A Passion Play
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Jethro Tull
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1973
Bewertung: 5/5
Jethro Tull machten sich auf den heißen Schwingen des unvergesslichen Meisterwerks „Thick As a Brick“ (1972) nach Frankreich auf, wo sie im legendären Studio Chateau D’Herouville anfingen, ein neues Konzeptalbum aufzunehmen, dessen musikalisches Gesicht sich vom Beginn der Aufnahmen bis zur Veröffentlichung grundlegend veränderte. Im besagten Studio verfolgten sie nämlich die ganze Zeit über zahlreiche, fast unglaubliche Pannen, darunter Zwischenfälle mit der Aufnahmetechnik und die Vergiftung einiger Bandmitglieder durch verdorbenes Essen. Mit dem, was sie aufgenommen hatten, waren sie am Ende mächtig unzufrieden, also gingen sie zurück auf heimischen englischen Boden und fingen alles noch mal von vorn an, diesmal mit einer klar umrissenen Vision. Der Großteil der Aufnahmen aus Chateau D’Herouville, die Ian Anderson ziemlich zynisch „d’isaster tapes“ taufte, landete nach einer kleineren Überarbeitung auf dem nächsten Studioalbum „Warchild“ (1974), während der Rest auf der Doppelkompilation „Nightcap“ (1993) gelandet ist. In London nahmen sie schließlich noch ein weiteres episches Werk auf, das aus logistischen Gründen wieder in zwei miteinander verbundene Teile aufgeteilt ist, die zusammen ein Ganzes bilden, genau wie bei „Thick As a Brick“. Damit enden dann aber auch schon alle Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Konzeptalben.
„A Passion Play“ hat nämlich eine deutlich düsterere Stimmung und ein Konzept, das sich um Leben und Tod dreht, natürlich wieder auf ihre traditionell zynische und schelmisch bissige Art, voller englischem schwarzem Humor. Trotz des Beiworts „Passion“ geht es nicht um ein religiöses Konzept oder die Darstellung wichtiger Ereignisse aus dem Leben Christi, sondern um eine weitere spöttische Satire auf die Banalität des gesellschaftlichen Alltags, die sich auch im Leben nach dem Tod fortsetzt. Der Held des Albums reist nach seinem Tod, ganz im Stil von Dantes „Göttlicher Komödie“, ins Jenseits, wo er feststellt, dass sich das im Grunde kaum von der Wirklichkeit unterscheidet. Die Hölle ist hier zum Beispiel ein riesiges Bürokratennest voller sinnloser Aufgaben, mit dem Teufel als Firmenchef, der seine untergebenen Seelen mit immer denselben Verwaltungsarbeiten quält.
Musikalisch ist „A Passion Play“ garantiert das komplexeste und unberechenbarste Album der Band, denn hier sind sie sozusagen an die äußersten Grenzen ihrer musikalischen Möglichkeiten gegangen und haben noch ein Album erschaffen, das ein Meilenstein in der abenteuerlichen Welt des Progressive Rock war. Man muss betonen, dass es das Album mit den meisten Jazz-Rock-Fusion-Elementen ist, die sie sich je gegönnt haben, auch wenn diese nie die dominante Rolle übernehmen. Jethro Tull halten auch diesmal an ihrem unverkennbaren Sound fest, der vor allem von einer Mischung aus Hardrock, Folk und Klassik geprägt ist. Die einzelnen Arrangements sind diesmal noch komplexer, ebenso die Harmonien zwischen den einzelnen Instrumentalsektionen, die wieder auf beneidenswert hohem Niveau liegen und den absoluten Gipfel der musikalischen Fähigkeiten der ungezähmten Troubadoure darstellen. Der unverwüstliche Ian Anderson, ohnehin schon ein Multiinstrumentalist der Spitzenklasse, griff diesmal zum ersten Mal auch zum Saxophon und brachte damit einiges an Jazz-Elementen ins Album, während der Spaßvogel unter den Keyboardern, John Evans, sein Tastenarsenal noch erweiterte und dem Album vor allem durch Soli auf der Hammond noch reichhaltigere Texturen verlieh. Martin Barre sorgt mit seinen zahlreichen einfallsreichen Riffs und Soli vor allem für die rockige Seite, während Jeffrey Hammond am Bass und Barrie Barlow am Schlagzeug sich schon auf dem vorigen Album als siegreiche Rhythmusgruppe erwiesen haben, voller witziger Einfälle und ungezügelter Energie.
„A Passion Play – Part 1“ öffnet sich nach anschwellenden Takten und Rauschen mit einem relativ komplexen und hüpfenden Intro, das erst nach mehrmaligem Hören wirklich melodisch wird. In der bunten Instrumentenauswahl, die den schelmischen Rhythmus aufbaut, glänzen vor allem Ians meisterhafte Flöte und die Holzbläser. Nach dem Pfeifen setzt eine kurze Passage auf der Akustikgitarre ein, der auf wunderbare Weise Ians Gesang folgt, voller Pathos und Melancholie und schön ergänzt von einer zarten Klaviermelodie. Dieser Teil enthält zahlreiche ruhige Passagen auf der Akustikgitarre, die die entspannte Stimmung halten. Danach folgt ein unheilvoller, jazzig eingefärbter Übergang voller komplexer Soli auf der Hammond-Orgel und der E-Gitarre. Nach dem Übergang verwandelt sich das Schlagzeug in ein komplexes und schnelles Tempo, in dem das Sopransaxophon als Träger der Hauptmelodie regiert. Dann setzt wieder eine leise Passage ein, in der Ian mit seinem hingebungsvollen lyrischen Beitrag weitermacht. Die Komposition bekommt danach einen leichten keltischen Touch und wird erneut sehr komplex. Für die wachsende Stimmung sorgen vor allem hervorragende Passagen auf Akustikgitarre und Schlagzeug, die der Musik einen tanzenden Rhythmus geben. Ian verbindet mit seinem charismatischen Gesang die ganze Zeit über schön das lyrische Konzept. In diesem Moment kommen auch starke Gitarrenpassagen dazu. Dann folgt ein Teil, in dem sich im Hintergrund Gitarre und Holzbläser abwechseln. Danach übernimmt Ians stets außergewöhnlich energische und dynamische Flöte die Initiative, wunderschön ergänzt von komplexen Gitarrenlinien und dynamischem Getrommel. Jetzt kommt eine witzige, aber auch leicht unheilvolle Passage mit aufgezogenem Tempo, in der erneut Ians spöttischer Gesang einsetzt. Die Arrangements sind bis zu diesem Punkt schon sehr komplex, was die Musik mit zusätzlicher Energie auflädt. Zwischendurch setzt für kurze Zeit auch eine witzige Erzählung ein, die Ians Gesang fortführt. Unglaublich, auf wie wunderbare Weise sich Klavier und Gitarre mit Saxophon, Hammond-Orgel und Schlagzeug ergänzen, die die Stimmung die ganze Zeit dramatisieren. Sie schwankt permanent irgendwo zwischen unheilvoll und schelmisch (Jethro Tull können eben fast nie ganz ernst sein, selbst wenn sie es wollen, und auch das ist eine ihrer größten Stärken, die sie von den meisten anderen Prog-Bands unterscheidet). Dann beruhigt sich das Tempo für eine Weile und geht in einen Teil über, in dem Klavier und Gitarre die Rolle der Hauptrhythmusgruppe übernehmen, gefolgt von einem weiteren hervorragenden lyrischen Abschnitt, in dem erneut Ians einzigartiger Gesang begeistert, der in diesem Moment auch den zentralen Vers der Komposition enthält. Darauf folgt ein fantastischer Übergang in eine leicht psychedelische Sektion, in der Ian wieder zur Akustikgitarre greift und über sie einen ruhigen Rhythmus vorgibt, während die übrigen Instrumente für einen Moment verstummen beziehungsweise nach und nach in den Hintergrund treten.
Damit endet auf dem Klavier der erste Teil der Vorstellung. Es folgt die satirische Geschichte „The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles“. Man könnte sagen, es handelt sich um eine spöttische Fabel mit obligatorischer Moral, in der Jeffrey Hammond die Geschichte auf außergewöhnlich witzige Weise rezitiert, während im Hintergrund die ganze Zeit Kindermusik im Stil von 50er-Jahre-Cartoons wie Tom und Jerry läuft. Die Story um einen senilen Hasen, der seine Brille sucht, weil er ohne sie so gut wie völlig blind ist, zeichnet sich durch klassischen britischen schwarzen Humor aus, den manch einer nicht verstehen wird, während er den anderen zumindest ein paar Minuten Lachen beschert. Der senile und paranoide Hase fängt an, mit seinen Problemen über Mittelsmänner die anderen Tiere zu belästigen, darunter auch die weise Eule, die ihm am Ende rät, sich im Bauch eines Kängurus zum Augenarzt zu begeben. Die Botschaft der Story: Man macht aus einer Mücke nie einen Elefanten, wenn es sich vermeiden lässt. Eine gute Humoreske, die sich nach all den dramatischen und komplexen musikalischen Passagen des ersten Teils der „Passion“ wunderbar einfügt und für ein bisschen entspannten Spaß sorgt, wie wenn im Theater zwischen zwei Akten Pause ist. Die Neuauflage enthält als Bonus auch ein ziemlich groteskes, monty-pythonesk gewürztes Video zu dieser Geschichte, in dem man über Jeffrey Hammond lachen kann, der als Teufel verkleidet ist, über paranoide Balletttänzerinnen mit komischen Frisuren und über die auftretenden Tierfiguren beim Tanz (unter ihnen sind das Nilpferd und der Herr Frosch mit Zylinder bestimmt die grotesksten). Das Ganze wirkt so grotesk und altmodisch, dass es schon wieder Spaß macht.
„A Passion Play – Part 2“ beginnt gleich nach dem Ausklang der erwähnten Humoreske, wobei die fließende Tanzmusik, unterlegt mit Akustikgitarre und Flötenklängen, weiterläuft, bis Ians Gesang auf großartige Weise einsetzt und das neue Kapitel der Reise auf die „andere Seite“ vorstellt. Die zweite Sektion unterscheidet sich merklich von der ersten, denn sie ist noch komplexer und enthält noch mehr unvorhersehbare Passagen. Gleichzeitig behält sie aber die Verbindung und den Sound bei, der auch den ersten Teil auszeichnete, wofür der hervorragende Einsatz von Altsaxophon, Orgel und E-Gitarre sorgt. Diese Instrumente bilden die Hauptsoli, die sich unglaublich schön ergänzen und verflechten. Danach dreht die Musik mit einer starken Kombination aus Hammond und Schlagzeug wieder in eine andere Richtung. Es folgt noch eine kürzere Passage auf der Akustikgitarre mit Ians bis zum Äußersten hingebungsvollem Gesang. Ein komplexer Rhythmus und der starke Einsatz der Keyboards mit der Orgel an der Spitze sind die größten Stärken des Mittelteils der Komposition. Im nächsten Moment dreht die Komposition wieder in eine andere Richtung, wofür energische Gitarrenpassagen sorgen, die Orgel und Flöte stimmig ergänzen. Ians Gesang setzt genau im richtigen Moment ein, nach seinen flötistischen Meisterleistungen. Besonders begeisternd ist das keltische Motiv beim ständigen Wechsel harmonischer Passagen auf Saxophon, Flöte, Keyboards und Gitarre. Man darf auch die zahlreichen besonderen Soundeffekte nicht übersehen, die sowohl die instrumentalen als auch die lyrischen Passagen witzig ergänzen. Gegen Ende beruhigt sich die Komposition über die Akustikgitarre und Gongschläge fast völlig, bis plötzlich wieder Barres geschliffene Gitarre einsetzt und eine der mitreißendsten Sektionen und das große Finale des ganzen Albums ankündigt. Hier regieren außergewöhnlich witzige und energische Passagen, aus denen die Arbeit an E- und Akustikgitarre heraussticht und diesen Teil in ziemlich harte Gewässer führt. Das dauert bis zu dem Moment, in dem über Holzbläser und Keyboards ein barocker Abschnitt einsetzt, der dann wieder in einen elektrisierten, hardrockigen kippt. Eigentlich gibt es in diesem Teil der Komposition so viele ständige Wechsel der Sektionen, dass es sinnlos wäre, jede einzeln zu zerlegen. So etwas Atemberaubendes lässt sich einfach nicht in Worte fassen. Am Ende wird mit Ians siegreichem Vers „There was a rush along the Fulham Road into the Ever-passion Play“ das zentrale Thema des ersten Teils der Komposition wiederholt, gefolgt von einem raschen Ausklang. Damit ist diese ungewöhnliche, aber wunderschöne musikalische und lyrische Reise durch die jenseitigen Weiten zu Ende, auf der uns Ians Truppe aus kernigen und witzigen Troubadouren, mit allen Wassern gewaschen, unterhalten hat und die sich auch diesmal selbst übertroffen hat.
Jethro Tull haben mit „A Passion Play“ wieder das Unmögliche geschafft und ein weiteres Meisterwerk erschaffen, das sich völlig ebenbürtig mit ihrem Magnum Opus „Thick As a Brick“ messen kann, auch wenn es spürbar weniger von dessen Melodik und Schelmerei hat. Konzept und Zwischen-Humoreske sind auch diesmal nur etwas für Hörer mit weitem intellektuellem Horizont, die stets in der Lage sind, den Rationalismus auszuschalten und gegen ein Stückchen britischen schwarzen Humor einzutauschen. Die größte Stärke von „A Passion Play“ ist, dass es den Hörer, vor allem nach mehrmaligem Hören, reich belohnt. Wahrscheinlich mehr als jedes andere Album in ihrer Geschichte. Es gehört vielleicht wirklich nicht zu ihren zugänglichsten Alben, aber ganz sicher zu den lohnendsten. Seine witzigen und reichhaltigen Instrumentalsektionen sind bis heute eine Inspirationsquelle für zahlreiche moderne Prog-Rocker. Es ist ein ganz eigener Fall von Progressive-Rock-Meisterwerk, das erst nach etlichen Jahren die gebührende Anerkennung bekam.
Eigentlich machte schon von Anfang an jeder Versuch, im Kontext der Rockmusik eine Passion zu erschaffen (egal wie anders sie auch von einer klassischen biblischen Passion sein mag), Jethro Tull angreifbar für Attacken jeglicher selbsternannter Musikkritiker, für die das Album das Fass zum Überlaufen brachte beziehungsweise der „Höhepunkt aller musikalischen Exzesse“ war (eine Wendung, die sie gerne für jedes Album benutzten, das die Grenze ihrer engen musikalischen Sichtweisen überschritt). Die Kritiker, allen voran Chris Welch (der der Band bis dahin immer wohlgesinnt war und sich später sogar persönlich bei ihr für seine verfehlte Kritik entschuldigte), nutzten ihre allgemeine Beschränktheit grob für einen offenen Angriff auf Album und Band aus. Echte Musikliebhaber und Fans der Band scherten sich natürlich kaum um diese journalistische Verschwörung, denn sie erkannten mühelos den wahren Wert des Meisterwerks, das in den USA mit dem ersten Platz der Charts belohnt wurde, während es in Großbritannien auf dem immer noch respektablen dreizehnten Platz landete. Eine ähnliche journalistische Hetzjagd erlebten im selben Jahr auch Yes mit ihrem majestätischen, aber noch immer oft missverstandenen Magnum Opus „Tales From Topographic Oceans“, was deutlich zeigte, wie weit die Mehrheit der damaligen Musikkritiker von der Realität beziehungsweise der Mehrheit der Hörer entfernt war (ja, was für ganz andere Zeiten das doch waren).
Die Band ging nach der Veröffentlichung des Albums, noch relativ unbelastet von der Kritik, auf eine erfolgreiche Tour, auf der sie „A Passion Play“ komplett spielte. Sie planten sogar eine Theater- und Filmumsetzung des ganzen Albums (was auch aus dem erwähnten Video ersichtlich ist), verwarfen die Idee aber später. Der sonst immer kernige Ian Anderson steckte all die erwähnte Kritik, völlig verständlich, nicht allzu gut weg (der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, beziehungsweise der Gipfel der Primitivität war, als Journalisten kurzerhand den Nachruf auf die Band verkündeten und die Bandmitglieder am nächsten Tag beim Lesen darüber große Augen machten!), weshalb er sich schon mit dem nächsten Album für eine gründliche stilistische Wende in die andere Richtung und zurück zu kürzeren Songs entschied, die wiederum ein neues Kapitel in der damals ständigen Erforschung der musikalischen Möglichkeiten der Band bedeutete, die mit „A Passion Play“ ihren Status als einer der Hauptträger der Entwicklung des Progressive Rock nur noch bestätigte. Mit den Kritikern versöhnten sie sich noch lange nicht, und Ian machte sich auf einigen späteren Werken wie auch auf Konzertbühnen oft auf deren Kosten lustig.
Besetzung
Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre, Sopransaxophon, Sopraninosaxophon
Martin Barre – E-Gitarre
Jeffrey Hammond-Hammond – Bassgitarre, Backing Vocals
John Evans – Klavier, Hammond-Orgel, Synthesizer, gesprochenes Wort
Barriemore Barlow – Schlagzeug, Pauken, Glockenspiel, Marimba
Produktion
Terry Ellis
Tracklist
1. A Passion Play (Part 1) 23:04
2. A Passion Play (Part 2) 22:00
Spielzeit des Albums: 45:04