Liberty Or Death
Autor: Aleš Podbrežnik
Band: Grave Digger
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 2007
Spielzeit: 61:51
Bewertung: 4/5
Das neue Album von Grave Digger. Nicht schon wieder… Mannomann, wie die Zeit rennt, oder wir erleben einfach, dass Grave Digger Platten im Expresstempo raushauen. Die Legenden und Mitbegründer der deutschen teutonischen klassischen Heavy-Metal-Schule werden so langsam zu einer der ältesten und erfahrensten Bands Deutschlands. Echte Zauberer und alte Hasen!
Und da ist es wieder, das neue Album. Und das Konzept, wie man es von Grave Digger erwartet? Wo ist es? Diesmal gibt es kein richtiges Konzept. Der Clou ist aber, dass sich ein roter Faden durch die ganze Platte zieht, der die Songs miteinander verbindet. Jeder Song erzählt nämlich eine abgeschlossene Geschichte darüber, wie Menschen für die Freiheit kämpfen und wie viele Tote dafür nötig sind. Von da ist es auch nicht weit zum Gesamtbild, das sich der Hörer vom grundlegenden Wahnsinn der menschlichen Rasse machen kann, dieser unglückseligen menschlichen Ära!
Grave Digger sind bekannt für ihr außergewöhnliches Gespür für hochdramatische Stimmung, und die Alben von „Reaper“ (1993) aufwärts folgen dem treu. Sie können es einfach! Diesmal eröffnen sie das Album mit Bach’schen Orgeln, die bald in eine wunderschöne, melancholische Melodie im mittleren Tempo übergehen. Die Keyboards verleihen ihr eine besondere Note und kleiden (klar, wie auch sonst?) das klassische Grave-Digger-Riff meisterhaft ein, sodass der Song und damit das ganze Album gleich in der Anfangsphase einen mächtigen epischen Anstrich bekommt. Thematisch geht es in den Texten wieder um Schlachten, Blutvergießen, Attentate auf Könige, Gemetzel in römischen Arenen, auf den Straßen, in Palästen und überall, wohin die Hand des Mörders reicht, also um historische Reisen vom Aufwiegler der Massen Mahatma Gandhi (Silent Revolution) über den Retter der Juden Moses (Ocean Of Blood), die Kriegswirren um die Unabhängigkeit Griechenlands 1821 (Titelsong), den viel zu aufbrausenden Iwan den Schrecklichen (The Terrible One), die Sportkiller, sprich römischen Gladiatoren (Forecourt to Hell), bis hin zu einer spannenden arabischen Legende (Massada). Einfach die Verse, die der Musik von Grave Digger zugrunde liegen
„Liberty Or Death“ erinnert, wohl gerade wegen der gewählten historischen Kriegsthemen, von allen Alben der Post-Lulis-Ära am stärksten an die goldene Zeit zwischen 1993 („Reaper“) und 1999 („Excalibur“). Auch das neue Album ist unverkennbar düster und kalt, und beim Hören spürst du ohne Probleme die eisige Klinge des Verräters an deiner Kehle, und das Gefühl, wenn das Fallbeil der Guillotine durch die Ohren dröhnt, ist auch nicht mehr weit. Das Album folgt zwar der modernen Grave-Digger-Ausrichtung von „The Last Supper“ (2005), zieht aber von allen letzten vier Studioalben am gelungensten in Richtung der Neunziger, genauer gesagt zu den Platten „Heart Of Darkness“ (1995) und „Tunes Of War“ (1996) – was würden Grave Digger auch ohne Kriegsstürme anstellen.
Die Produktion ist klassisch roh und lebendig. Die Riffs sind stark nach vorne gemischt, die Rhythmusfraktion gewohnt kanonenartig, der Bass tief pulsierend. Im Mittelpunkt steht wieder Boltendahls berühmtes Gekrächze, das auch im Jahr 2007 an Kraft kein bisschen nachlässt. Chris ist eben ein einzigartiger Zar! Das Album ist so wütend und brennend, wie man es von den Diggers verlangt! Metal-mäßig riffmäßig komplett ausgestattet!
Balladen gibt es diesmal keine. Okay, ich lüge. Wenn du dir die „Digipack Limited Edition“ des neuen Albums zulegst, wirst du dich freuen, denn da steckt ein zusätzlicher Song namens Ship Of Hope drauf. Der übertrifft atmosphärisch so manchen „regulären“ Song des neuen Albums. Überhaupt vermisst man auf dem Album ein bisschen das Auf und Ab der Dynamik, gerade wegen der mangelnden Abwechslung der Songs und der übergroßen Eindimensionalität, die ihnen das schon im Voraus absehbare Standard-Grave-Digger-Riff verpasst. Die meisten rasen nach der Standard-Grave-Digger-Schule dahin. Manni Schmidt ist ein hervorragender Gitarrist, denn er haut jede Menge witzige Soli raus, und das beweist das außergewöhnliche Talent, das der Mann besitzt. Vielleicht wäre es künftig eine Überlegung wert, mal einen barocken akustischen Einschub einzubauen, Jungs, ein Quäntchen mehr klassisches Klavier, das der erste Song im Outro für ein paar flüchtige Momente sogar hat. Mannis Potenzial wird nicht voll ausgeschöpft. Ich suche das Haar in Grave Diggers großen Eiern, ich weiß. Und trotzdem. Es gibt nämlich schon einen Haufen veröffentlichter Platten, und das Motorhead-Syndrom der Eintönigkeit klopft schon kräftig an die Tür. Ich finde einfach, dass zwischen den Platten, die die Jungs rausbringen, zu wenig Zeit vergeht. Die Gründe liegen wohl im Vertrag mit dem Label, aber besondere Ausreißer in der musikalischen Virtuosität, besondere witzige Tricks, die einen überraschen würden, der nach dem ersten Grave-Digger-Album bei jedem weiteren einfach nicht mehr zu überraschen ist (what you see, is what you get), werden schlicht zur bedrohten Art, wie der diesjährige slowenische Schnee.
Mit „Liberty Or Death“ haben Grave Digger (nur) noch ein Album für ihre Fans rausgebracht. Sie halten eisern an ihren Markenzeichen fest, und durch die Grave-Digger-Metal-Brille gesehen ist das Album völlig in Ordnung und stimmig. In dieser Hinsicht also nichts zu meckern. Stören tun nur die Riff-Wiederholungen und der Mangel an kreativer Frische. Klar, stellenweise zieht das Album gelungen in Richtung der goldenen Ära der Band, aber schenken wir uns reinen Wein ein. Die eigene Vergangenheit noch einmal zu leben ist nicht gerade ein Akt des eigenen Fortschritts, auch nicht für eine Band.
Besetzung
Chris Boltendahl – Gesang
Manni Schmidt – Gitarre
H.P. Katzenburg – Keyboards
Jens Becker – Bass
Stefan Arnold – Schlagzeug
Tracklist
01. Liberty Or Death
02. Ocean Of Blood
03. Highland Tears
04. The Terrible One
05. Until The Last King Died
06. March Of The Innocent
07. Silent Revolution
08. Shadowland
09. Forecourt To Hell
10. Massada
11. Ship Of Hope(bonus track)