Peter Hook über Ian Curtis, Joy Division und warum New Order nicht mehr existieren (2013)

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Datum des Interviews: 03.03.2013

Am 22. 3. 2013 steht uns ein ganz besonderes Ereignis bevor – das Kino Šiška in Ljubljana wird das Joy-Division-Fest veranstalten (mehr zum Event hier), bei dem das legendäre Album Unknown Pleasures von Originalmitglied Peter Hook und seiner Band The Light gespielt wird. RockLine hatte die Ehre, mit dem herzlichen und redegewandten Peter Hook zu sprechen. 

RockLine: Hey! Zunächst möchte ich mich für diese einmalige Gelegenheit bedanken. Es ist eine Freude, einen so fantastischen Musiker in unseren Interviews begrüßen zu dürfen. Ich würde aber gerne mit einer etwas einfacheren Frage anfangen – wie geht’s dir? Was machst du so in diesen Tagen?

Peter Hook: Hey! Mir geht’s sehr gut, danke der Nachfrage. Ich genieße gerade die letzten freien Tage vor der Tour. Obwohl ich mich trotzdem nicht richtig entspannen kann – ich hab so viele Sachen, die ich noch erledigen muss! Argh!

RockLine: Was läuft bei dir gerade auf dem Player? Welche neueren Künstler würdest du unseren Lesern empfehlen?

Peter Hook: Ich höre gerade wirklich unterschiedliche Sachen – von Dance Music bis Rock! Mal schauen… ich freue mich riesig auf das neue David-Bowie-Album, ich kann’s nicht glauben, dass er noch ein Album rausbringt! Ich bin überzeugt, es wird großartig. Sehr gefreut hab ich mich auch, als ich gesehen hab, dass Iggy & The Stooges ebenfalls ein neues Album rausbringen – gestern hab ich ihren neuen Track gehört, der reißt einem die Beine weg! Offenbar sind The Stooges zu ihren »old-school«-Rock’n’Roll-Wurzeln zurückgekehrt. Ich höre auch öfter neuere Künstler, zum Beispiel die Band Nova Nova aus Frankreich, mit denen ich kürzlich zusammengearbeitet und Bass auf dem Track »Low Winds« gespielt hab, der bald rauskommt!

RockLine: Was hältst du von der heutigen Alternative-Rock-Szene und was von der Elektronik-Szene (vor allem von dieser »entarteten« Elektronik, wie zum Beispiel die Musik von Guetta usw.)? Hörst du neue Underground-Elektronik (gerade weil du ja auf beiden Gebieten als Pionier giltst – Hacienda, Madchester-Szene…)?

Peter Hook: Naja, ich finde es ein bisschen unfair, Guetta als entartet hinzustellen – er ist sehr gut in dem, was er macht, und weiß genau, wie er sein Publikum begeistert. Ich selbst höre ständig neue Elektronik – die Leute geben mir dauernd ihre Demo-CDs, wenn ich bei Konzerten spiele oder wenn ich als DJ auflege. Ich höre mir all diese CDs an, es ist wirklich interessant, all diese neuen Sachen zu hören. Für alles, was uns gefällt, haben wir auch Hacienda Records gegründet und stellen diese Demos auch auf unsere Seite. Da findet sich echt viel cooles Zeug, wie zum Beispiel Super White Assasin oder Humanizer, und wir haben auch Musik von Künstlern, die auf Factory waren, wie zum Beispiel Section 25. Webseite: www.fac51thehacienda.com

RockLine: Wie kommentierst du die gesamte Post-Punk-Revival-Szene, Bands wie Interpol und Editors, angesichts dessen, wie populär die Szene im neuen Jahrtausend geworden ist?

Peter Hook: Naja, alle sagen mir immer, dass Bands wie Editors und Interpol ähnlich klingen wie Joy Division – und das sagen sie mit einem Ton, als ob ich die Bands deshalb nicht mögen würde… aber eigentlich steh ich auf beide richtig. Ich verstehe die Vergleiche mit Joy Division, aber meiner Meinung nach haben beide trotzdem ihren ganz eigenen Stil. Interpol mag ich besonders, Paul Banks ist ein fantastischer Songwriter – sein neues Soloalbum gefällt mir ausgesprochen gut. Ich steh eigentlich auf all diese Bands aus dem Genre – Interpol, Editors, White Lies usw… und alle sind live großartig.

RockLine: Wenn wir zu den kontroversen Themen übergehen – wie stehst du mit den New-Order-Mitgliedern, vor allem mit Sumner und Morris? Was ist eigentlich schiefgelaufen? Wie siehst du diese letzte Tournee der Band? Und was würde Ian Curtis dazu sagen?

Peter Hook: Leider haben wir keinerlei Beziehung mehr, weder persönlich noch professionell. Wir stecken mitten in einem wirklich langen und frustrierenden Rechtsstreit, der einfach nicht vorankommt… ich bin vehement gegen den geschäftlichen Aspekt dieser sogenannten »Reunion«, dagegen kämpfe ich auch an. Sie sagen zwar, ich wolle sie aufhalten, ich wolle nicht, dass sie spielen, aber das stimmt nicht – ich bemühe mich seit 30 Jahren darum, dass sie spielen! Ich suche nur nach legalen Mitteln  gegen ihre geschäftlichen Entscheidungen. Meine Meinung ist nämlich, dass diese letzte Tournee keine New-Order-Tournee ist, auch wenn sie sich so nennen. Alles, was sie tun, ist durch die Welt zu touren und Festivals zu suchen, die am meisten für die ewig gleiche »Greatest Hits«-Show zahlen… was Ian betrifft, der würde sagen, wir sind alle nur lächerliche, bescheuerte alte Männer!

RockLine: Was hältst du von Lost Sirens, der letzten New-Order-Veröffentlichung? Gerade weil die Songs noch vor dem Zerfall aufgenommen wurden… warst du irgendwie in den Veröffentlichungsprozess eingebunden? Das ist wahrscheinlich auch Teil deiner Rechtsstreitigkeiten. Wolltest du, dass die Songs veröffentlicht werden? Ist das Album jetzt irgendwie anders als damals, kommt es dir irgendwie erzwungen vor?

Peter Hook: Stimmt, Lost Sirens ist endlich draußen – ich muss zugeben, ich hab echt aufgeatmet! Ich freue mich, dass die Leute es jetzt endlich hören können. Die Songs wurden 2005 aufgenommen, zur gleichen Zeit wie Waiting for the Sirens‘ Call – das sind im Grunde die Songs, die es nicht auf letzteres Album geschafft haben, also wollten wir sie auf das nächste Album packen – das ist also buchstäblich alles, was vom echten New Order noch übrig ist! Irgendwie traurig, da es auch mein Ende mit der Gruppe markiert. Für mich ist das trotzdem die letzte New-Order-Veröffentlichung, die anderen können ruhig weiter als New Order auftreten, aber sie sind es nicht und werden es auch nie sein, und wenn sie in Zukunft noch was veröffentlichen, wird das auch kein New Order sein! Ich wollte immer, dass diese Songs rauskommen, obwohl manche sagen, ich sei dagegen gewesen. Das stimmt nicht! Für die so späte Veröffentlichung ist das Label verantwortlich. Meni ist das Album sehr gut – es hat einige großartige Songs, vor allem der erste Track – »I’ll Stays with You«. Es macht Spaß, es zu hören, denn es erinnert mich an die guten alten Zeiten, als wir bei New Order noch nicht gestritten haben.

RockLine: Als ich vorhin Ian Curtis erwähnt habe – mich hat immer interessiert, welche echte Rolle er bei Joy Division gespielt hat. War er nur Texter oder hat er auch wirklich zum Songwriting beigetragen? Wie lief der kreative Prozess bei Joy Division ab und wer hat am meisten beigetragen?

Peter Hook: Ian war wirklich der Boss der Band. Er hat dafür gesorgt, dass wir alle immer bereit waren, er war derjenige, der uns in den schlimmsten Zeiten zusammengehalten hat. Er war natürlich ein unglaublicher Texter – wie groß seine Poesie wirklich ist, hab ich erst jetzt so richtig begriffen, da ich seine Songs auf dieser Tour singe. Aber Ian war nicht nur Texter, er war auch eine Art Komponist – er hörte mir, Steve und Barney beim Jammen zu, und wenn er dachte, der Moment ist richtig, sagte er »macht damit weiter« oder »spielt das nochmal«, und so entstanden auch die Songs. Es wäre aber unfair zu sagen, dass einer mehr getan hat als der andere – wir alle mussten schuften, um Joy Division dahin zu bringen, wo die Band heute steht.

RockLine: Wolltest du nach Ians Tod mit der Band weitermachen? Hattest du vielleicht gerade du diesen geheimen Wunsch (der sich jetzt in Peter Hook & The Light manifestiert hat)?

Peter Hook: Als Ian gestorben ist, waren wir alle noch extrem jung und naiv. Wir wussten nicht wirklich, wie wir mit seinem Tod umgehen sollten. Das Natürlichste für uns war, als Joy Division ohne Ian weiterzumachen. Und das haben wir auch getan – nur mit neuen Ideen und einem neuen Namen. New Order war geboren.

RockLine: In deinem neuen Buch deutest du an, dass die Probleme zwischen euch schon in der Joy-Division-Zeit begannen, also Ende der 70er, vor allem zwischen dir und Sumner. Spielen diese Probleme eine Rolle in euren aktuellen Streitigkeiten?

Peter Hook: Naja, Barney Sumner war bis vor Kurzem mein ältester Freund. Wir haben uns in der Schule kennengelernt, wir waren ungefähr 11 Jahre alt! Es war offensichtlich, dass da eine besondere Verbindung zwischen uns war, aber wie jede Freundschaft hatte auch unsere Höhen und Tiefen, gute und schlechte Momente. Manchmal war er einfach klasse, dann wieder wahnsinnig schwierig. Das ist wahrscheinlich so ähnlich wie eine Ehe, in der keine Liebe mehr ist. So haben Barney und ich uns irgendwie voneinander entfremdet, bis wir zu weit gegangen sind. Jetzt scheint alles zwischen uns vorbei zu sein. Es tut mir natürlich sehr leid, denn wir haben viel zusammen erlebt, aber das ist das Leben.

RockLine: Diese ganzen kleinen, interessanten Details rund um Joy Division sind immer faszinierend. Ist diese Szene aus dem Film 24 Hour Party People, wo ihr Stephen auf dem Dach trommeln lasst, echt? Wie hat dir der Film insgesamt gefallen? Und Control?

Peter Hook: Haha, ja, die Szene mit Stephen, der auf dem Dach des Studios trommelt, stimmt absolut – man könnte sagen, das ist eben Teil der ganz besonderen Aufnahmetechniken von Martin Hannett! Ansonsten hat mir der Film sehr gut gefallen, es ist ein wirklich guter Film, sehr witzig. Er bietet einen sehr lockeren Blick auf Factory Records. Control ist ein völlig anderer Film, sehr ernst, er fokussiert sich natürlich auf das Privatleben von Ian Curtis. Ich finde, Anton Corbijn hat fantastische Arbeit geleistet, was mich nicht überrascht, denn er war immer dabei und kannte uns noch aus den Joy-Division-Zeiten.

RockLine: Peter Hook & The Light. Warum, wann und wo?

Peter Hook: Naja, die ganze Sache begann im Mai 2010 – in Ians Heimatstadt Macclesfield sollte ein Konzert zu seinen Ehren stattfinden – am Ende ist das Ganze ins Wasser gefallen. 2010 war ein besonderes Jahr, denn es war 30 Jahre nach Ians Tod. Am Ende hab ich alles selbst in die Hand genommen, eine Band zusammengestellt und ein Konzert zu Ians Ehren in meinem Club The Factory in Manchester veranstaltet. Es war sehr schnell ausverkauft, also haben wir einen weiteren Konzertabend hinzugefügt… und von da an werden wir überall auf der Welt eingeladen – ich kann’s nicht glauben, wo ich überall war – Mexiko, Brasilien, Russland, überall! Und jetzt kommen wir nach Slowenien!

RockLine: Es gibt eine kanadische Post-Punk/Post-Rock-Band namens Sofa, die in den 90ern auf Constellation Records aktiv war (Godspeed You! Black Emperor usw.). Sie haben bei einigen »tribute to Joy Division«-Konzerten in Amerika zu verschiedenen Joy-Division-Jahrestagen gespielt – diese Konzerte wurden von amerikanischen Labels und Ähnlichem organisiert, es handelte sich um offizielle »tribute to Joy Division«-Shows. Der Sänger der Band heißt Brad Todd und seine Stimme ähnelt der von Ian unglaublich. Im Internet gibt es kaum Informationen dazu. Weißt du vielleicht etwas über die Band oder die Veranstaltungen? (das ist einer ihrer Songs: http://www.youtube.com/watch?v=70lafnadvlc)

Peter Hook: Naja, das klingt sehr interessant! Nein, ich habe weder von der Band noch von diesen Veranstaltungen gehört. Es ist aber wirklich schön, dass sich Leute organisieren und die Musik am Leben halten – das ist eine schöne Art, das Andenken an Joy Division zu bewahren, und vor allem bietet es den Fans der Band eine tolle Gelegenheit, ihre Songs live zu hören. Ich werde mal ein bisschen im Internet darüber nachschauen… vielleicht kann Brad das nächste Mal, wenn wir in Kanada sind, mit uns singen!

RockLine: Gibt es in näherer Zukunft etwas Neues von dir?

Peter Hook: Ja, ich hab eine Menge vorbereitet – Touren mit The Light, dann die Planung einer neuen Tour, bei der wir die ersten beiden New-Order-Alben spielen werden – darauf freue ich mich wirklich riesig. Ich bereite mich auch auf das Schreiben meines dritten Buchs vor, das über New Order handeln wird. Außerdem werde ich mit verschiedenen Künstlern zusammenarbeiten, wie zum Beispiel dem bereits erwähnten Nova Nova. Natürlich würde ich auch eines Tages gerne völlig neue Musik mit The Light machen – wir haben schon ein paar Demos, was eine großartige Grundlage zum Weitermachen ist.

RockLine: Wenden wir uns mal diesem neuen Buch über New Order zu – wird es etwas würziger, etwas kontroverser? Ich würde sagen, es könnte sein. Kannst du etwas dazu verraten?

Peter Hook: Ja, es wird definitiv das sein, was du gesagt hast – denn die Joy-Division-Geschichte ist die gute, schöne, wo es nur um die Musik ging, typische Rock-Klischees wie Drogen und Mädchen haben da nichts verdorben – aber genau das hat New Order verdorben! Haha… es wird eine sehr andere Geschichte sein als beim Joy-Division-Buch.

RockLine: Kennst du vielleicht Slowenien? Kennst du vielleicht die Band Otroci Socializma, die oft als »slowenisches Joy Division« bezeichnet wurde?

Peter Hook: Naja, das ist eigentlich merkwürdig, ich hab in Slowenien noch nie gespielt, also weiß ich nicht viel darüber! Wir haben dreimal in der Slowakei mit The Light gespielt, aber in Slowenien noch nicht! Ich freue mich aber schon riesig auf Ljubljana. Die Band kenne ich zwar nicht, aber ich werde sie auf jeden Fall googeln.

RockLine: Hast du noch (berühmte) letzte Worte für uns?

Peter Hook: Einfach weiter so! Und danke.

RockLine: Danke dir.

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