Hauptmotor der Band Nikki Sixx hat den Löwenanteil des Ganzen besorgt, die meisten Ideen beigesteuert, die er zusammen mit Mick Mars ausgefeilt hat, und die Gesamtproduktion des Albums bombastisch gestaltet. Es ist also ein Album mit einem enorm schweren, voluminösen Bass-Fundament, mit Lees nach vorne gedrängten Drums — das Markenzeichen von Crue-Alben — aber auch einer ungemein lebendigen Gitarrenriff-Produktion aus einem scheppernden, modern gebogenen Sound, der gleichzeitig scharf und ungemein laut klingt, lauter als alles, was von der Band in den goldenen Achtzigern gekommen ist. Wenn man dazu noch Vince Neils näselnden, frechen Gesang addiert, beschleicht einen das Gefühl, dass das Album stellenweise sogar punkoid wirkt, punkoid wie kein Crue-Album zuvor. Willst du den ersten solchen Moment des Albums? Das Eröffnungsstück Face Down In The Dirt — und da ist er. Neben This Ain’t The Love Song (mit dem zweiten Vers des Refrains, der sich wiederholt: „This is a fuck song!“) wahrscheinlich der rebellischste Song des Albums. Dass die Jahre stumm verstreichen und ihr Gewicht sich auch an den Jungs bemerkbar macht, bringt Sixxs Lyrik in The Animal In Me zum Ausdruck. Naja, vielleicht hat er auf Basis von nahrhaftem weißen Pulver die Bestie in sich gefunden. Ansonsten ein ziemlich langweiliger Song, mit einer wohligen Post-Grunge-Färbung à la eines „zugedröhnten“ Staind, den der Crue-Fan auf dem Album sicher nicht vermissen wird. Produktionstechnisch trägt das Album eine außerordentliche Dynamik. Lebendig, mit einem reißenden Rhythmus-Unterbau!

Motley Crue bleiben auch mit „Saints Of Los Angeles“ ein Synonym für schlechte Musiker. Mick Mars versteckt sich hinter dem Wah-Wah, dribelt zweistimmige Pull-offs und spaziert damit drei Töne rauf und runter am Hals (damit „biegt“ er vor allem die Übergänge zwischen Refrains und Vorrefrains), in den Soli zaubert er auch nicht viel mehr hervor. Und? Brauchen Motley Crue mehr als ultrasimple Rhythmuslinien, völlig triviale Riffs und näselnden, scharfen Gesang? Nein. Genau das ist ihr Charme, der unbefleckt bleibt und unterm Strich wieder einmal von Kopf bis Fuß überzeugt. Und ein Faktor, den Crue auch diesmal wieder meisterhaft als scheinbar unüberwindliche Hürde zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen.

Grundsätzlich klaffen zwischen den Songs Qualitätslücken, und 13 Stücke sind für ein Album vom Kaliber Motley Crue eindeutig zu viel. This Ain’t A Love Song und The Animal In Me sind ein Tropfen zu viel im neuen Zaubertrank von Crue, und auch auf das Intro L.A.M.F. hätte man gut verzichten können.

Der stärkste Moment des Albums findet sich in der Abfolge der Songs Down At The Whiskey, Saints Of Los Angeles, Mutherfucker of the Year, die vor allem auf alle Liebhaber der „Dr. Feelgood“-Ära der Band nostalgisch wohltuend wirken wird. Das Album hebt sich später auch mit Just Another Psycho auf dieses Niveau, was vor allem deshalb gefällt, weil Crue trotz der insgesamt düsteren Atmosphäre des Albums ihren bildhaften Sinn für Klamauk bewahren, der auch im weiteren Verlauf in White Thrash Circus auf diesem Niveau bleibt. Die Texte beweisen, dass Crue mit den Körpern reifer Männer, die die Fünfziger anpeilen, im Kopf noch immer auf McDonald’s-Teenager-Niveau geblieben sind. Offensichtlich haben die Zahnräder im Gehirn zu rosten begonnen und sich an irgendeinem geistig-entwicklungsbedingten Punkt nicht mehr synchron mit dem Körperwachstum gedreht. Damit meine ich, dass die Jungs noch immer über das „Flachlegen von Mädchen“ singen, wie ihr Steifes und Aufrechtes jeden auf dem Planeten einschüchtert wie sonst niemand, über Drogensucht — kurz gesagt laut über all die Dinge, die sich die „Schäfchen“, die ihrer Karriere folgen, angeblich nicht trauen nachzumachen.

In Sachen Schärfe und Eingängigkeit ohrenwürmender Riffs wirkt „New Tattoo“ (2000) wie ein wahrhaft unschuldiges Lämmchen im Vergleich zum neuen „Saints Of Los Angeles“. Es ist ein Album, das unterm Strich ein waschechtes Motley Crue Album ist, bis an die Zähne bewaffnet mit ihren Standardtricks, und obendrein ein wirklich gutes und überzeugendes Crue-Album. Es lädt zur Party ein, ist roh, barfuß, bis auf die Knochen ausgezogen. Es bietet nichts, was musikalische Gourmets auf der Suche nach musikalischer Katharsis befriedigen würde. Es trägt einen ungemein heißen und giftigen, potenten Rockstoß in sich, den eben nur Crue zu produzieren verstehen, und bleibt daher ein hochgradig wiedererkennbares Crue-Album, mit dem die Jungs beweisen, dass sie ihrer machohaften „musikalischen Neurose“ noch lange nicht abschwören wollen. „Saints Of Los Angeles“ ist der wahre „Motherfucker“ des Jahres! Seid damit genauso dreist!

Besetzung

Vince Neil – Gesang
Mick Mars – Gitarre
Nikki Sixx – Bass
Tommy Lee – Schlagzeug

Produktion

Nikki Sixx

Trackliste

01. L.A.M.F (1:23)
02. Face Down In the Dirt (3:44)
03. „What’s It Gonna Take (3:45)
04. Down at the Whiskey (3:50)
05. Saints of Los Angeles (3:40)
06. Mutherfucker of the Year (3:55)
07. The Animal In Me (4:16)
08. Welcome to the Machine (3:00)
09. Just Another Psycho (3:36)
10. Chicks = Trouble (3:13)
11. This Ain’t a Love Song (3:25)
12. White Trash Circus (2:51)
13. Goin‘ Out Swinging (3:27)

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