Dandelion Children – die produktivste slowenische Rockband (2012)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Nove Jarše / Slowenien
Interviewdatum: 30.04.2012
Dandelion Children gelten als die produktivste slowenische Rockband. Eine solche Produktivität lässt sich nur noch mit dem goldenen Zeitalter des Rocks messen, als Rock ’n‘ Roll jung war, der Glaube daran makellos und die Konzerne noch nicht geldgierig auf der Szene herumgesaut hatten. Das war die Ära der frühen Siebziger, als Bands zwei Alben pro Jahr aufnahmen – Frank Zappa sogar mehr als zwei. Und was für welche: Alben, die als wegweisende Vorläufer Rockgeschichte schreiben konnten und noch heute die Vinyl-Sammlung eurer seelenfürsorglichen Mamis und Papas zieren.
Und Dandelion Children sind genau so. Echt, sie gehen die Sache herzlich und mit viel Liebe an – zugleich kämpferisch, leidenschaftlich und ohne einen Hauch von Angst. Kaum fällt das erste Wort über das gerade erschienene Album, sind sie gedanklich schon zwei Alben weiter. Und die Wahrheit ist nah dran. Dabei sind beide schon fast fertig.
RockLine: Die Zeit ist ein gnadenloser Vollstrecker. Vor zwei Jahren haben wir ein Interview gemacht, jetzt zähle ich kaum noch eure Alben – wenn ich mich nicht irre, sind es fünf, und beim neuen ist die Neuerung, dass ihr das Material nicht mehr selbst produziert.
Jure: Eigentlich hat uns Damjan Lebeničnik geholfen.
Anže: Bei Damjan haben wir Schlagzeug aufgenommen, als er sein Studio noch nicht fertig aufgebaut hatte. Damals haben wir für das Album »Stole My Bike« auf geliehenen Drums eingespielt, danach haben Jure und ich alles andere zu Hause selbst fertiggemacht. Damals lernte Damjan selbst noch Aufnahmetechniken. Deswegen ist der Sound auch noch nicht so ausgefeilt. Für das neue Album haben wir zum ersten Mal in einem richtigen Studio gearbeitet, und deshalb ist alles so aufgenommen, wie es sich gehört. »Dandeloid« kannst du als Demo-Album zählen, als altes Demo-Material, sodass eigentlich erst »Dandelion Children so pičke« (RockLine-Rezension HIER, Anm. d. Red.) unser erstes Album ist, das vollständig in einem richtigen Studio aufgenommen wurde.
RockLine: Direkter, ungeschliffener, nicht poliert, echter fetter Garagensound,… Das alles bleibt weiterhin das Leitmotiv von Dandelion Children.
Jure: Pass auf, schau mal, wie das neue Album wird, das wir bei Peter Dekleva aufnehmen. Dann kannst du beurteilen, was uns gerade passt und was nicht.
Anže: Ja, es zeichnet sich eine völlig neue und verrückte Geschichte für uns ab.
RockLine: Das Album »Dandelion Children so pičke« gibt einen Einblick in eine Band, die noch besser spielt, noch kohärenter wirkt, und gleichzeitig spürt man, dass ihr mehr als je zuvor auf die Arrangements geachtet habt – umgangssprachlich gesagt auf »Kopf und Schwanz der Songs«. Das Album ist sehr vielseitig, zeigt mehrere Gesichter derselben Geschichte und baut die früheren Werke auf souveräne Weise weiter aus.
Jure: Also ich selbst empfinde das gar nicht so. Das Material ist alt. Es ist vor drei Jahren entstanden. Was das Arrangieren angeht, ist das für uns nichts Neues, keine Neuigkeit. Wir wollten das Element eines Dandelion Children-Konzerts ins Studio übertragen. Aber es stimmt, dass es bei der Aufnahme dieses Albums zum ersten Mal bei uns der Fall war, dass wir es nirgendwohin eilig hatten. Diesmal bot sich dafür zum ersten Mal die richtige Gelegenheit.
Anže: Ja, genau so. Als wir am Album »Stole My Bike« arbeiteten, hatten wir einen sehr leistungsschwachen Rechner. Deshalb mussten wir das Schlagzeug »blind« aufnehmen. Jeden Song einzeln.
Jure: Ach, damals wussten wir unter anderem auch nicht, dass es gut ist, wenn man dieselbe Gitarre zweimal aufnimmt und so weiter. Diesmal aber hatten wir Zeit. Deshalb konnten wir rumprobieren. Im positiven Sinne. Du testest mehrere Ideen im selben Song, verschiedene Rhythmen, verschiedene Vibrations-Drehungen.
RockLine: Wollt ihr damit sagen, dass Dandelion Children sich gerade an einem Wendepunkt in ihrer musikalischen und klanglichen Ausrichtung befinden?
Anže: Das stimmt eigentlich.
Jure: Vor zwei Wochen bin ich wieder zu Damjan gegangen. Wir haben noch ein Album mit Demo-Aufnahmen eingespielt. Innerhalb einer Woche hatten wir das Schlagzeug aufgenommen, die nächste Woche wurden schon die Bässe eingespielt. Die Grundlage ist pure Akustik, danach bauen wir darauf auf. Die neue Platte wird für uns eine neue Dimension sein.
Anže: Ja. Es ist ein völlig neuer Ansatz. Ich nehme Gitarren und Bässe auf, ohne die Songs überhaupt zu kennen. Und das Material entsteht und entsteht. Ich habe schon ein bisschen Angst davor, was passiert, wenn es so weit kommt, dass wir zwei Alben auf einmal veröffentlichen müssen. Wie wir das angehen werden…
RockLine: Das ist eine Sache eurer internen Politik und Selbstorganisation.
Anže: Und die Leute schauen dich komisch an, wenn du vor zwei Monaten ein Album rausbringst und dann drei Monate später schon von zwei neuen redest – na ja… wird schon werden.
RockLine: Wie seid ihr mit Peter Dekleva in Kontakt gekommen? Er ist ein besonderer Musiker – ich würde sagen, ein richtiger »Außerirdischer« auf der Szene.
Anže: Eigentlich haben wir uns bei einem Konzert kennengelernt, alle waren schon fröhlich angetrunken. Wir hatten Geld von ŠOU Rocka für die Aufnahme einer Single und eines Videoclips bekommen. Wir waren laut und sagten: »Wir wissen nicht, was wir tun sollen! Wir kennen kein »Studiochen«,…« Dann fiel irgendwoher der Vorschlag: »Dekleva hat ein Studio. Warum fragt ihr nicht ihn?« Okay, die Idee habe ich im Kopf behalten. Dann traf ich mich mit Damjan auf einem Konzert, bei dem Adam spielten. Natürlich ging es auch diesmal nicht ohne ein paar Krüge Hopfensaft, und ich bin zu Peter gegangen – er war interessiert. Wir waren sehr zufrieden damit, wie er diesen Song für uns aufgenommen hat, und deshalb haben wir ihn gefragt, ob er sich auch als Produzent des nächsten Studioalbums engagieren würde. Und Peter hat nicht »nein« gesagt, deshalb ist jetzt das Album, das bei ihm entsteht, eine völlig neue Geschichte. Es wird viel mit dem Sound experimentiert, gefeilt,… Ich kann sagen, es ist wahnsinnig. Eine Tonne Equipment findest du in diesem Studio…
Jure: Ich habe das Gefühl, dass wir bei Dekleva alle Genres abgedeckt haben. Von den Bee Gees bis zum Delta-Blues.
RockLine: Ihr habt es auch auf das Exit Festival in Novi Sad geschafft, was eine außergewöhnliche Leistung ist.
Jure: Es waren 200 angemeldete Bands. Und das nicht irgendwelche Untergrund-»alter-drot«-Bands. Bekannte Namen. Wir kamen in die engere Auswahl von fünfzehn Bands.
Anže: Und wir haben unserem Peter (Manager Peter Djokić, Anm. d. Red.) gesagt, dass wir genug von Anmeldungen bei irgendwelchen Wettbewerben haben – eigentlich wussten wir gar nicht genau, worauf der Typ hinauswollte, weshalb wir das alles anfangs gar nicht ernst genommen haben.
Jure: Endlich ein Auftritt vor einer Menge, endlich ein richtig großes Gig!
Anže: Wir haben Peter beauftragt, allen Leuten, die zu unserem Konzert gekommen sind, eine Schachtel CDs zu verteilen. Bestätigt haben wir auch den Auftritt bei Rock Otočec. Endlich haben wir Arbeit übers Sommer.
RockLine: Vollbeschäftigung zur richtigen Zeit.
Jure: Vor ein paar Tagen haben wir ein neues Musikvideo bekommen, das auf dem neuen Album sein wird.
Anže Den Song spielen wir schon eine Weile live, aber er wurde noch nicht aufgenommen und ist noch nicht offiziell veröffentlicht.
Jure: Zuerst gab es Smitten – das ist eher ein Pop-Song, jetzt haben wir noch einen Clip für Never Handled. Der Song wird auch auf dem Album sein, das wir mit Peter Dekleva aufnehmen.
RockLine: »Ne Maki ga«??? Sagt bloß nicht, dass sich dieser Song auf Maki, den ehemaligen Sänger von The Drinkers, bezieht?
Jure: Er bezieht sich genau auf ihn. Unsere echte Inspiration haben wir in ihm gefunden.
Anže: Dieser Song ist so phänomenal bescheuert, und er kam vorbei und hat noch einen draufgesetzt.
Jure: Dieser Song ist schon auf der vorherigen Platte und in der Live-Version. »The Church theme«, das war von Anfang an geplant, aber später haben wir diesen Einschub vergessen. Schon für die Live-Version dieser Chorgesang – und jetzt ist uns im Studio etwas Ähnliches passiert. Die Vocals haben wir in letzter Sekunde hinzugefügt.
RockLine: Natürlich habt ihr Maki nicht vergessen, dem ihr im Albumheftchen einen besonderen Dank ausgesprochen habt…
Anže: Und auch für den Albumnamen und das Albumcover selbst haben wir uns bedankt.
RockLine: Lasst uns auch dieses Thema angehen. Obwohl die offizielle PR die Hintergründe bereits veröffentlicht hat – trotzdem. Jemand hat sich eines Tages mit einem Kugelschreiber an den Wänden des Clubs Lokalpatriot in Novo Mesto ausgetobt…
Anže: Das ist das kleine Slowenien: Wenn man im winzigen »Backstage« irgendeines noch so kleinen Clubs nicht klein genug schreibt, damit es sich im weiten Umkreis nicht herumspricht… Diese Schmiererei an der Wand hat als erster Peter Dekleva bemerkt…
Jure: Wir haben zu lange gewartet, denn dann tauchte Mark auf…
Anže. Ja. Mark tauchte auf, strich »so pičke« durch und schrieb »rules« dazu, sodass dann »Dandelion Children rules« dastand – wir hatten danach ziemlich viel Arbeit damit, diesen Mark in Photoshop zu entfernen und zur Authentizität des Originals zurückzufinden, das zum Titel unseres Albums wurde. Hätten wir Marks Version verwendet, wäre das sicher kein guter Titel mehr gewesen.
RockLine: Gute Provokation, gute Werbung…
Anže: Und weißt du, dass der Typ, der das geschrieben hat, sich noch nicht einmal bei uns gemeldet hat. Es ist wirklich lustig, dass er sich vor dem Honorar drückt, das wir ihm für diese »cover art« versprechen.
RockLine: Ich nehme an, dass ihr Dandelion Children-Alben alle im ersten Anlauf aufnehmt.
Anže: Ja. Bislang war es in der Regel so.
Jure: Auch der Großteil des Albums »Dandelion Children so pičke«. Auch bei diesem Album haben wir in der Regel alle Basisgitarren behalten, später haben wir nur den ein oder anderen Übergangspart der Songs korrigiert.
Anže: Wir haben auch Patzer in den Aufnahmen gelassen – ich selbst weiß nicht einmal warum, wahrscheinlich damit wir so authentisch wie möglich klingen.
RockLine: Das alles muss so sein. Das ist elementar. Immer mehr Bands erkennen die Bedeutung dieses Prinzips. Auch größere Bands kehren zu den Grundlagen der Aufnahmetechniken im Studio zurück.
Anže: Aber dann will dich niemand im Radio spielen, obwohl wir bei Študent das viertmeistgespielte Album haben.
RockLine Bei Študent?
Jure: Ja.
Anže: Na, endlich sind wir auch denen recht geworden.
RockLine: Angeblich hat euch Dallas Records umworben?
Anže: Aber wir haben das Angebot abgelehnt. Zunächst ist es ein gutes Gefühl, wenn du den Anruf von Dallas bekommst. Dann schicken sie dir den Vertrag, du nimmst ihn in die Hand, liest ihn sorgfältig durch, das dauert bei uns ein paar Tage, ha, ha, ha,… informierst dich über alles und wägst ab. Du wägst nämlich ab, dass der Vertrag für die Band nicht okay ist. Also läuft das alles ins Leere. Aber es war ein gutes Gefühl. Zumindest das. Ein Gefühl, das dir bestätigt, dass du endlich etwas gemacht hast.
RockLine: Die Zukunft ist nun mal so, dass alle Bands ihre eigenen kleinen Firmen, kleinen Unternehmen werden. Für euch ist es umso wichtiger, alle Fäden in euren eigenen Händen zu halten.
Anže: Wir haben das Glück, dass wir von ein paar wirklich guten Freunden umgeben sind, die uns bei allem helfen. Angefangen bei PR-Werbung über Fotografie, Videoclip-Aufnahmen bis hin zu Studioaufnahmen. Wir sind so eine kühne Crew – man könnte sagen eine glückliche Familie. Und wir nutzen all diese Freunde ordentlich aus, ha, ha, ha,…
RockLine: Und jetzt sagt ihr, dass ihr schon das zweite Album fertigstellt, das zweite nach »Dandelion Children so pičke«,.. Mir kommt es immer noch so vor, dass ich kaum mit euch beiden mitkomme….
Jure: Noch zwei Songs, dann macht Katja die Drums, und das war’s. Das Album mit Peter Dekleva erwarten wir wirklich sehr ungeduldig. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was dabei entstanden ist. Auf dieses unser Werk bin ich wirklich stolz. Denn Peter Dekleva ist die ganze Sache wirklich mit viel Liebe angegangen. Er hat uns und unsere Musik so behandelt, als wäre sie seine eigene. Er hat in uns Künstler gespürt, künstlerische Seelen, und uns die Tür geöffnet, damit sich unser Artistentum entfalten kann.
RockLine: Ich erkläre und verkünde hiermit offiziell, dass Dandelion Children die produktivste slowenische Band sind.
Anže: Am einfachsten ist es, im Trio zu arbeiten. Bei Jure überschlagen sich die Ideen, immer neue Songs, neue Ideen…
Jure: Zu dritt sind wir sofort bei allem einig. Wann werden die Leute endlich kapieren, dass wir Dandelion Children alles ausprobieren? Das werden sie auf der neuen Platte verstehen müssen, wenn sie sie hören.
RockLine: Wie viel hat Dekleva nachträglich tatsächlich an eurem Material »herumgespielt«?
Jure: Ich habe die bloßen akustischen Gerüste der Songs vorbereitet, dann haben wir gewartet, bis Katja die Drums spielt, danach kam die Bassgitarre, dann die Gitarre, wobei Peter dazu beitrug, ein paar Kleinigkeiten zu ändern.
Anže: Was Peter betrifft, hat er ein paar Becken eingespielt und Begleitvokale gesungen.
Jure: Es wird aber auch einige Gäste geben – zum Beispiel der Bassist von Livija spielt Pedal Steels, Severa Gjurin singt auf einem Song die Vocals, Zdava spielt Tablas, Rajko Bajt steuert auf etwa drei Songs Hintergrundvokale bei.
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