Four O‘ Clock And Hysteria
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Morse, Alan
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2007
Wertung: 3.5/5
Alan Morse ist für die meisten gut informierten Fans „anspruchsvollerer“ Musik ein relativ bekannter Name, während er der großen Mehrheit der Musikwelt bislang noch ziemlich unbekannt ist. Berühmt geworden ist Alan bisher vor allem als Gitarrist der modernen Prog-Rock-Ikonen Spock’s Beard, wo er nach dem Abgang seines viel bekannteren Bruders Neal 2002 die Rolle des inoffiziellen Bandleaders übernommen hat. Obwohl Alan vor allem als hervorragender Gitarrist gilt, ist er ein vielseitiger Musiker und Multiinstrumentalist, genau wie sein Bruder. Das Ungewöhnlichste an Alans Gitarrenspiel, gerade für einen Rockgitarristen: Er spielt ohne Plektrum. Bekannt ist er außerdem für seinen ausgiebigen Einsatz des Sustain-Effekts, der ihm im Lauf der Jahre den scherzhaften Spitznamen „Al Sustainiac“ eingebracht hat.
Nachdem er jahrelang bei Spock’s Beard an der Gitarre gefeilt hat, fand Alan, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Solodebüt gekommen ist. Auch wenn man dem Album die ganze Zeit anmerkt, dass es eine ziemlich persönliche Angelegenheit ist, erwartet bloß keinen klassischen Progressive Rock, wie er ihn in seiner Stammband zockt, sondern erstklassigen instrumentalen Jazz-Rock-Fusion mit dem Schwerpunkt auf der E-Gitarre. „Four O‘ Clock And Hysteria“ taugt deshalb überhaupt nicht dafür, als Nebenprojekt von Spock’s Beard abgestempelt zu werden, sondern steht viel näher am Erbe von Musikern und Bands wie Return To Forever, Colosseum II, Dixie Dreggs, Alan Holdsworth und dem, was noch ein anderer Morse macht, nämlich Steve Morse (Deep Purple, ex-Dixie Dreggs, ex-Kansas), der mit Alan und Neal in keiner Weise verwandt ist.
Dass Alan bei den Keyboards Unterstützung von seinem viel erfahreneren und bekannteren Bruder bekommen hat, der schon seit Jahren eine erfolgreiche Solokarriere hinter sich hat, überrascht null. Alan hat natürlich überhaupt nicht vor, die Karriere seines Bruders nachzuahmen, sondern geht komplett seinen eigenen Weg. Statt noch einen Spock’s-Beard-Klon aufzunehmen, haben er und Neal die Musik gemacht, die Alan im Rahmen der Stammband so nicht ausdrücken könnte und in der man seinen ganz eigenen musikalischen Ausdruck klar heraushört. Auf dem Album sind stellenweise auch seine Kumpels von Spock’s Beard zu Gast (also Drummer/Sänger Nick D’Virgilio, Bassist Dave Meros und Keyboarder Ryo Okumoto), dazu als besonderer Gast der große Jerry Goodman (ex-Mahavishnu Orchestra) an der E-Violine.
Auf dem Album steckt größtenteils soliden Jazz-Rock-Fusion, der vor allem bei Stücken wie dem äußerst treffend betitelten „Cold Fusion“, „Return to Whatever“ (am Titel ist mehr als offensichtlich, wem das gewidmet ist) und dem etwas funkiger gewürzten „Chroma“ so richtig aufblüht. Trotzdem beweist Alan durchgehend seinen vielseitigen musikalischen Ansatz und ebenso souveräne Beherrschung anderer Stilelemente, etwa des Blues bei „R Bluz“, des Flamencos bei „Spanish Steppes“ und einiger Pop-Tendenzen bei „Major Buzz“ und „First Funk“. Außerdem zeigt er beim abschließenden „Home“ seinen Sinn für balladesken Pathos. Das härteste Stück des Albums ist ganz sicher „The Rite Of Left“, wo er etwas kräftiger in die Saiten haut, ähnlich wie bei Spock’s Beard – es ist also von allen Songs der, der am ehesten dem ähnelt, was Alan in seiner Stammband macht.
„Four O‘ Clock And Hysteria“ wird meiner Meinung nach vor allem Gitarren-Enthusiasten und Fans aller Spielarten des Jazz-Rock-Fusion begeistern, während der durchschnittliche Spock’s-Beard-Fan von Alans Debüt wohl etwas weniger angetan sein wird. Dem Album gelingt es richtig schön, in die passende Gitarren-Stratosphäre abzuheben, die auf den besten Elementen des Jazz-Rock-Fusion beruht und jenseits der traditionellen Grenzen des Progressive Rock liegt. Auch wenn Alans Debüt rein künstlerisch betrachtet nicht viel Neues bringt, was nicht schon früher einige Meister des Jazz-Rock-Fusion (die zweifellos großen Einfluss auf Alans musikalischen Weg hatten) schön vorgemacht hätten, ist es doch eine feine Demonstration von Morses dynamischem Gitarrenspiel, bei dem er erfolgreich ein paar persönliche Früchte in die Welt der hochwertigen Melodien des Jazz-Rock-Fusion sät. Jeder Top-Gitarrist hat die ganze Zeit eine (versteckte) Agenda in sich und den ständigen Drang, immer weiter Musik zu erforschen und neue Grenzen sowie die eigenen Fähigkeiten zu entdecken. Alans Debüt ist der erste Schritt, um einige seiner bislang unentdeckten Potenziale zu zeigen – die eines der talentiertesten und inspiriertesten Gitarristen des modernen Progressive Rock.
Besetzung
Alan Morse – Gitarre
Neal Morse – Keyboards
Gary Lunn – Bass
Scott Williamson – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Dave Meros – Bass
Nick D’Virgilio – Schlagzeug
Ryo Okumoto – Keyboards
Jerry Goodman – E-Violine
Eric Darken – Percussion
Produktion
Alan Morse & Neal Morse
Tracklist
1. Cold Fusion
2. Return To Whatever
3. Drive In Shuffle
4. R Bluz
5. First Funk
6. Dschungel Cruz
7. The Rite Of Left
8. Chroma
9. Spanish Steppes
10. Track 3
11. Major Buzz
12. Home