Bananas

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Deep Purple
Label: EMI Records
Erschienen: 2003
Laufzeit: 51:25
Wertung: 4.5/5

»Bananas« war ein weiterer Wendepunkt im Schaffen der britischen Hard-Rock-Legenden Deep Purple, denn auf diesem Album vollzog sich ein äußerst bedeutender Besetzungswechsel, der die Geburt der sogenannten Mark-VIII-Besetzung einläutete, in der die Band bis heute aktiv ist. Der legendäre Keyboarder und Gründungsmitglied Jon Lord (1941–2012), ohne den der traditionelle Deep Purple-Sound schlicht undenkbar war — sein innovatives Hammond-Orgelspiel war eines der Schlüsselelemente auf dem Weg zu ihrem Weltruhm —, entschloss sich schweren Herzens, sich nach einer Knieverletzung, die ihn zu einer längeren Auszeit zwang, als aktiver Rockmusiker in den Ruhestand zu verabschieden und sich klassisch-orchestralen Projekten zu widmen, denen er bis an sein Lebensende treu blieb. Die übrigen vier Bandmitglieder mussten lange überlegen, ehe sie beschlossen, mit einem neuen Keyboarder weiterzumachen. Lords Abgang war für die legendäre Band, die trotz mehr oder weniger qualitativ unterschiedlicher Studioalben nach der Reunion von 1984 mit dem Ruhm alter Tage ins neue Jahrhundert gestartet war, in jeder Hinsicht ein harter Schlag.

Der kultische Bassist und Produzent Roger Glover, der nach Lords Abschied dank seiner ruhigen und diplomatischen Art eine Art inoffiziellen Bandkopf in Sachen Medienkommunikation übernahm, war sich bewusst, dass es nur einen einzigen Keyboarder gab, der in der Lage war, den außerordentlich beliebten Hammond-Meister würdig zu ersetzen. Die logische Wahl war der klassisch ausgebildete Keyboarder Don Airey, Glovers alter Kumpel aus den Zeiten der legendären Band Rainbow (genauer gesagt zwischen 1979 und 1981). Airey war neben seiner Rainbow-Mitgliedschaft im Laufe seiner reichen Karriere Mitstreiter — manchmal als festes Mitglied, manchmal als Gastmusiker — von so klangvollen Namen wie Colosseum II, Black Sabbath, Gary Moore, Ozzy Osbourne, Whitesnake, Jethro Tull und zuletzt auch Wishbone Ash. Wie so oft bei Wechseln in der langen und turbulenten Deep Purple-Geschichte hatte Aireys Übernahme von Lords Hammond-Orgel eine äußerst wohltuende Wirkung auf die künstlerische Erneuerung einer Band, die kompositorisch schon etwas festgefahren war und mit dem soliden, für Purple-Verhältnisse aber etwas zu durchschnittlichen Album »Abandon« (1998) demonstriert hatte, dass ihre besten Zeiten längst vorbei zu sein schienen.

Für die Entstehung des witzig betitelten »Bananas« brauchten Deep Purple fast fünf Jahre, denn es mangelte chronisch an frischen kompositorischen Ideen — und dann hatte sie Lords Abgang quasi völlig unvorbereitet erwischt. Doch mit der Neuausrichtung der Besetzung wehte ein frischer Wind, denn Airey war während des kreativen Prozesses, der der Entstehung dieses hervorragenden Albums begleitete — das mit einem originellen, wunderschönen Cover mit zwei Bananenerntern aus der „Dritten Welt“ aufwartet —, in bestechender Verfassung und hat mit seinen Keyboard-Eskapaden dem erstarrten Deep Purple-Nervensystem ordentlich frisches Blut eingeflößt. »Bananas« setzt die jahrzehntelange Hard-Rock-Philosophie von Deep Purple fort und impft ihr eine Reihe äußerst angenehmer und erfrischender Überraschungen ein, die die „Heavy-Metal-Großväter“ dringend brauchten, um zu beweisen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören.

Der charismatische Entertainer am Mikro, Ian Gillan, der seine gute Stimmform bewahrt hat, auch wenn er die schwindelerregend hohen Gesangsnoten von einst nicht mehr erreicht, zeigt sich diesmal beim Texten etwas dynamischer als gewohnt: Neben den traditionellen Sorgen rund um verhängnisvolle Frauen und den üblichen humoristischen Floskeln fehlen diesmal auch gewisse Sozialkommentare nicht, was vor allem im Titeltrack zu hören ist. Der kultische amerikanische Virtuose Steve Morse, der sich in dieser Zeit auch den Respekt zahlreicher langjähriger Fans erworben hat, die sich noch immer nicht mit dem Abgang seines Vorgängers Ritchie Blackmore abfinden konnten, glänzt auf dem gesamten Album mit innovativen Gitarrenphrasen und kühnen Improvisationen. Ian Paice, der nach Lords Weggang als letztes originales Deep Purple-Mitglied verblieben ist, ist wie gewohnt gnadenlos präzise hinter dem Schlagzeug und der ideale Weggefährte für Glovers traditionelle melodische Basslinien.

Die knallharte Eröffnungsbombe mit dem Titel »House Of Pain«, in deren Mitte sich auch ein Schuss Blues verbirgt und deren Hauptziel darin besteht, die Albumatmosphäre so schnell wie möglich auf Siedetemperatur zu bringen, liefert sofort den eindeutigen Beweis, dass man es hier mit einem revitalisierten Deep Purple zu tun hat. Gillans hinterhältig gefärbtem Gesang gesellen sich ausgelassene, dynamische Backing Vocals dazu, die die verspielte Atmosphäre auf funkigen Rhythmen noch vertiefen. Morse begeistert mit schroffen Gitarrenphrasen und einer kurzen Improvisation, bei der ihm der gut aufgelegte Airey zur Seite steht. Das Endergebnis ist einer der inspiriertesten Deep Purple-Opener seit ihrer Reunion 1984.

Der folgende Hard-Rock-Stampfer »Sun Goes Down« ist ein deutlich dramatischeres Stück mit schizophren gefärbten Gitarrenphrasen und möglichst vielschichtigen Orgellagen, während Gillan auf theatralisch-vokale Weise für eine Steigerung der etwas beklemmenden Atmosphäre sorgt. Airey gönnt sich inmitten der dramatischen Harmonien eine monumentale Hammond-Solonummer, mit der er signalisiert, dass er das großartige Keyboard-Erbe seines legendären Vorgängers so authentisch wie möglich fortführen wird. Eine der schönsten Überraschungen des gesamten Albums steckt in der ersten Single, »Haunted«, einer wunderschönen Liebesballade, bei der sich Gillan bei den Vokalharmonien die Gastpercussionistin Beth Hart gesellt, während Airey beim Aufbau der hypnotischen Orchestralarrangements von Paul Buckmaster unterstützt wird. Die sich steigernde Atmosphäre einer der schönsten Balladen in der Deep Purple-Geschichte — die sich problemlos neben Klassiker wie »When A Blind Man Cries« und »Soldier Of Fortune« einreihen kann — vertieft sich noch durch Morses melancholische Gitarrensolo, während die Vokalharmonien zwischen Mann und Frau wahrer Balsam für die Ohren sind.

»Razzle Dazzle« ist im Vergleich zum kontemplativen Vorgänger eine ausgesprochen burleske Angelegenheit mit Boogie-Rhythmusnuancen und einem frechen Text, in dem sich Gillan erneut in einen aufgedrehten Gutgelaunten verwandelt. Barklavier-Arrangements verweben sich auf elegante Weise mit entschlossenen Gitarrenpassagen, während die Schlagzeugübergänge bestmöglich intelligent getimed sind. »Silver Tongue«, wo die hitzige Atmosphäre gemäß dem pompösen Refrain langsam aufsteigt, ist ein Versuch, die harte Rockmagie der Purple-Anfänge der frühen Siebziger wieder zu beleben, allerdings mit modernen kompositorischen und produktionstechnischen Mitteln. Der kurze, aber komplexe Instrumentalteil im Mittelteil enthält wonnige Improvisationen von Morse und Airey. Gillan sorgt mit seinen charakteristischen Gesangsmanierismen wie gewohnt für gute Laune und eine optimistische Botschaft.

»Walk On«, ein typischer Purple-Klassiker, bei dem sich dem Gitarristen Morse der Gastgitarrist Michael Bradford angeschlossen hat, der das Hauptsolo spielt, enthält eine Reihe interessanter Stimmungswechsel und einige unerwartete Taktwechsel. Bradford hat sich auf »Bananas« übrigens auch als ausgezeichneter Produzent profiliert. Gillan mag im Laufe der Jahre an technischer Stimmbreite eingebüßt haben, was seinen Stimmumfang betrifft — doch auf diesem Track ist deutlich zu hören, dass er nach wie vor ein hervorragender Interpret ist. Die Atmosphäre des Stücks und der rhythmische Puls sind diesmal etwas entspannter dank Morses bluesiger Passagen und Aireys gedämpfter Orgelmanöver, aber damit erhalten sie die dynamische Natur des Albums schön aufrecht, auf dem ruhige und knackige Momente zur richtigen Zeit abwechseln. Aireys abschließende Synthesizer-Improvisation, in die er auch einige ungewöhnliche digitale Samples eingebaut hat, sorgt für einen höchst interessanten Abschluss. »Picture Of Innocence«, der nächste Klassiker des Albums, wo Tradition und Innovation zusammenfinden, eröffnet als recht basischer Blues-Rocker mit rauer Gillan-Vokalperformance und funkigem rhythmischem Unterbau, ehe er über eine treibende Gitarrenpassage, satte Hammond-Orgelschichten und einen aggressiveren Gesangsansatz in klar Heavy-Rock-Gewässer abdriftet. Auch der epische Zweikampf zwischen Gitarre und Orgel fehlt nicht — seit Jahrzehnten fester Bestandteil des unverwechselbaren Deep Purple-Klangerbes.

»I Got Your Number«, ein witziger melodischer Rocker mit zahlreichen dynamischen rhythmischen Nuancen, erwischt Gillan mitten in seiner dritten Pubertät, während ihm im Hintergrund rauschende Orgellagen und scharf geschliffene Gitarrenpassagen Gesellschaft leisten. Die Vokalharmonien im Refrain sind, wie es sich gehört, erstklassig, während erneut das Virtuositätsniveau im Duo Morse-Airey begeistert, was sich besonders nach dem Ende des ruhigen Mittelteils zeigt. Dabei entsteht noch ein weiterer Improvisations-Schlagabtausch, aus dem Funken sprühen und der auf raffinierte Weise den Weg zum hyper-melodischen Refrain ebnet. Der keltisch gefärbte gitarristische Abschluss setzt den letzten Punkt auf dieses hervorragende Stück. »Never A Word« ist eine angenehme, folk-rockig gefärbte Ballade mit bezaubernden Orchestralarrangements und einer pastoralen Melodie auf der Akustikgitarre, die atmosphärisch ein wenig an einige frühere Purple-Experimente mit Morse in der Besetzung erinnert. Ein mehr als zwei Minuten langer Instrumentalteil am Ende räumt dann doch noch Platz für Gillans psychedelisch eingefärbten Gesang, der diesmal von ätherischen Vokalharmonien begleitet wird. Trotz des recht naiven Textes ist es ein weiteres interessantes und lobenswertes Experiment.

Der Titeltrack ist ein energiegeladenes Stück, das an geschliffenen Gitarrenpassagen und dem übermütigen Sound einer Mundharmonika nicht spart, während Paice inmitten dynamischer Keyboard-Texturen kompromisslos feurige Schlagzeugkanonen abfeuert. Im zweiten Teil kommt Aireys „großer Auftritt“: Mit einer monumentalen Orgelsolo erinnert er in seiner Herangehensweise ans Tastenanschlagen weniger an Lord als vielmehr kurzzeitig an das charakteristische Ausdrucksvokabular von Keith Emerson (ELP, ex-The Nice). Dabei versucht auch Morse, sich mit einer Gitarrenimprovisation in den Solistenduell einzumischen — doch Airey überschattet ihn diesmal mit seinem Orgelkunstwerk vollständig.

»Doing It Tonight« ist ein weiterer rhythmisch ordentlich aufgewühlter Track mit einem leichten Funk-Puls, auf dem vor allem Morse seine schnellen Finger mit einer schelmischen Solo streckt, während Airey an den Tasten auch diesmal keinen Deut nachsteht. Gillan experimentiert diesmal wieder mit verschiedenen Gesangsansätzen, spielt aber diesmal „zweite Geige“ gegenüber den virtuosen Eskapaden seiner Mitstreiter. Das abschließende, kurze melancholische Bonbon »Contact Lost« ist eine untröstliche Gitarrensolo von Morse, die auf sehr schöne Weise eines der besten Alben des legendären Hard-Rock-Kollektivs seit ihrer Wiedergeburt Mitte der Achtziger beschließt.

Mit »Bananas« erlebten die legendären Hard-Rock-Urgesteine eine weitere dringend nötige klangliche Erneuerung, die ohne Aireys Ankunft niemals stattgefunden hätte — so seltsam das auch anmuten mag, nachdem sein berühmter Vorgänger an den Tasten gegangen war, ohne den sich die meisten keine Fortsetzung der erfolgreichen Deep Purple-Geschichte vorstellen konnten. Obwohl es bereits ihr siebzehntes Studioalbum war, merkt man dem Altersschnitt der einzelnen Bandmitglieder rein gar nichts an: »Bananas« sprüht von Anfang bis Ende vor jugendlichem Elan.

Besetzung

Ian Gillan – Gesang
Steve Morse – Gitarre
Roger Glover – Bass
Don Airey – Orgel, Keyboards
Ian Paice – Schlagzeug

Produktion

Michael Bradford

Tracklist

1. House Of Pain (3:34)
2. Sun Goes Down (4:10)
3. Haunted (4:22)
4. Razzle Dazzle (3:28)
5. Silver Tongue (4:03)
6. Walk On (7:04)
7. Picture Of Innocence (5:11)
8. I Got Your Number (6:01)
9. Never A Word (3:46)
10. Bananas (4:51)
11. Doing It Tonight (3:28)
12. Contact Lost (1:27)

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