Freddy Scherer nimmt uns mit in die Gotthard-Geschichte (2016)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Wien / Gasometer / Österreich
Datum des Interviews: 14.11.2014
Freddy Scherer ist 2004 von der Schweizer Hard-Rock-Band China zu den weitaus populäreren Landsleuten Gotthard gewechselt, wo er die Lücke auf der Position des zweiten Gitarristen füllte, nachdem Mandy Meyer (Unisonic, Krokus) Gotthard verlassen hatte. Freddy nahm sich vor dem Auftritt von Gotthard am 14.11.2014 in Wien auch ein paar Minuten Zeit für RockLine und plauderte mit uns über seinen musikalischen Werdegang sowie über das Studioalbum von Gotthard mit dem Titel „Bang!“. Ebenso kam die Sprache auf den neuen Sänger Nic Maeder und seine Wirkung an der Stelle des unvergesslichen Steve Lee,…
RockLine: Wie zufrieden bist du mit dem Verlauf der aktuellen Tour und wie reagieren eure Fans in verschiedenen Teilen der Welt?
Freddy: Gotthard genießen in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Popularität. Die größte Fanbasis haben wir in Deutschland, daheim in unserer Schweiz und in Spanien. In Finnland zum Beispiel und generell in Skandinavien ist unsere Fanbasis nicht mehr so groß. Deshalb ist es manchmal ziemlich schwer, Touren zu absolvieren, weil man dabei einzelne Konzertauftritte anpassen muss – es kommt vor, dass wir auf kleineren Bühnen vor kleinerem Publikum spielen. Das kann natürlich in Deutschland und in der Schweiz nicht passieren, das wird auch heute Abend nicht passieren, wenn wir hier in Österreich in Wien auftreten. Wir machen uns aber keine Sorgen darüber, wo wir spielen und wo nicht. Wir treten überall gerne auf, wohin man uns einlädt, auch wenn es der letzte von Gott verlassene Ort irgendwo in Russland ist. Auch dorthin kommen wir, wenn natürlich die Kosten gedeckt sind. Wir würden überall spielen wollen, aber das ist wegen finanzieller Einschränkungen unmöglich. Wir haben aber ganz Südamerika bereist, Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, die Schweiz, Österreich, Japan…
RockLine: Was kannst du uns über das neue Album »Bang!« erzählen? Wie war der Entstehungsprozess und wie wurde es von der Kritik aufgenommen?
Freddy: Die Kritiken waren sehr positiv, die Bewertungen viel besser als beim Vorgänger »Firebirth«. Sogar in Großbritannien, wo man immer sehr kritisch und wählerisch ist und wo man schwer Fuß fassen kann, haben wir sehr gute Rezensionen bekommen. Das ist der Beweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die Dinge richtig machen. Das öffnet uns Türen zu Konzertbühnen, zu neuen Touren und zur Gewinnung neuer Fans. Das alles treibt uns vorwärts und hält in unseren Herzen immer den Antrieb, die positive Energie und die gute Stimmung aufrecht.
RockLine: Beteiligt sich Nic Maeder – also euer neuestes Mitglied und Sänger – auch am Schreiben neuer Songs für das Album »Bang!«?
Freddy: Ja, ja, absolut. Das gesamte Album »Bang!« haben wir zu dritt geschrieben. Leo (Leo Leoni, Gitarrist, Anm. d. Red.), Nick Maeder, Gesang, Anm. d. Red.) und ich. In ausgeglichenem Verhältnis. Jeder von uns hat für das Album ungefähr ein Drittel der neuen Songs beigesteuert.
RockLine: Bei so vielen veröffentlichten Alben macht euch vermutlich auch die Zusammenstellung des Konzertrepertoires einige Kopfschmerzen?
Freddy: Ja, das stimmt. Das kann für uns öfter mal ein Problem sein. Unser Anliegen ist es, mit Nic in der Besetzung unser neues Studioalbum so umfassend wie möglich vorzustellen, aber auf der anderen Seite sind da auch unsere Fans, die immer unsere alten Klassiker hören wollen. Ein Kompromiss aus beidem, beziehungsweise das Beste aus beiden Welten. Songs wie Anytime, Anywhere, alle tragenden Balladen unserer Karriere usw…
RockLine: Mich interessiert, wie es dazu kam, dass Gotthard, die damals bereits ein großer Name waren, auf dich zugekommen sind und dich gefragt haben, ob du dich ihnen anschließt? Wann und wie ist das passiert?
Freddy: Die Jungs aus der Band kenne ich persönlich sehr gut, schon seit den ersten Tagen ihres Schaffens. Schon vor dreiundzwanzig Jahren haben wir gemeinsam auf einer Silvesterparty gespielt. Das war 1991 in einem Rock-Club in der Schweiz. Aber wir haben nur gemeinsam auf der Bühne gespielt. Nicht mehr. Danach habe ich in anderen Bands gespielt, mich mit anderen Projekten beschäftigt. Unter anderem habe ich auch in der Band China gespielt, das ist meine frühere Band. Dann kam das Jahr 2004, in dem ich musikalisch völlig stillstand. Nun, genau in jenem Jahr klingelte das Telefon und die Mitglieder von Gotthard riefen an. Dazu haben sie sich entschieden, nachdem Mandy (Armand „Mandy“ Meyer, Gitarrist von Krokus und Unisonic, Anm. d. Red.) ihre Reihen verlassen hatte. Von zu Hause, wo ich wohne – das ist in Zürich – bis nach Lugano, wo Gotthard proben, sind es zweieinhalb Stunden Fahrt mit dem Auto. Nach der Einladung der Band bin ich dort hingekommen. Ganz entspannt, ohne Erwartungen. Ich habe beim Jam mitgemacht und den Jungs hat gefallen, was sie gehört haben. Das war’s. Außer auf meinem ersten Gotthard-Album, nämlich auf »Lipservice«, habe ich keine eigenen Ideen eingebracht, aber danach auf jedem folgenden Album immer mehr und mehr. Immer mehr meiner Ideen haben sich realisiert und sind auf den nachfolgenden Alben gelandet. Bei uns ist es so, dass es beim Schreiben keine festgeschriebenen Regeln gibt. Egal, wer eine musikalische Idee mitbringt, auf der wir dann Songs kreieren. Wenn die Sache gut ist, verwenden wir sie, ansonsten nicht. Wir probieren wirklich alle Ideen aus, die Leo, Nick oder ich mitbringen. Es ist nicht schwer zu spüren, wann etwas zünden wird.
RockLine: Wie entscheidet ihr mit Leo, wer welchen Gitarrenpart in den einzelnen Songs spielt?
Freddy: Die Hälfte von allem ergibt sich zwischen uns ganz natürlich, nach einem spontanen Muster. Den Rest passen wir daran an, wer sich ein Motiv ausdenkt, einen Übergang, beziehungsweise wer die Idee dafür hat. Derjenige spielt es dann normalerweise auch. Genauso die Soli. Es ist dabei nie so, dass jemand von uns dominiert. Wir teilen uns die Arbeit auf. Die Gitarrenarbeit ist ausgeglichen, was das Spielen der Kompositionen betrifft.
RockLine: Also fließt zwischen dir und Leo eine kreative Energie, eine Art chemisches Wechselspiel, ein gegenseitiges Erspüren… Wie würdest du das erklären?
Freddy: Ja. Mit meiner Band habe ich zum Beispiel auf Leos 30. Geburtstagsparty gespielt. Wir haben zusammen gejammt. Zwischen uns läuft das nicht so, dass wir uns ständig sehen und gemeinsam auf Jams spielen würden. Solche Dinge passieren zwei- oder dreimal im Jahr. Und dann läuft es einfach. Es fließt frei und neue Songs sowie Ideen beginnen zu entstehen.
RockLine: Wie ernsthaft haben Gotthard über das Ende der Karriere nachgedacht, nachdem euer früherer Sänger Steve Lee 2010 tragisch ums Leben kam?
Freddy: Zuerst haben wir uns alle die Frage gestellt, ob wir gerne Musik machen. Die Antwort war ja. Und angesichts des Aufwands, der in der Vergangenheit in alles gesteckt wurde, was wir als Gotthard gemacht und über die Jahre erreicht haben, und nach vielen Gesprächen, die wir vier verbliebenen Mitglieder geführt haben, haben wir entschieden weiterzumachen. Auch angesichts der Tatsache, dass wir uns so gut kennen und miteinander verstehen, wäre es schade gewesen aufzuhören. Aber alles hing davon ab, ob wir den richtigen Sänger finden würden, der an Steve Lees Stelle singt.
RockLine: Wo habt ihr nach Sängern gesucht? Nur in der Schweiz?
Freddy: Überall.
RockLine: Nic Maeder hat nämlich eine erstaunlich ähnliche Stimmfarbe wie Steve Lee – es ist unglaublich, dass ihr den passenden Ersatz ausgerechnet daheim, in der Schweiz, gefunden habt.
Freddy: Wir wollten keinen neuen Steve Lee, aber wir wollten, dass er Schweizer ist. Also den besten Rock-Sänger, den die Schweiz in diesem Moment zu bieten hat. Nic ist ein ausgezeichneter Sänger und außerdem ein außergewöhnlicher Charakter. Manchmal erinnert er wirklich unglaublich an Steve Lee, aber sein vokaler Ansatz hat auf jeden Fall seine eigene Ausstrahlung, seinen eigenwilligen Charakter. Das Wichtigste dabei war, dass wir alle mit der Wahl einverstanden sind. Nic hat uns als Vokalist sofort allen gefallen. Manchmal zwar ähnlich wie Steve Lee, aber keineswegs zu sehr. Unter den Kandidaten beim Vorsingen war er aber von allen Eingeladenen mit Sicherheit am ähnlichsten zu Lee.
RockLine: Was kommt danach, nach dieser Tour?
Freddy: Das letzte Konzert spielen wir am 21.12.2014 in Deutschland. Dann folgt eine Pause von einem Monat, danach treffen wir uns Ende Januar und werden besprechen, wie es weitergeht. Ich weiß, dass wir bereits einen bestätigten Auftritt im Rahmen des Festivals Masters of Rock in Tschechien haben, außerdem ist geplant, die Sommerfestivals in Europa zu bespielen. Aber wir müssen uns zusammensetzen, ein paar Abende lang, und gründlich durcharbeiten, was wir als Gotthard im nächsten Jahr machen werden. Nach dem neuen Jahr natürlich.
RockLine: Genau am 21.12.2014 – das ist euer letztes Konzert, und zwar in der deutschen Stadt Karlsruhe – steht ein interessantes Festival an, bei dem ihr unter anderem auch in Gesellschaft von Edguy auftretet?
Freddy: Stimmt. Das wird ein interessantes Wochenende. Metal-geprägt. Außerdem haben Leo und ich genau am selben Tag einen vereinbarten Auftritt im Rahmen einer Sendung beim Schweizer Nationalradio als akustisches Duo. Das ist ein Wohltätigkeitsauftritt, Geld wird für wohltätige Zwecke gesammelt. Wir werden drei oder vier Songs für das Schweizer Nationalradio spielen.
RockLine: Verfolgst du sonst das aktuelle Geschehen in der Rock-Szene?
Freddy: Ja. Nicht gerade jeden Tag, aber ich bin neugierig. Ich bin gut informiert über das Internet, Musikzeitschriften, Rock-Radiosender. Es gibt viele junge, vielversprechende Bands, und wenn man sie im Radio hört, wünscht man sich, sie irgendwann auch live auf einem Konzert zu erleben. Besonders interessant ist dabei die Diskussion mit diesen jungen Musikern, die zum Beispiel achtzehn oder neunzehn Jahre alt sind – vor allem, wie sie selbst Musik wahrnehmen, wie sie das Rock-Erbe verstehen und interpretieren. Ob sie zum Beispiel eher retro klingen, wie irgendwelche Led Zeppelin, oder ob sie mehr in Richtung Metal getrimmt sind, usw….
RockLine: Wann hat es dich noch als Teenager gepackt, dass du zur Gitarre greifst und anfängst, Rock’n’Roll zu spielen?
Freddy: Alles begann mit AC/DC, deshalb habe ich mir auch meine erste Gitarre gekauft. Natürlich spielen bei uns in der Schweiz alle Fußball, und ich stand vor einem Scheideweg. Fußball oder Musik. Und ich habe natürlich Letzteres gewählt. Bald haben wir unsere erste gemeinsame Band gegründet. Natürlich haben wir uns noch gesucht, der Bassist ist auf die Position des Schlagzeugers gewechselt und so weiter. Man entdeckt und erforscht eben noch seine Talente, wenn man am Anfang der Karriere steht. Bald aber spielten wir überall in der Schweiz. Ich war fünfzehn Jahre alt, als wir bereits unsere erste Single veröffentlichten.
RockLine: Freddy, herzlichen Dank für deine wertvolle Zeit und das sehr interessante Gespräch – ich wünsche dir viel Spaß beim heutigen Konzert hier in Wien!
Freddy: Danke auch euch, Jungs, und ich hoffe, ihr werdet unser Konzert genießen!
Wie das Konzert von Gotthard am 14.11.2014 in Wien (Gasometer) war, könnt ihr HIER nachlesen!
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