Paradise Lost
Autor: Rok Klemše
Künstler: Symphony X
Label: Inside Out Records
Release: 2007
Wertung: 4/5
Fünf (ewig)loooange Jahre sind seit dem letzten Release der amerikanischen Prog-Metal-Meister Symphony X, The Odyssey, vergangen. Der Nachfolger dieses Opus hatte so viele Verzögerungen und Verschiebungen, dass ich mir langsam schon Sorgen machte, wir bekämen das „Chinese Democracy“ des Progressive Metal. Aber Symphony X sind im Gegensatz zu einem gewissen Egomanen im schottischen Kilt zuverlässig und professionell, und was sie versprechen, liefern sie auch ab… auch wenn man diesmal ein bisschen Geduld brauchte.
Mit Paradise Lost haben Symphony X einen Durst gestillt, der schon an die Fata-Morgana-Vision einer Oase in der Wüste erinnerte, haben womöglich das beste Album ihrer Karriere veröffentlicht und damit eine Perfektion erreicht, an der es ihnen, zumindest meiner Meinung nach, immer nur eine Stufe gefehlt hat. In fünf staubtrockenen Jahren ruhte sich das amerikanische Quintett nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern schuftete hart, und diese erfolgreiche Arbeit zahlt sich schon aus, denn Paradise Lost bekommt ausschließlich (zu Recht) begeisterte und positive Kritiken mit Bestnoten, die das Album schon jetzt in Großbuchstaben unter die besten Alben des Jahres einreihen.
Persönlich kenne ich Symphony X ziemlich gut, sogar mehr als das, sie haben mir immer gefallen, aber mehr als eine sehr gute Band waren sie für mich nie. Paradise Lost hat mir dagegen das Hirn weggeblasen wie ein gut gezielter Schuss mit der Flinte aus nächster Nähe! Das Paradies im Titel ist zwar verloren, aber Paradise Lost ist der verbotene Baum, bei dem man wegen seiner Früchte nicht aus dem Paradies vertrieben wird, sondern mit jedem gepflückten Apfel (lies: Song) die Lust nur steigert und wie die Motte vom Licht zur Flamme gezogen wird!
Paradise Lost ist das Magnum Opus des modernen Progressive Metal und das heavyste und modernste Werk in der Karriere von Symphony X. Die Elemente, die wir auf früheren Releases der Band liebgewonnen haben, sind weiterhin da, doch diesmal gehen sie noch einen Schritt weiter und schaffen mit Paradise Lost das aggressivste Album der Band. Paradise Lost ist randvoll mit wütenden neoklassischen Soli, mächtigen bombastischen Riffs, einer brüllenden Rhythmusfraktion und einem aggressiven Allen, der über allem schwebt. Russell zeigt sich auf dem neuen Album in einem Licht, das wir von ihm nicht gewohnt waren. So aggressiv hat Allen noch nie geklungen, stellenweise kommt er schon fast an brutalen Thrash-Gesang heran, aber Allen hat schon öfter bewiesen, dass er ein unglaublich vielseitiger Sänger ist, und auf Paradise Lost legt er da noch eine Schippe drauf. In einem Moment klingt er wie ein tollwütiger Hund, im nächsten greift er schon nach Falsetthöhen. Kompromisslos! Symphony X haben immer die richtige Balance zwischen technischem und melodischem Sound gefunden, ohne in zu viel Protzerei mit ihren instrumentalen Fähigkeiten abzudriften, wie manche ihrer Musikerkollegen das tun. Auch auf Paradise Lost beweist sich die Band als führende Formation des Progressive Power Metal, diesmal hüllen sie alles aber in ein dunkleres, ernsteres Gewand, zu dem auch die Texte über Verrat, Rache, Korruption, Unschuld, Wut, … beigetragen haben. Aber keine Sorge, Symphony X tappen nicht in die Falle, nur der Optik wegen schwer zu sein. Das gut eine Stunde lange Meisterwerk wirkt dadurch nie langweilig oder uninspiriert. Dank Michael Romeo, der diesmal neben den sprichwörtlich unmöglichen Gitarrenakrobatik-Nummern auch ausgezeichnete Rhythmusarbeit abliefert (hör einfach mal in Set the World on Fire rein, wo Romeos Rhythmuslinien den Song wie Kleber zusammenhalten), dazu unglaubliche melodische Harmonien und originelle Riffs, ist die Platte enorm abwechslungsreich. Einen meiner liebsten Momente des Albums muss ich noch erwähnen – Bassist Mike LePond hält sich sonst eher im Hintergrund, aber das Bass-Intro-Solo in Domination zeigt ihn von seiner besten Seite.
Paradise Lost bietet aber nicht nur brutales Gesäge, im Gegenteil, die ruhigeren, leichteren, neoklassischen Parts sind genauso hochwertig wie die sägenden. Gute Beispiele dafür sind die Songs Eve of Seduction, Seven (auf die völlige Wildheit dieses Songs wäre auch Chatschaturjan stolz, als Schöpfer des völlig durchgedrehten Sabre Dance) und Revelation (Divus Pennae Ex Tragoedia), in denen sich der gute alte Allen mit unglaublich klarer Stimme präsentiert. Die Produktion ist wie die Musik reine Perfektion, alle Instrumente und Allens Gesang klingen kristallklar, auch der Mix ist makellos. Die Refrains praktisch aller Songs sind schon fast echte unterschwellige Botschaften, ich summe den fantastischen Refrain von Set the World on Fire schon ganz unbewusst vor mich hin, und ich bin sicher, dass er auch bei dir hängen bleibt.
Paradise Lost ist ein modernes Prog-Metal-Meisterwerk, das dieses Jahr selbst Dream Theater mit Systematic Chaos nur sehr schwer übertreffen werden, deshalb kann ich Paradise Lost schon jetzt getrost zu den besten Releases des Jahres zählen. Hoffen wir, dass bis zum nächsten Album von Symphony X nicht wieder fünf Jahre vergehen.
Besetzung
Sir Russell Allen – Gesang
Michael Romeo – Gitarre
Michael Pinnella – Keyboards
Mike LePond – Bass
Jason Rullo – Schlagzeug
Produktion
Michael Romeo, Jens Bogren
Tracklist
1. Oculus ex Inferni 02:34
2. Set the World on Fire (The Lie of Lies) 05:55
3. Domination 06:29
4. The Serpent’s Kiss 05:03
5. Paradise Lost 06:32
6. Eve of Seduction 05:04
7. The Walls of Babylon 08:16
8. Seven 07:01
9. The Sacrifice 04:49
10. Revelation (Divus Pennae ex Tragoedia) 09:17