Gitarrist John Nymann über Y&T und die Jubiläumstournee zum Album „Mean Streak“ (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: München / Backstage (Halle) / Deutschland
Datum des Interviews: 08.10.2013

Gitarrist John Nymann ist ein Mann, der seit jeher mit den legendären Hard-Rockern aus Oakland Y&T verbunden ist. Obwohl er der Band erst 2002 als festes Mitglied beitrat, wirkte er bei Y&T bereits in den Achtzigern als Background-Sänger oder Keyboarder auf den Alben »In Rock We Trust« (1984), »Down For The Count« (1985), »Contagious« (1987) und »Ten« (1990) mit und war damals auch auf den Tourneen mit Y&T dabei. Y&T haben Europa in diesem Jahr erneut besucht. Und dieses Jahr ist für Y&T das »Jahr der Schlange«, denn diese ziert das Cover ihres Albums »Mean Streak« (1983), während die Band gleichzeitig mit ihrer neuen Tournee den 30. Jahrestag der Veröffentlichung dieses Kultalbums feiert.

RockLine: In den letzten Jahren sind Y&T wieder zu einem festen Bestandteil der europäischen Konzertbühnen geworden. Wie erlebst du das?
John: Wir sind unglaublich froh, dass das so ist, und dass Europa uns nach all diesen Jahren immer noch so schätzt. Die Leute kommen regelmäßig Jahr für Jahr zu unseren Konzerten in Europa und unterstützen uns. Dadurch werden unsere Touren durch Europa in den letzten Jahren immer umfangreicher. Wir besuchen immer mehr verschiedene europäische Länder, immer mehr verschiedene europäische Städte. Deutschland ist generell ein großer Unterstützer von uns. Als wir zur ersten Tournee kamen, haben wir in Deutschland nur eine Handvoll Konzerte gespielt, aber jetzt ist der Konzertplan für Deutschland wesentlich ambitionierter aufgestellt. Wir sind überglücklich. Gleichzeitig feiern wir in diesem Jahr den 30. Jahrestag der Veröffentlichung des Albums »Mean Streak«. Und nächstes Jahr feiern wir den 40. Jahrestag des Bestehens und Wirkens von Y&T. Nächstes Jahr wird also für uns sehr ereignisreich. Wir haben große Pläne.

RockLine: Die Hingabe der europäischen Fans an die Band ist also nicht versiegt?
John: Keineswegs. Vor zehn Jahren, als wir wieder aktiv anfingen aufzutreten, buchte unser damaliger Manager Y&T ausschließlich für Festivalauftritte. Wir waren aber auch an anderen Auftritten interessiert. Wir fragten uns: Was wäre, wenn wir es mit Auftritten in europäischen Clubs versuchten? Unser damaliger Manager war dagegen und behauptete, wir würden von Clubauftritten kein Geld sehen, dass es sich nicht lohnen würde, und deshalb wollte er keine Clubauftritte für Y&T buchen. Also war es das Beste, uns zu trennen. Jill (Jill Meniketti, Anm.d.Red.) übernahm die Managementangelegenheiten. Wir haben es versucht und es hat sich ausgezahlt. Im Moment sind wir in Europa tatsächlich fast beliebter als in den USA.

RockLine: Wenn wir da noch den japanischen Konzert-Enthusiasmus zum Vergleich heranziehen. Wie nehmt ihr die Reaktionen des dortigen Publikums bei Auftritten wahr?
John: Oh ja. Die sind sehr enthusiastisch. Aber die Japaner sind eine besondere Sorte Mensch. Ein ganz eigener Schlag. Trotzdem liegt unser Fokus mehr auf Europa, obwohl es an Einladungen aus Japan nicht mangelt. Dort ist man sehr begeistert davon, viele verschiedene Musikgenres zu hören. Aber wir fühlen uns in Europa und auf heimischem Boden – also in den USA – wohler. Daher treten wir in Japan nicht besonders häufig auf. In Japan tauchen wir auf Touren in Abständen von drei bis vier Jahren auf, nach Europa kommen wir Jahr für Jahr.

RockLine: Im vergangenen Jahr habt ihr auch das neue Doppel-Livealbum »Live At the Mystic« veröffentlicht. Das ist ein Venue in Kalifornien, das ihr jährlich besucht und in dem ihr besonders gerne spielt.
John: Ja. Das »Mystic« liegt etwa 40 Meilen nördlich von San Francisco in Kalifornien. Es ist ein altes Venue, in dem früher Filme gezeigt wurden und das inzwischen zu einem Nachtclub umgebaut wurde. Die Geschichte dieses Venues ist lang, reich und abwechslungsreich. Wir lieben die Atmosphäre dieses Venues. Jedes Jahr, beziehungsweise gegen Ende des laufenden Jahres, gönnen sich Y&T dort einen großen Spaß mit einem Konzertauftritt. Fans unserer Musik besuchen uns aus aller Welt, wenn wir in diesem Club auftreten. Sie reisen von überallher an – aus Japan genauso wie aus Europa. Die Gegend, in der der Club liegt, ist auch als Weinbauregion bekannt, wo erstklassige Weine produziert werden. Wenn du also mal ins Mystic kommst, kannst du Weinprobe und ein Y&T-Konzert kombinieren und daraus einen schönen mehrtägigen Ausflug machen.

RockLine: Drei Jahre sind seit dem aktuellen Studioalbum der Band mit dem Titel »Facemelter« vergangen. Keimt da schon neues Material für das nächste Studioalbum?
John: Oh ja. Absolut. Wie ich bereits betont habe, feiern wir nächstes Jahr den 40. Jahrestag des Bestehens der Band. Anfang nächsten Jahres werden wir einen unserer Auftritte in Japan für die Veröffentlichung einer DVD aufnehmen. Die genauen Details dazu, was wir alles im nächsten Jahr anlässlich des Jubiläumsereignisses veröffentlichen werden, kenne ich noch nicht, da wir noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen haben. Neben der DVD werden sicher auch andere Y&T-Leckerbissen erscheinen. Wenn die Feierlichkeiten zu unserem 40-jährigen Bestehen hinter uns liegen, werden wir uns auf die Veröffentlichung eines neuen Studioalbums konzentrieren. Weißt du, wir wollen uns nicht zu viele Lasten gleichzeitig aufbürden. Der Hauptgrund, warum wir mit dem neuen Album nicht hetzen, ist, dass es bei all diesen Jubiläumsfeiern nicht untergehen und übersehen werden soll. Unbemerkt an der Öffentlichkeit vorbeigehen. Neues Material haben wir allerdings schon. Da unsere Auftritte über zwei Stunden dauern, ist das Konzertrepertoire jetzt schon sehr verdichtet. Wir haben aber neuerdings auch einige Songs vom Album »Facemelter« aufgenommen, die wir bisher noch nicht live gespielt haben, wie zum Beispiel den Song I Want Your Money. Es ist aber schwer, neue Songs ins Repertoire zu quetschen, denn das Publikum möchte vor allem die Songs von unseren klassischen Alben hören.

RockLine: Wie hat sich dein Weg mit Y&T verflochten, und was war der entscheidende Wendepunkt, an dem Dave beschlossen hat, dich als festes Mitglied ins Team aufzunehmen?
John: Mein Weg ist mit der Karriere von Y&T in verschiedenen Phasen ihrer Tätigkeit verknüpft. Ich kann sagen, dass wir von Anfang an miteinander verbunden sind. Dave und ich sind alte Freunde, wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Eigentlich sind wir alle – die Originalmitglieder von Y&T und ich – zusammen im gleichen Viertel von Oakland in Kalifornien aufgewachsen. Wir sind in derselben Nachbarschaft aufgewachsen, haben dieselbe High School besucht. Dave und ich sind also alte Freunde. Ich habe schon immer Gitarre gespielt, genau wie er. Aber in anderen Bands. In den frühen Jahren von Y&T, als sie noch Yesterday & Today hießen, habe ich mit meiner Band Mile Hi als Vorgruppe vor Y&T gespielt. Dann habe ich in der Band 415 zusammen mit Eric Martin aus der späteren Band Mr. Big gespielt. 415, die aus Mitgliedern von Mile Hi und Kid Corageous entstand, schloss einen Vertrag mit Elektra Records ab und wurde später in Eric Martin Band umbenannt. 1983 veröffentlichten wir dann das Album »Sucker For Your Pretty Face«. Unglaublich. Vor dreißig Jahren. Genau wie das Y&T-Album »Mean Streak« vor dreißig Jahren erschien. Dann löste sich die Eric Martin Band auf, und Y&T veröffentlichten in dieser Zeit das Album »In Rock We Trust«. Und Dave rief mich an und sagte: »Hey Alter, willst du der Band beitreten und für uns singen und Keyboards spielen?« Als fünftes Mitglied. Sie hatten mich als eine Art Reserve. Im Hintergrund. Auf Touren war ich vier Jahre lang mit Y&T zusammen. Ich hatte eine tolle Zeit. Habe Musik mit ihnen gemacht, auch gemeinsam mit ihnen Musik geschrieben. Bis zu dem Tag, als Dave die Band auflöste. Und dann formierte sich die Besetzung 2002 wieder neu. Da baten sie mich, für Y&T als festes Mitglied Gitarre zu spielen.

RockLine: Ich erinnere mich an den Y&T-Auftritt in Bologna im Jahr 2008. Damals musstest du diesen Auftritt auslassen, und der frühere Y&T-Gitarrist Steff Burns sprang nur für diesen Auftritt in die Band ein. Wie kam es dazu?
John: Wir waren mit Y&T in der Schweiz, als ich einen Anruf bekam. Es war ein paar Tage, bevor wir nach Italien aufbrachen. Man teilte mir mit, dass meine Mutter schwer krank sei und ins Krankenhaus gebracht wurde. Bei ihr war Krebs diagnostiziert worden, und mein Bruder teilte mir mit, dass ihr nicht mehr geholfen werden kann, und fragte mich deshalb, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, nach Hause zu kommen, solange sie noch am Leben ist. Y&T zeigten Verständnis und sagten: »Fahr einfach!« Der Auftritt der Band in Bologna war der letzte auf unserer damaligen Tournee, und so oder so hätte ich nur diesen einen Auftritt verpasst. Die Band fragte Steff Burns, ob er das ganze Konzert mit der Gruppe spielen könnte. Steff stimmte ohne Zögern zu – und zwar sehr gerne. So bekam ich die Möglichkeit, nach Hause zu fahren und bei meiner Mutter zu sein, bis sie verstarb. Später trat Steff Burns wieder mit uns auf, und zwar bei einem Auftritt in der italienischen Stadt Belaggio. Sehr wahrscheinlich wird sich Steff uns auch in Zukunft noch einmal für den einen oder anderen unserer Konzerte anschließen. (Steff Burns lebt schon seit Längerem in Italien und ist festes Mitglied der Band der italienischen Pop-/Rock-Ikone Vasco Rossi, Anm.d.Red.)

RockLine: Für welche Musik und welche Künstler hast du dich schon als Teenager begeistert? Was sind deine musikalischen Einflüsse?
John: Ich komme aus einer musikalischen Familie. Meine Mutter spielte Klavier, mein Vater sang und spielte Gitarre, mein Bruder Gitarre. Ich bin das Jüngste in der Familie, ich habe zwei Brüder und eine Schwester. Alle brachten ständig neue Musik nach Hause, kauften Platten und legten sie auf. Das hat mich auf jeden Fall so geprägt, dass ich dieses ursprüngliche Gespür für eine große Vorliebe für Melodie geschärft habe. Dann sah ich im Fernsehen einen Auftritt von The Beatles und war begeistert von der Energie einer Rockband. Du weißt schon. Zwei Gitarren und das ganze… Meine Schwester schrie den Fernseher an, als wir die Show sahen. Dann verging noch etwas Zeit. Zwar mochte ich die Musik von The Beatles die ganze Zeit sehr, aber das Album, das mich mit fünfzehn Jahren wirklich gepackt hat, war das Album von The Who »Live at Leeds«. Dann sah ich mir Aufnahmen an und beobachtete, was Pete Townsend auf der Bühne macht (zeigt mit einer Geste der rechten Hand Townsends berühmten »Helikopter«, Anm.d.Red.) und wusste sofort, was ich wollte! Bald faszinierten mich auch Jeff Beck, Eric Clapton, Jimmy Page und natürlich Richie Blackmore mit ihrem Spiel. Vor allem britische Künstler haben mich beeinflusst. Und natürlich. Unter den Einflüssen darf ich Dave nicht auslassen.

RockLine: Obwohl du im Grunde Gitarrist bist, hat dich Meniketti in den Achtzigern gezielt zur Mitarbeit gerufen – ausschließlich wegen des Keyboardspiels.
John: Ja. Ich war gut genug, um einige Arrangements zu füllen, die Songs wie Summertime Girls und Temptation brauchten. Bei den Songs trat ich meistens auch als Background-Sänger auf, und offensichtlich reichten damals meine Keyboard-Kenntnisse für Dave völlig aus. Wenn jemand aus der Band krank war oder sich nicht gut fühlte, schlüpfte ich in seine Schuhe und spielte bei den Soundchecks Gitarre. Als Dave zu Beginn des neuen Jahrtausends Y&T wieder neu aufstellte, war ich überglücklich, als er mich auf den Platz des Gitarristen berief. Drei Originalmitglieder von Y&T und ich. Traumhaft. Steff Burns konnte der Band nicht beitreten und lehnte das Angebot ab. Er war zu beschäftigt mit Huey Lewis And the Band und mit Vasco Rossi. Auch Joey Alves lehnte Menikettis Angebot ab, da er sich nicht mehr in der Lage sah, bei den neu formierten Y&T mitzumachen. Er hatte genug vom Touren. Es war irgendwie ganz natürlich für mich. Schließlich kann ich beim Schreiben von neuem Material mitwirken, Gitarre und Klavier spielen, Background-Vocals übernehmen. Es war immer ein stiller Wunsch da, irgendwann einmal gemeinsam mit Dave spielen zu können.

RockLine: Heute Abend hier in München werden wir also keine Aufführung des kompletten Albums »Mean Streak« zu hören bekommen?
John: Ehrlich gesagt haben wir viel darüber diskutiert, ob wir das Jubiläum so angehen sollen, dass wir das komplette Album live spielen, oder nicht. Das haben wir mit »Earthshaker« und »Black Tiger« ausprobiert. Diesmal hat aber die Meinung überwogen, ein gemischtes Konzertrepertoire zusammenzustellen. Wir können keine drei Stunden auftreten, um alle Wünsche unserer Fans zu erfüllen. Da die Spielzeit begrenzt ist, müssten wir viele Lieblinge auf Kosten der Aufführung des kompletten »Mean Streak«-Albums weglassen. Daher spielen wir die bekanntesten Songs von diesem Album, drei oder vier, und wenn das Publikum laut und lang genug schreit, fügen wir zum Spaß noch einen hinzu. Als besondere Überraschung. Es kommt vor, dass wenn wir gerade zum Abschluss kommen, jemand aus dem Publikum ruft: »Hey Dave. Ich will den Song Lonely Side Of Town hören!« Nun, den spielen wir gerade nicht. Weil wir ihn eine Zeit lang in jedem Repertoire gespielt haben. Nein, den spielen wir diesmal leider nicht. Und wenn ich die Frage noch direkter beantworte: Nein. Wir werden das Jubiläum des Albums »Mean Streak« nicht so ausgiebig feiern, wie man das vielleicht liest und hört. Wir haben das Jubiläum aber stärker dem Design und Verkauf unserer aktuellen Konzert-Merchandise gewidmet. T-Shirts mit dem Album-Aufdruck und andere Sachen.

RcokLine: Vor zwei Jahren seid ihr in München in einem kleinen Club aufgetreten. Wir haben uns buchstäblich darin gequetscht. Erinnerst du dich noch daran?
John: Oh ja. Natürlich. Es war eng, aber energiegeladen. Wir haben es genossen, und es war auch höllisch heiß.

RockLine: Und noch zum Abschluss die Standardfrage: Was sind die kurzfristigen Pläne für Y&T?
John: Wie ich bereits vorhin sagte, werden wir Anfang nächsten Jahres einen unserer Auftritte in Japan für die Veröffentlichung einer Konzert-DVD aufnehmen. Es handelt sich um den ersten von drei aufeinanderfolgenden Auftritten im Kawasaki Club Citta’ in der Stadt Kanagawa. Der findet am 10.01.2014 statt, und am selben Venue folgen noch zwei weitere Konzerte zusammen mit Winger und Firehouse. Ich hoffe, dass diese Aufnahme schon im Laufe des nächsten Frühlings erhältlich sein wird. Wir planen eine erweiterte Veröffentlichung. Eine Art Jubiläums-Fanbox. Vielleicht folgt auch eine »Best of«-Kompilation – also eine Veröffentlichung, auf der wir unsere größten Hits zusammenstellen würden. Da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Soweit ich informiert bin, planen wir also auch nächstes Jahr hauptsächlich zu feiern. Was für uns vollkommen ausreichen wird.

RockLine: John. Herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch. Ich wünsche dir viel Spaß beim heutigen Konzert in München und eine erfolgreiche Fortsetzung der Tournee.
John: Danke auch euch beiden. Ich hoffe, ihr werdet das heutige Konzert genießen.

Text übersetzt und redigiert von: Aleš Podbrežnik
Fotos (Konzert Y&T): Aleš Podbrežnik
Fotos (Interview Y&T): Tanja Aljančič

Den vollständigen RockLine-Konzertbericht vom Y&T-Konzert am 08.10.2013 im deutschen München (Backstage) kannst du HIER nachlesen!

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