Over-Nite Sensation

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Zappa, Frank
Label: Rykodisc Records
Veröffentlichung: 1973
Bewertung: 5/5

„Over-Nite Sensation“ war einer von vielen dramatischen Stilwechseln in Franks ungemein reicher und turbulenter Karriere, mit dem er einen neuen Meilenstein beim Erfinden spezifischer und unnachahmlicher, größtenteils avantgardistisch-satirischer und hochkomplexer Formen der Popmusik setzte. Der legendäre Komponist entschied sich in dieser Phase seines Schaffens, nach zwei Jazzrock-Fusion-Meisterwerken, „Waka/Jawaka“ (1972) und „The Grand Wazoo“ (1972), sowie der Erholung von einer schweren Verletzung durch einen aus der Bahn geworfenen Konzertbesucher, die ihn zu einer fast einjährigen Livepause zwang, seine Begleitband The Mothers Of Invention wiederzubeleben und ein Album aufzunehmen, das sich stilistisch kaum stärker von seinen beiden Vorgängern unterscheiden könnte und ein echter Schock gewesen wäre , wenn es sich um irgendeinen anderen Musiker als Zappa gehandelt hätte. Darauf hat er nämlich sein Geflirte mit komplexem Jazzrock-Fusion komplett hinter sich gelassen und sich in deutlich leichtere, melodischere Hardrock-Gewässer begeben. Mit denen hatte er in seiner bisherigen Karriere zwar schon ein paarmal geliebäugelt (am offensichtlichsten auf „Chunga’s Revenge„, 1970), aber nie in dem Maße wie auf „Over-Nite Sensation“, dem es weder an witzigen Gitarrenriffs noch an zahlreichen mehrstimmigen Backing Vocals, schlagkräftigen Rhythmuswechseln und mit Blues-Melos gewürzten Gitarrensoli fehlt, wie man sie sonst mit der harten Rocktradition verbindet. Die neuen musikalischen Abenteuer unterfütterte er wie gewohnt mit seinem typischen Gespür für Gesellschaftssatire und (Selbst-)Ironie, was ihm den Ruf (oder die Kritik; je nachdem, wie man seine Musik wahrnimmt) als Vater des sogenannten Comedy-Rock eingebracht hat.

Die damalige Traumbesetzung der neu aufgestellten The Mothers Of Invention bestand aus einigen alten Kumpels von Frank, allen voran dem Keyboard-Zauberer George Duke, dem französischen Violinvirtuosen Jean-Luc Ponty, dem vielseitigen Ian Underwood an den Blasinstrumenten (Rückkehrer und einziges Mitglied der ursprünglichen The Mothers Of Invention), seiner Gefährtin Ruth an der Percussion und Sal Marquez an der Trompete, aber auch aus ein paar neuen Gesichtern, angeführt von Ralph Humphrey am Schlagzeug und den Brüdern Fowler an Posaune und Bassgitarre. Nicht übersehen darf man außerdem die vielen glänzenden Gäste an den (Backing-)Vocals, allen voran Tina Turner und ihre Begleitband The Ikettes (sie steuerte ihr Backing-Talent zu den meisten Songs des Albums bei und glänzte besonders auf dem abschließenden und beliebtesten Stück der Platte, „Montana“; aus unbekannten Gründen wurde ihr Name in den Original-Credits des Albums allerdings nicht genannt), Kin Vassy an den Backing Vocals, der in seiner Karriere auch mit Elvis Presley und Kenny Rogers zusammengearbeitet hat, sowie Ricky Lancelotti, der sein raues, leidenschaftliches Gekreische zu „Fifty-Fifty“ und „Zomby Woof“ beisteuerte. Den Großteil der Leadvocals auf dem Album hat aber Frank selbst gesungen, dessen spezifisch sarkastisch-spöttischer und absichtlich leicht nerviger Gesang meist auf den Songs am besten funktioniert, die Klohumor enthalten, und davon gibt es auf diesem Album reichlich. In den Texten der meisten Songs von „Over-Nite Sensation“ fehlt es nicht an allerlei sexuellen und gesellschaftlichen Anspielungen, während die politische Satire nur auf „Fifty-Fifty“ und dem abschließenden „Montana“ offensichtlich ist.

Musikalisch ist „Over-Nite Sensation“ eines der zugänglichsten und am wenigsten komplexen Alben in Franks Karriere, mit vielen kürzeren Songs, denen es aber natürlich nicht an den typischen musikalischen Herausforderungen fehlt, und die Schlichtheit einzelner Arrangements täuscht oft. Frank hat auf diesem Werk erstmals bewiesen, dass er ein Album machen kann, mit dem er auch ein breiteres Publikum erreicht, das noch Jahre zuvor kein Gehör für seine zahlreichen Possen-Experimente hatte. Ob du es glaubst oder nicht: Das Album feierte bei Erscheinen sogar einen spürbaren kommerziellen Erfolg in den amerikanischen Charts und wurde Franks erstes Album, das Goldstatus erreichte. Für einen so vielseitigen Musiker mit einer festen und außerordentlich treuen Hörerschaft war das nur noch eine Frage der Zeit, und sicher hat auch der Mangel an den üblichen bissigen politischen Satiren dazu beigetragen, die so manchen davon abhielten, sich intensiver in das Zappa-Multiuniversum zu vertiefen. Auch diese Tatsache zeugt von der ungewöhnlichen Zugänglichkeit von „Over-Nite Sensation“, das neben witzigen, kreativen Hardrock-Passagen auch gelegentliche Anteile von Funk, Progressive Rock mit Schwerpunkt auf Jazz-Arrangements und Spuren einiger anderer Genres enthält. Auf dem Album fand sich zugleich eine Menge Konzertfavoriten, allen voran „Camarillo Brillo“, „I’m The Slime“, „Dirty Love“, „Zomby Woof“ und „Montana“, die sich über die Jahre als feste oder gelegentliche Bausteine von Franks Auftritten etabliert haben.

Schon die ersten Takte der (für Franks Verhältnisse) ungemein leichtfüßigen „Camarillo Brillo“ verkünden, dass dieses Album radikal anders ist als die komisch-glorreichen Jazzrock-Fusion-Epen mit Bigband-Unterstützung der Vergangenheit. Im Kern ist es lockerer Hardrock mit einem scherzhaften Text, dem es nicht an sexuellen Anspielungen mangelt. Im Songtitel steckt außerdem eine Parodie auf die kalifornische Stadt Camarillo, die sich auf Brillo reimt, den Namen einer Firma für Putzutensilien. Franks raffinierter Wechsel bluesiger Akkorde und der witzige, kreative Einsatz der Bläser im Hintergrund sind die Schlüsselbausteine eines der besten und beliebtesten der melodischer gefärbten Werke seiner Karriere. In der Stimmung des Songs ist auch ein mexikanischer Beigeschmack auszumachen, vor allem nach der scherzhaften Strophe über den mexikanischen Poncho. Auf „I’m The Slime“, das mit einem kurzen, aber frechen Solo beginnt, kommt die erste Gesellschaftssatire des Albums (auf Kosten einiger „unterhaltsamer“ TV-Programme). Der Einsatz der Bläser im Hintergrund, die vielen Gitarreneffekte und der zerfahrene Rhythmus geben der Komposition einen ungemein komischen Unterton. Franks erzählerisch gefärbtem Gesang, wenn er absichtlich wie ein perverser gesellschaftlicher Außenseiter klingt, verleihen die hervorragenden weiblichen Backing Vocals von Tina Turner und The Ikettes im Refrain sowie die scherzhafte Bläsersektion einen ganz besonderen Charme. Den Song erweitert am Ende noch ein unverkennbares, possenhaftes Gitarrensolo von Frank.

„Dirty Love“ ist ein weiterer kürzerer, melodischer, hardrockig gefärbter Song, der sich mit seinem eingängigen, wiedererkennbaren Refrain über die Jahre als einer von Franks beliebtesten Klassikern etabliert hat. Die schlagkräftige Rhythmuslinie wird von einem irrsinnig witzigen Text in Franks Gesangsinterpretation und reichhaltigen Backing Vocals getragen. Vorzüglich. Auf „Fifty-Fifty“ tritt der unbändige Ricky Lancelotti als irrer Kreischer auf, der einen der markantesten Gesänge in Franks gesamter Diskografie beigesteuert hat. In den Refrains leistet ihm auch Frank selbst Gesellschaft. Neben den possenhaften Vocals ist dieser Song ein wahrer Leckerbissen für alle Fans instrumentaler Virtuosität. Die Solo-Demonstration eröffnet nämlich zuerst George Duke am Synthesizer (Duke war überhaupt einer der führenden Pioniere beim Einsatz von Synthesizern), danach folgt Ponty mit einem Feinschmecker-Solo auf der Violine, und zum Schluss fällt noch Frank mit einem von diesen „Hosen (oder besser noch BHs) zerfetzenden“ Gitarrensoli ein. Besonders vorzüglich klingt die abschließende Bläsersektion, die sich am Ende zu den ausgelassenen Gitarrenpassagen gesellt. Diese großartige Komposition platzt die ganze Zeit vor Lausbubenhaftigkeit und ungezähmten Leidenschaften, wofür sicher vor allem Lancelotti verantwortlich ist.

Es folgt eine weitere Possen-Delikatesse, „Zomby Woof“, die neben schlagkräftigen Hardrock-Gitarrenpassagen und mächtigem Schlagzeugeinsatz durch den komplexen Einsatz von Bläsern und Keyboards auch zahlreiche Jazz-Elemente enthält. Besonders begeistert der tolle Refrain mit weiblichen Backing Vocals, der nach jeder komplexen, zerfahrenen, jazzig gefärbten Instrumentalpassage einsetzt. Auch hier keift am Leadmikro der immer leidenschaftliche Lancelotti, der zeitweise fast wie ein unersättlicher Vielfraß klingt (er gibt sich absichtlich Mühe, bösartig zu klingen, wirkt aber in Wahrheit grotesk komisch). Franks meilenweit erkennbare Weltraum-Gitarrensoli, die den Song zusätzlich bereichern, muss man gar nicht erst erwähnen. Sicher wieder einer der Höhepunkte des Albums. Auf dem ungemein unterhaltsamen „Dinah-Moe Humm“, wo sich Funk-, Jazz- und Hardrock-Elemente witzig mischen, überrascht den Hörer im Mittelteil eine ziemlich saftige Passage, die zu den sexuell provokantesten in Franks Karriere zählt. Im ersten Teil legt er sich zudem eine seiner unterhaltsamsten Gesangsperformances hin, die schon fast an Rap grenzt (etwa zehn Jahre, bevor es diesen Begriff überhaupt gab). Dazu gönnt er sich auch ein paar freche Scherze mit erotischen Ergüssen, die schon fast an den Machismo einer Sonderdisziplinarkommission zur Feststellung besonderer Talente ausgewählter Groupies grenzen. Es folgt ein ziemlich saftiger „Bettdialog“, in dem Percussion zu hören ist, die das Wackeln des Bettzubehörs simulieren soll, dazu Anweisungen und Seufzer des Vergnügens (ich hoffe sehr, dass es sich in Wirklichkeit nicht um Aufnahmen von Freizeitaktivitäten mit Gail Zappa handelt, sondern „nur“ um ein „Gespräch“ mit einer der Ikettes). Natürlich weder die erste noch die letzte Demonstration dieser Art von Klohumor, der ihm in seiner Karriere mindestens so viele Anhänger eingebracht wie genommen hat.

Das abschließende „Montana“, eines der beliebtesten und bekanntesten Stücke in Franks Karriere, bei dem erneut Tina Turner mit ihren Ikettes aktiv mitwirkt, war dann nur noch das Sahnehäubchen auf diesem hervorragenden Album. Der Text ist eine Parodie auf die Kommerzialisierung der privaten Landwirtschaft und handelt von einem Trottel, der davon träumt, nach Montana zu ziehen, wo er neben dem Ackerbau mit der Zucht von Seidenraupen bzw. der Seidengewinnung ein großes Geschäft aufziehen könnte. Der Song ist von der Struktur her der leichteste aller Stücke auf dem Album, und der Text wird in Franks Manier in einem so scherzhaften Ton wie nur möglich vorgetragen. Die vorzüglichen weiblichen Begleitharmonien, besonders im Refrain und am Ende, sind zum Fingerablecken, und auch der Schlagzeug-Einstieg ist großartig. Nach dem ersten Refrain folgt außerdem ein längeres und ziemlich komplexes Gitarrensolo. Trotz der scheinbaren Zugänglichkeit und durchgehenden Melodik ist es in Wahrheit eine weitere ziemlich komplexe Komposition, auf ungewöhnlichste Weise strukturiert. Zur zusätzlichen Komik tragen auch der Einsatz des Vibrafons und gelegentliche verrückte Begleitharmonien bei. Nichts geht aber über den vorzüglichen Schluss, wenn sich neben Frank und den Frauen auch noch Kin Vassy in die Backing-Harmonien einklinkt und dem Song mit seinen „Yippie-o-ay-yay“-Refrains jenen passenden Cowboy-Touch verleiht, wie er für den ehemaligen Wilden Westen typisch ist, wo Montana liegt. Angeblich war Tina von der endgültigen Version des Songs so begeistert, dass sie zum Anhören auch ihren damaligen Mann, den berüchtigten Ike Turner, ins Studio einlud, der nach einer Minute Zuhören in seiner typischen Art erklärte: „Was zum Teufel ist denn das für ein Scheiß?“ Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum Frau Turner in den Credits des Albums nicht genannt wurde. Wirklich schade, denn diese Angabe hätte sicher zu einem noch größeren kommerziellen Erfolg des Albums beigetragen

„Over-Nite Sensation“ ist auch heute noch eines der zugänglichsten und beliebtesten Werke aus Franks endloser musikalischer Schatzkammer und zweifellos ein weiteres Meisterwerk dieses unverwüstlichen Genies, das ins Regal jedes gutsituierten Haushalts gehört. Damit trat Frank in seine kommerziell erfolgreichste Phase ein. Noch Ende der 60er, als er mit seiner damaligen Begleitband in den gesamten USA als gefährlicher Abtrünniger und Provokateur galt, wenn nicht gar als revolutionäres Element (diesen Ruf behielt er bei der amerikanischen (und russischen) extremen Rechten übrigens bis zum Schluss), wäre für ihn jeder größere kommerzielle Erfolg eine Sensation ohnegleichen gewesen. Diese Phase war zugleich auch außerordentlich kreativ, und in kurzer Zeit schuf er darin einige Schlüsselalben seiner unglaublichen und äußerst fruchtbaren Karriere.

Besetzung

Frank Zappa – Gitarre, Gesang auf allen Tracks außer „Fifty-Fifty“
George Duke – Synthesizer, Keyboards
Bruce Fowler – Posaune
Tom Fowler – Bassgitarre
Ralph Humphrey – Schlagzeug
Ricky Lancelotti – Gesang auf „Fifty-Fifty“ und „Zomby Woof“
Sal Marquez – Trompete, Gesang auf „Dinah-Moe-Humm“
Jean-Luc Ponty – Violine, Baritonvioline
Ian Underwood – Klarinette, Flöte, Altsaxofon, Tenorsaxofon
Ruth Underwood – Percussion, Marimba, Vibrafon
Kin Vassy – Backing Vocals auf „I’m the Slime“, „Dinah-Moe-Humm“ und „Montana“
Tina Turner and the Ikettes – Backing Vocals (nicht in den Credits aufgeführt)

Produktion

Frank Zappa

Tracklist

1. Camarillo Brillo (3:59)
2. I’m The Slime (3:34)
3. Dirty Love (2:58)
4. Fifty-Fifty (6:09)
5. Zomby Woof (5:10)
6. Dinah-Moe Humm (6:01)
7. Montana (6:35)

Laufzeit: 34:25

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