You Are Here
Interpret: UFO
Label: SPV Records
Veröffentlichung: 2004
Bewertung: 3.5/5
UFO kehren mit einem neuen Album und einer neuen Besetzungsänderung zurück. Stilistisch bleiben sie ihrer Tradition treu, doch die Besetzung hat eine wahre Wiedergeburt erlebt. Keyboarder Paul Raymond ist wieder zur Band gestoßen, und Ansley Dunbar wurde am Schlagzeug von Jason Bonham abgelöst, dem Sohn des legendären John „Bonzo“ Bonham. Die Änderung, die die neuen UFO stilistisch wohl am stärksten berührt hat, betraf die Gitarre, was in Hardrock-Gewässern nichts Ungewöhnliches ist. Aber wenn wir bei UFO von Gitarristenwechseln sprechen, sind die nicht so simpel, denn der Name Michael Schenker nimmt in der Rockmusik einen ganz besonderen Platz ein. Ganz einfach: Schenker hat die Band schon lange nicht mehr interessiert. Sein ständiges Hin und Her – raus aus der Band und wieder rein – hat die Agonie der Gruppe seit 1995, als UFO mit „Walk On Water“ kurz von den Toten auferstanden, nur in die Länge gezogen. Mit Schenker haben UFO danach zwar noch zwei Alben veröffentlicht, „Covenant“ (2000) und „Sharks“ (2002), die sich mit dem Juwel „Walk On Water“ aber keineswegs messen können. „You Are Here“ gibt der Band mit Vinnie Moore am Gitarrenruder Konsistenz, Solidität und – vor allem – überzeugende Magie zurück, mit der sich „Covenant“ und „Sharks“ nicht gerade brüsten können, und wirkt wieder phänomenal, was heißt: Die legendären britischen Hardrocker sind einmal mehr aus tiefem Koma zurückgekehrt. Frischer Wind weht in der Band, frische kreative Energie hat die Lücken gefüllt. Mit den beiden Neuzugängen haben auch Mogg, Way und Raymond neuen Arbeitsschwung, neuen Anlauf, neue Inspiration bekommen. Vinnie und Jason sind fast zwanzig Jahre jüngere Musiker, denen z. B. Sänger Phil Mogg altersmäßig fast als Papa durchgehen könnte.
Vinnie hat dem Album ein paar phänomenale Riffs spendiert, ganz wie ein „Riffmeister“ in seinen besten Tagen. Anders als bei Schenker kommen sie in etwas schärferem „Shredding“-Gewand daher. Keine Sorge, Vinnie ist schön in Schenkers Schuhe geschlüpft, und die UFO-Riffs sind groß geblieben. Dazu hat der Junge ausgefeilte, durchdachte und ausgesprochen geistreiche Gitarrensoli beigesteuert, die er allesamt mit viel Pedanterie geschmackvoll in die Songgerüste eingepasst hat. Natürlich sind die manchmal etwas kürzer, behalten aber weiterhin den roten Faden fein gearbeiteter Melodien (mit Ausnahme von Mr. Freeze, wo es nur um simples „Tapping“ auf dem Gitarrenhals geht). Das alles weckt beneidenswerte Parallelen zum berüchtigten Vorgänger, auch wenn Vinnie ab und zu sehr gern einen bluesig angelegten Abstecher fährt. Im Stil von Schenker hat auch Vinnnie Übergänge, Ausklänge und Intros der Songs mit saftigen Gitarrenverzierungen gefüllt, die auf „You Are Here“ nur so wimmeln.
„You Are Here“ schlägt stolz und lautstark zu und auf besondere Weise sogar wild, auch dank der enormen Wucht und Explosivität von Jasons Drums. Damit wären wir bei der Produktion. Die ist kristallklar, die Kontraste zwischen den Instrumenten und Moggs Gesang, der immer im Zentrum steht, sind lebhaft betont. Phil Mogg ist einer jener Sänger, die ihre Gefühle auf überzeugendste Weise heraufbeschwören können. Seine Stimme kann unglaublich weich und warm sein, im nächsten Moment explodiert sie leidenschaftlich. Ergreifend, wie sein Gesang durch die Verse einen ständigen Schmerz trägt, den der Musiker im Herzen trägt. Einen Schmerz, der zu Liebe erblüht, zur Inspiration des Künstlers. Der Kontrast zwischen dem massiven Gitarrenvorhang und der tief dröhnenden, pulsierenden, reißenden Basslinie von Pete Way ist außergewöhnlich; zusammen mit Jasons gewaltigem Hämmern koexistiert sie diesmal perfekt. Wenn sich Phil mit seiner einzigartigen Stimme und Gesangsweise der Band anschließt, die vielleicht manchmal ein bisschen an David Coverdale erinnert (nicht im Timbre, sondern im Ansatz), ist die wiedergeborene Magie der Band wieder bei uns. Die Texte sind wie immer zynisch, die Band lacht den Konformisten ins Gesicht, und natürlich gibt es wieder viel Platz für Sehnsucht nach vergangenen Tagen und jede Menge Seitensprünge. Und jetzt noch ein Wort zu den Keyboards. Raymonds Tasten dienen diesmal nur dazu, die atmosphärische Kulisse der Songs zu halten, und UFO reihen diesmal keine Klaviereinlagen aneinander, wie es sie, wenn ich kurz in der Geschichte zurückspule, z. B. im Klassiker This Kids gab.
Alle Songs sind perfekte Lektionen in reinem, einfachem Hardrock, der schnell und effektiv unter die Haut geht. Sie sind gleichwertig, Highlights des Albums herauszupicken fällt schwer. „You Are Here“ enthält sowohl klassische Hardrock-Attacken à la UFO, wie den Opener When Daylight Comes To Town, danach die davonrasende Rockmaschine Black Cold Coffee (achte auf den außergewöhnlichen Schlagzeugeinstieg in den Song), als auch den lupenreinen bombastischen „Roll Drive“ in Give It Up. UFO haben auf „You Are Here“ außerdem die tolle Ballade Baby Blue mit geschmackvollen „Southern Rock“-Verzierungen einer Folk-Gitarre untergebracht. Die Jungs können aber auch sehr groovig sein, z. B. im Song Jello Man, wo Vinnie besonders beim expressiven Riffen durch den Wah-Wah-Effekt beschäftigt ist. Mehrmals fallen die atmosphärischen Höhepunkte der Songs überzeugend mit den Refrains zusammen, bei denen vor allem die melancholischen The Spark That Is Us und Slipping Away glänzen. Für die letzten beiden ist besonders die betonte klangliche Tiefe charakteristisch, die das massive Gitarrenriff auf der einen und Jasons Schlagzeugdreschen im mittleren Tempo auf der anderen Seite erzeugen.
Die runderneuerten UFO haben ohne Schenker nicht mal einen Funken verloren. Im Gegenteil. Der Funke ist zurückgekehrt. Die wiederbelebte Band hat noch viel, viel zu erzählen, und so stürmen UFO mit vollem Schwung energisch vorwärts. „You Are Here“ ist eine ausgezeichnete klassische Hardrock-Lektion, voller Dynamik und Wucht, außergewöhnlich vibrierender Stimmungen, vollgepackt mit Gefühlen. UFO kehren damit auf die Pfade von „Walk On Water“ zurück. Schenker muss man auf „You Are Here“ wirklich nicht vermissen, und ich habe das Gefühl, dass wir ihn auch in Zukunft nicht vermissen werden. „You Are Here“ ist deshalb für die Band der Beginn einer neuen schöpferischen Phase.
Besetzung
Phil Moog – Gesang
Vinnie Moore – Gitarre
Paul Raymond – Keyboards
Pete Way – Bass
Jason Bonham – Schlagzeug
Produktion
Tommy Newton
Tracklist
1. Daylight Goes To Town
2. Black Cold Coffee
3. The Wild One
4. Give It Up
5. Call Me
6. Slipping Away
7. The Spark That Is Us
8. Sympathy
9. Mr. Freeze
10. Jelloman
11. Baby Blue
12. Swallow
Spielzeit: 53:00