Mit Roye Albrighton über vergangene, aktuelle und künftige Herausforderungen von Nektars Time Machine (2014)
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Greifenburg /Kultursaal / Österreich
Interviewdatum: 18.03.2014
Gitarrist und Sänger Roye Albrighton ist Gründungsmitglied und Kopf der legendären britischen Band Nektar, die in den Siebzigern ein wichtiger Teil der sich rasant entwickelnden Progressiv-Rock-Szene war. Roye ist seit der Gründung im Jahr 1969 Teil der Nektar-Geschichte. Abgesehen von einer kurzen Pause Ende der Siebziger, als er Nektar für zwei Jahre verließ, hat er alle Höhen und Tiefen der Band miterlebt und Ende der Neunziger für die Wiederauferstehung dieser Kultband gesorgt. Anders als ihre britischen Zeitgenossen verbrachten Nektar den Großteil ihrer kreativsten Jahre auf deutschem Boden und entwickelten dabei einen ganz eigenen Ansatz zum Progressive Rock. Mit Roye sprachen wir über das neue Nektar-Album »Time Machine« und seinen Blick auf die moderne Prog-Rock-Szene – und nebenbei kamen auch die unvergessliche Tour seiner Band mit Frank Zappa Anfang der Siebziger sowie die Zukunft dieser legendären Gruppe zur Sprache.
Rockline: Bist du zufrieden mit dem Verlauf der aktuellen Tour?
Roye Albrighton: Sehr zufrieden. Gestern Abend haben wir zum ersten Mal in Österreich gespielt – das war erst das zweite Mal in unserer bisherigen Karriere und damit definitiv etwas Besonderes. Bislang kann ich sagen, dass ich wirklich zufrieden mit dem Verlauf dieser Tour bin.
Rockline: Wie hat die Beteiligung von Billy Sherwood (ehemaliges Mitglied der legendären Yes) als Bassist und Produzent das neue Nektar-Album »Time Machine« beeinflusst?
Roye Albrihton: Na ja, Billy Sherwood ist nicht gerade unser neuer Bassist. Er hat nur bei einem Konzert mit uns gespielt. Dafür haben wir seine Dienste im Studio umso intensiver genutzt, wo er als Produzent bzw. Ko-Produzent unseres neuen Albums fungierte. Billy ist sehr gut in allem, was er anpackt, und das gilt auch für seine Arbeit als Produzent – zudem ist er ein hervorragender Bassist. Trotzdem ist er aktuell kein Mitglied von Nektar.
Rockline: Er arbeitet also als gelegentlicher Gastmusiker mit euch zusammen?
Roye Albrighton: Ja, wie du weißt, ist Billy, seitdem er nicht mehr bei Yes ist, hauptsächlich als Studiomusiker tätig. Zunächst wollten wir mit ihm ausschließlich als Produzent zusammenarbeiten, doch nachdem er unser neues Material gehört hatte, entschied er sich, auch seinen eigenen musikalischen Stempel draufzusetzen und steuerte einige Basslinien bei. Außerdem hat er sich besonders auf den Drumsound konzentriert. Das Ergebnis unserer gemeinsamen Arbeit ist wirklich ein starkes Album.
Rockline: Wir würden gerne mehr über den Entstehungshintergrund eures neuen Studioalbums »Time Machine« erfahren.
Roye Albrighton: Der Großteil des Materials auf dem neuen Album – bis auf zwei Stücke – wurde in der Vorproduktion in einem kleineren Studio aufgenommen und dann im Hauptstudio fertiggestellt. Das ist in den letzten Jahren unsere übliche Praxis geworden, denn heutzutage ist es einfach zu teuer, zu viel Zeit im Studio zu verbringen. Früher haben wir dort drei oder vier Wochen verbracht, aber heute ist das schlicht zu kostspielig – also machen wir lieber Vorproduktion und nehmen die finalen Versionen dann in möglichst kurzer Zeit auf.
Rockline: Wann und warum habt ihr euch entschieden, den Albumtitel von »Juggernaut« in »Time Machine« zu ändern?
Roye Albrighton: Das ist eigentlich mitten im kreativen Prozess passiert – wir hatten vor »Juggernaut« auch schon mit einem anderen möglichen Albumtitel gespielt. Ursprünglich dachten wir daran, das Album »Juggernaut« zu nennen, wegen des Textes dieses Songs. Ursprünglich sollte »Juggernaut« ein reines Instrumentalstück sein, aber wir haben später Gesang und Text hinzugefügt. Oft, wenn ein Album erst mal durch die Produktionsphase läuft, ändern sich ursprüngliche Entscheidungen und Konzepte – das ist für uns also nichts sonderlich Erschütterndes.
Rockline: Warum habt ihr euch entschieden, euer erstes Cover-Album mit dem Titel »A Spoonful of Time« aufzunehmen?
Roye Albrihton: »A Spoonful of Time« war ursprünglich eine Idee unseres Labels. Die Idee war, dass der Kern unserer Band – also die zentralen Mitglieder – ein Album mit Coverversionen anderer Künstler aufnimmt und dabei mit zahlreichen anderen Musikern zusammenarbeitet. Wir haben also mit vielen großartigen Musikern zusammengearbeitet, aber das war definitiv nicht unsere Idee. Ich persönlich war von dieser Idee unseres Labels nicht sonderlich begeistert. Trotzdem gibt es Leute, denen »A Spoonful of Time« gut gefällt.
Rockline: Mir hat es gefallen.
Roye Albrighton: Na, da haben wir schon die erste Person, der es gefallen hat.
Rockline: Verfolgst du die moderne Prog-Rock-Szene?
Roye Albrigton: Ja, ich höre gelegentlich in neue Bands rein, versuche aber aufzupassen, dass das den Nektar-Sound nicht zu sehr beeinflusst. Wir sind immer noch eine ‚old-school‘-Prog-Rock-Band mit einem ziemlich eigenen Sound. Die Leute nennen uns gerne Progressive Rock, obwohl ich selbst gar nicht so genau weiß, was der Begriff ‚Progressive Rock‘ eigentlich bedeutet. Wenn das viele abrupte Taktwechsel innerhalb einzelner Songs bedeutet, dann kann man unsere Musik durchaus auch Progressive Rock nennen – aber ich habe Nektar nie dem harten Kern des Progressive Rock zugeordnet, also da, wo Bands wie Yes eingeordnet werden.
Rockline: Wie war denn die gemeinsame Tour mit Frank Zappa, bei der ihr 1973 dabei wart?
Roye Albrighton: Umwerfend. Diese Tour war einfach umwerfend. Frank war ein unglaublicher Musiker, und die Band, die er auf Tour dabei hatte, war genauso außergewöhnlich. Allesamt faszinierende Musiker. Frank mochte unsere Musik wirklich sehr. Die ersten fünf Tage vor Tourstart war er regelmäßig bei unseren Proben dabei und schaute uns mit Begeisterung zu. Er bot uns auch an, seinem Label beizutreten, da er neue Bands für sein Label suchte – aber wir haben uns letztlich anders entschieden. Franks Band hatte jeden Abend eine komplett andere Setlist, was bedeutete, dass jede Nacht andere Musik gespielt wurde. Man wusste nie, was er am nächsten Abend bringen würde, denn er packte jedes Mal völlig andere Songs auf die Liste. Auf dieser Tour reisten wir statt ‚von Stadt zu Stadt‘ ‚von Land zu Land‘. In jedem Land, in dem wir spielten, eröffnete Frank den Auftritt auf seine Art mit der jeweiligen Nationalhymne. Allein das hat allen Anwesenden die Köpfe weggeblasen. Beim Auftritt in Deutschland spielte er die deutsche Hymne – in seinem unverwechselbaren Stil. Genauso spielte er beim Besuch in Großbritannien seine Version von »God Save the Queen« – was genauso unterhaltsam war. Das waren wirklich wunderbare Zeiten, und ich werde mich immer gerne an die gemeinsame Zeit mit diesem außergewöhnlichen Musiker erinnern.
Rockline: Du hast sicher schon die Iron Maiden-Coverversion eures »A Tab in the Ocean«-Klassikers »King of Twilight« gehört? Mich würde interessieren, was du davon hältst.
Roye Albrighton: Ihre Version gefällt mir. Ich finde Iron Maidens Herangehensweise an diesen Song interessant – sie ist gar nicht so grundlegend anders als unsere, aber spürbar wuchtiger. Ich muss zugeben, dass ich diese Coverversion dank meines Schwiegersohns erst viele Jahre nach ihrem Erscheinen auf der Iron Maiden-Single »Aces High« gehört habe. Es gefällt mir, dass daraus keine übermäßig werkgetreue Jazz-Fusion- oder Prog-Rock-Version unseres Songs geworden ist.
Rockline: Iron Maiden-Bassist Steve Harris ist ja schon seit Langem ein Fan von euch.
Roye Albrighton: Oh ja, ich kenne Steve Harris persönlich. Ich habe ihn einmal am Flughafen getroffen – ich glaube, das war in Saudi-Arabien. Seine ganze Band war damals am Flughafen. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, welche Band das wohl sein mag, als sie mich zu sich riefen. Dann stellten sie sich als Mitglieder von Iron Maiden vor und erzählten mir, dass sie kürzlich eine Coverversion eines Nektar-Songs aufgenommen hatten. Das fand ich natürlich gut – und Steve verriet mir auch, dass er schon seit Langem ein Fan von uns ist.
Rockline: Manche Medien haben euch fälschlicherweise der sogenannten Krautrock-Szene zugeordnet, weil ihr in den Siebzigern in Deutschland beheimatet wart – obwohl eure Musik doch ziemlich anders war als die der Krautrock-Bands. Hat dich das jemals gestört?
Roye Albrihghton: Nein, überhaupt nicht. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum manche Leute meinen, der Begriff ‚Krautrock‘ sei kein schönes Wort für eine bestimmte Art von Musik. Es ist einfach ein Begriff – und Nektar sind immer noch Nektar, also kümmern wir uns nicht sonderlich um solche Etiketten. Der einzige echte Grund, warum manche immer noch denken, wir seien eine deutsche Band, liegt in der Schreibweise unseres Bandnamens – also Nektar statt Nectar. Das passierte bei unserer Gründung einfach deshalb, weil wir mit der Wahl des ‚k‘ statt des ‚c‘ etwas anderes ausdrücken wollten – und das, bevor wir herausfanden, dass das die deutsche Version des Wortes ’nectar‘ ist. Deshalb haben manche gedacht, wir seien eine deutsche Band. Aber wo wir schon beim Krautrock sind: Ich muss sagen, dass es in jener Zeit, Mitte der Siebziger, einige fantastische Krautrock-Bands gab – zum Beispiel Can, Amon Düül II, Birth Control und die Band, über die wir Bandmitglieder noch gestern Abend gesprochen haben: Grobschnitt.
Rockline: Was können wir in Zukunft von Nektar erwarten?
Roye Albrighton: Wir werden weiterhin das tun, was wir lieben – also weiterhin neue Musik aufnehmen und Konzerte für all die Leute veranstalten, die uns live erleben wollen. Wir wünschen uns mehr Konzerte und Touren als in letzter Zeit, aber das können wir uns aus finanziellen Gründen einfach nicht mehr so leicht leisten – bei den Konzertfinanzen müssen wir sehr vorsichtig sein. Also werden wir weiterhin das machen, was wir am besten können: neue Musik schaffen und so viele Konzerte wie möglich auf die Beine stellen.
Rockline: Solange ihr natürlich noch Lust auf neue musikalische Abenteuer habt.
Roye Albrighton: Und solange die Leute uns noch zuhören wollen.
Rockline: Herzlichen Dank für das Interview, Herr Albrighton. Das Rockline-Team wünscht euch einen möglichst erfolgreichen Auftritt in Greifenburg, bei dem wir Nektar mit Freude aus der Nähe erleben werden.
Roye Albrighton: Danke euch. Es freut mich sehr, dass ihr heute bei unserem Konzert dabei sein werdet.
Den vollständigen Konzertbericht vom Auftritt von Nektar am 18.01.2014 im österreichischen Greifenburg kannst du HIER lesen!
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