Marillion auf der Pressekonferenz in Plovdiv (2017)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Plovdiv / Rathaus / Plovdiv
Datum des Interviews: 24.09.2017

Die englischen Progressive-Rock-Champions Marillion haben mit »Fuck Everyone and Run (FEAR)« ihr achtzehntes Studioalbum geschaffen, das nach langer Zeit konzeptuell angelegt ist und einige Gemeinsamkeiten mit dem früheren konzeptuellen Meisterwerk »Brave« (1994) aufweist, mit dem es vor allem durch zahlreiche gesellschaftskritische Botschaften verbunden ist.  (Peter Podbrežnik, 1.10.2016)

Nach dem großen Erfolg, den Marillion mit der Veröffentlichung des Albums „F.E.A.R.“ (2016) erzielen, hat sich die Konzerttournee der Band nach erfolgreichen Sommerfestivalauftritten auch in den Herbst 2017 gezogen. Auf dieser Tournee steuerten Marillion als ersten Halt das altrömische Amphitheater im bulgarischen Plovdiv an. Noch vor dem Auftritt meldeten sie sich auf einer Pressekonferenz im Plovdiver Rathaus vor einer Schar neugieriger Journalisten zu Wort.

Ihr habt in eurer Karriere seit 28 Jahren keine Besetzungsänderungen vorgenommen, was fast dem Doppelten der durchschnittlichen Ehedauer entspricht. Wo liegt das Geheimnis der Langlebigkeit dieser Besetzung?
Steve Hogarth: Höchstwahrscheinlich im Vergeben.

In einem Interview hat Steve Rothery gesagt, er erwarte, dass das Jahr, in dem das Album »F.E.A.R., also 2016, eines der erfolgreichsten in der gesamten Karriere von Marillion sein wird. Stimmt das?
Steve Rothery: Die Zeiten sind für uns einfach fantastisch, seit das Album »F.E.A.R.« erschienen ist. Es hat ausgezeichnete Kritiken sowohl von Journalisten als auch vom Publikum bekommen, und auch die aktuellen Konzerte, auf denen wir die Songs vom neuen Album vorgestellt haben, sind außerordentlich erfolgreich. Genau deshalb spielen wir immer noch Konzerte mit dem Schwerpunkt auf dem aktuellen Album. Wir sind damit schon das zweite Jahr auf Tour. Das heutige Konzert hier in Plovdiv ist eigentlich Teil der Abschlusstournee, auf der wir das Album »F.E.A.R.« vorstellen, und auf der wir unter anderem auch zwei Konzerte in Japan spielen werden.

Vor nicht allzu langer Zeit, genauer gesagt vor vier Jahren, hast du Plovdiv bereits besucht. Damals bist du mit deiner Begleitband aufgetreten. Erinnerst du dich noch an diesen Besuch?
Steve Rothery: Natürlich. Als Steve Rothery Band haben wir überhaupt zum ersten Mal in Bulgarien gespielt, und dieses Konzert hat sich mir besonders eingeprägt. Ich erinnere mich an die außergewöhnliche Begeisterung des Publikums und an die starken Gefühle, und deshalb freue ich mich sehr, dass wir wieder hier sind. In Plovdiv habe ich viele Freunde gefunden, und die Stadt liegt mir generell besonders am Herzen.

Da die Karriere von Marillion sehr lang ist, erreicht ihr mit eurer Musik verschiedene Generationen von Zuhörern. Wie versucht ihr, bei der jüngsten Generation von Zuhörern, also zum Beispiel bei Teenagern, Aufmerksamkeit für das zu wecken, was ihr erschafft?
Steve Hogarth: Das versuchen wir überhaupt nicht. Wir haben nie irgendetwas geschrieben oder uns mit einem ganz bewussten Ansatz an die Erschaffung von irgendetwas Musikalischem herangetastet mit dem Ziel, ein Publikum zum Zuhören zu gewinnen. Wir wissen, dass wir viele Fans auf der ganzen Welt haben, und wir sind all diesen Fans extrem dankbar für ihre Unterstützung. Und wir respektieren sie sehr. Aber wenn wir Musik komponieren und Alben aufnehmen, tun wir das wirklich nur für uns selbst. Für uns fünf. Wir denken auch nie daran, dass irgendwo da draußen ein Musikmarkt existiert. Ich glaube, sobald ein Künstler anfängt, sich der Existenz des Marktes bewusst zu werden, hört er auf, Künstler zu sein, und wird zur Fabrik.
Zu unserem großen Glück stehen wir vor der Tatsache, dass das Publikum unsere Musik einfach annimmt, und zwar auf sehr positive Weise, und deshalb können wir alle aufatmen, da wir tatsächlich strikt nur für uns selbst schaffen und bei der Entstehung von Musik ausschließlich von uns selbst ausgehen.

Ihr wart die erste Band, die die Kraft des Internets für ihre eigene Promotion genutzt hat. Nehmt ihr das Internet bzw. seine Existenz immer noch als etwas Positives wahr, und haben sich eure Gefühle gegenüber dem Internet in all diesen Jahren verändert?
Mark Kelly: Als wir 2001 auf diese Idee kamen, haben wir die damaligen Vorteile des Internets wirklich sehr gut genutzt. Das waren Zeiten, in denen wir darum kämpften, überhaupt auf der Bildfläche zu bleiben. Zeiten, die für Marillion nicht die rosigsten waren. Da wir in finanziellen Schwierigkeiten steckten, nutzten wir das Internet und begannen, unsere Musik über das Internet zu verkaufen. Heute stehen wir jedoch vor der Tatsache, dass es auf diese Weise immer schwieriger wird, vom Schaffen neuer Musik zu leben. Auch wenn fast jeder seine Musik aufnehmen kann, die dann im Internet frei zum Anhören zugänglich ist, lässt sich davon heute kaum noch etwas verdienen. Die Dinge verbessern sich aber allmählich, und die Zukunft sieht weitaus heller aus, besonders in dem Sinne, was ein Künstler erreichen kann, damit seine Musik auch entsprechend wahrgenommen wird.    
Was das Internet uns Gutes gebracht hat, ist eigentlich das, dass es all unsere Fans auf der Welt aktiviert und sie irgendwie vereint, verbunden hat, in so etwas wie eine Gemeinschaft, in der auch Marillion zu Hause sind. Dabei denke ich auch an die sozialen Netzwerke. Das bedeutet nicht mehr, dass man heute so viele Alben verkaufen kann wie vor zwanzig Jahren, aber deine Fanbasis wächst und vergrößert sich stetig. Marillion haben heute eine viel größere Zahl an Fans als früher. Viele Jahre lang waren wir nur Zielscheibe von Kritik und Vergleichen seitens der »mainstream«-Medien. Die sozialen Netzwerke haben diese Kritik aufgebrochen, und unser Bild in der Musikwelt ist vor allem aufgrund dieses Phänomens weitaus relevanter geworden, in dem Sinne, dass sich jeder beliebige Musikbegeisterte, der unsere Musik erkundet, ein viel klareres umfassendes künstlerisches Bild von Marillion machen kann. Über soziale Netzwerke kommt man also schneller an relevante Informationen, als wenn man über die Band nur aus Zeitschriften lesen müsste, die darauf spezialisiert sind, den Erfolg eines Künstlers daran zu messen, wie erfolgreich seine Plattenverkäufe sind. Diese Zeiten sind vorbei. Das ist kein richtiges Erfolgsmesser mehr, und die Menschen haben heute viel mehr Möglichkeiten, über soziale Netzwerke an wesentliche Informationen über einen Künstler zu gelangen, für den sie sich interessieren, um dann auch wirklich den Wert seines künstlerischen Schaffens zu entdecken.  

Die Karriere von Marillion erstreckt sich über fast vier Jahrzehnte, und ihr habt 18 Studioalben veröffentlicht. Die Frage an Ian Mosley lautet: »Welche drei Alben aus der gesamten Marillion-Diskografie würdest du auswählen, im Sinne dass sie für dich die bedeutendsten Werke in der gesamten Karriere der Band darstellen?
Ian Mosley: Ich habe eigentlich keinen persönlichen Liebling unter den Marillion-Alben. Darüber kann ich nur in Bezug auf den jeweiligen gegenwärtigen Moment urteilen.  Momentan liegt mir das neueste sehr am Herzen, nämlich »F.E.A.R.«  Ich finde, dieses Album ist von Anfang bis Ende ein außerordentlich vollendetes musikalisches Werk bzw. eine Studioleistung. Ein Album testest du nämlich am besten dadurch, dass du es live spielst. Wenn es live zündet und funktioniert, dann hast du Erfolg gehabt. Ich persönlich habe jedoch keine Lieblingsalben. Ich kann einige Songs von einzelnen Alben hervorheben, wie Easter, das ein außerordentliches Arrangement hat, oder etwas älteres Material, zum Beispiel Songs aus dem Album »Clutching At Straws«.

Und wie würde Pete Trewavas auf diese Frage antworten?
Pete Trewavas: Wenn ich schon wählen müsste, würde ich das Album »F.E.A.R.« wählen.  Das vor allem deshalb, weil es als Ganzes außerordentlich gut wirkt.  Das zweite wäre das Album »Brave«, das auch unter den Fans als eines der beliebtesten Marillion-Alben gilt. Dieses Album haben wir tatsächlich bis vor Kurzem nie vollständig bei Konzerten gespielt, aber vor Kurzem haben wir es bei der Marillion-Konvention gespielt. Das ist sehr gut rausgekommen, und das Album hat seine Konzertprobe außerordentlich gut bestanden. Als drittes würde ich auch »Sounds That Can’t Be Made« nennen, das wirklich ebenfalls ein sehr starkes Album ist. Diese vier Alben sind im Moment, nennen wir es so, meine drei Lieblingsalben von Marillion. Das ändert sich jedoch. Ein einzelnes Album kann man auch sehr lieb gewinnen, wenn man es etwa nach vielen, vielen Jahren wieder live spielt. Bei so einer Menge an Musik, die wir im Laufe der Jahre geschaffen haben, vergisst man tatsächlich manche Songs und Alben. Dann begegnet man ihnen wieder und spürt sie erneut und beginnt, unglaublich viel Freude an ihnen zu haben. Im Hören und im Spielen.

Viele fragen sich schon seit geraumer Zeit, wann das nächste Marillion-Album erschaffen wird.
(Alle lachen)
Steve Rothery: Auch wir selbst stellen uns genau diese Frage. Ich kann ankündigen, dass es 2020 sein wird.

Angesichts des Albumtitels »F.E.A.R.« interessiert uns, was eure größten Ängste sind und wie wichtig es für einen Künstler ist, seine Ängste in der Musik auszudrücken, die er komponiert?
Steve Hogarth: Ich selbst fürchte mich vor der Angst vor dem Unbekannten. Nun, man fürchtet sich natürlich in diesen Zeiten vor Irren wie etwa Donald Trump und Kim Jong-un. Aber wenn wir sie mal beiseitelassen und ich mich den Medien zuwende: Diese beleuchten an den Dingen am liebsten genau das, dass sie jemanden  zu Tode erschrecken, wobei man bei der ganzen Sache nie von der gefährlichsten Sache erfährt, die erst noch passieren wird. Wenn ihr paranoid seid, wie ich es bin, dann habt ihr ständig Angst vor dem »Unbekannten«. Was den Ausdruck von Angst in der Musik betrifft  – zum Beispiel beim Schreiben von Lyrik –, ist das für jemanden, der Lyrik und Texte schreibt, immer eine sehr gute Gelegenheit, all seine eigenen Dämonen auszuprobieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, egal welche Art von Dämonen das sind. Es kann etwas sein, von dem du überzeugt bist, dass es nicht anders sein kann, und dann stellt sich das Gegenteil heraus; es kann eine persönliche Sache sein, wenn dir Unrecht widerfährt; oder es kann etwas sein, das du an jemand anderem bemerkst, und dann bezieht sich die Lyrik auf jemand anderen. Bei all dem ist es sehr wichtig und wesentlich, dass du beim Schreiben von Texten immer zuerst ehrlich zu dir selbst bleibst.  

Heute Abend werdet ihr auf einer besonderen Konzertbühne auftreten? Habt ihr schon einmal zuvor in einem römischen Amphitheater gespielt?
Steve Hogarth: Wir haben ein solches Konzert gespielt, und das erst vor Kurzem. In Italien, aber ich kann mich nicht erinnern, in welcher Stadt das war ( zum Glück hat sich der Verfasser dieser Zeilen daran erinnert: Verona, 10.09.2016, Anm. d. Red.) Es war wunderschön. Immer wenn man auf einer Freilichtbühne auftritt, also im Freien, ruft das besondere Gefühle und Leidenschaften hervor. Beim Singen wirst du in eine Verzückung getragen, und dann erscheint plötzlich vor dir der Mond, der gerade aufgegangen ist. Besonders intensiv sind die Gefühle beim Auftreten im Freien, vor allem wenn das Wetter schön ist.  Wenn man auf so einer Bühne ist wie einem römischen Amphitheater, und wo wir heute Abend auch hier in Plovdiv spielen werden, bekommt man ein Gefühl der Zeitlosigkeit. Da wird man sich bewusst, dass man sich zwischen 2000 Jahre alten Mauern befindet, die die ganze Zeit hier waren und  plötzlich zum Leben erwachen, und mit ihnen die gesamte antike Kultur und der Geist der Vergangenheit.

Dann noch eine Frage eher politischer Natur. Was haltet ihr vom Brexit? Werden Bands aus Großbritannien angesichts der neuen Gegebenheiten schwerer zu Auftritten in Europa kommen als bisher?
Steve Hogarth: Wenn Europa anfängt, Großbritannien so zu behandeln wie die USA, wo man Arbeitsvisas verlangt und es jede Menge Überprüfungen und Auflagen gibt, dann werden wir mit der Zeit zur Band, die nur noch am Königshof spielt. Ich persönlich verurteile den Brexit und finde, er ist nicht angebracht, und ich bin dagegen. Gegen die Etiketten, die dafür sorgen, dass sich Menschen in einem anderen Land anders als andere oder anders bewertet fühlen. Letztlich sind wir alle gleich. Es gibt keine Unterschiede zwischen uns. Die Etiketten werden uns von anderen aufgeklebt. All diese Hindernisse, Mauern, Nationalismen,… All das, was gerade passiert,  ist sehr absurd, und ich meine, wir hätten in unserer gesamten Menschheitsgeschichte bis zu diesem Tag schon so manche nützliche Lektion lernen sollen, damit es nicht mehr zu solchen Irrwegen kommt.  

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